Kommentar zum Altpapier vom 2. Januar, Teil 2

5. Januar 2014

Kennt jemand die sehr gelungene Serie Newsroom? Ich bin damit ziemlich spät dran und habe gerade erst die erste Staffel gesehen, und da gibt es eine Folge, in der die Protagonisten darüber diskutieren, ob sie über den Prozess gegen Casey Anthony und den Sexting-Skandal um Anthony Weiner berichten sollen. Sie halten es zwar nicht für Nachrichten und außerdem für geschmacklosen Seifenopernmist – völlig zu Recht, natürlich -, haben aber andererseits das Problem, das ihnen die Hälfte ihrer Zuschauer abhanden gekommen sind, seit der Prozess läuft und sie ihn ignorieren.

Das passt zeitlich zufällig gut zum zweiten Teil dieses Altpapierkommentars, in dem es um dieses Zitat aus Tobias Gillens Blog geht:

Ich ärgere mich über ein solches Verhalten. Es ist scheinheilig, weil es dabei rein umKlickgeilheit geht. Würde Schumacher keinen interessieren, würde es keine Liveticker, Eilmeldungen und zig überarbeitete Artikel zu ein und demselben Thema geben. Selbiges gilt für etliche Bilder-Strecken, die mit Nicht-Informationen und Archiv-Bildern vollgestopft wurden.

Und dazu habe ich schon wieder eine zur derzeitigen Tendenz passende nachdrückliche Sowohl-als-auch-aber-so-jedenfalls-nicht-ganz-Ansicht, die ich euch nicht vorenthalten will.

Würde Schumacher keinen interessieren, würde es keine Liveticker, Eilmeldungen und zig überarbeitete Artikel zu ein und demselben Thema geben.

Das ist natürlich der Satz, an dem mein Widerstand sich aufhängt. Weil ich nicht ganz einsehe, warum man Journalisten dafür kritisieren soll, dass sie berichten, was ihre Kunden interessiert. Das ist ihre Aufgabe. Wenn niemand Brötchen mögen würde, würden Bäcker keine backen, und wir alle wissen schließlich, dass Bäcker und Journalisten im Grunde den gleichen … Naja, also, ich habe jedenfalls prinzipiell kein Problem damit, wenn jemand die Interessen seiner Kunden zu bedienen versucht, denn anders geht es ja nicht.

Das gilt natürlich (Ich bedaure, das betonen zu müssen, bin aber fest davon überzeugt.) unabhängig davon, ob ich diese Interessen angenehm oder auch nur verständlich finde. Ich persönlich finde die Berichterstattung über und Reaktion auf Michael Schumachers Unfall und Gesundheitszustand sehr fürchterlich und geschmacklos. Die Einzelheiten interessieren mich nicht nur nicht, ich will sie aktiv nicht wissen.

Nun kann man natürlich sagen, dass Journalisten dieses Interesse andererseits durch ihre Berichterstattung schüren und fördern und in die falsche Richtung lenken, und durch bessere Berichterstattung zu einer Gesellschaft beitragen könnten.

Und da ist was dran. Aber dafür muss jemand ihre Berichterstattung wahrnehmen, und das wiederum funktioniert nur, wenn diese Berichterstattung sich an den Interessen der Kunden orientiert statt an dem, was ich oder ihr oder die jeweilige Journalistin für interessant hält. (Und mal ehrlich, ist so vieles, was im Feuilleton der Zeit steht, objektiv gesehen berichtenswerter und interessanter als Michael Schumachers Rekonvaleszenz? Ich glaube kaum. Das ist jetzt kein TeaParty-Wir-hassen-Akademiker-und-ihre-Scheiß-Bildung-Genöle, sondern nur der Hinweis, dass so ein Konzept wie „objektiv berichtenswert und interessant“ schon ein sehr wackeliges, wenn nicht sogar komplett sinnloses Konstrukt ist.)

