Wie wir sie kennen, Zug 5

Ich komme zurzeit aus dem Umentschuldigungbitten nicht so richtig raus, ne? Aber ist ja auch ein sympathischer Zug, sagt man. Ich glaub, ich komm damit klar. Und zumindest hier gelobe ich auch konkret Besserung, nicht nur Bemühen. Wir (im Sinne von im Wesentlichen ich) haben unser Rollenspiel in den letzten Monaten sehr vernachlässigt, aber es ist immerhin nie ganz eingeschlafen, auch wenn davon wenig nach außen durchgedrungen ist. Aber jetzt habe ich immerhin ein neues Kapitel für euch, und gelobe auch das nächste spätestens bis Ende Mai, falls nicht noch große Katastrophen stattfinden. Das mag nicht so besonders beeindruckend klingen, als Gelöbnis, aber wenn ihr bedenkt, dass das letzte Kapitel (das ihr vielleicht noch mal lesen wollte, um euch in Erinnerung zu rufen, was zuletzt passiert ist) ziemlich genau ein halbes Jahr zurück liegt, dann ist es eine dramatische Verbesserung gegenüber dem bisherigen Verfahren. Und wenn ihr mich fragt, dann sage ich zumindest immer noch, dass die Qualität und der inhaltliche Unterhaltungswert der ganzen Sache nach wie vor ganz ganz exquisit ist und mich insbesondere auch die schriftstellerische/rollenspielerische Leistung meiner Mitspielerinnen immer wieder beeindruckt.

Ich hoffe, ihr wisst das zu schätzen.

Undankbares Pack.

Cléo, David, Vera

Die Soldaten reagieren auf keine der Fragen und Wünsche der Zivilisten, auch nicht auf den Mann im schwarzen Anzug, der sagt:

„Wenn Sie das Kaninchen mitnehmen, könne Sie es für eine Kontrolluntersuchung gebrauchen. Der Mann lebt mit dem Tier zusammen, deswegen trägt es die gleichen Keime wie er. Das Labor wird Ihnen dankbar sein, wenn Sie …“ Er seufzt resigniert, als ihm klar wird, dass niemand ihn beachtet, und wirft David einen bedauernden Blick zu.

Die Soldaten führen euch zu dem Panzer. Der Motor des riesigen Fahrzeugs läuft mit einem bemerkenswert tiefen und lauten Brummen. Einer der Soldaten tritt ein paar Schritte zur Seite und spricht mit seinem Funkgerät. Einer der beiden anderen hustet gedämpft und seine Schutzmaske, murmelt „Ach Scheiße“, nimmt sie ab und hängt sie an sein Koppel.

Nachdem der Anführer das Funkgespräch beendet hat, öffnen die Soldaten die Klappe am Hinterende des Panzers und führen euch hinein. Keiner von ihnen kommentiert die fehlende Schutzmaske. Sie weisen euch an, euch auf die unbequemen Bänke zu setzen, und das Fahrzeug setzt sich in Bewegung.

David spricht zu Beginn des Transports alle beteiligten Soldaten auf die Theo-Problematik an oder bittet zumindest um die Möglichkeit, Bekannte anrufen zu können, damit sie sich um ihn kümmern, allerdings zunehmend halbherzig und mit einem wachsenden Gefühl der Albernheit und Unangemessenheit.

Trotzdem fühlt er eine seltsame Dankbarkeit gegenüber dem Mann im schwarzen Anzug, der immerhin einen Versuch gemacht hat zu helfen.

Andererseits hat Theo vielleicht in einem unabgeschlossenen Café, das vielleicht jemand aufmacht, um es zu pündern, mehr Überlebensschancen als in einem Labor?

David lacht leise, als ihm auffällt, daß er sich im Moment an einem Punkt ist, wo ihm etwa gleich wahrscheinlich vorkommt, nach einem Routinecheck in ein paar Stunden wieder zuhause zu sein, oder in irgendeinem Quarantäneknast zu verenden.

Da keiner von euch auf seine Uhr schauen kann, sogar wenn ihr welche tragt, wisst ihr nicht genau, wie lange es dauert, bis es schließlich wieder stehen bleibt, aber es kommt euch vor wie mindestens eine halbe Stunde, vielleicht viel mehr.

Die Klappe öffnet sich wieder und ihr werdet durch eine praktisch leere Tiefgarage durch einen von Leuchtstoffröhren erhellten Betongang zu einer stählernen Tür geführt, die von einem weiteren (Im Sinne von: noch einem. Vom Körperbau ist er ähnlich wie die anderen.) Soldaten bewacht wird. Der Anführer eurer Gruppe spricht kurz mit diesem, dann öffnet er die Tür und ihr werdet hinein gestikuliert.

Hinter der Tür erwartet euch ein weiterer Betonraum mit Röhrenbeleuchtung, sechs Feldbetten mit zusammengerolltem Bettzeug am Fußende, zwei Banken und einer Toilette an der Wand, ohne Tür oder Sichtschutz, neben einem matt glänzenden metallenen Waschbecken, das offenbar als einzige Einrichtung hier vor Kurzem neu angebracht wurde.

„Bitte warten Sie hier“, sagt der Soldat. „Sie werden so bald wie möglich bald untersucht, damit wir Sie den richtigen Testgruppen zuweisen können.“

Die Tür schließt sich hinter euch.

Auf einem der Feldbetten sitzt ein vielleicht sechzehnjähriges Mädchen in einer ausgeblichenen fleckigen Jeans, die zum größeren Teil aus Löchern zu bestehen scheint und einem schmutzigen schlabberigen Wollpullover mit einem „Anarchy no rules OK!“, einem „Eat the Rich!“, einem Guevara- und einem Tibet-Button dran. Es trägt ein großes silbernes Piercing in der Unterlippe, je ein kleineres mit einem glitzernden Stein im rechten Nasenflügel und der linken Augenbraue, und unzählige kleine Ringe in ihrer Ohrmuschel. Seine nicht besonders fachmännisch schwarz gefärbten Haare sind offensichtlich von Natur aus blond und fallen zwar bis auf ihre Schultern herunter, sind aber an den Schläfen auf wenige Millimeter geschoren.

