Bankrotterklärungen

Kann es sein, dass meine Artikel zurzeit noch ein bisschen misanthropischer rüberkommen als sonst? Das ist eigenartig, weil ich mir generell gerade gar nicht besonders übellaunig vorkomme. Ich habe auch einen Beitrag in Arbeit, in dem es nicht nur um Brechreiz geht, wartet ab. Aber dies ist nicht dieser Beitrag.

Dies ist ein Beitrag über den Bundestagsabgeordneten Michael Brand (CDU), genauer über dessen Äußerungen zu der Entscheidung des belgischen Parlaments, Sterbehilfe unter bestimmten Bedingungen auch für Minderjährige nicht länger unter Strafe zu stellen.

Eine Gesellschaft, die im Ergebnis das Töten sogar der eigenen Kinder legalisiert, hätte Bankrott erklärt und wäre auf der kippenden Bahn, weil messbar der Wert des Lebens heruntergeschraubt wird und an die Stelle von Ausdauer, Mitleiden und Hilfe die Kapitulation und der Tod treten

hat Herr Brand der Zeitung „Die Welt“ gesagt.

Lasst uns mal einen kurzen Moment darüber nachdenken.

Ich meine, ja, man kann natürlich diese Regelung kritisieren. Man kann anzweifeln, dass Minderjährige in der Lage sind, so eine Entscheidung zu überblicken, und man kann die Mechanismen für unzureichend halten, die sicherstellen sollen, dass die Regelung nicht missbraucht wird. Mir persönlich, der ich natürlich wenig Ahnung vom Thema habe, kommen diese Mechanismen eigentlich recht solide vor. Das Kind muss, wenn ich das richtig verstanden habe, unheilbar krank sein, es muss ausdrücklich den Wunsch äußern, zu sterben, es muss in der Lage sein, diese Entscheidung fundiert zu treffen, und mehrere Experten müssen dies bestätigen. Aber wie gesagt, ich kenne mich da nicht aus und könnte deshalb durchaus auch von kritischen Meinungsäußerungen dazu profitieren, wen sie denn so fundiert sind, wie man es zum Beispiel von jemandem erwarten könnte, der immerhin Vorsitzender des Bundestagsausschusses für Menschenrechte und humanitäre Hilfe ist, für die CDU/CSU-Fraktion dieses Thema federführend bearbeitet und sich in dieser Funktion gegenüber einer überregionalen Tageszeitung äußert. Man würde das natürlich zu Unrecht erwarten, denn was er tatsächlich gesagt hat, habt ihr ja nun schon gelesen.

Herr Brand hat sich entschieden, auf Argumente und Information zu verzichten und seine Kritik stattdessen in mehr oder weniger verquaste Beschimpfungen zu fassen.

Die belgische Gesellschaft habe also, so behauptet Herr Brand, Bankrott erklärt, sei auf der kippenden Bahn – was immer das jeweils genau bedeuten mag – und sie habe beschlossen, kein Mitleid mehr mit ihren Kindern zu haben und ihnen nicht mehr zu helfen, sondern dies durch Kapitulation und Tod zu ersetzen. Weil das ja die Alternativen sind, um die es hier geht. Schon klar.

Und nicht nur das. Dass Menschen auch schon vor der Volljährigkeit in engen Grenzen selbst entscheiden dürfen, wann sie ihr Leid und ihren Schmerz nicht mehr ertragen wollen, lässt Herrn Brand

grausen in Erwartung der nächsten Schritte, die da kommen für Ältere, zur Last fallende und schwer depressive Menschen

Wir alle kennen das Slippery-Slope-Argument als beliebten und reichlich armseligen Taschenspielertrick derer, die sonst nichts mehr in der Hand haben, aber dass ein Bundestagsabgeordneter einem ja doch schon irgendwie noch befreundeten und weitgehend zivilisierten Land vorwirft, demnächst seine Alten und Kranken abschlachten zu wollen und es öffentlich mit dem Dritten Reich vergleicht, das kommt mir doch schon einigermaßen spektakulär vor. Vergleich mit dem Dritten Reich? Ja. Ich denke, das kann man so sagen.

Deutschland [irgendwie putzig: Dieses Wort hat die Welt mit einem kleinen Flugzeugsymbol markiert und mit einem Link hinterlegt, der laut Beschriftung zu den „besten Tipps für Urlaub in Deutschland“ führt.] habe „eine ganz besondere Verantwortung, solch unverantwortlichen Entscheidungen entgegen zu treten“.

Und das – nennt mich überempfindlich, wenn ihr meint, es würde mich interessieren – finde ich gleich doppelt eklig. Erstens impliziert er damit für mich schon ganz eindeutig, dass Belgien aus seiner Sicht sich hier in Richtung der nationalsozialistischen Massenmorde bewegt, und zweitens widert mich diese Haltung irgendwie an, mit der Deutsche sich ein Sonderrecht anmaßen, andere Staaten moralistisch-hysterisch zu belehren, weil wir ja schließlich mal Konzentrationslager hatten. Besondere Verantwortung am Fuß.

