Überaus verwerflich

Unser neuer Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe weiß, offenbar, dass es Menschen gibt, die sich den Tod wünschen, und die nicht in der Lage sind, sich diesen Wunsch selbst zu erfüllen. Menschen, die so leiden, dass sie ihrem Leben ein Ende machen wollen, deren Zustand ihnen aber nicht erlaubt, diese Entscheidung ohne fremde Hilfe für sich selbst zu vollziehen.

Er weiß offensichtlich auch, dass manche dieser Menschen keine Hilfe von ihren Angehörigen und geliebten Menschen in Anspruch nehmen wollen oder können. Das kann sein, weil sie niemanden (mehr) haben, der ihnen diese Gunst erweisen kann oder will, oder weil sie es niemandem der ihnen nahe steht, zumuten wollen, sie zu töten. Menschen, die deshalb darauf angewiesen sind, oder es einfach nur vorziehen, dass es jemand Fremdes tut. Menschen, die Gründe haben, die wir gut oder schlecht finden können, die aber jedenfalls ihre sind. Und nicht unsere. Weil es nicht unser Leben ist.

Hermann Gröhe weiß das. Ihm ist klar, in welch einer verzweifelten Situation diese Menschen sich befinden, und was es für sie bedeutet, dass ihnen diese letzte Entscheidung verwehrt bleibt, dass sie ihr Leid nicht beenden können und Opfer ihrer eigenen Umstände bleiben müssen.

Wenn er es nicht wüsste, dann würde er ja keinen Sinn darin sehen, den Menschen, die diesen Bedarf decken wollen, Strafe anzudrohen.

Warum? Hat er der Rheinischen Post gesagt:

Wer aber die Selbsttötung propagiert, als Ausdruck der Freiheit des Menschen geradezu verklärt, der versündigt sich an der Wertschätzung des menschlichen Lebens in allen seinen Phasen.

Das ist seine Begründung, so wie sie RP online zitiert.

Die Wertschätzung des Lebens in allen seinen Phasen ist das Rechtsgut, das er gerne strafbewehrt verteidigt sehen möchte. Man muss das wohl so verstehen, dass ihm egal ist, wie die Menschen, denen das jeweilige Leben gehört, es schätzen, ob sie ihr Leben wertschätzen, wie sie dieser Wertschätzung Ausdruck verleihen möchten, und wie sie sein Ende gestalten möchten. Egal, oder zumindest nicht so wichtig.

Hermann Gröhe ist sich anscheinend nicht nur selbst der wichtigste Maßstab, er möchte, wenn ich ihn richtig verstehe, auch gerne der entscheidende Maßstab für alle anderen sein. Seine Wertschätzung des menschlichen Lebens entscheidet darüber, wie andere mit ihrem Leben umgehen dürfen, wie sie es beenden dürfen, und vor allem natürlich wie nicht.

Er maßt sich das Recht an, Menschen dafür zu bestrafen, dass sie den Willen anderer Menschen vollziehen. Er möchte gerne Leute bestraft sehen, die niemandem etwas angetan haben, die im Gegenteil anderen Hilfe bieten, die sie sonst offenbar nirgendwo gefunden haben, einfach weil sie damit gegen seine Vorstellungen davon handeln, wie man das menschliche Leben wertzuschätzen hat.

Zumindest halte ich das für die einzige sinnvolle Deutung der Zitate, die RP online von ihm wiedergibt.

Aber vielleicht seht ihr das ja anders, oder ihr seht es auch so, findet es aber nicht so entsetzlich widerlich wie ich. Würde mich interessieren. Dafür ist das Kommentarfeld da.

Was meint ihr?

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23 Responses to Überaus verwerflich

  1. recotard sagt:

    Ich wollte eigentlich nur „Ja, entsetzlich widerlich“ schreiben, nachdem ich aber auf seiner Homepage den Satz „Die internationale Finanz- und Wirtschaftskrise hat uns erneut gezeigt, wie wichtig es ist, die Prinzipien der sozialen Marktwirtschaft weltweit durchzusetzen.“ gefunden habe, suche ich nach stärkeren Worten.

