Warum Homophobiephobie unchristlich ist. Oder zumindest manchmal sein kann. Wenn sie schlecht gemacht ist. Ach was weiß ich, ist mir auch egal, ich lass das jetzt so.

Okay. Ich denke, wir sind uns einig, dass es genug Reaktionen auf die jüngste Menschheitsbeschämung von Herrn Matussek gab. Ich werde deshalb keine weitere hinzufügen.

Aber an Reaktionen auf die Reaktionen herrscht meines Erachtens noch ein gewisser Mangel, insbesondere an solchen, die Herrn Matussek verteidigen. Klingt nach einem Job für überschaubare Relevanz, oder?

Um die Menschheit zu beschützen!

Warum Homophobie unchristlich ist

will uns Lucas Wiegelmann erläutern, und dieses Unterfangen wirkt auf den ersten Blick schon so ulkig (nicht etwa, weil Homophobie meines Erachtens unbedingt christlich wäre, sondern eher, weil schon die Frage, ihr wisst schon, oder?), dass ich die Finger nicht davon lassen mag, auch weil der Teaser so schon mutig daherkommt:

Wer sich der Homophobie rühmt, verletzt nicht nur den Konsens der Gesellschaft. Er kann sich auch auf keine christlichen Grundsätze berufen.

Uiuiui, nicht wahr? Keine, schreibt er. Bis auf diese zahlreichen klar homophoben Ansagen in der Bibel, halt, aber wer zählt die schon? Das mit dem Konsens der Gesellschaft würde ich übrigens auch sehr in Zweifel ziehen, aber hier gilt das gleiche wie für so ziemlich alle Meinungsstücke in so ziemlich allen mir bekannten Zeitungen: Wenn wir wahllos jede offensichtlich unfundierte Äußerung kritisieren wollen, sitzen wir morgen noch hier, und das kann ja nun wirklich keiner wollen. Konzentrieren wir uns also auf Wiegelmanns Kernaussage.

[Die Frage, ob Homophobie gut oder schlecht ist,] ist von dem gesellschaftlichen Konsens eindeutig beantwortet worden und indirekt auch im Grundgesetz (Menschenwürde) geregelt.

Ähm. Okay. Na gut. Wenn er drauf besteht, dann also ganz kurz … okay, nur ein kleiner Rant-Exkurs, ja? Geht ganz schnell. Überspringt einfach den Capslock-Teil, wenn ihr mögt.

BOAH WIE MICH DIESER MENSCHENWÜRDEQUATSCH AUFREGT! HERR WIEGELMANN, SIE MEINEN DAS DOCH NICHT ERNST, ODER? UND SOGAR WENN SICH DIE IDEE, ART. 1 ABS. 1 GG ENTHALTE EINE KLARE AUSSAGE ZUM THEME HOMOPHOBIE, IRGENDWIE VERTRETEN LIESSE, DANN WÜRDE DER SPASS DOCH SPÄTESTENS DA AUFHÖREN, WO SIE ZU BEHAUPTEN VERSUCHEN, DAS GRUNDGESETZ (ODER DER GESELLSCHAFTLICHE KONSENS) WOLLE ODER KÖNNE ODER WÜRDE REGELN, WAS GUT ODER SCHLECHT IST. VERFLIXT NOCH MAL, GEHTS DENN NOCH? HABEN SIE ECHT NIEMANDEN GEFUNDEN, DER IHREN KRAM MAL KURZ GEGENLIEST?

Ähem. Gerade wird mir klar, dass dies eigentlich der Post sein sollte, in dem ich freundlich und sachlich bleibe und nicht wieder meinen Menschenhass so raushängen lasse. Naja. Gut, das ist aber auch schwer manchmal. Aber ab jetzt. Versprochen. Also los:

Ich beginne die Umsetzung meines guten Vorsatzes gleich damit, Herrn Wiegelmann zugute zu halten, dass er Matusseks Standpunkt eindeutig als völlig indiskutabel bewertet. Das spricht für ihn.

Eher gegen ihn spricht vielleicht, dass er anscheinend eine Steinigung von Herrn Matussek nicht befürw…

Verdammt, jetzt geht das schon wieder los. Pardon. Jetzt aber, wirklich, ihr habt mein Ehrenwort. Wir setzen uns jetzt ganz ernsthaft und wohlwollend mit Herrn Wiegelmanns Auffassung auseinander, Homophobie lasse sich nicht durch christliche Grundsätze rechtfertigen. Also los:

Gewiss stimmt es, dass die katholische Kirche Homosexualität als Sünde ablehnt.

Äh. Moment. Was? Das … wäre mein Part gewesen, dachte ich. Also, Herr Wiegelmann, ich kann mich jetzt täuschen, aber das ist doch jetzt eigentlich so ein Satz, der ziemlich schlüssig das Gegenteil von dem belegt, was Sie behaupten, es sie denn, Sie wollen jetzt gleich …

Allerdings erwähnt derselbe Katechismus, gläubige Katholiken müssten sich hüten, homosexuelle Menschen „in irgend einer Weise ungerecht zurückzusetzen“.

Och nö. Och Herr Wiegelmann. Jetzt bin ich enttäuscht. Aber bestimmt werden Sie nicht …

Eine seiner [sc. des aktuellen Papstes] ersten Aussagen, die um die Welt gingen, war sein berühmter Kommentar zur verbreiteten Homosexualität in der Kirche: „Wenn jemand schwul ist und guten Glaubens den Herrn sucht – wer bin ich, über ihn zu urteilen?“

Herr Wiegelmann, war das wirklich nötig? Klar, nichts verpflichtet Sie, mir gegenüber Rücksicht zu nehmen, aber ich möchte schon gerne, dass Ihnen klar ist, wie sehr sie mir weh tun, wenn Sie mich zwingen, sowas zu schreiben:

[Atmet tief durch, beißt die Zähne zusammen, stellt fest, dass er so nicht sprechen kann, stellt dann fest, dass er gar nicht sprechen muss, damit Buchstaben auf seinem Bildschirm erscheinen, beißt noch fester die Zähne zusammen.]

Ihre Kritik an Herrn Matusseks Text ist vollständig unberechtigt und von vorne bis hinten verfehlt, was natürlich ziemlich das gleiche ist, aber ich denke, man kann es nicht redundant genug sagen, weil Ihre Kritik an Herrn Matusseks Text wirklich ausnahmslos danebengegangen ist. Er hat natürlich auch Unrecht, aber dadurch wird Ihr Artikel ja leider nicht besser.

Herr Matusseks Artikel benennt relativ klar, was er meint, wenn er sich als homophob bezeichnet:

In der Maischberger-Runde sprach ein Familienvater über seine Idealvorstellung einer Verbindung: Mann, Frau, Kinder, das klassische Modell

[…]

im Analogieschluss hatte er [Matusseks Freund] Homosexualität zu einem Handicap erklärt. Zu einer defizitären Form der Liebe.

[…]

Doch auch bei uns wackeln regelmäßig die Wände, wenn Kirchenleute, aber nicht nur sie, Präferenzen für den Normalfall von Ehe und Familie erkennen lassen.

und immer so weiter. Merken Sie, was da fehlt? Genau das, was Sie ihm vorwerfen. Die Forderung nach einer ungerechten Zurücksetzung. Und auch das Urteilen über den anderen Menschen, das Franziskus sich angeblich nicht anmaßt, findet sich in Matusseks Artikel explizit nicht. (Womit ich natürlich nicht sagen will, dass Matussek nicht vielleicht doch urteilt und ungerechte Zurücksetzung will, aber er hats halt nicht geschrieben, und auf das Geschriebene bezieht Herr Wiegelmann sich nun mal.)

