Kommentar zum Altpapier vom 2. Januar, Teil 2

Kennt jemand die sehr gelungene Serie Newsroom? Ich bin damit ziemlich spät dran und habe gerade erst die erste Staffel gesehen, und da gibt es eine Folge, in der die Protagonisten darüber diskutieren, ob sie über den Prozess gegen Casey Anthony und den Sexting-Skandal um Anthony Weiner berichten sollen. Sie halten es zwar nicht für Nachrichten und außerdem für geschmacklosen Seifenopernmist – völlig zu Recht, natürlich -, haben aber andererseits das Problem, das ihnen die Hälfte ihrer Zuschauer abhanden gekommen sind, seit der Prozess läuft und sie ihn ignorieren.

Das passt zeitlich zufällig gut zum zweiten Teil dieses Altpapierkommentars, in dem es um dieses Zitat aus Tobias Gillens Blog geht:

Ich ärgere mich über ein solches Verhalten. Es ist scheinheilig, weil es dabei rein umKlickgeilheit geht. Würde Schumacher keinen interessieren, würde es keine Liveticker, Eilmeldungen und zig überarbeitete Artikel zu ein und demselben Thema geben. Selbiges gilt für etliche Bilder-Strecken, die mit Nicht-Informationen und Archiv-Bildern vollgestopft wurden.

Und dazu habe ich schon wieder eine zur derzeitigen Tendenz passende nachdrückliche Sowohl-als-auch-aber-so-jedenfalls-nicht-ganz-Ansicht, die ich euch nicht vorenthalten will.

Würde Schumacher keinen interessieren, würde es keine Liveticker, Eilmeldungen und zig überarbeitete Artikel zu ein und demselben Thema geben.

Das ist natürlich der Satz, an dem mein Widerstand sich aufhängt. Weil ich nicht ganz einsehe, warum man Journalisten dafür kritisieren soll, dass sie berichten, was ihre Kunden interessiert. Das ist ihre Aufgabe. Wenn niemand Brötchen mögen würde, würden Bäcker keine backen, und wir alle wissen schließlich, dass Bäcker und Journalisten im Grunde den gleichen … Naja, also, ich habe jedenfalls prinzipiell kein Problem damit, wenn jemand die Interessen seiner Kunden zu bedienen versucht, denn anders geht es ja nicht.

Das gilt natürlich (Ich bedaure, das betonen zu müssen, bin aber fest davon überzeugt.) unabhängig davon, ob ich diese Interessen angenehm oder auch nur verständlich finde. Ich persönlich finde die Berichterstattung über und Reaktion auf Michael Schumachers Unfall und Gesundheitszustand sehr fürchterlich und geschmacklos. Die Einzelheiten interessieren mich nicht nur nicht, ich will sie aktiv nicht wissen.

Nun kann man natürlich sagen, dass Journalisten dieses Interesse andererseits durch ihre Berichterstattung schüren und fördern und in die falsche Richtung lenken, und durch bessere Berichterstattung zu einer Gesellschaft beitragen könnten.

Und da ist was dran. Aber dafür muss jemand ihre Berichterstattung wahrnehmen, und das wiederum funktioniert nur, wenn diese Berichterstattung sich an den Interessen der Kunden orientiert statt an dem, was ich oder ihr oder die jeweilige Journalistin für interessant hält. (Und mal ehrlich, ist so vieles, was im Feuilleton der Zeit steht, objektiv gesehen berichtenswerter und interessanter als Michael Schumachers Rekonvaleszenz? Ich glaube kaum. Das ist jetzt kein TeaParty-Wir-hassen-Akademiker-und-ihre-Scheiß-Bildung-Genöle, sondern nur der Hinweis, dass so ein Konzept wie „objektiv berichtenswert und interessant“ schon ein sehr wackeliges, wenn nicht sogar komplett sinnloses Konstrukt ist.)