  2. Muriel sagt:

    @recotard: Ja, der Satz ist bei mir auch hängen geblieben. Neben dem vielen erwartbaren Geschwall über christliche Werte natürlich.

  3. Onkel Maike sagt:

    Hallo,
    meiner dunklen Erinnerung nach unterscheidet das deutsche Strafrecht. Einerseits gibt es freiverantwortlichen Selbsttötungen – das sind solche, wo sich Menschen im vollen Bewusstsein der Umstände (es gibt das Schlagwort „Bilanzselbstmord“) dafür entscheiden, nicht mehr leben zu wollen. Zu solchen Selbsttötungen ist dann auch zwangsläufig die Beihilfe straflos. Und dann gibt es, das ist die überwiegende Mehrzahl, Wünsche nach Selbsttötung, die als pathologisch zu qualifizieren sind. Dazu ist die Beihilfe strafbar. Es gibt Menschen, die sagen, dass wenn es in Deutschland eine gute Palliativmedizin gäbe, der Wunsch nach Selbsttötungen sinken würde.
    Ich denke, dass es den ersteren Fall gibt. Leider haben wir eine Gesellschaft, in der es viele kranke oder/und alte Menschen gibt, die denken, dass es für alle besser wäre, sie wären tot. Deswegen ist eine Liberalisierung von Sterbehilfe problematisch.

    Ich hoffe, dass diese Ausführungen zum Thema passten.

  4. Muriel sagt:

    @Onkel Maike: Ich neige dazu, dir zu widersprechen, weil das a priori etwas unplausibel scheint und meinen dunklen Erinnerungen widerspricht. Aber bevor ich mich hier blamiere, schlage ich lieber morgen in Ruhe mal nach und gebe dann Rückmeldung.
    Auf jeden Fall danke ich dir für den Kommentar, denn ich werde so oder so was draus lernen.

  5. Onkel Maike sagt:

    Meine dunklen Erinnerung vs. Deine dunklen Erinnerungen und dann noch der BGH der ja mal frech seine Rechtsprechung geändert haben könnte, es ist aber auch nicht einfach…

  6. Ironischerweise wäre ja der Bedarf nach Sterbehilfe tiefer, wären nicht viele Suizidmethoden staatlich eingeschränkt worden.

  7. Muriel sagt:

    @Onkel Maike: So, wieder da. Ich habe jetzt ein bisschen oberflächlich rumgeblättert und finde keinerlei Hinweise auf deine Deutung.
    Was ich stattdessen finde, sind Entscheidungen wie diese oder diese, die meine Erinnerung bestätigen, dass eine wesentliche Unterscheidung zwischen grundsätzlich straffreier Beihilfe zur Selbsttötung und strafbarer Tötung auf Verlangen läuft.
    Ob ein Suizidwunsch als pathologisch zu bewerten ist, könnte in diesem Rahmen zwar Berücksichtigung finden, wenn der Geisteszustand des Verstorbenen die Vermutung nahelegt, dass die Tatherrschaft beim Helfer lag, oder so, aber so richtig überzeugend kommt mir das nicht vor. Hast du Links oder andere Verweise zur Hand?
    (Ergänzend: Die Rechtsprechung des BGH hat natürlich nicht unbedingt Relevanz für die Frage, was ich eigentlich für richtig und gut halte (Wenn ich schon „Lebenspflicht“ lese, möchte ich die Leute schütteln.), und auch Herr Gröhe spricht ja nicht von seiner Deutung der bestehenden Rechtslage, sondern von einer Gesetzesänderung, die er herbeizuführen gedenkt, insofern ist diese Diskussion natürlich ein bisschen ab vom eigentlichen Geschehen, aber interessiert mich trotzdem.)