„Toll“, murmelt das Mädchen unter der offensichtlichen völligen Abwesenheit jeder Art von Freude. „Gesellschaft.“

„Freut mich, ganz meinerseits“, schnaubt Cléo. Sie setzt sich auf eine der Bänke – die Feldbetten wirken ihr zu wackelig – und reibt ihre schmerzenden Handgelenke, danach die Schultern, die irgendwann im Verlauf der Fahrt begonnen haben, sich zu verkrampfen. Ihre Laune ist gerade so übel, dass sie sich nicht einmal Sorgen über die Stichworte „Untersuchung“ und „Testgruppen“ macht.
Vera lässt sich mit einem gequälten Seufzer auf die andere Bank fallen und mustert die junge Frau. Sie wirkt nicht so, als wäre sie an einem Gespräch interessiert. Gut so, geht Vera auch nicht anders. Gedankenverloren massiert sie ihre Handgelenke und lässt den Blick über die nackten Wände schweifen.

David ist das Mädchen seltsam sympathisch, auch ihre Laune kommt seiner ziemlich nahe. Er nickt ihr kurz zu. Zum Sitzen ist er zu unruhig, also stellt er sich in eine Ecke und versucht, nicht zu sehr hin und herzuhippeln, in der plötzliche Stille hört man jede Bewegung.

Das Gezappel am Rande ihres Blickfeldes macht Cléo beinahe wahnsinnig. „David“, zischt sie leise, „Kannst du nicht mal stillhalten?!“
David murmelt irgendwas von „nicht okay“ „stillhalten bringt uns auch nicht weiter“ und kickt abschließend nochmal gegen die Wand, stößt sich dabei höllisch den Zeh an, ist aber zu stolz, sich das anmerken zu lassen und steht mit festgefrorenem Gesichtsausdruck regunglos für eine Minute da. Dann setzt er sich doch vorsichtig auf eines der Feldbetten, halb in der Erwartung, daß es mit ihm in der Mitte zusammenklappt. Was es erfreulicherweise nicht tut.

Nach einer guten Stunde tendenziell unangenehmen Schweigens und gelegentlichen, in der Stille sonderbar lauten und irgendwie peinlichen kleinen Bewegungen und Gewichtsverlagerungen öffnet die Tür sich wieder. Ein junger Soldat mit einem blauen Barett schiebt einen Rollwagen mit Tabletts in den Raum, während zwei grimmig dreinblickende Kameraden mit grünen Baretts und Gewehren die Tür versperren.
„Guten Abend“, sagt er, schaut unsicher vom Boden zur Wand zur Decke zu seinem Rollwagen zu seinen Kampfstiefeln zur Tür zu seinen Stiefeln zum Rollwagen.

„Wir …“ Er unterbricht sich und hustet in seine Ellenbogenbeuge. „… bedauern, dass Ihre Untersuchung sich noch bis morgen verschieben wird. Wir mussten den …“ Noch ein Husten. „Zeitplan ändern, um auf aktuelle Ereignisse einzugehen. Ich bringe Ihnen Ihr Abendessen. Sollten Sie besondere Anforderungen an Ihre Ernäherung haben, zum Beispiel Allergien oder religiöse Ernährungsvorschriften, lassen Sie mich bitte wissen, damit ich … sie berücksichtigen kann.“ Er hustet wieder, und schnieft, und beginnt dann, Tabletts auf die Betten zu stellen.

Es sind billige Aluminiumtabletts, auf denen zwei Scheiben Graubrot, eingeschweißtes Knäckebrot, eine Kunststoffschale mit Butter, zwei Scheiben Wurst, zwei Scheiben Käse, ein Apfel und ein leerer Kunststoffbecher stehen.
Nachdem er alle verteilt hat, nimmt er noch zwei Kannen von seinem Rollwagen und stellt sie nach einem ratlosen Blick in den Raum vor sich auf den Boden.
„Früchtetee“, sagt er. „Wasser … bekommen Sie ja aus der Leitung.“
„Das ist nicht euer fucking Ernst, oder?“ fragt das Mädchen. Sie klingt dabei eher müde und wirklich ungläubig als wütend. „Was … ist denn das hier alles? Warum sind wir hier? Was ist euer Plan? Was für eine Scheiß-Untersuchung soll das denn sein, auf die wir hier warten? Wir sind gesund! Du gehörst untersucht, du tarnfarbene Witzfigur!“

Während sie sich in Rage redet, steht sie auf und zeigt auf den jungen Soldaten mit dem blauen Barett, der unwillkürlich einen Schritt vor ihr zurückweicht.

„Und das nennt ihr hier Essen?!“, sagt Cléo nach einem angewiderten Blick auf das Tablett, steht ebenfalls auf und stellt sich in die Nähe des Mädchens. „Was Sie hier machen, ist Freiheitsberaubung, und außerdem sollten Sie hier drin sitzen und nicht wir, denn Sie haben auf jeden Fall den übelsten Husten von uns allen!“ Sie geht ebenfalls ein Stück auf den Soldaten zu und bleibt dann stehen. Die Schränke an der Tür sehen nicht so aus, als würden sie sie am Stück durchlassen. Sie brauchen auf jeden Fall einen Plan.

Der Soldat im blauen Barett weicht noch einen Schritt zurück, murmelt irgendwas, fügt ein unentschlossenes: „Guten Appetit?“ hinzu und verlässt den Raum. Einer der beiden anderen schließt die Tür und ihr hört, wie sie abgeschlossen wird.

Nach einem sehr dezenten Räuspern sagt der Mann in dem Anzug, ohne dabei irgendwen konkret anzusehen: „Wir sind nicht hier, weil die glauben, dass wir krank sind. Wir sind hier, weil die glauben, dass wir immun sind.“

Vera blickt erstaunt auf. „Sind Sie sicher? Woher wissen Sie das?“ Sie fixiert den Anzugträger misstrauisch. „Haben Sie irgendwas mit denen zu tun? – Und was sollte eigentlich das Theater vorhin im Café?“

David rückt interessiert näher und schaut den Mann auffordernd an. Er fühlt sich seltsam erleichtert; das ist eine sinnvollere Erklärung, und er kann besser mit Situationen umgehen, in denen er die Interessen der Gegenseite zu verstehen glaubt, als wenn er den Eindruck hat, von Dummheit zermahlen zu werden.