Ich kenne mindestens einen, der dieser Liebesform anhängt, und der ist ein äußerst angenehmer, äußerst kluger Kollege. 

schreibt er, zwar über einen Sadomasochisten, den er aber in Analogie zu Homosexuellen heranzieht, und er geht sogar nicht weiter:

Nicht, dass die Veranlagung Sünde wäre – ich glaube, der liebe Gott liebt alle seine Geschöpfe. Doch ich glaube auch an die Polarität der Schöpfung und daran, dass es für Kinder wichtig ist, diese Polarität zu erleben.

Und damit ist Matussek, sogar zu ihm will ich heute fair sein, auch wenn er es nicht verdient hat, in Anbetracht des schauderhaften Bullshits, den er so von sich gibt, konsequenter als Papst Franziskus, der meint, irgendwie das merkwürdige Kunststück fertigbringen zu können, einen Menschen der Sünde zu bezichtigen – also einer Verfehlung gegen die Wahrheit, die Vernunft und das rechte Gewissen, und bis zur Verachtung Gottes gesteigerter Selbstliebe – und gleichzeitig nicht über ihn zu urteilen.  (Andererseits verstolpert er sich natürlich auch ganz arg mit seiner These, homosexuelle Veranlagung könne keine Sünde sein, weil sein Gott ja alle seine Geschöpfe liebe, denn wenn es danach ginge, gäbe es ja überhaupt kein Sünde, aber auch hier können wir es uns nicht leisten, in detaillierte Kritik einzusteigen. Außerdem muss ich natürlich eingestehen, dass ich nicht weiß, wie Matussek zum Handeln nach der Veranlagung steht, und es eigentlich auch gar nicht wissen will.)

Matussek schreibt, dass er heterosexuelle Beziehungen für besser, richtiger, schöner, gesünder, wasweißichwasfüreinenQuatschersichhaltzusammenfiebert, hält als homosexuelle. Das ist Bullshit, und schlimmer Bullshit. Umso ärgerlicher, dass Sie es nicht schaffen, das zu kritisieren, wenn Sie sich mit seinem Text auseinandersetzen, sondern sich was anderes ausdenken, das Sie stattdessen kritisieren, und das sogar noch schlecht.

Sie haben einen Strohmann angegriffen, Herr Wiegelmann. Und sogar gegen den haben Sie bestenfalls einen knappen Punktsieg errungen, wenn überhaupt. Matussek hingegen steht von Ihrer Kritik gänzlich unberührt da. Und das ist schade. Der Text von Herrn Matussek ist nicht besonders klug, aber anscheinend doch geschickt genug, um Sie in die Falle zu locken, und Sie dazu zu bringen, die Sache zu beschädigen, die Sie (mutmaßlich) verteidigen wollen, und das ist … ja. Schade, halt.

Weil Sie damit Herrn Matussek in seinem Ansinnen unterstützen, sich als Opfer ungerechter Vorwürfe darzustellen.

Weil Sie damit den Eindruck erwecken, die Position seiner Gegner sei so schwach, dass sie sich nur an ihre eigenen Strohmänner herantrauen, aber vor Matusseks argumentativer Brillanz zurückschrecken.

Und weil Sie damit prominenten Platz und Aufmerksamkeit beanspruchen, die stattdessen für gute Argumente, eine durchdachte, sinnvolle Position, oder zumindest für was Unterhaltsames oder sonstwie Gutes hätte genutzt werden können.

Und wenn das nicht unchristlich von Ihnen sein soll, dann weiß ich auch nicht.

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2 Responses to Warum Homophobiephobie unchristlich ist. Oder zumindest manchmal sein kann. Wenn sie schlecht gemacht ist. Ach was weiß ich, ist mir auch egal, ich lass das jetzt so.

  1. Muriel sagt:

    Oh, da ist ja ein Kommentar. Danke. Ich freu mich, wenn Leute an mich denken, und den Artikel schau ich mir auch mal an.

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