  8. Maike sagt:

    Ah, sorry, ich hab mich ungenau ausgedrückt. ich sollte wohl besser keinen „lawblog 2“ gründen. und dann auch noch thema verfehlt. ich werde aber auch nochmal recherchieren, um noch mal differenziert zu erklären, was ich eigentlich sagen wollte.

  9. Menschenwürde bedeutet für mich nicht nur ein selbstbestimmtes Leben, sondern auch ein selbsbestimmtes Sterben. (@Muriel Ich weiß, Du magst den Begriff „Menschenwürde“ nicht).

    Gröhe setzt sich über die Rechte des Individuums hinweg, indem er dem Bürger die Entscheidung über sein eigenes Leben und seinen eigenen Tod vorenthält. Typisch, daß er das christlich begründet. Schließlich ist Selbsttötung – egal in welcher Form (ob mit Beihilfe oder nicht) – eine Todsünde und dann kommt man in die Hölle und das kann Gröhe ja gar nicht ertragen, daß jemand gegen seine Wertvorstellungen verstößt und er zulassen muß, daß jemand in die Hölle kommt.

  10. Muriel sagt:

    @Maike: Ach Gott, mach dir bloß keine Vorwürfe. Vielleicht war ich ja nur zu schwer von Begriff.
    @lawgunsandfreedom: Joa. Der Begriff „Menschenwürde“ an und für sich ist ja auch nur ein Begriff wie jeder andere, aber ich sehe so gut wie nie einen Verständnisgewinn, wenn er irgendwo auftaucht. (Das ist jetzt Erbsenzählen, aber zum Beispiel) wäre deine Argumentation nicht auch klarer, wenn du einfach geschrieben hättest, dass du gerne möchtest, dass Menschen nicht über ihr Leben, sondern auch ihren Tod selbst bestimmen dürfen, und dass Gröhe sich ohne erkennbare Rechtfertigung über dieses Recht hinwegsetzen will? Für mich vernebelt der Einbau des schwammigen Konzepts Menschenwürde als Zwischenstation das nur, wenn auch geringfügig, weil du ansonsten ja völlig klar sagst, wie du es siehst.
    Na gut. Ich steige mal wieder von meinem Steckenpferd und vertiefe das nicht unnötig.

  11. Onkel Maike sagt:

    @muriel,
    ach je, ich lerns so langsam: dont drink und poste im internet herum. ich wollte einfach nur darauf hinaus, dass unsere rechtsordnung, im unterschied zu herrn gröhe, die möglichkeit des freiverantwortlichen selbstmordes anerkennt (zu dem eben freundlicherweise die beihilfe bzw. der versuch davon, straflos ist) – wie mir der völlig unpassende begriff „pathologisch“ da reingerutscht ist? die biere.übrigens, hihi, ist die anerkennung der selbstmordmöglichkeit nicht auch ausfluss der menschenwürde (wie ja auch das recht, sich zu prostituieren), im übrigen finde ich auch: es wird höchst selten deutlich, wofür die menschenwürde sinnvoll sein soll.

  12. Muriel sagt:

    @Onkel Maike: Bier? Ich hätte dir ja schon ein geschmackvolleres Getränk zugetraut, aber wir haben eben alle unsere Defizite.
    (Und mal im Ernst: Kann irgendjemand hier irgendwas im weitesten Sinne von irgendwem als wünschenswert Empfundenes nennen, das nicht ein Ausfluss der Menschenwürde sein soll? Pfffsch!)
    Danke für die Klarstellung!

  13. recotard sagt:

    „Die Würde des Menschen hat nichts zu tun damit, ob er sich selbst den Hintern abputzen kann. Nichts damit, ob er bis 100 zählen und ob er sich erinnern kann.“ (Franz Müntefering)

  14. Muriel sagt:

    Ich nehme an, er hat aber nicht dazu gesagt, womit sie denn zu tun hat?

  15. recotard sagt:

    Leider nein, aus dem Kontext schließe ich aber. Entweder mit den opponierbaren Daumen oder mit der Bibel. Eher letzteres.