„Oh“, sagt Cléo tonlos. Sie hat diese Grippewelle nie ernst genug genommen, um auf die Idee zu kommen, dass bereits so viele krank sind, dass es sich eher lohnt, die Gesunden einzusammeln, als die Angesteckten in Quarantäne zu bringen. „Aber das heißt ja dann, wir sind sowas wie… wie… der Affe in `Outbreak`?“
Das schlecht gelaunte Mädchen kniet sich zu den Tabletts hinunter, zieht die Folie von einem und fingert in den Lebensmitteln darauf herum, offenbar in der Hoffnung, irgendetwas Verwertbares dabei zu finden. Offenbar vergeblich.

„Ob ich was mit denen zu tun habe?“ fragt der Mann, eher nachdenklich als defensiv. „Nicht direkt, nein. Ich hab nur von dem Plan gehört. Welches Theater meinen Sie? Als ich so tat, als wäre ich krank? Können Sie sich das wirklich nicht denken?“

Er betrachtet Vera dabei sachlich abschätzend, als wäre sie ein Büromöbelstück, für das er einen angemessenen Preis als Verhandlungsbasis vorschlagen will.

Das Mädchen seufzt leise und schaut auf das Durcheinander aus durchwühlten Brot- und Aufschnittscheiben auf ihrem Tablett. Ihr Gesichtsausdruck zeigt dabei eine merkwürdig intensive Mischung aus Frustration und Unglück.

Vera ignoriert das Gehabe. „Plan? Nun reden Sie schon.“

Seine Brauen ziehen sich zusammen und sein Kopf zieht sich einen Stück zurück.

„Was wollen Sie hören?“ fragt er. „Wenn Sie glauben, da ist noch mehr, dann kennen Sie unsere Regierung aber schlecht. Gesunde Menschen werden untersucht, um zu ermitteln, was die Immunität verursacht, und möglicherweise einen Impfstoff zu gewinnen. So schlicht, so dumm. Aber zumindest können sie hinterher sagen, sie hätten nicht tatenlos dagestanden.“

Inzwischen zu genervt, um auf irgendwelche Befindlichkeiten ihrer Mitgefangenen Rücksicht zu nehmen, fährt Vera ihn an „Vermuten Sie? – Oder wissen Sie aus sicherer Quelle?“

Er tritt einen Schritt zurück und schüttelt mit entgeistertem Gesichtsausdruck seinen Kopf.

„Weiß ich“, sagt er, „Und Sie wissen es auch. Was glauben Sie denn, warum wir hier sind, um Himmels Willen? Was wollen Sie denn von mir hören?“

„Mann jetzt seien Sie nicht so ein Arschloch, wie Sie es sonst offensichtlich immer sind, und erzählen Sie!“ murmelt das Mädchen vom Fußboden aus, ohne in seine Richtung zu schauen. „Sie wussten es doch offenbar von Anfang an, und jetzt sagen sie ihr, woher.“

Er verdreht die Augen und verschränkt die Arme vor der Brust.

„Weil Frau Prüfer-Storcks heute Vormittag mit mir drüber gesprochen hat“, sagt er.

Nach einem kurzen Seitenblick auf das Mädchen wendet sich Vera wieder dem Mann zu. „Eben. Und Frau Prüfer-Wasauchimmer ist bitte wer?“

Sein Gesichtsausdruck wird immer verwirrter. Er scheint sich gerade zu fragen, ob Vera ihn auf den Arm nimmt.

„Ihre Senatorin für Gesundheit und Verbraucherschutz. Ich dachte, Sie wären aus Hamburg.“

„Nur weil ich in Hamburg wohne, muss die hiesige Politik mich nicht zwangsläufig interessieren.“ Vera seufzt. “Ihre Informationen sind also relativ verlässlich. Wir hätten uns sinnvollerweise krank stellen sollen.“ Sie sackt auf Bank in sich zusammen und massiert ihre Schläfen. „Verdammt, ich will hier raus.“

„Es hat nicht zufällig irgendjemand eine Idee?“ sagt sie nach einer Pause zur gegenüberliegenden Wand.

David zuckt mit den Schultern.

„Wir können uns natürlich immer noch krank stellen, wenn wir es nicht eh bald werden, bei dem ganzen offensichtlich angesteckten Personal, das die hier haben. Dann sind wir wahrscheinlich uninteressanter, aber daß man uns dann wieder rausläßt, bezweifle ich.“

Er steht auf und wackelt halbherzig und eher thetralisch an der Tür und klopft mit der Faust die Wand ab.

„Oder wir graben mit unseren Blechlöffeln einen Tunnel.“ Er grinst schief in die Runde.

Etwas unsicher grinst Cléo zurück.
„Ich glaube nicht, dass krank stellen funktionieren würde“, meint sie dann nachdenklich. „Immerhin müssten wir dann Fieber oder sowas simulieren. Aber vielleicht kriegen wir was anderes, ganz furchtbare Kopfschmerzen und Bauchkrämpfe? So furchtbar, dass vielleicht ein bisschen Verwirrung entsteht, und, äh… naja, dann ergibt sich vielleicht was.“ schließt sie lahm.

Der Mann im Anzug seufzt und schüttelt seinen Kopf.

„Die gehen davon aus, dass wir immun sind. Das würden sie uns nicht abkaufen. Und alles andere ist ihnen wahrscheinlich jetzt egal.“

„Die Tür würd ich aufkriegen“, sagt das Mädchen, ohne von dem Tablett auf dem Boden aufzublicken. „Aber das würde uns ja auch nichts nützen. Können Sie nicht Ihre Senatorin anrufen, Sie Business-Hengst, Sie? Die hat uns doch bestimmt im Nullkommanix hier raus.“

Er schaut mit einem Lächeln zu ihr herab, wie man es üblicherweise aufsetzt, wenn man bei Freunden zu Besuch ist, die unhöfliche kleine Kinder haben, und diese dann etwas sehr Beleidigendes von sich geben, man aber kein Armleuchter sein und trotzdem weiterhin freundlich zu ihnen sein will.

Vera wirft dem Mann einen genervten Blick zu – grässlich herablassende Art – und verbirgt ihr Gesicht mit einem weiteren Seufzer hinter ihren Händen.

Resigniert lässt sich Cléo etwas bequemer auf die Liege sinken, die dies mit einem fürchterlichen Knarren quittiert. Ihr fallen keine sinnvollen Ausbruchsmöglichkeiten mehr ein, und je mehr sie sich allmählich beruhigt, umso mehr drängt sich ein neues Problem in ihr Bewusstsein: früher oder später wird sie die nicht sichtgeschützte Toilette benutzen müssen. Das hat sie davon, brav ihre täglichen zwei Liter zu trinken. Um sich von dieser unerfreuliche Aussicht noch eine Weile abzulenken, versucht sie, ihre Zellengenossen in ein Gespräch zu verwickeln und richtet ihre Aufmerksamkeit zunächst auf die freundliche Orchideendame. „Ähem. Wir haben uns vorhin ja kurz im Café unterhalten, aber ich weiß ihren Namen noch gar nicht…? Und wenn wir hier schon zusammen festsitzen, müssen wir uns ja nicht mehr mit „Hey, Sie da“ anreden.“
Vera blickt auf und bemüht sich, ein freundliches Gesicht aufzusetzen. So ganz gelingt es nicht. „Vera. Vera Martens.“ bringt sie schließlich heraus – und merkt selbst, dass ihr halbes Lächeln ziemlich gequält ausfällt. „Und Sie sind vermutlich Cléo?“

„Genau.“ Angesichts von Veras Gesichtsausdruck beschließt Cléo, dass es vielleicht doch nicht der richtige Zeitpunkt für eine Kennlernrunde ist, setzt nochmal kurz ihr bestes Gästelächeln auf und schließt sich dann wieder dem allgemeinen Schweigen an.

David kaut eine Weile nachdenklich auf seinen Fingernägeln, dann fragt in Richtung des Mädchens „Echt, Du würdest die Tür aufkriegen? Cool.

Wie? Woher kannst Du das?“

„Etienne Groß“, sagt der Mann in dem Anzug noch, bevor Schweigen einkehrt und David seine Frage stellt.

Jessica schaut David kurz nachdenklich an, bevor sie die Schultern zuckt und ihren Blick wieder abwendet.

„Ist’n ganz einfaches Zylinderschloss, da braucht man nicht mal spezielles Werkzeug für …“ murmelt sie

David würde an diesem Punkt sofort jeden Blödsinn mitmachen, zum Beispiel aus Spaß die Türe auf, oder ein Kindergarten-Kennenlernspiel, aber er hat das Gefühl, niemand will mit ihm reden, und will keine peinlichen Vorschläge machen.

„Und wie?“ Vera wirft dem Mädchen einen interessierten Blick zu. Wäre wirklich nicht schlecht, hier rauszukommen.  Das Eingesperrt sein setzt ihr inzwischen so zu,  dass sie auch zu sinnlosesten  Aktionen bereit wäre.

Bevor Jessica antworten kann, sagt Etienne Groß:

„Sie hat doch schon ganz richtig gesagt, dass es uns nicht weiterbringt. Die Tür wird bewacht, draußen im Flur war eine Kamera. Wenn wir hier ausbrechen, handeln wir uns nur Ärger ein.“

Sie zuckt wieder die Schultern.

„Und wenn der Typ das sagt, der gerade vom Treffen mit der Frau kommt, die uns hier eingesperrt hat, muss er es jawohl am besten wissen, hm?“

„Naja“, sagt Cléo. „Sein erster Tipp, heute im Café, der war ja an sich nicht schlecht.“ Sie wirft Etienne einen finsteren Blick zu. „Wäre es ein richtiger Tipp gewesen, meine ich. Ich hab trotzdem keine Lust mehr, hier herumzusitzen. Wer kommt alles mit und guckt sich den Flur an? Mal sehen, wie weit wir kommen.“ Sie steht auf.
Vera setzt sich aufrechter hin und schaut erst den Kaninchenbesitzer und dann das schwarzhaarige Mädchen auffordernd an. „Versuchen wir’s.“

Etienne erwidert Cléos Blick unbeeindruckt, erwidert aber nichts und bleibt mit verschränkten Armen vor der Wand stehen.

Das Mädchen beginnt, mit den Nadeln im Schloss herumzufuhrwerken, zu biegen und zu drehen. Zwischendurch murmelt sie mal was von „… doch nicht so einfach …“, aber nach einer Zeit, die euch allen sehr lang vorkommt, wahrscheinlich aber 10 Minuten nicht überschreitet, klickt es schließlich, sie steht auf und drückt mit mühsam unterdrücktem Stolz im Gesicht die Klinke herunter.

„Voilà!“

Die Tür schwingt auf und gibt den Blick auf den leeren, röhrenbeleuchteten Flur frei, durch den ihr vorhin hereingekommen seid.

David hatte dem Lockpickingversuch zunächst interessiert zugeschaut, aber dann waren ihm allmählich keine neuen neugierig-ermutigenden Gesichtsausdrücke mehr eingefallen und er hatte das Gefühl, es mache sie nicht wirklich freundlicher und entspannter, wenn er ihr weiterhin in den Nacken atmet, während sie mit dem Schloß kämpft, und er hatte sich wieder aud ein Bett gesetzt.

Als das Schloß endlich aufgeht, springt er auf, verkneift sich in letzter Sekunde, ihr begeistert auf die Schulter zu klopfen, und steckt neugierig den Kopf aus der Tür, primär auf der Suche nach Wachen und Kameras.

„Danke!“, sagt Cléo zu Jessica. Es kommt ihr ein bisschen banal vor, angesichts der Tatsache, dass sie gerade zusammen aus einem unterirdischen improvisierten Labor ausbrechen. Dann gesellt sie sich zu David an der Tür. „Keiner da? Beeilen wir uns besser.“
Vera verfolgt das Geschehen mit zunehmender Ungeduld von ihrem Platz aus, geht aber nicht näher, um das Mädchen nicht noch zusätzlich nervös zu machen. Als die Tür sich endlich öffnet, stößt sie sich schwungvoll von ihrer Bank ab, schließt sich der Gruppe am Ausgang an und nickt der Schwarzhaarigen anerkennend zu.