Oder was meint ihr? Findet ihr es auch ein bisschen sonderbar, dass „Die Belgier sind Nazis, die ihre Kinder töten wollen, statt ihnen zu helfen, und demnächst bestimmt auch ihre Alten und Kranken systematisch ausrotten werden!“ als offizielle Stellungnahme derselben Regierungsfraktion rausgeht, deren Kanzlerin „Fuck the EU“ als Äußerung in einem vertraulichen Telefonat zwischen zwei Personen gerade noch heftig kritisiert und als völlig inakzeptabel bezeichnet hat?

Was denn nun? Spielen wir Golf, oder blödeln wir?

Advertisements

7 Responses to Bankrotterklärungen

  1. TakeFive sagt:

    Ahh er ist wieder da. Nachdem ich jeden Tag „Fuck them all“ als headline lesen musste hatte ich schon Angst, du hättest dich entscheiden deine Rants effizienter unters Volk zu bringen.
    Außerdem gibts ja gerade genug Reizthemen: Die Edathy-Affäre mit mindestens 3 verschiedenen Skandalquellen, die neuesten schleimigen Matussek-Auswürfe, die pöse Schweiz, uiuiui.

    Zur letzten Frage: Wieso „oder“? Ich dachte man geht in die CDU gerade weil man beides will!

    Zum Thema: Jaa die impliziten Nazivergleiche und die besondere Verantwortung. Slippery Slope.. wann wird das endlich verboten? (Oder kann man es wegtrollen? http://www.smbc-comics.com/?id=1748)
    Tagesthemen hat übrigens einen angewandten Ansatz zu dem Thema, und redet mit einem Palliativmediziner. Dessen Argumentation ist dann „Ich kenne viele die sind krank und wollen nicht sterben, deswegen müssen wir es allen anderen verbieten.“

  2. Die christliche Nächstenliebe der C*Uler gipfelt offenbar darin, dass Privilegierte den Kranken und Leidenden verbieten, über das eigene Leben und den eigenen Tod zu bestimmen.

  3. onkelmaike sagt:

    Hallo,
    stimme zu. Das ist populistisches Mistgeschwurbel (was heißt denn slipery slope?). Ich kenne mich mit dem Thema nicht aus, eigentlich hoffe ich, dass der, wie ich auf den ersten Blick gut gefasste Tatbestand (weil nun wirklich keine voreiligen Entscheidungen begünstigend) nur sehr selten erfüllt wird. Ich vermute auch, dass in solchen Fällen sehr schwerer Erkrankungen palliativmedizinische Unterstützung, also Erträglichmachen von Leiden in „Sterbehilfe“ übergehen kann (oder ist das Quatsch?).
    Das einzige Problem, was ich bezug auf die Legalisierung von Sterbehilfe sehe, ist, dass ich mir vorstelle, dass das bestimmt viele alte Menschen in Anspruch nehmen wollen würden, die ihren Angehörigen nicht zur Last fallen wollen oder einfach, weil sie einsam sind. Aber das ist ja letztlich eine Frage des Pflegenotstandes und nicht von Sterbehilfe (trotzdem halte ich das für eine große Gefahr).

  4. Christina sagt:

    Hat sich eigentlich schon mal jemand gefragt, warum gerade in unserer heutigen Zeit so permanent diese Frage nach „Sterbehilfe“ aufkommt? Hat das nicht vielleicht möglicherweise was mit der Überalterung der Bevölkerung (verursacht durch die massenweise Abtreibung Ungeborener – aber das nur am Rande – alles hat halt seinen Preis) zu tun? Und spielt bei diesen Überlegungen nicht vielleicht auch (natürlich unausgesprochen) der Kostenfaktor für die Gesellschaft allgemein eine nicht unwesentliche Rolle? Ich frag‘ ja nur mal. Denn leidende Menschen gab es doch schon immer und zu allen Zeiten und auch Mittel und Wege sein Leben aufgrund dessen vorzeitig zu beenden. Ich sage nur „Gifte“ zum Beispiel. Eine Tasse Apfelkerne gegessen soll ja auch tödlich wirken, habe ich mal gelesen (Blausäure). Das hätte sich, denke ich mal, damals sogar ein Armer leisten können. Aber seltsamerweise kam diese Frage wohl in der Vergangenheit niemals auf. Habe jedenfalls noch nie dergleichen gehört. Vielleicht, weil damals alte und kranke Leute noch in der Familie bis zum Tod gepflegt wurden und der Allgemeinheit nicht auf der Tasche lagen? Ich sage das jetzt mal so ganz grob.

