Klassenfeindclown

Die Zeit der Familienfernsehabende ist vorbei. Und die Zeit der harmlosen Wetten auch. Gewettet wird heute nicht im Fernsehstudio auf kleine Kunststücke, sondern an den Finanzmärkten auf den Kollaps von Staaten. Topp, die Wette gilt!

schreibt Michael Hanfeld in der FAZ [via Altpapier, denn freiwillige lese ich Hanfelds Kram nicht], und ich fand diese Idee gleich auf Anhieb so charmant, dass ich gerne eine entsprechende Show für euch pitchen möchte. Ein angemessener Sendeplatz wird ja demnächst frei, wenn ich alles richtig verstehe. Ob die Sendung dann tatsächlich unter dem obigen Arbeitstitel erscheint, oder unter einem ZDF-zielgruppentauglicheren wie „Spekulieren, dass..?“ oder ganz kuschelig „Unser Ulli“, würde ich den verantwortlichen Gremienkonferenzvorsitzendenkonferenzvorsitzendenassistentenstelldicheinschriftführern überlassen, oder gerne auch jemand anderem, falls die Gremienkonferenzvorsitzendenkonferenzvorsitzendenassistentenstelldicheinschriftführer dafür gar nicht zuständig sein sollten.

Zur Sache:

[Jingle, computeranimiertes Logo, Kamerafahrt durch applaudierende leicht übergewichtige weiße Männer im Alter von Ende Vierzig bis Anfang Siebzig, alle tragen Fracks, Monokel und Zylinder. Hin und wieder lockert eine leicht bekleidete blonde Sekretärin das Bild des Publikums auf.]

ANSAGER: „… und hier ist Ihr Moderator: Ulli Hoeneß!“

[Weiter die Erkennungsmelodie. Ich denke an „Money Money Money“, „Material Girl“, „Diamonds are a Girl’s Best Friends“ oder falls wirs ein bisschen Indie wollen „My Conservative Girlfriend„.]

HOENEß: „Einen wunderschönen guten Abend auch an die Millionäre vor den Geräten zu Hause sowie natürlich unser Studiopublikum hier in Frankfurt! Wie immer beginnen wir mit der Saalwette, und die kommt heute von Herrn Paul R. aus B. und lautet: „Wetten, dass die Stadt  Frankfurt es nicht schafft, einhundert Pleite-Griechen ins Studio zu locken, die sich von euch mit alten Drachme-Scheinen bewerfen lassen und dabei die deutsche Nationalhymne singen?“ Na, das wollen wir doch mal sehen. Also, wenn Sie einer von diesen faulen Gierschlunden sind, schauen Sie doch mal schnell vorbei, dann geben wir Ihnen Ihre komischen Hottentottenwährung zurück, und Sie können uns in Ruhe unsere schöne EU machen lassen, wie wär das?

Hier eingespielt sehen Sie mich gerade übrigens beim Anzünden eines Asylantenheims bei Rostock – Sie erinnern sich, die Saalwette letzte Woche hatte ich verloren. War gar nicht so einfach, und ich fürchte, die meisten Bewohner sind entwischt, aber mit ein bisschen Übung wird das bestimmt noch besser.

Und meine Damen und Herren, wie immer haben wir natürlich auch Stargäste. Meine Damen und Herrn, bitte begrüßen Sie Don- oh, schadeschade, gerade höre ich, Donald Trump kann heute leider doch nicht, Flugzeug verspätet, Sie kennen das, aber immerhin dürfen wir heute Abend hier im Studio begrüßen: Herrn Roland Berger!

[…]

HOENEß: Und, Herr Berger, was wären Sie bereit zu tun, wenn Herr Ackermann es nicht schafft, wie er angekündigt hat, die Arbeitslosenquote in Spanien innerhalb eines Abends um 10 Prozentpunkte zu steigern, einfach nur indem er eine lachhaft billige Put-Option über Santander-Aktien herausbringt und gegenüber den richtigen Leuten durchblicken lässt, der Vorstand würde bald eine ad-hoc-Mitteilung herausgeben?“