„Gute Arbeit.“

Von der Tür aus wirft sie noch einen letzten Blick Richtung Etienne.  „Und was ist mit Ihnen?“

„Ich weiß nicht, ob die Sie wirklich erschießen“, sagt Etienne, „Aber ich finde es lieber von hier drinnen heraus.“

Das schwarzhaarige Mädchen folgt euch nach draußen, und schaut sich unentschlossen im Flur um.

„Links geht’s in diese Garage zurück, und da rechts ist ein Aufzug, wenn ich das richtig gesehen habe, oder?“

Außerdem seht ihr an der gegenüberliegenden Wand des Flures noch zwei weitere Türen.

Etwas unschlüssig betrachtet Cléo den Weg vor ihnen. „Von der Garage aus kommt man vielleicht einfacher nach draußen, die Ausfahrt sollte nicht bewacht sein. Beim Lift hätte ich eher Angst, dass wir irgendwo landen, wo wir uns nicht verstecken können. Was meint ihr?“

David macht einige vorsichtige Schritte den Flur entlang, um sich die zwei anderen Türen genauer anzuschauen.

„Die Tiefgarage scheint mir auch am sichersten.“  Vera schließt leise die Tür hinter sich und wartet ab, ob Davids Erkundung etwas Nützliches ergibt.

Das Mädchen nickt emphatisch. „Ganz klar die Garage.“

David wird erstmal eher nach Beschriftungen suchen und, wenn kein Schlüsselloch, an der Tür horchen. Aufmachen kommt ihm eher riskant vor.

Neben jeder Tür ist ein Schild an der Wand befestigt. Auf dem ersten steht „-2.3.4 Ausweichlager“, auf dem zweiten „-2.3.5 Reinigungsmittel“. Zu hören ist aus beiden Räumen nichts. Da das nicht sehr vielversprechend wirkt und die anderen offenbar konkrete Pläne haben, wendet er sich wieder dem Rest der Gruppe zu.

Cléo öffnet die Tür, und erschrocken seht ihr, als sie aufschwingt, direkt davor einen Trupp aus drei Soldaten, der eine Gruppe von vier Zivilisten führt. Zwei davon sind Kinder, ungefähr 3 und 6 Jahre alt. Die anderen beiden sind erwachsene Frauen, und im Gegensatz zu den Kindern sind ihre Hände mit Einwegfesseln an ihrem Rücken fixiert (Nicht, dass ihr die Fesseln selbst sehen könntet, aber da die Haltung recht eindeutig ist und ihr die Erfahrung schon selbst gemacht habt, gehe ich davon aus, dass ihr davon ausgeht.).

Eine der Frauen, eine junge schlanke Frau mit kurzen rabenschwarzen Haaren in Jeans und einem dunkelblauen Hoodie, schaut euch mit verheulten, weit aufgerissenen Augen an wie ein Reh, das um die Ecke biegt und überraschend vor Elmer Fudd steht. Ihr Mund formt lautlos unverständliche Worte, und sie stolpert zwei Schritte zurück, während sie mit einer kraftlos ausgestreckten Hand in eure Richtung zeigt.

Die andere, ungefähr Mitte 40, rund 1,70 groß, ein bisschen schlampig gekleidet, mit langen, etwas fettigen braunen Haaren, steht einfach nur mit hängenden Schultern verwirrt und resigniert da.

Die drei Soldaten, ihre Gesichter hinter Atemschutzmasken verborgen, stehen erst einmal weitgehend nur etwas unschlüssig da. Einer von ihnen murmelt etwas durch die Maske Gedämpftes, und ein anderer stuppst mit dem Lauf seines Gewehrs in den Rücken der jungen Frau, um sie daran zu erinnern, dass sie nicht zu weit zurück stolpern darf.

„Fuck!“ zischt Jessy.

David sagt sowas wie „Oh, fuck!“ und bereitet sich darauf vor, von den Soldaten irgendwie angegriffen zu werden.

Cléo starrt entsetzt auf die Soldaten und will instinktiv zurückweichen, überlegt es sich anders, wirft sich nach vorn und rempelt mit ihrer nicht unbeträchtlichen Masse den Soldaten an, der ihr am nächsten steht, und zwar so fest sie kann.

Vera hat absolut keine Lust, sich wieder einsperren zu lassen. Die Soldaten sind in der Unterzahl, vermutlich gesundheitlich angeschlagen – und sie sind gerade abgelenkt. Sie glaubt auch nicht wirklich daran, dass einer von ihnen tatsächlich schießen würde. Also nutzt sie den Tumult durch Cléos Aktion, schiebt sich an David und dem Mädchen vorbei  durch die Tür und rennt einfach los. Sie umrundet die Gruppe der Neuankömmlinge und biegt seitlich ab, um etwas Sichtschutz durch die Stützpfeiler der Tiefgarage zu haben.

David starrt einen Augenblick verblüfft auf all die plötzliche Beweng um ihn herum und seine plötzlich überraschend agilen Zellengenossinnen, dann auf die Soldaten und ihre Begleitung. Eine der Frauen kommt ihm vage bekannt vor, aber er kann sie auf die Schnelle nicht einordnen. Er schaut kurz beinahe entschuldigend den Soldaten an, der sie führt, und wirft sich mit unprofessionell gehobenen Fäusten gegen ihn, in der Hoffnung, daß dadurch die Frau ein bißchen Handlungsspielraum gewinnt und eine Lücke entsteht.

 

Nina

„Ist alles in Ordnung mit Ihnen?“ hört Nina die Polizistin fragen. Die junge Frau hat sich über sie gebeugt und eine Hand auf ihre Schulter gelegt. Sie scheint jetzt wieder viel gefasster als beim letzten Mal, keine Spur mehr von der Zerrüttung und den Tränen.