Und bei der Gelegenheit, kurzer Exkurs: Ist das nur meine Filterbubble, oder gibt es jeden Tag ein Dutzend „Lieber Journalismus, wir müssen reden“-Artikel, aber fast nie mal einen „Liebe Leser/Zuschauer/Zuhörer, wir müssen reden“-Artikel? Man wird doch wohl noch sagen dürfen (Hei, es tut weh, diesen Halbsatz zu schreiben, sogar im Scherz. So weh. Au. Aber was tut man nicht alles für den Kampf um die Wahrheit und das Gute und Schöne in der Welt?), dass die Verantwortung zumindest nicht nur bei den Redakteuren und Managern und Fotografen und freien Mitarbeitern von Bild, FAZ, Welt, BlitzIllu (Gibt es die? Ich traue mich nicht zu googlen.), Bunte und Kölner Stadtanzeiger liegt. Die liegt doch auch zu einem erheblichen Teil (Ich würde sagen: Zum bei Weitem größten.) bei den Menschen, die ihnen ihr Geld und ihre Aufmerksamkeit geben und von ihnen fordern, dass sie einen Liveticker über Anthony Weiners Penis oder Michael Schumachers Skiunfall einrichten: Es wäre rhetorisch vielleicht geschickt, zu sagen, dass „wir“ das sind, aber schreibe ich nicht, weil ich das nicht bin, soweit ich es vermeiden kann, und zum Glück ohne Heuchelei behaupten kann, dass das wirklich nicht meine Nachfrage ist, diese diese Maschinerie antreibt. Exkurs Ende

Aber bei aller moralischen Selbstüberhöhung -gönnt sie mir, ich habe sonst so selten Gelegenheit dazu- denke ich auch, dass die Berichterstattung nicht mal besonders viel Schaden anrichtet. Was die Journalisten noch mal ein bisschen mehr aus der Verantwortung nimmt. Denn dass Anthony Weiners Penis das Ende seiner politischen Karriere herbeigeführt hat (Hat er doch, oder? Ich traue mich nicht zu googlen.), ist ja nicht die Schuld der Journalisten, sondern die Schuld der Wähler und der ganzen bekloppten Gesellschaft, die meint, dass zwar jemand ein toller Präsident sein kann, der routinemäßig seine Wähler belügt, dass aber jemand als Politiker ungeeignet ist, der Interesse an Sex mit anderen Menschen als seiner Ehefrau hat. Ja gut, ein bisschen polemisch formuliert so, aber ich finds fair. Nicht die Verfügbarkeit von Informationen führt zum Schaden, sondern erst unser Umgang mit ihnen, und da schließe ich mich jetzt meinetwegen doch mal mit ein, weil wir darin alle noch viel viel besser werden müssen.

Was ich damit sagen will: Wir überschätzen Journalisten, und sie überschätzen sich selbst, wenn wir glauben, wenn sie glauben, dass sie Schuld daran sind, dass viele Menschen lesen wollen, wie Michael Schumachers Knochen heilen, oder wie der Strafprozess gegen Casey Anthony abgelaufen ist, und (was ja das eigentliche Problem ist) sich darüber Vorurteile bilden und sich an fremdem Leid und eigenem Hass aufgeilen. Das ist ein Problem, an dem wir alle arbeiten müssen, denn wir sind alle Mitglieder dieser Gesellschaft. Wir sind alle irgendjemandes Lehrer, Vater, Mutter, Bruder, Freund, Ärztin, und wir können alle daran arbeiten, dass wir anders miteinander umgehen, und mit den Informationen, die uns so reichlich zur Verfügung stehen und mit denen wir doch so beklagenswert wenig anfangen können.


Kommentar zum Altpapier vom 2. Januar, Teil 1

3. Januar 2014

Ja nee, keine Sorge, das wird jetzt keine regelmäßige Serie. Mir ist bloß kein besserer Titel eingefallen, unter dem ich mich mit den Themen des gestrigen Altpapiers auseinandersetzen könnte, was ich wollte, was klar ist, weil ersichtlich, dass ich es zu tun plane, was ja nicht der Fall wäre, wenn ich es nicht wollte, wie ihr euch sicher denken könnt, insbesondere wenn ihr mich schon ein bisschen kennt, was ich annehme, weil doll viel Fluktuation gibt es erfahrungsgemäß unter meinen Lesern nicht, was einerseits schade ist, weil ein nicht ganz rational erklärbarer Ehrgeiz mich wünschen lässt, ich hätte mehr, was echt keinen Sinn ergibt, weil man ja zugeben muss, dass meine Leser und Kommentatoren, auch wenn sie nicht so viele sind, doch größtenteils sehr angenehme Zeitgenossen sind, mit denen sich gut reden lässt, was ich sehr zu schätzen weiß, weshalb es eigentlich echt keinen Sinn ergibt, sich drüber zu ärgern, was aber eigentlich auch egal ist, weshalb wir jetzt

zur Sache kommen:

Greenwald hat in seiner Rede eine Grenze überschritten, als er ‚wir‘ sagte statt ‚ihr‘. Er hat sich mit den anwesenden Hackern gemein gemacht, mit den Aktivisten und Bürgerrechtlern. Er sieht sich als einer von ihnen.

schreiben Kai Biermann und Patrick Beuth für die Zeit über den Eröffnungsvortrag Glenn Greenwalds zum Kongress des CCC in Hamburg.

Und da sind natürlich schon so ein paar Schlüsselformulierungen drin, die mich zu ganz polemischem Widerspruch reizen. „eine Grenze überschritten“, etwa, oder „sich […] gemein gemacht“, oder „die Zeit“.

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darum lass mich deine Stimme hörn, weil jede Stimme zählt

1. Januar 2014

Ich weiß zwar nicht genau, warum jemand, der sich für mein Autorenblog interessiert, darauf angewiesen sein sollte, hier in meinem pseudonymen Zweitblog von mir auf interessante Beiträge dort hingewiesen zu werden, weil man das ja problemlos separat abonnieren und verfolgen kann, aber hin und wieder wird das auch in Zukunft passieren, so zum Beispiel heute.

Meine Adventskalenderaktion, in der ich vom 1. bis zum 24. Dezember jeden Tag ein Fragment aus einer noch nicht existierenden Geschichte veröffentlicht habe, ist planmäßig am 24. Dezember zu Ende gegangen, aber damit noch nicht ganz abgeschlossen, denn ab heute haben die Leser die Möglichkeit, zu entscheiden, aus welchem der 24 Fragmente demnächst eine ganze, existierende Geschichte werden soll. Ich finde das nicht nur so grundsätzlich als Idee schön, sondern mag auch alle meine 24 Fragmente, jedes auf seine Weise, und empfehle euch deshalb dringend, da mal vorbeizuschauen, und ein bisschen zu blättern, falls ihr nicht schon habt.

Bei Bedarf empfehle ich euch gerne auch interessengerecht bestimmte Fragmente, falls ihr nicht alle 24 durchlesen wollt. Viel Spaß also, falls ihr mögt, und hier entlang, oder direkt hier:

(Das ist dieselbe Umfrage. Spielt also keine Rolle, ob ihr hier klickt, oder drüben.)


Was mich aufregt

1. Januar 2014

ist ja keineswegs, dass Menschen sich mal irren. Oder dass Menschen eine andere Position vertreten als ich. Aber ich wiederhole mich. Das ist jedenfalls menschlich. Das kann passieren. Manchmal passiert es sogar mir selbst.

Manchmal ist es sogar interessant, mit jemandem zu reden, der etwas anders sieht. Man kann daraus lernen. Im schlimmsten Fall zumindest, wie die andere Person auf ihren Holzweg gekommen ist.

Was mich aufregt, sind Leute, die es evident nicht für nötig halten, ihre Position irgendwie schlüssig zu begründen. Die meinen, unser gesunder Menschenverstand würde uns schon sagen, wann wir dem siebten Sinn vertrauen können, und öffentlich mit Verve eine Meinung vertreten, ohne zu erläutern, warum oder wie sie gedenken, irgendwen davon zu überzeugen.

Was mich aufregt, sind also zum Beispiel Kommentare wie dieser von Heribert Prantl:

Wer von der Verlängerung der Wahlperioden spricht, muss daher zugleich von der Einführung der Volksabstimmung auf Bundesebene reden. Das ist ein demokratisches Junktim.

Soso, ein demokratisches Junktim ist das. Die Verlängerung der Bundestagswahlperiode auf fünf Jahre ist unweigerlich zwingend mit der Einführung von Volksabstimmungen verbunden. Warum? Joa pffft…

Weniger wählen bedeutet weniger Demokratie. Eine Verlängerung der Wahlperiode kann nur dann überhaupt in Betracht kommen, wenn gleichzeitig die demokratischen Rechte der Bürger auf andere Weise gestärkt werden – durch die Möglichkeit von Abstimmungen auf Bundesebene, durch Elemente der direkten Demokratie also, durch Volksbegehren und Volksentscheid.

Und das wars eigentlich. Das ist im Grunde Heribert Prantls … Ja. Ich würde schreiben „Argumentation“, aber genau daran hapert es eben. Er hat keine. Er hat nur eine nackte Behauptung, die so tut, als wäre sie begründet.

Das scheint mir symptomatisch für den Zustand unserer öffentlichen Debatte. Sie wird nicht als Kampf um die Wahrheit geführt, sondern als Kampf ums Rechthaben. Sie ist kein Wettstreit der Argumente, sondern eine Schneeballschlacht der Meinungen, ohne gemeinsames Ziel, ohne sinnvolle Regeln, ohne Ergebnis. Und das regt mich auf.

Dabei kann ich Herrn Prantl nicht mal im weitergehenden Sinne widersprechen. Ich weiß nicht, ob seine Behauptung stimmt. Vielleicht wäre es wirklich ein guter Schritt für unseren Staat, die Wahlperiode für den Bundestag auf fünf Jahre zu verlängern und gleichzeitig Elemente direkter Demokratie einzuführen. Zwar halte ich es auf den ersten Blick – wie er auch – für plausibel, dass der Bundestag und die Regierung effektiver arbeiten könnten, wenn nicht alle vier Jahre der blödsinnige Wahlzirkus wieder losgehen würde, sondern nur alle fünf, aber erstens hat das nichts zu sagen, und zweitens habe ich wirklich keine Ahnung, ob nicht sechs oder sieben Jahre vielleicht noch besser wären. Darüber hinaus kann man zum Beispiel mit sehr guten Gründen bezweifeln, ob die Verlängerung wirklich „eine partielle Entmachtung der Wähler“ wäre, und ob das ein Problem wäre, wenn es so wäre, ob es überhaupt in irgendeiner Form Sinn ergibt, so etwas wie „Demokratie“ in diesem Zusammenhang auf einer eindimensionalen Skala anzuordnen und „mehr“ oder „weniger“ bestimmen zu wollen, ob Volksentscheide und Volksbegehren in diesem Sinne dann „mehr“ und damit zwangsläufig besser wären, ob sie nicht auch unabhängig von der Länge der Bundestagswahlperiode eingeführt werden sollten oder ob das dann zu viel Demokratie wird, und ob es nicht vielleicht andere, sinnvollere Maßnahmen gäbe … und so weiter. Man merkt, die Sache ist komplex, was nicht überraschen dürfte, wenn man bedenkt, dass es um die ganz grundlegende Organisation unseres Staates, unserer Gesellschaft geht. Prantl verschweigt das aber nicht nur, er verschleiert es aktiv, indem er die ganze Sache als völlig eindeutig darstellt, man ist versucht zu sagen: als alternativlos.

Eine Verlängerung der Wahlperiode kann nur dann überhaupt in Betracht kommen, wenn gleichzeitig die demokratischen Rechte der Bürger auf andere Weise gestärkt werden – durch die Möglichkeit von Abstimmungen auf Bundesebene, durch Elemente der direkten Demokratie also, durch Volksbegehren und Volksentscheid.

Ende, fertig, so einfach ist das.

Trotzdem kann es sein, dass Heribert Prantl im Ergebnis recht hat. Aber sein Artikel bietet keinerlei Anhaltspunkte dafür, oder dagegen, weil er keine Argumente bietet. Und damit führt er seine Leser mindestens fahrlässig in die Irre und bringt implizit zum Ausdruck, dass es okay ist, zu komplexen, fundamentalen Fragen unserer Gesellschaftsordnung eine völlig haltlose, unbegründete Meinung als offensichtliche und indiskutable Wahrheit zu präsentieren, und leistet seinen Beitrag gegen eine Gesellschaft, in der wir auf rationaler Basis die bestmögliche Entscheidung für ein kooperatives Zusammenleben suchen.

Und das regt mich auf.