BERGER: „Hm… Also, da müsste ich…“ [fummelt nervös in seiner Hostentasche herum und fischt sein Smartphone heraus] „Also, da lassen sie mich doch kurz mal …“ [entsperrt das Display und tippt darauf herum, murmelt:] „Ja, genau alle verkaufen… So. Okay. Ähm ja, also, ich denke, das ist eine sehr schöne Idee und ich glaub auch, dass der Josef das schafft, der macht auf mich einen sehr fitten und gewieften Eindruck. Ich sag, der kriegt das hin, und falls nicht, werd ich … werde ich … Ich weiß, ich weiß: Ich übernehme für einen Abend so einen grässlich würdelosen Moderationsjob in einer Gameshow und ertrage den Rest meines Lebens lang die Verachtung meiner Familie und Freunde und jedes-“

HOENEß [hüstelt, legt eine Hand auf ROLAND BERGERS Knie]: „Na gut, Herr Berger, ich denke das lassen wir gelten, also Topp, die Wette gilt!“

[eineinhalb Stunden später]

HOENEß: Und nun, meine Damen und Herrn, kommen wir zu einem weiteren Highlight dieses Abends: der Kinderwette. Und worum es sich dabei heute dreht, das erzählt Ihnen der kleine Mark am besten mal selbst. Mark, was ist deine Wette?

[Kamerafahrt entlang einer von riesigen Kastanien gesäumten Allee, schwenk nach links auf ein langsam aufschwingendes riesiges goldenes Tor, dann eine weitere, noch breitere, von noch riesigeren Nordmanntannen gesäumten Allee hinauf bis zu einer Auffahrt, deren Fläche ungefähr der des Times Square entspricht und die zu zwei Dritteln mit riesigen SUVs, schnittigen Sportwagen und natürlich ebenfalls riesigen schwarzem Limousinen mit geschwärzten Scheiben bedeckt ist, dann durch eine langsam aufschwingende riesige weiße Doppelflügeltür in eine riesige Eingangshalle aus griechischem Marmor – jeder weiß, dass man den italienischen vergessen kann – und eine riesige Wendeltreppe mit goldenem Geländer empor, einen in dunklem Holz getäfelten Flur entlang, dessen Wände mit sehr aufwändigen Gemälden behängt sind, schließlich rechts herum, vorbei an einem livrierten älteren Herren, der sich andeutungsweise verneigt, während er uns die Tür öffnet, durch den Vorraum mit der Garderobe, hinein in ein riesiges lichtdurchflutetes Zimmer, auf dessen griechischmarmornen Fußboden inmitten von Achterbahnen, Karussells, Klettergerüsten, Rutschen, elektrisch betrieben Kinderautos, -motorrädern, -feuerwehrfahrzeugen, -kutschen, -flugzeugen, -space-shuttles und -todessternen ein ungefähr achtjähriger Junge in einem schwarzen Anzug mit rotem Einstecktuch und dunkelblauer Fliege schneidersitzt und freundlich und ein kleines bisschen spitzbübisch zu uns hinauf lächelt. Sein Scheitel ist ein kleines bisschen unregelmäßig, um anzudeuten, dass er nur so streberhaft aussieht und es in Wahrheit, wie sagt man?, faustdick, ihr wisst schon.]

DER KLEINE MARK: Hallo! Ich bin Mark, und wenn ich nicht gerade zur Schule gehe oder mich mit meinen Freunden zum Skifahren in Davos treffe oder zum Surfen am Waimea Beach, oder zum Inlineskaten am Sunset Boulevard, oder zum Shoppen in New York, oder zum Pennerklatschen in Moskau, dann kaufe ich gerne Ramsch-Staatsanleihen ganz billig ein, um sie dann noch billiger wieder zu verkaufen, damit Panik ausbricht und die Refinanzierung des Staatshaushaltes von so Ländern wie Griechenland oder Portugal …“

Ja gut. Mehr ist mir nicht eingefallen. Beziehungsweise, mir wäre noch mehr eingefallen, aber ich hatte nicht den Eindruck, dass es lustiger wird, wenn ich das sympathische Konzept ohne orginelle Zusatzideen noch über Stunden auswalze, weil ich Enden und Pointen sowieso nie besonders mochte, dachte ich, ich höre einfach auf. Falls es euch da anders geht, bitte ich um Entschuldigung. Nächstes Mal vielleicht wieder.

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