Es ist noch nicht ganz Morgen, aber vom Horizont steigt bereits ein orangeroter Schimmer in den dunkelblauen Himmel, und die Sterne sind auf dem Rückzug.

„Walter? Ben? Alex?“ Verwirrt wischt Nina sich über das Gesicht. „Da kommt etwas. Wir müssen weg von hier!“ Sie blinzelt und sucht mit ihren Augen sie Umgebung ab. „Das Geräusch. Es ist weg. Wo ist es hin?“

Der Blick der jungen Frau folgt Ninas, findet aber kein lohnendes Ziel.

„Wie? Was meinen Sie? Ich hab nichts gehört.“

„Ich hatte einen Traum.“ Ninas Stimme zittert etwas. „Es war nur ein Traum. Aber bevor ich eingeschlafen bin, waren die Sterne weg. Und es gab Durchsagen, ich habe aber nichts verstanden und…“ Nina schluchzt einmal kurz auf, fangt sich aber sofort wieder. „Ich glaube, die Kinder werden krank.“

Sie nickt ernsthaft.

„Und das alles nur wegen dieses verdammten …“

Jemand hämmert gegen die Tür. Sehr nachdrücklich, sehr laut, und offenbar nicht nur mit der Hand.

Erschrocken guckt Nina die Polizistin an. „Wer ist das?!“

„W… Woher soll ich das wissen?“

Ben und Alex tapsen schlaftrunken in das Zimmer und betrachten besorgt die Tür.

„Öffnen Sie!“ ruft jemand. „Dies ist eine Seuchenschutzmaßnahme im Sinne der gemäß SASchVO, und wir werden jeden Widerstand entsprechend § 9 I ahnden.“

Ninas Hände Zittern leicht, als sie langsam die Türe öffnet.

Vor der Tür stehen zwei Bundeswehrsoldaten in Flecktarnuniform. Ihre Gesichter sind fast völlig verborgen unter Gefechtshelmen und gespenstisch altertümlichen Atemschutzmasken, die beinahe wie aus einem Horrorfilm aussehen. Beide halten Gewehre in Vorhalte, aber immerhin nicht auf Nina gerichtet.

„Wohnt hier eine Jessica Wolff?“ fragt einer von ihnen.

Nina lacht. Die Situation überfordert die vollkommen, zu abstrus ist das, was ihr gerade widerfährt.

„Nein. Was wollen Sie überhaupt?“

Die beiden sehen einander kurz an, dann wenden sie sich wieder Nina zu.

„Sie passt aber zu der Beschreibung“, sagt der eine, offenbar zu seinem Kameraden.

„Wie viele Personen befinden sich in dieser Wohnung?“ fragt der zweite Nina.

„Welche Beschreibung?“ Nina guckt verwirrt. „Mein Name ist nicht Jessica  Wolff. Haben Sie überhaupt ein Recht, hier einfach vor der Tür zu stehen?“

„Unsere Maßnahmen sind durch § 7 SASchVO autorisiert. Sie können gegen Anweisungen zum Infektionsschutz beim Amt für Gesundheit und Verbraucherschutz schriftlich oder mündlich zur Niederschrift Widerspruch einlegen. Der Widerspruch hat keine aufschiebende Wirkung. Wie ist Ihr Name?“

Nina schnaubt erbost. „Mein Name ist Nina Schrödinger und Sie können sich jetzt aufschiebend zum Teufel scheren oder ich rufe die Polizei.“
Der Soldat lacht auf.

„Viel Glück damit. Bitte treten Sie von der Tür zurück, damit wir Ihre Wohnung inspizieren können.“

Nina fragt sich, wann genau ihr Leben es geschafft hat, noch beschissener zu werden als es ohnehin schon ist. Sie erwägt, die Wohnungstür einfach zuzuwerfen, hat aber Angst vor dem, was dann passieren könnte. Sie denkt an Ben und Alex und tritt mit einem Tiden Atemzug zur Seite. „Putzen Sie sich wenigstens die Schuhe ab.“

Das Seufzen des Soldaten wird durch seine Atemschutzmaske noch deutlicher hörbar.

„Haben Sie es nicht mitbekommen?“ fragt er, während er eintritt, ohne die Existenz der Fußmatte auch nur symbolisch zur Kenntnis zu nehmen. Immerhin sind seine Stiefel sowieso nicht besonders schmutzig. „Oder wollen Sie es nur nicht wahrhaben? Die Zeiten geputzter Schuhe sind bis auf Weiteres vorbei.“

„Zwei männliche Kinder, zwei erwachsene Frauen, alle gesund. Passt zur Beschreibung“, murmelt sein Kamerad hinter ihm.

„Der eine da sieht so aus, als hätte er sich angesteckt“, antwortet der erste, und fügt nach kurzem Zögern hinzu: „Egal. Sollen die Ärzte klären.“ Lauter sagt er zu niemand bestimmtem in den Raum hinein:

„Entsprechend der Ermächtigung in § 7 II SASchVO sind Sie vorläufig festgenommen. Ich weise Sie darauf hin, dass wir Fluchtversuche als Widerstand gegen Seuchenschutzmaßnahmen werten werden, zu dessen Verhinderung wir zur Anwendung tödlicher Gewalt befugt sind. Bitte begleiten Sie uns nun nach draußen.“

„Was.. ich meine wieso..“ Ninas Stimme erstirbt langsam. Fahrig wischt sie auch mehrmals eine imaginäre Haarsträhne aus dem Gesicht. „Können wir noch ein paar Sachen packen?“

Bevor einer der beiden eine Chance hat, Nina zu antworten, hört sie hinter sich die Stimme der Polizistin.

„Was wollen Sie hier?“ fragt sie, und etwas in ihrem Tonfall bringt Nina dazu, sich besorgt zu ihr umzudrehen. In der Stimme der jungen Frau liegt mehr als nur Besorgnis oder Misstrauen. Nina kann in ihr eine Intensität von Angst und Wut und Verachtung hören, die überhaupt nicht zu der verwirrten hilfesuchenden Jungen Frau passen wollen, die sie am Bahnhof aufgegabelt hat.