    Warum gerade jetzt? Wo doch eigentlich die Möglichkeiten durch sehr gute Medikamente gegeben sind, dass niemand mehr Schmerzen aushalten muß. Das gab es damals z. B. ja noch nicht. Da mußten die Menschen, die krank oder alt waren, wirklich viel leiden, weil es einfach keine Mittel gab zur Linderung. Aber hier in den reichen Industriestaaten spricht man von Sterbehilfe. Kommt das niemandem seltsam vor? Wenn das in den armen afrikanischen Ländern passieren würde, die nichts haben, auch keine Medikamente oder med. Versorgung, könnte ich das vielleicht noch irgendwie nachvollziehen. Aber dort redet seltsamerweise niemand von so etwas. Warum gerade hier, wo wir doch alles haben?

  5. Dennis sagt:

    @Christina: Weil wir früher bspw. eine andere Lebenserwartung hatten vielleicht? Außerdem – wer sagt Dir, dass man früher nicht Sterbehilfe in Anspruch genommen hat? Nur war man vielleicht damals nicht der Meinung, dass man dem Menschen das Recht auf Selbstbestimmung absprechen muss und man hatte ganz andere Probleme und hat diesen Aspekt vielleicht auch garnicht reguliert? Vielleicht hat man die Omma auch einfach irgendwann nicht mehr gefüttert, wenn man zwischen Kleinkind und kranke Omma abwägen musste?

    Auch die afrikanischen Länder haben ganz andere Probleme. Die brauchen keine Sterbehilfe, die haben sowas das nennt sich Abwesenheit von Medizin, da stirbt man an heilbaren Krankheiten einfach so. Da gibts keine Chemo, keine Medikamente die Aids aufhalten (keine=insignifikant wenig), wenig Antibiotika für Mandelentzündungen, Keuchhusten und was weiß ich. Da stirbt man einfach so, da stellt sich die Frage nicht.

    Wenn man mal auf Top 50 Länder mit der niedrigsten Lebenserwartung schielt sind die ersten 11 nur Afrikanische Länder, dann ein wenig Asien, dann wieder Afrika. Deren Lebenserwartung liegt ungefähr auf dem Niveau von 1871 bei uns, also bei ca. mitte 30. Da braucht man übrigens auch sich sonst über wenig Gedanken zu machen, bspw. über Altersvorsorge o.ä.

    Wir machen uns vermutlich deswegen Gedanken über das Thema, weil es tatsächlich Menschen gibt die sterben wollen und es nicht dürfen, weil ein Gesetz verbietet, dass ihnen jemand die helfende Hand reicht. Das ist wirklich unmenschlich.

  6. Thomas R. sagt:

    @Christina

    Sie fragen ja nur mal.
    Ich finde das, was Sie da schreiben, entweder zynisch oder sehr unüberlegt.

    Abtreibungen haben einen so geringen Einfluss auf die gesellschaftliche Überalterung, dass mir das Argument schon sehr weit hergeholt erscheint. Die zwei Faktoren, die einen viel größeren Einfluss haben, liegen doch auf der Hand:

    Erstens gab es eine Veränderung der Gesellschaftsstruktur, verursacht durch die geringere Sterblichkeit (vor allem von Kindern und, in Kriegszeiten, von Männern) und das Vorhandensein von Verhütungsmitteln. Die wirtschaftlich vernünftige Zahl von Kindern pro Familie liegt heute in der Größenordnung von 2. Vor zwei Generationen waren es noch eher 7.

    Zweitens hat sich die Lebenserwartung verändert. In den Sechzigern lag sie bei 70 Jahren, heute sind es 80. Als man noch mit 50 an einer Lungenentzündung gestorben ist und ein Herzstillstand den sicheren Tod bedeutet hat, war Sterbehilfe vermutlich wirklich noch kein relevantes Thema.

    Aber sie missverstehen vollkommen die Möglichkeiten moderner Schmerzmittel. Schmerzfreiheit für alle ist ein Zustand, der noch in weiter Ferne liegt. Es ist offensichtlich, dass Sie nichts wissen über das Elend schwerkranker Menschen kurz vor ihrem Tod. Hätten Sie Erfahrungen mit Palliativmedizin, dann würden Sie vermutlich erkennen, wie höhnisch Ihre Worte klingen in Anbetracht der vielen Menschen, für die Schmerzfreiheit ein unerfüllbarer Traum ist. Nicht irgendwo in Afrika, sondern hier in Deutschland.

    Und wenn ich dann höre, dass wir ja nur unsere Alten und Kranken umbringen wollen, weil sie uns zu teuer sind und weil wir ja schon aus bloßem Spaß an der Freude Babys abtreiben…

  7. Dennis sagt:

    Irgendwie hats Thomas entspannter geschafft…congrats.

Gib's mir!

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: