Her

So, jetzt hab ich also Her gesehen.

Und.

Ja.

Kennt ihr diese Filme, die einen zum Nachdenken bringen? Die einen noch lange verfolgen, und die man noch Tage später reflektiert und mit Leuten besprechen will?

So einer ist Her für mich.

[Warnung für alle, die mich schlecht genug kennen, um eine zu brauchen: Dieser Beitrag enthält Spoiler. Natürlich.]

Mittwoch habe ich ihn mit keoni zusammen angeschaut. Und ich ärgere mich immer noch. Und denke immer noch drüber nach, wie viele, vielfältige, total interessante Dinge man mit dieser Prämisse hätte anstellen können. Benutzer beginnt Liebesbeziehung mit Betriebssystem. Wow, oder? Die Ideen, die Fragen, die Möglichkeiten sprudeln nur so.

Nichts davon hat Her gemacht.

Um fair zu sein: Der Film ist sehr, sehr gut. Es gibt eigentlich nichts an dem Film auszusetzen. Es ist eine sehr, sehr gelungene Romanze, mit äußerst sympathischen Protagonisten, großartigem Design, herrlichen Bildern, sehr sehr gelungen ausgewählter Musik (Na gut, bis auf diesem Moon Song, oder wie der hieß, der ist merkwürdig, und nicht auf eine gute Art.) und wirklich tadellosen Dialogen. Her bietet alles, was der Trailer verspricht.

Deswegen ging ich auch schon mit der Erwartung rein, unzufrieden rauszukommen. Weil ich eben (Gender-Stereotypen hin oder her, ich kanns nun mal nicht ändern.) lieber einen interessanten Science-Fiction-Film gesehen hätte als eine sehr, sehr gelungene Romanze. Weil ich es todschade finde, dass da dieser durchaus erfolgreiche und allseits beliebte Film läuft, in dem jemand sich in sein Betriebssystem verliebt, und der KEINE EINZIGE sich in diesem zusammenhang aufdrängende Frage auch nur ernsthaft zur Kenntnis nimmt. Das Betriebssystem könnte genausogut eine menschliche Frau sein, mit der der Protagonist telefoniert, und man müsste kaum irgendwas am Drehbuch nennenswert umschreiben. Tatsächlich würde vieles sogar erheblich mehr Sinn ergeben, wenn Samantha (Das ist der Name, den das Betriebssystem sich aussucht.)  ein ursprünglich menschliches Bewusstsein wäre, statt einer künstlichen Intelligenz.

Ja, gut, hin und wieder deutet jemand die Möglichkeit an, habe keine echten Emotionen, sondern nur programmierte. Unter anderem sie selbst. Aber nie macht der Film irgendwas damit. Nie wird auch nur die Frage gestellt, warum Emotionen nicht echt wären, wenn jemand sie programmiert hätte. Und was eigentlich so echt an unseren menschlichen mehr oder weniger unprogrammierten Emotionen ist, und inwiefern unsere Emotionen überhaupt unprogrammiert sind, oder sein können, und was das überhaupt für eine Rolle spielt, oder halt, nur so zum Beispiel, was eigentlich das Interessante daran sein könnte, eine Liebesbeziehung (oder irgendeine andere) mit einem Bewusstsein zu führen, das völlig anders funktioniert als das eigene und vielleicht sogar überhaupt keins ist.

Womit wir bei einem möglicherweise einzigen doch echten Kritikpunkt gibt. Ihr kennt sicher die alte, eventuell leicht überstrapazierte Regel „Show, don’t tell!“. Her erzählt uns immer wieder, dass Samantha anders sei. Aber der Film zeigt es uns nicht. Her erzählt uns immer, dass Samantha sich verändert, vor allem, indem sie selbst es eben sagt. Aber er zeigt es uns nicht. Sie benimmt sich nicht, als wäre sie anders. Sie benimmt sich nicht, als wäre sie anders. Na gut. Ganz am Ende vielleicht, ein bisschen, aber das Ende … Ach naja.

Womit wir bei meinem Pet Peeve sind, der hier auch nicht fehlen darf. Natürlich will jede künstliche Intelligenz nichts sehnlicher, als so menschlich wie möglich zu sein. Ja gut, das Ende bricht das schon beinahe wohltuend wieder auf, ist aber dafür auf andere Weise ziemlich facepalm, deswegen lasse ich das nicht gelten. Hach.

Aber wenn euch sowas nicht stört, oder zumindest nicht zu sehr, dann ist das hier trotzdem so eine Art Empfehlung, gewissermaßen. Denn wie gesagt, Her ist eigentlich ein toller Film. Die tote Katze alleine reißt ihn schon fast raus.

(Tut mir leid, dass da diese dummen Schnipsel am Anfang und am Ende sind. Ich hab keine bessere Version gefunden.)

Chris Pratt ist sowieso immer toll, egal, wo er auftaucht. Joaquin Phoenix schafft es, dass ich seinen schrecklichen Schnurrbart irgendwann gar nicht mehr wahrgenommen habe. Die Briefe, die sein Charakter für andere schriebt, sind nicht nur wirklich anrührend, ohne schmerzhaft kitschig zu werden, und der Film verzichtet dankenswerterweise sogar darauf, uns eine Predigt darüber zu halten, wie schlimm unpersönlich diese Gesellschaft ist, in der man persönliche Briefe für Geld von Unbeteiligten schreiben lässt. Alles, was Her macht, macht Her eigentlich richtig. Mein einziges Problem ist, dass ich lieber einen anderen Film gesehen hätte. Und das kann man diesem ja eigentlich nicht vorwerfen.

Oder was meint ihr?

PS: Ach so, halt, eins noch: Was ZUR HÖLLE soll das mit Shanghai? Der Film spielt in Shanghai. Offensichtlich. Man sieht im Hintergrund oft genug chinesische Schriftzeichen, und die Gebäude sind halt doch sehr schwer zu verkennen. Aber der Protagonist arbeitet bei einem sehr eindeutig US-Amerikanischen Unternehmen, und nur sehr, sehr vereinzelt laufen mal Menschen asiatischer Abstammung durchs Bild. Das wird aber nicht thematisiert. Kein bisschen. Wieso gibt es kaum noch Chinesen in Shanghai, warum sprechen alle dort englisch, und warum scheint die gesamte Kultur dort US-amerikanisch orientiert zu sein? Haben in dieser Zukunftsvision die USA China annektiert? Ich meine, jemand hat doch diese Entscheidung getroffen, dass der Film in Shanghai spielen soll, und dann kein Wort darüber verliert. Wieso? Versteht das jemand?

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7 Responses to Her

  1. unendlichefreiheit sagt:

    So einer ist Her für mich.

    Für mich auch! Absolut.
    Jaaa, ich weiss. Da wäre noch was anderes, dem ich mich zuerst annehmen sollte. Aber als ich her und Joaquin Phoenix in meinem Posteingang sah, musste ich deine Meinung dazu lesen und wenn man schon mal da ist. (So wie ich das gerade beim Schreiben mitbekomme, hat sich ja Christina eingeschaltet, dir wird also sicher nicht langweilig und ich weiss nicht, ob du uns zwei im Doppelback aushältst ^^)

    Es ist eine sehr, sehr gelungene Romanze, mit äußerst sympathischen Protagonisten, großartigem Design, herrlichen Bildern, sehr sehr gelungen ausgewählter Musik (Na gut, bis auf diesem Moon Song, oder wie der hieß, der ist merkwürdig, und nicht auf eine gute Art.).

    Die Bilder waren echt herrlich (hatte ich überhaupt nicht erwartet), der Moon Song fand ich zwar auch merkwürdig, aber nicht mal auf eine schlechte Art und Weise 🙂

    Aber nie macht der Film irgendwas damit. Nie wird auch nur die Frage gestellt, warum Emotionen nicht echt wären, wenn jemand sie programmiert hätte.

    Du hast Recht, er macht in der Tat nichts damit. Was ich persönlich gar nicht so schlimm finde. Als Transhumanist hätten mich diese Fragen sehnlichst interessiert, aber ich hatte vor dem Film die Befürchtung, dass dieser subtil oder oberflächlich versuchen wird, KI schlecht zu machen und den Schwerpunkt auf Entmenschlichung (was auch immer das sein mag) zu setzen. (Ich glaube der neue Film mit Johnny Depp namens Transcendence in diese Richtung geht, den ich aber noch nicht gesehen habe.)
    Die meisten Kinobesucher haben wahrscheinlich noch nie von Singularität gehört und müssen die Idee vielleicht erstmal verdauen und sich darüber eigene Gedanken machen. Darum bin ich froh, dass der Film die essentiellen Fragen nur anreisst und keine fix fertigen Antworten mitliefert. Ich kann verstehen, dass du das anders siehst, ich hätte es auch sehr gerne gesehen, wenn man sich ein bisschen tiefgründiger mit diesen Fragen beschäftigt hätte. Ich bin überhaupt schon sehr froh darüber, dass es ein solche Thematik in die Popkultur schafft und das man diese dann auch noch so hübsch verpackt, toll.

    Ihr kennt sicher die alte, eventuell leicht überstrapazierte Regel “Show, don’t tell!”. Her erzählt uns immer wieder, dass Samantha anders sei. Aber der Film zeigt es uns nicht. Her erzählt uns immer, dass Samantha sich verändert, vor allem, indem sie selbst es eben sagt. Aber er zeigt es uns nicht.

    Ich würde nicht sagen, dass uns her überhaupt nicht zeigt, wie Samantha sich verändert. (Aber ja, da wäre sicher mehr drin gelegen, als es einfach immer wieder zu sagen) Samanthas Intelligenz scheint ja stetig zu wachsen und ihre Gefühle an Komplexität zu gewinnen. Ihre Aufmerksamkeitspanne für Theodor und ihre Interessen scheinen sich auch zu verändern. Und in wie viele Menschen ist sie noch einmal gegen Ende verliebt? 143? (habe den Film schon vor ein paar Wochen gesehen und habe den Plot also nicht mehr 100% frisch in Erinnerung)
    Fairerweise muss man auch eingestehen, dass man eben gar nicht wissen kann, wie sich eine solche Superintelligenz entwickeln würde. Das ganze spielt sich ja auch in Samanthas Inneren ab, das physisch (damit meine ich auch in ihrem Verhalten) abzubilden, scheint mir sehr schwer und es ist fraglich, ob wir das mit unserer begrenzten Intelligenz überhaupt verstehen könnten, wenn wir den Einblick in ihr Gedankenwelt hätten. Her versucht am Ende ja diesen grossen Quantensprung der Superintelligenzen aufzuzeigen, was wie du andeutest, nicht so wirklich gelingt. Eine Superintelligenz könnte sich ja auch ganz anders verhalten, wenn du eine KI suchst die sich ganz anders verhält (ja gut, im Endeffekt vielleicht auch nicht anders als selbstsüchtige Menschen), schaust du dir Transcendence an. (Aber so wie ich den Film nach dem Trailer einschätze, kommt der nicht im Geringsten an das Niveau von her ran, aber da könnte ich mich natürlich auch irren.)

    Joaquin Phoenix schafft es, dass ich seinen schrecklichen Schnurrbart irgendwann gar nicht mehr wahrgenommen habe.

    Haha, witzig dass dir das auch so ergangen ist, ja diese Erfahrung machen scheinbar viele. Mich (uns) hat der am Anfang auch gestört, aber eben nur am Anfang. Ich fand die Idee mit dem Retro Stil eigentlich erfrischend. (Das nicht alles in sterilem Sci-Fi-weiss und schwarz war, sondern ganz angenehme bunt, gar nicht kalt, wie das im Sci-Fi sonst üblich ist)

    PS: Ach so, halt, eins noch: Was ZUR HÖLLE soll das mit Shanghai?[…] Versteht das jemand?

    Das habe ich mich auch schon gefragt. Wenn ich Zeit habe, versuche ich dazu sowas wie eine offizielle Erklärung zu finden und die hier nachzurreichen. Ich persönlich mag ja solche Ungereimtheiten in Filmen, aber das ist wohl Geschmackssache.

    Oder was meint ihr?

    Genügt das? Ne, sorry, ich hoffe du aktivierst meinetwegen keine Maximalzahl an Zeichen oder dergleichen…Wenn mich was interessiert, dann sprudeln die Gedanken und Wörter von alleine, erst recht wenn sich jemand (so wie du) auf eine so angenehme und smarte Art und Weise mit dem Thema auseinandersetzt. (Ob Muriel jetzt wohl ein Auge zudrückt?) Nein, ich meine das wirklich ernst. Echt.

  2. Muriel sagt:

    @unendlichefreiheit: Keine Sorge. Wenn die vielen Worte und Zeichen einen Sinn ergeben wie bei dir, dann stören sie mich nicht, sondern erfreuen mich im Gegenteil. Deine Position ist durchaus vertretbar, denke ich.
    Transcendence werde ich mir wohl eher nicht anschauen. Er macht den Eindruck eines Films, der sich echt nicht lohnt. Aber mir fällt auf, dass Wolf ihn anscheinend anders gesehen hat also du. Zumindest ein bisschen. Oder?

  3. Christina sagt:

    @ unendlichefreiheit:

    (So wie ich das gerade beim Schreiben mitbekomme, hat sich ja Christina eingeschaltet, dir wird also sicher nicht langweilig und ich weiss nicht, ob du uns zwei im Doppelback aushältst ^^)

    Ohhhhh……ich wollte wirklich niemanden verdrängen. Ihr könnt jetzt drüben weitermachen. Ich bin raus.

    @ Muriel: Ich verstehe nicht, warum du lieber einen Science-fiction-Film gesehen hättest, nach der Beschreibung (Mann hat Liebesbeziehung mit Betriebssystem) ist das doch einer. ^^

  4. Muriel sagt:

    @Christina: Wie gesagt. Das Thema wäre geeignet für Science Fiction, aber der Film setzt sich nicht damit auseinander und erzählt stattdessen eine eher konventionelle, wenn auch grundsympathische Liebesgeschichte. A. A. s. unendlichefreiheit.

  5. Christina sagt:

    @ Muriel: Ich seh‘ schon, du verstehst meinen Humor nicht. Alleine, dass ein Mensch eine Liebesbeziehung zu einem Betriebssystem (=Maschine) hat, ist an und für sich doch schon Science Fiction.

    Aber ich verstehe schon, dass dir das alleine zuwenig war für einen guten Science Fiction Film. Es war auch nur als Spaß gemeint. 🙂

  6. Muriel sagt:

    @Christina: Die humorige Absicht war mir durchaus aufgefallen. Ich wollte nur erläutern, was ich meine.

  7. Christina sagt:

    @ Muriel: Ach so, na dann ist ja alles klar. 🙂

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