„Hat er Sie geschickt? Oder sind Sie wegen der anderen Sache hier?“ Ihr Stimme klingt atemlos, sie keucht beinahe, während sie vorsichtig Schritt um Schritt näher an den Soldaten herantritt, als wäre er eine Sprengfalle, von der sie nicht sicher ist, ob sie sie entschärfen oder vor ihr davonlaufen soll. Er scheint von der ganzen Situation nicht weniger verwirrt als Nina und richtet unsicher sein Gewehr auf die Frau. „Ich hab damit nichts zu tun!“ sagt sie mit weit aufgerissenen Augen. Schweiß steht auf ihrer Stirn. „Es war ein Unfall! Ich hatte keine Wahl! Er hat mich angegriffen!“

„Komm schon“, sagt der andere Soldat von der Tür, „Sieh zu, dass du sie unter Kontrolle kriegst.“

„Sie sind gar nicht deshalb hier, oder?“ fragt sie ihn. „Steckt dieser Herrnstadt dahinter, oder die Leute, für die er arbeitet? Haben die …“

„Bitte beruhigen Sie sich“, sagt der Soldat zu ihr und kommt ihr zwei Schritte entgegen. „Wir sind hier, um Ihnen zu helfen. Bitte stellen Sie sich an die Wand hinter sich, lehnen sich – Scheiße!“

Mit einem beängstigend schnellen, unerwarteten Sprung steht sie plötzlich vor ihm, packt den Lauf seines Gewehres, schiebt ihn gen Decke und entwindet ihm die Waffe. Gleichzeitig hakt sie einen Fuß hinter sein Bein und schubst ihn zurück, sodass er stolpert und zu Boden fällt. Mit einer sehr routinierten flüssigen Bewegung dreht sie das Gewehr so herum, dass sie nun selbst den Finger am Abzug hat und die Mündung auf den am Boden liegenden Soldaten zeigt.

Ben und Alex rufen erschrocken und doch irgendwie begeistert durcheinander, während Nina hinter sich den zweiten Soldaten seine Waffe durchladen hört.

„Fallenlassen!“ ruft er.

„Alter, mach keinen Scheiß jetzt!“ ruft der andere, „Die hat sie nicht alle!“

Nina ist fassungslos.

„Stehen Sie nicht blöd rum!“ bellt der Soldat hinter ihr, „Schaffen Sie die Kinder hier weg!“

Er schiebt sich an ihr vorbei, sichtbar angespannt, die Waffe auf die junge Frau gerichtet. „Fallenlassen!“ ruft er.

„Ich wollte es nicht“, murmelt sie, „Ich wollte ja … Ich war ja sogar … aber sie hatten die nicht mehr. Diese Schmetterlingstabletten. Und ich dachte, ich find bestimmt noch … oder sonst halt morgen … Was wollen Sie von mir?“ schreit sie plötzlich mit sich überschlagender Stimme, und der Soldat, der vor ihr am Boden liegt, gibt ein verzweifeltes Stöhnen von sich.

Nina hat mittlerweile Ben und Alex in ihr Zimmer verfrachtet. „Egal, was ihr hört, ihr rührt euch nicht von der Stelle!“, schärft sie ihnen ein. Am liebsten würde sie einfach ebenfalls in diesem Zimmer bleiben, das mit den Sachen der Kinder so unendlich tröstlich auf sie wirkt.
Als Nina ins Wohnzimmer zurückkehrt, hat sich nicht viel an der Situation verändert.

„Was ist mit der los?“ fragt der Soldat mit der Waffe Nina. „Können Sie die irgendwie beruhigen?“

„Ich … Ich bin ruhig“, sagt die junge Frau, und sie schreit zwar immerhin nicht, klingt aber trotzdem so weit von ruhig entfernt, wie man nur irgendwie sein kann, ohne auf und ab zu springen und sich dabei büschelweise die Haare auszureißen. „Ich bin ruhig. Aber ich geh nicht in den Bau, nicht dafür! Es war ein Unfall! Lassen Sie mich einfach gehen, okay? Das können Sie, oder? Er muss ja nicht erfahren, dass Sie mich gefunden haben!“

Unter der Atemschutzmaske ist nicht viel zu sehen, aber Nina bildet sich ein, dass der Soldat sie jetzt gerade beinahe sympathisch verwirrt anschaut.

„Sie!“ ruft die Polizistin an Nina gewandt, „Sie können es doch bestätigen, oder?“ Sie schaut so verzweifelt mit so großen Augen, dass es beinahe lustig aussähe, wäre nicht der Rest der Situation. „Sie haben es doch gesehen, oder? Es war ein Unfall! Sagen Sie es ihm!“

Nina weicht unwillkürlich zurück. Sie möchte mit alldem nichts zu tun haben. Mittlerweile ist auch der letzte Rest Neugierde verschwunden und sie will nur noch, dass das alles bald vorbei ist. „Ich weiß nicht, wovon Sie reden.“

Sie öffnet entrüstet den Mund – und schließt ihn wieder. Und öffnet, und schließt.

„Es war ein Unfall“, sagt sie leise. Und fängt an zu zittern. „Ehrlich“, murmelt sie, als würde sie nur zu sich selbst sprechen, „Ich wollte das doch nicht. Ich hab … Ich war doch sogar noch … Aber die hatten …“

Der Lauf des Gewehres senkt sich zu Boden, als ihre rechte Hand zu ihrer Stirn fährt und ihre Augen verdeckt.

Der Soldat am Boden springt auf und entwindet es ihr, ohne dass sie erkennbaren Widerstand leistet. Ohne sie auch nur entfernt so in die Hand zu nehmen, dass er es bei Bedarf benutzen könnte, umklammert er die Waffe und taumelt damit zurück gegen die Wand.

„Oh Gott“, keucht er, und fügt nach ein paar Sekunden Pause hinzu: „Scheiße.“

Noch ein paar Herzschläge verstreichen in Schweigen, bis der andere Soldat schließlich sagt: „Wir nehmen sie alle mit. Das …Wir können das nicht so lassen.“ Er wendet sich Nina zu: „Sammeln Sie Ihre Kinder ein. Beeilen Sie sich. Wir nehmen solange die hier in Gewahrsam.“

„Es tut mir leid“, sagt die junge Frau, und schaut zu Nina auf, und sieht ihr direkt in die Augen, als würde sie sie um irgendetwas bitten.