Und bei der Gelegenheit, kurzer Exkurs: Ist das nur meine Filterbubble, oder gibt es jeden Tag ein Dutzend „Lieber Journalismus, wir müssen reden“-Artikel, aber fast nie mal einen „Liebe Leser/Zuschauer/Zuhörer, wir müssen reden“-Artikel? Man wird doch wohl noch sagen dürfen (Hei, es tut weh, diesen Halbsatz zu schreiben, sogar im Scherz. So weh. Au. Aber was tut man nicht alles für den Kampf um die Wahrheit und das Gute und Schöne in der Welt?), dass die Verantwortung zumindest nicht nur bei den Redakteuren und Managern und Fotografen und freien Mitarbeitern von Bild, FAZ, Welt, BlitzIllu (Gibt es die? Ich traue mich nicht zu googlen.), Bunte und Kölner Stadtanzeiger liegt. Die liegt doch auch zu einem erheblichen Teil (Ich würde sagen: Zum bei Weitem größten.) bei den Menschen, die ihnen ihr Geld und ihre Aufmerksamkeit geben und von ihnen fordern, dass sie einen Liveticker über Anthony Weiners Penis oder Michael Schumachers Skiunfall einrichten: Es wäre rhetorisch vielleicht geschickt, zu sagen, dass „wir“ das sind, aber schreibe ich nicht, weil ich das nicht bin, soweit ich es vermeiden kann, und zum Glück ohne Heuchelei behaupten kann, dass das wirklich nicht meine Nachfrage ist, diese diese Maschinerie antreibt. Exkurs Ende

Aber bei aller moralischen Selbstüberhöhung -gönnt sie mir, ich habe sonst so selten Gelegenheit dazu- denke ich auch, dass die Berichterstattung nicht mal besonders viel Schaden anrichtet. Was die Journalisten noch mal ein bisschen mehr aus der Verantwortung nimmt. Denn dass Anthony Weiners Penis das Ende seiner politischen Karriere herbeigeführt hat (Hat er doch, oder? Ich traue mich nicht zu googlen.), ist ja nicht die Schuld der Journalisten, sondern die Schuld der Wähler und der ganzen bekloppten Gesellschaft, die meint, dass zwar jemand ein toller Präsident sein kann, der routinemäßig seine Wähler belügt, dass aber jemand als Politiker ungeeignet ist, der Interesse an Sex mit anderen Menschen als seiner Ehefrau hat. Ja gut, ein bisschen polemisch formuliert so, aber ich finds fair. Nicht die Verfügbarkeit von Informationen führt zum Schaden, sondern erst unser Umgang mit ihnen, und da schließe ich mich jetzt meinetwegen doch mal mit ein, weil wir darin alle noch viel viel besser werden müssen.

Was ich damit sagen will: Wir überschätzen Journalisten, und sie überschätzen sich selbst, wenn wir glauben, wenn sie glauben, dass sie Schuld daran sind, dass viele Menschen lesen wollen, wie Michael Schumachers Knochen heilen, oder wie der Strafprozess gegen Casey Anthony abgelaufen ist, und (was ja das eigentliche Problem ist) sich darüber Vorurteile bilden und sich an fremdem Leid und eigenem Hass aufgeilen. Das ist ein Problem, an dem wir alle arbeiten müssen, denn wir sind alle Mitglieder dieser Gesellschaft. Wir sind alle irgendjemandes Lehrer, Vater, Mutter, Bruder, Freund, Ärztin, und wir können alle daran arbeiten, dass wir anders miteinander umgehen, und mit den Informationen, die uns so reichlich zur Verfügung stehen und mit denen wir doch so beklagenswert wenig anfangen können.

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8 Responses to Kommentar zum Altpapier vom 2. Januar, Teil 2

  1. Onkel Maike sagt:

    Hallo,
    ich habe Newsroom gesehen, finde es handwerklich hervorragend und die Geschichten spannend. Allerdings finde ich die politische Botschaft, „Ach, zum Glück gibt es so viele Gutmenschen in den Medien“, die ich darin auch sehe, gruselig (und kitschig).

    Ansonsten gehöre ich zu den von Dir kritisierten „Journalisten-wir müssen reden“ – Leuten. Habe gerade zum Thema Schumacher genau das geschrieben (es ist eher „Journalisten, wir müssen Euch deswegen unflätig beschimpfen“ geworden).

    Ich finde den Punkt gut erkannt und wichtig. (Zum Beispiel finde ich, muss seitens der Linken auch nicht immer nur über die grausamen bösen Ämter und Hartz IV geschimpft werden, ich finde die davon Betroffenen müssen auch politisch aktiv werden).

    Lob für die originelle Formulierung „Ich will das aktiv nicht wissen“ – lustig!

  2. Muriel sagt:

    @Onkel Maike: Danke für deinen Kommentar, und ja, Newsroom ist manchmal arg gruselig und kitschig, aber im Großen und Ganzen sehe ich es sehr gerne.
    Deinen Wirmüssenredenartikel muss ich erst noch lesen, und danach kann ich dir dann sagen, ob du zu den von mir kritisierten Leuten gehörst.

    Lob für die originelle Formulierung “Ich will das aktiv nicht wissen” – lustig!

    Danke. Mich frustriert oft ein bisschen, dass unsere gängigen Formulierungen da nicht die nötige Trennschärfe hergeben zwischen „Ich will nicht, dass…“ und „Ich will, dass nicht …“
    „Ich will, dass ich das nicht weiß/erfahre“ wirkt für mich ein bisschen gestellt und unelegant, und dafür dann wieder nicht originell genug. Außerdem betont es nicht genug, worum es mir geht.

  3. Onkel Maike sagt:

    Liebe Muriel,
    vielleicht liegt da der Unterschied zwischen Deinem Intelligenzquotienten und meinem. Den Unterschied zwischen Ich will nicht, dass und Ich will, dass. nicht,… kapier ich schlicht nicht 🙂

    Meine Blogfreundschaft zu Dir ist durch Dein „ja, es ist manchmal arg gruselig“ völlig gerettet. Es gibt halt auch Leute, die das Gruselelement in Newsroom nicht bemerken 🙂
    Deine Meinung zu meinem Schumacher-Rant würde mich tatsächlich interessieren, aber ich mag Dich auch bei NIchtbeachtung weiter 🙂

  4. Muriel sagt:

    @Onkel Maike: Wenn ich nicht will, dass Michael Schumacher stirbt, heißt das nicht mehr, als dass ich kein Interesse an seinem Tod habe.
    Wenn ich will, dass er nicht stirbt, dann trage ich in mir den Wunsch, er möge überleben.
    Wie der Unterschied zwischen „nicht sagen, dass Muriel ein Steuerhinterzieher ist“ und „sagen, dass Muriel kein Steuerhinterzieher ist“.
    Und die Blogfreundschaft habe ich nicht nur vom Ergebnis her gerne gerettet, ich musste nicht mal schwindeln, denn wer die Osama-Folge nicht gruselig findet, hat nicht aufgepasst.
    Meine Meinung zu deinem Rant kommt. Vielleicht schon morgen.

  5. Muriel sagt:

    @Jonas Platte: Besten Dank!

  6. unendlichefreiheit sagt:

    @Muriel:

    Das ist natürlich der Satz, an dem mein Widerstand sich aufhängt. Weil ich nicht ganz einsehe, warum man Journalisten dafür kritisieren soll, dass sie berichten, was ihre Kunden interessiert. Das ist ihre Aufgabe. Wenn niemand Brötchen mögen würde, würden Bäcker keine backen, und wir alle wissen schließlich, dass Bäcker und Journalisten im Grunde den gleichen …

    Das habe ich auch schon des öfteren gedacht. Es ist irgendwie so, also würde man McDonalds vorwerfen, dass dieser Fastfood an seine Kunden verkauft. Ich kann ja nachvollziehen, wenn jemand der Meinung ist, dass Journalisten eine gewisse Verantwortung tragen. Aber ist nicht jeder selber dafür verantwortlich, ob er sich in der Bild bildet oder in einem Qualitätsmedium wie der FAZ? Oder wäre es nicht effektiver, diesen die Kunden abzunehmen, indem man den Menschen beibringt, Wissen von Bullshit zu unterscheiden? Ich mein ja nur, so als grobe Idee.

  7. Muriel sagt:

    @unendlichefreiheit: Ich bin mit der Frage noch nicht ganz durch, wie ja auch aus dem Beitrag hervorgeht. Also, deine letzten beiden Sätze sind natürlich exakt meine Meinung, aber dann … Also, Zeug zu verkaufen, das nicht gut ist, ist schon zweifelhaft. Auch wenn Leute es haben wollen, weil sie nicht wissen, dass es nicht gut ist.
    Letzteres kann man natürlich bei McDonald’s sehr begründet anzweifeln, und bei gewissen Arten von Boulevardnachrichten (von denen ich nicht sicher bin, ob sie in der Realität existieren) vielleicht sogar auch noch irgendwie. Aber wenn wir hypothetisch mal annehmen, man würde etwas echt nicht Gutes verkaufen, dann ist die Nachfrage, zumindest die auf Basis von Unkenntnis, nicht unbedingt eine hinreichende Rechtfertigung.

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