  16. Muriel sagt:

    Das war zu befürchten. Wobei die Bibel dann ja wiederum einige nicht unkontroverse weitere Voraussetzungen für Menschenwürde zu bieten hat, oder zumindest müsste man das wahrscheinlich so deuten, wenn man sie aus ihr ableiten wollte. Andererseits sage ich das einfach so, als würde ich verstehen, wie Christen die Bibel deuten.

  17. recotard sagt:

    Das ist, akzeptiert man die Prämissen, nicht schwierig: Die Würde des Menschen leitet sich aus seiner Gottesebenbildlichkeit her. Gott schafft die Menschen „nach seinem Bilde“, er segnet sie, gibt ihnen den Auftrag, sich die Erde untertan zu machen. Gut, danach jagt er sie aus dem Paradies, verflucht sie und ertränkt sie später zum Gutteil. Das kommt aber nur vom freien Willen, der mit der Würde natürlich eng verbunden ist, indem letztere verloren geht, wenn ersterer ausgeübt wird.

  18. Muriel sagt:

    @recotard: Das mit der Gottesebenbildlichkeit ist ja auch so eine Sache, die sich mir nicht erschließt, weil (ähnlich wie bei der Menschwürde eben) keiner ihrer Proponenten mir je erläutern konnte worin sie eigentlich bestehen soll.
    Aber mal was ganz anderes: Ich höre in letzter Zeit viel Gutes von diesem Schriftsteller Thomas Ligotti, habe aber andererseits Zweifel, ob das alles so mein Ding wäre. Hast du zufällig eine Meinung zu dem?
    Weiß auch nicht, wie ich jetzt drauf komme, gerade dich zu fragen.

  19. recotard sagt:

    1.) Wenn wir nicht wie Gott wären, gäbe es keinerlei Entschuldigung für uns.
    2.) Ich bewundere Deinen Instinkt: Ligotti ist einer meiner Lieblinge. Ob er Dein Ding wäre, wage ich nicht zu entscheiden (Pessimismus hilft); die Virgin-Edition von „Teatro Grottesco“ ist jedenfalls erschwinglich und ein guter Einstieg. (Beware of translations!)

  20. Muriel sagt:

    1.) Ach ja. Klar. Ich Dummerchen.
    2.) Wie jetzt translations? Aber schon Englisch, oder muss ich was Italienisches lesen? Nee, hier steht, er sei US-Amerikaner.
    Ich teste mal das Teatro an und melde zurück.

  21. Ich kenne nur Ligottis ‚Conspiracy against the human race‘, aber das ist halt ein Sachbuch und beschäftigt sich mit dem philosophischen Pessimismus. Aber wenn dich das interessiert, kann ich es sehr empfehlen.

  22. Imrahil sagt:

    Ich sehe es, von Nuancen abgesehen (der Minister nimmt nicht „sich“, sondern einen objektiven Maßstab zum Maßstab), ähnlich. Finde es aber nicht widerlich. Nein. Überhaupt nicht. Ich stimme dem Minister voll zu.

    Ob einer sein Leben persönlich mag, ist gleichgültig. Der Soldat wird auch nicht gefragt, ob er nicht lieber desertieren würde. Es gibt kein Recht auf Verstoß gegen das Sittengesetz.

    Es ist auch notwendig, diese Selbstmorde aktiv zu unterbinden, weil sich sonst nutzlose, ihre Angehörigen und die Gesellschaft belastende Kranke geradezu zum Selbstmord gedrängt fühlen würden.

  23. Imrahil sagt:

    gleichgültig: in diesem Zusammenhang.

    Selbstverständlich ist es natürlich bedauerlich, wenn einer leidet, nur kann er sich deswegen nicht einfach aus dem Leben davonstehlen.

    An sich schon nicht. Und dabei seinen Leidensgenossen, der vielleicht ganz gerne noch leben würde, wegen der Last, die er anderen damit aufbürdet, in Gewissensnöte bringen: das schon gleich gar nicht.

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