„Was ist mit Ihnen los?“ Nina macht impulsiv einen Schritt nach vorne, um die junge Frau am Arm zu berühren, schreckt aber dann doch zurück. „Sie.. Sie sind krank. Das ist ansteckend, oder?“

Sie starrt Nina mit halb offene Mund an.

„Ich … Sie hatten … diese Schmetterlingstabletten nicht mehr.“

Der Soldat, der sein Gewehr noch auf sie gerichtet hat, tritt ein paar Schritte näher an sie heran und betrachtet sie durch die merkwürdig großen Augen seiner antiquierten olivfarbenen Atemschutzmaske.

„Geht’s allmählich wieder“, fragt er, ohne sich zu seinem Kameraden umzudrehen, „Oder soll ich fragen, ob sie sich selbst die Handfesseln anlegen kann?“

„Ich dachte … ich würd sie dann halt morgen … oder … ich habs ja versucht …“

Der zweite Soldat atmet tief durch, führt den Gurt seines Gewehres im zweiten Versuch umständlich über Helm und Maske und justiert es, bis es halbwegs ordentlich hinter seinem Rücken hängt, und geht sehr langsam und vorsichtig auf sie zu. Als sie keinerlei bedrohliche Reaktion zeigt, wird er allmählich zuversichtlicher. Bevor er sie berührt, zögert er noch einmal sichtlich, aber sie lässt ihn widerstandslos ihre Hände hinter ihren Rücken führen und mit den Einwegfesseln fixieren.

„Das ist alles … seine Schuld. Er … Dieser Drogendealer. Ich hab ihn … durchschaut, aber … Ich konnte ja nicht …“ Ihre Schultern beginnen zu beben, aber sie sagt erst einmal nichts mehr.

„Bitte nehmen Sie jetzt Ihre Kinder und kommen Sie mit“, sagt der Soldat, der sein Gewehr noch vor sich hält.

 

Suresh

Der Aufzug fährt einige Stockwerke nach oben, öffnet sich zu einem weiteren Flur, diesmal mit weniger Beton und mehr Linoleum, und Frieder und Suresh werden in einen Raum geführt, in dem eine Liege, einige Schränke und zwei Stühle stehen.

„Warten Sie hier!“ sagt der Soldat und schließt die Tür hinter sich.

Eine Weile herrscht Stille, und Frieder starrt ratlos auf die verschlossene Tür.

„Tut mir leid“, murmelt er kopfschüttelnd. „Ich verstehe das genauso wenig wie du.“

Erst jetzt wurde sich Suresh bewusst, dass er Frieder wirklich eine ganze Weile lang verdattert und hilfesuchend angesehen hatte. Er hatte den alten Mann vom ersten Augenblick an gemocht, doch über die Monate hinweg, die sie sich nun kannten, hatte er in ihm nicht nur seinen besten Freund gefunden, sondern anscheinend auch begonnen, in ihm eine Art Schutzpatron zu sehen, der auf ihn Acht gab und für ihn sorgte.

Weil Frieder, wie immer, seine Lammfellweste trug, musste Suresh unwillkürlich an die Cremedose von Penaten denken und daran, dass die Penaten in der römischen Mythologie die Schutzgötter des Herdes waren. Er hatte sich schon immer für alle Glaubensrichtungen gleichermaßen interessiert und sich schon früh ein umfangreiches Wissen über sie angeeignet. Jetzt gerade allerdings fiel im nichts weiter zu den Penaten ein.

Es lief ihm kalt den Rücken herunter, als ihm ihre bedrohliche Situation aufs Neue klar wurde. Minutenlang hatten sie reglos dagestanden, doch nun trat Suresh an Frieder heran, legt ihm einen Arm um die Schultern und gemeinsam gingen sie zu den Stühlen herüber. Niedergeschlagen nahmen sie darauf Platz und Suresh begann, der Reihe nach zu seinen Göttern zu beten. Er hatte es eigentlich nicht gerne, dies vor anderen Leuten zu tun, aber seinem besten Freund gegenüber wollte er diese wesentliche Seite seiner Persönlichkeit nicht verheimlichen. Er hätte sich auch nicht zurückgezogen, wenn er gerade eine Wahl gehabt hätte und als er zwischen zwei Gebeten zu Frieder aufschaut, belohnt er sein Vertrauen mit einem kleinen, ermutigenden Lächeln.

Frieder sieht Suresh versonnen zu und nickt in einer Mischung aus Zustimmung und Nachdenklichkeit.

„Ja“, grummelt er, „Was anderes bleibt uns wahrscheinlich gerade nicht übrig.“

Nach einer längeren Pause fügt er hinzu:

„Tut mir wirklich leid. Da kommst du von so weit her bei mir unter, und dann … landen wir hier.“ Ein bitteres Lächeln spielt um seine Mundwinkel. „Menschen, hm?“

Suresh vertieft sich so sehr in seine Gebete, dass er für eine lange Weile alles um sich herum vergisst. Vielleicht schläft er sogar ein bisschen ein, denn als er wieder zu sich kommt, ist sein Fuß eingeschlafen und Frieder sitzt in sich zusammen gesunken und tief atmend auf einem der beiden Holzstühle.

Suresh erhebt sich leise und dehnt seine verspannten Muskeln in einer fließenden Bewegungsabfolge, die spielend leicht aussieht, aber tatsächlich viel Übung und Konzentration erfordert.

Dann geht er zur Tür hinüber und lauscht daran. Als er nichts, aber auch gar nichts von der anderen Seite hören kann, versucht er, sie zu öffnen, doch sie ist natürlich immer noch verschlossen. Er seufzt leise und betrachtet abermals den Raum. Er hat zwar denkbar wenig Interessantes zu bieten, aber Suresh beschließt, ihn bis ins kleinste Detail zu erkunden, weil ihm vielleicht irgendetwas doch Aufschluss darüber geben könnte, was um alles in der Welt da draußen vor sich geht.

Advertisements

Gib's mir!

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: