Populisten! Populisten überall!

19. Mai 2014

Kathrin Haimerl hat sich für die SZ auf eine Spurensuche begeben, weil sie denkt, dass wir uns doch alle bestimmt dauernd fragen, wo eigentlich diese komischen Euroskeptiker alle herkommen, und dabei hat sie etwas ganz und gar Verblüffendes festgestellt: Es gibt unter deren Anhängern solche, die gar nicht richtig artikulieren können, was eigentlich ihr Problem ist, wenn man ihnen ein Mikrofon ins Gesicht hält!

Deren Anhänger sollten wissen, was Euroskepsis heißt. Oder? Nachgefragt bei den Rentnerinnen. „Was mir nicht gefällt – hier weiß keiner, was gespielt wird. Mein Geld ist kaputt. Und was die da, was die immer so erzählen …“ Wer sind die? „Na, die halt. Die Merkel und so.“ Die Dame, grüner Lodenmantel, schwarzer Hut, zieht empört davon. Die andere sagt: „Ich sehe nicht ein, dass die Deutschen so lange zahlen müssen, bis zum Ende … ein Rettungsschirm nach dem anderen …“ Musste sie persönlich schon mal was bezahlen? „Ich habe für zwei Mark einen Euro Rente bekommen. So sieht’s aus.“

Ja. Und das finde ich schon ein bisschen unanständig. Jetzt nicht, weil ich besondere Sympathien für die AfD hätte, oder für Rentnerinnen, oder für Leute, die politische Veranstaltungen besuchen, oder sich als Anhänger irgendeiner Partei … also, ihr wisst schon. Sondern weil Frau Haimerl diese Zitate bringt, um gezielt die AfD und ihre Anhänger als Populisten und deren Opfer darzustellen, zum Beispiel erkennbar an der darauf folgenden Bildunterschrift:

Populismus in Europa Das sind die Europaskeptiker

Dieses Ansinnen ist in meinen Augen so lächerlich, dass ich kaum weiß, wie ich es erläutern soll. Vielleicht so: Wir wissen doch sicher alle ungefähr, was ich herausfände, wenn ich eine Wahlkampfveranstaltung von SPD, CDU, Grünen oder Linken besuchte, mir dort Renterinnen herauspickte und sie fragte, warum sie die EU total super finden, und was sie ihnen persönlich gebracht hat, oder? Genau. Die würden natürlich alle sofort druckreif und sachlich einwandfrei nicht nur die Funktionsweise der EU und ihrer Organe erklären, sondern auch auf Euro und Cent beziffern können, was das ganze Projekt der Bundesrepublik allgemein und ihnen im Speziellen bringt. Meint ihr auch, oder?

Und das ist, jetzt wieder im Ernst, das Problem. Frau Haimerl impliziert, es gäbe auf der einen Seite die populistische AfD, die ihre Anhänger blendet, statt sie zu informieren, weshalb die alle in Wahrheit keine Ahnung haben, warum sie eigentlich gegen die EU sind, sondern nur dumpfes Ressentiment, und auf der anderen Seite die anderen Parteien, die für die EU sind, und keine Populisten, und deren Anhänger wohlinformiert die Wahrheit erkennen und deshalb die EU für die wunderbare Sache halten, die sie so offenkundig ist.

Damit verschleiert sie das eigentliche Problem, nämlich, dass die Anhänger aller Parteien die EU nicht verstehen, und dass niemand, einschließlich der informationsmächtigen SZ, eigentlich genau sagen kann, was sie bringt und was sie kostet, und dass so ziemlich alle ihre Position nur zufällig innehaben, weil irgendjemand ihnen mal gesagt hat, so sei das eben.

Und sogar wenn man sich, wie offenbar Frau Haimerl für die SZ, zutraut zu wissen, dass die eine Gruppe eben zufällig recht hat, und die andere nicht, dann stünde es einem als Organ der vierten Gewalt ganz gut an, das mit Argumenten und Tatsachen zu belegen, statt mit impliziten Unterstellungen, die auf beide Seiten gleichermaßen zutreffen, was man aber verschleiert, indem man sie nur gegen die eine erhebt und so tut, als sei die andere damit schon mal im Vorsprung. Man könnte ja schließlich als ein solches Organ seine Aufgabe darin sehen, seine Zielgruppe zu informieren und einen konstruktiven Beitrag zur öffentlichen Meinungsbildung zu leisten.

Oder was meint ihr?


Kommunikation braucht ein Gesicht

17. Mai 2014

Ich führe gerade drüben bei keinkatalogdenken eine übrigens durchaus interessante Diskussion, in deren Verlauf die Verfasserin mit auf einen Artikel bei Zeit.de hingewiesen hat, der mich so vergrämt hat, dass ich ihm hier einen (hoffentlich immerhin) kurzen eigenen Post widmen will.

Der Artikel heißt

Kommunikation braucht ein Gesicht

und wenn ihr hier schon länger mitlest, wisst ihr, dass ich schon beim Titel direkt ins Essen brechen wollte. Und der Zeit.de-Kommentar führt dieses Gefühl sehr konsequent fort, sowohl im Inhalt, über den er berichtet, als auch in seiner Position dazu.

Worum gehts?

Eine Studentin der Universität Gießen wollte gerne mit einer Burka an Vorlesungen teilnehmen, aber die Universität hat ihr dies untersagt, mit der Begründung, ein wissenschaftlicher und interaktiver Diskurs sei damit nicht möglich. 

Das ist Bullshit. Es ist so fürchterlicher Bullshit, dass ich spontan schrieb

dass die Person, die es wagt, so lapidar und unreflektiert, um nicht zu sagen: dummdreist, über staatliche Macht zu verfügen, eigentlich geohrfeigt gehört, aber weil sich sowas aus guten Gründen nicht gehört, wäre ich auch damit zufrieden, wenn man ihr ihre Verantwortung wegnähme, bis sie zeigen konnte, dass sie wieder so weit ist, sie nicht zu missbrauchen.

Ich sage das nicht nur als jemand, der als Blogger einige der wertvollsten interaktiven Diskurse mit Leuten geführt hat, deren Gesicht er nicht kennt, sondern ich halte es auch davon abgesehen für offensichtlich, dass man wunderbar wissenschaftlich und auch sonstwie interagieren kann, ohne einander ins Gesicht zu sehen. Leute machen das jeden Tag, per Mail, per Brief, per Telefon, per Skype, per Chat, wasweißich. Echt jetzt. Ich meine, man kann vielleicht auf der Position stehen, dass man selbst lieber ein Gesicht zu der Person hat, mit der man redet, oder dass man tatsächlich Nuancen der Kommunikation besser hinkriegt, wenn man die Mimik dazu mitbekommt, das ist völlig okay, aber als staatliche Organisation jemandem zu untersagen, ihr Gesicht zu verhüllen, weil man meint, es sei unmöglich, mit verhülltem Gesicht einen Diskurs zu führen, das wäre lächerlich, wenn es nicht so widerlich wäre, oder so. Dass man darüber auch nur streiten muss, finde ich schon unfassbar.

Und genau so sieht das auch Parvind Sadigh für Zeit.de, aber andersrum als ich.

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Und wenn ich schon mal dabei bin

4. Mai 2014

Hier noch drei vier Kurzreviews für andere Filme, die ich kürzlich mehr oder weniger zufällig gesehen habe:

Der Lorax

Extrem niedlich und sympathisch, aber mit seiner Ökobotschaft so unfassbar unsubtil, dass ich mich beinahe frage, ob er nicht als gehässige Parodie auf Filme mit Ökobotschaft gemeint ist. Wenn es so wäre, wäre er eine ganz hervorragende solche Parodie, aber ich fürchte, es ist nicht so.

Argo

Ach ja. Gut. Wirklich. Ja. Also. Hm. Guter Film. Auch wenns gerade vielleicht nicht so klingt, hat mir gefallen. Ehrlich jetzt.

Grand Budapest Hotel

Wow. Unbedingt. Echt jetzt. Egal, was ihr eigentlich vorhattet. Wenn es geht, sofort.

The World’s End

Joa, ganz lustig. 6 von 10. 7 oder 8, wenn man Simon-Pegg-Humor mag bzw. liebt. Starker Anfang, interessanter Twist, Ende mehr so wah. Aber möglicherweise die beste Lösung einer Alieninvasion seit A Small Percentage.


Her

4. Mai 2014

So, jetzt hab ich also Her gesehen.

Und.

Ja.

Kennt ihr diese Filme, die einen zum Nachdenken bringen? Die einen noch lange verfolgen, und die man noch Tage später reflektiert und mit Leuten besprechen will?

So einer ist Her für mich.

[Warnung für alle, die mich schlecht genug kennen, um eine zu brauchen: Dieser Beitrag enthält Spoiler. Natürlich.]

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