Die Ambivalenz, die geistige Überlegenheit in sich trägt

Frank Schirrmacher ist gestorben. Das ist, wie immer beim Tod eines Menschen, eine traurige Angelegenheit, und viele werden ihn sehr vermissen.

Ich eher nicht so.

Trotzdem werde ich es mir nach Kräften verkneifen, auf ihm herumzutrampeln, auch wenn das wenige, was ich von ihm gelesen habe, es mir nicht unbedingt erleichtert. Das soll aber jedenfalls heute nicht unser Thema sein. Ich kannte Frank Schirrmacher nicht und kann ihn deshalb nicht beurteilen, und habe nur zweieinhalb Artikel von ihm gelesen, und keines seiner Bücher. Und kann ihn deshalb nicht beurteilen. Ist rübergekommen, dass ich Frank Schirrmacher nicht beurteilen kann?

Was ich hingegen sehr wohl gelesen habe, und deshalb auch beurteilen kann (Echt jetzt. Ihr könnt mir vertrauen. Ich weiß, was ich beurteile.), sind ein paar Nachrufe auf Frank Schirrmacher, und ich finde, jemand sollte das tun, und warum nicht ich? Weil ich euch aber nicht mehr als nötig mit meiner Beckmesserei behelligen will, beginne ich erstmal mit einem davon, nämlich dem in der FAZ selbst, und dann schaumermal, ob Zugaben gefordert werden.

Vorweg: Es gibt da diesen Grundsatz „De mortuis nihil nisi bono“ [nicht], was so viel bedeutet wie dass über Tote niemand außer Bono reden sollte.

*Tusch*

Äh, ja, was ich sagen wollte: Dieser Grundsatz besagt, dass wir über unsere verstorbenen Artgenossen gut reden oder schweigen sollen, was ich auch schon nicht so besonders sinnvoll finde, aber sogar wenn man es mit ihm halten will, verlangt er nicht mehr, als dass man die wahren guten Dinge erzählt, und die schlechten eher nicht so in den Vordergrund stellt. Er verlangt nicht, dass wir, nur so zum Beispiel, als Zeitung über unseren eigenen Feuilletonchef schreiben, er sei „der sprach- und wirkmächtigste Kulturjournalist [gewesen], den Deutschland je hatte„. Sogar wenn es dafür irgendeinen sinnvollen Maßstab gäbe, an dem wir es überprüfen könnten, und sogar wenn es wahr wäre, wäre das noch ziemlich peinlich, finde ich, vor allem, wenn man es, wie Edo Reents für die FAZ, deren Herausgeber Frank Schirrmacher bekanntermaßen war, nicht mal als persönliche Meinung kennzeichnet, sondern als Tatsache behauptet.

Und das ist kein einzelner Ausrutscher. Es geht so weiter.

Niemand, der sich auch nur ein wenig für die Welt des Geistes interessiert, wird diese Nachricht fassen können.

schreibt Herr Reents, und anscheinend hat sich in der ganze fassungslosen Redaktion niemand gefunden, der noch genug beisammen war, um ihn darauf hinzuweisen, dass das erstens evident unwahr ist, zweitens schon wieder irgendwie peinlich, wenn man sich so unbescheiden in eigener Sache äußert, und dass es verflixt noch mal drittens nicht einmal Sinn ergibt. Wenn er wenigstens geschrieben hätte „wird diese Nachricht kalt lassen“, oder „wird dieser Nachricht gleichgültig gegenüberstehen“, oder meinetwegen „wird nicht um ihn trauern“, wären die ersten beiden Kritikpunkte immer noch valide, aber die Behauptung wäre wenigstens irgendwie verständlich.

Im folgenden Absatz muss Herr Reents dann einmal Thomas Mann zitieren,

um die Ambivalenz, die geistige Überlegenheit in sich trägt und bei anderen auch auslösen mag, kenntlich zu machen

und – also – ich weiß schon, ich komme mir auch selbst gerade sehr überpenibel vor, aber es muss raus: Sind das wirklich die besten Worte, die ihm hier eingefallen sind? „geistige Überlegenheit“? Wäre das wirklich nötig gewesen, hier von Überlegenheit zu sprechen, also zu behaupten, Frank Schirrmacher sei eben nicht nur besonders, anders, klug, sonstwas gewesen, sondern (allen?) anderen überlegen, also halt objektiv besser? Ihr dürft es mir gerne sagen, wenn ihr es anders seht, aber mir kommt dieses intellektuelle Säbelgerassel schon äußerst armselig vor, und ich kenne Frank Schirrmacher wie gesagt nicht, und habe aus den geringen Erfahrungen mit seinem Werk schon ehrlich gesagt den Eindruck gewonnen, dass er mit mir nicht viel gemein hatte, aber ich zumindest würde mich gleich noch ein paar Meter tiefer in den Boden schämen, wenn ich wüsste, dass jemand nach meinem Tod so prahlerischen Mist über mich schreiben würde.

Immerhin wird Herr Reents dann auch konkret und berichtet, was denn eigentlich seinen ehemaligen Chef so besonders machte. Dieser war zum Beispiel

ohne weiteres in der Lage, bei Sachfragen auch andere, selbst gegenteilige Meinungen immer selbst schon dazuzudenken.

Ohne weiteres. Immer. Selbst gegenteilige Meinungen. Ehrlich jetzt. Warum denn? Warum muss den sowas sein? Man kann doch auch einen total netten Nachruf schreiben, ohne dabei in jedem zweiten Satz etwas so offensichtlich Falsches zu behaupten.

Ich meine, wir reden hier über den Mann, der geschrieben und gesagt hat, es wäre ein ganz niederträchtiger rhetorischer Kniff,

wenn im Jahre 2012 eine jahrtausendealte Praxis wie die Beschneidung von deutschen Gerichten als „Körperverletzung“ verurteilt wird und in Deutschland eine Debatte darüber beginnt, die „Judentum“ und „Körperverletzung“ in einen juristisch-semantischen Zusammenhang bringt, der einen sprachlos macht, in dem jüdische Eltern angeblich ihre eigenen Söhne verletzen, wo es einem doch erst einmal gereicht hätte, wenn die Justiz, die sich jetzt für Jahrtausende zuständig fühlt, damals sich nur für zwölf Jahre zuständig gefühlt hätte, als Deutsche und ihre Helfer nicht nur Körperverletzung an Juden betrieben, sondern Mord und Totschlag.

Und ja, ich weiß, ich hatte geschrieben, nicht persönlich gegen ihn angehen zu wollen, soweit es sich vermeiden lässt, finde es hier aber unvermeidbar, darauf hinzuweisen, dass er damit in meinen Augen recht eindrucksvoll demonstriert hat, dass er eben nicht immer in der Lage war, gegenteilige Meinungen selbst schon dazuzudenken, oder wenn, dann offenbar ohne sie zu verstehen. Und wenn ihr jetzt meint, ach komm, so hat der Heer Reents das doch auch sicher nicht gemeint, da ist ihm halt mal was Missverständliches rausgerutscht, meine Güte, dann nein, denn er wiederholt es gleich im Anschluss noch mal deutlicher, mit anderen Worten:

Wer mit ihm zu tun hatte, spürte, dass er alle möglichen Gesichtspunkte selbst schon in sich verkörperte

Alle. Möglichen. Gesichtspunkte. Echt jetzt. Es geht mir nicht darum, über Herrn Schirrmacher zu urteilen. Der war vielleicht ja doch ein wunderbarer Mensch für alle, die ihn im Gegensatz zu mir kannten. Aber wie kann man denn bitte sowas im Ernst über einen Menschen schreiben? Und es hört nicht auf. Es geht wirklich die ganze Zeit so weiter.

die komplette digitale Welt, die er erkannt, durchschaut und der er zuletzt misstraut hat wie wohl kein Zweiter

„wie wohl kein Zweiter“. Herr Reents ist der Meinung, dass NIEMAND, also im Sinne von KEIN EINZIGER ANDERER MENSCH AUF DER WELT, die „digitale Welt“ (was immer das halt ist, aber es wird viel davon geredet, deswegen muss es irgendwie wichtig sein), so komplett, so gut, so umfassend, so sehr erkannt und durchschaut hat wie Frank Schirrmacher, und dass ihr darüber hinaus auch zuletzt NIEMAND so sehr misstraut hat wie er (was, wenn man mal richtig drüber nachdenkt, was die FAZ-Redaktion und Herr Reents offenkundig nicht getan haben, wie ich zugeben muss, eine ziemlich grobe Beleidigung ist, oder?

misstraut der digitalen Welt wie kein zweiter: Frank Schirrmacher

Für die Bearbeitung danke ich der wunderbaren ma dove von madove.twoday.net

)

Zur Erinnerung: Wir reden über den Mann, der (in einem Interview mit der Bild-Zeitung, just sayin) meinte:

Wissenschaftler haben nachgewiesen, dass jede kleine Störung dazu führt, dass wir 25 Minuten brauchen, um uns wieder auf das ursprüngliche Thema zu konzentrieren. Und wir werden ständig durch Mails, SMS, Nachrichten gestört. Das ist tatsächlich so etwas wie Körperverletzung. Das führt zu einer Vermanschung des Hirns. Und man kann Multitasking nicht lernen.

Erkannt und durchschaut wie kein zweiter, fürwahr.

Alles, was wir, und zwar erst ein Jahr später, durch Edward Snowden erfuhren, und die Schlussfolgerungen, die daraus gezogen werden sollten, stand schon im Wesentlichen in seinem Buch. 

Fühlt sich noch jemand an Christen und Muslime erinnert, die der Meinung sind, in Bibel bzw. Koran stünde schon die Lichtgeschwindigkeit, die Struktur des Sonnensystems und die Zusammensetzung der Materie aus Atomen erklärt? Aber nein. Ich bin unfair. Sicher würde Herr Reents niemals so weit gehen, seinen ehemaligen Chef einen Propheten zu …

Das war kein bloßes „Themengespür“, so etwas haben andere auch; bei ihm war es das instinktive, fast konkrete, aber für Außenstehende absolut unbegreifliche Fühlen dessen, was tatsächlich und, nach seiner Überzeugung, auch unvermeidlich auf uns zukommt

Ach wisst ihr. Ich glaube, ich bin erst mal fertig. Ich habe nichts mehr hinzuzufügen. Nihil nisi bono. [Es tut mir leid.] Ihr wisst schon.

Advertisements

14 Responses to Die Ambivalenz, die geistige Überlegenheit in sich trägt

  1. recotard sagt:

    Technischer Hinweis (kann gerne gelöscht werden):
    1.) Die beiden Links auf frühere Beiträge verursachen in Firefox und Chrome Fehlermeldungen, da https.
    2.) „Redkation“ ist zwar als etwas, was mit roten Katzen zu tun haben dürfte, sicher eine erfreulichere Sache als die Gesamtheit der FAZ-Redakteure, aber ich fürchte, es ist nur ein Tippfehler.
    Inhaltlich: D’accord!

  2. […] Mensch. Hab da doch grad was hybsches gefunden, was ich meinen 3 Lesern nicht vorenthalten möchte: Die Ambivalenz, die geistige Überlegenheit in sich trägt (ueberschaubarerelevanz.com) Spass […]

  3. recotard sagt:

    Wusstest Du schon?
    „Frank Schirrmacher war ein Magnet im Universum der Ideen. Seine Gedanken schleuderte er wie Blitze in den Nachthimmel hinaus. (…) So schuf er Kultur, stündlich, täglich. Unermüdlich trug er Stein auf Stein zusammen für das Fundament einer humanen Zivilisation des 21. Jahrhunderts.“

    http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/frank-schirrmacher/erinnerung-an-frank-schirrmacher-er-schuf-kultur-stuendlich-taeglich-12988841.html

  4. Muriel sagt:

    Ich … Ich … Ich verstehe nicht mal, was das heißen soll. Also… Ja, er hat offenbar eine ganze Menge Gedanken rausgeschleudert, den Eindruck habe ich auch, und dass die keine besonders nachhaltige Leuchtkraft hatten, kam mir auch immer so vor, aber … aber … Naja gut, irgendwas muss man ja machen, wenn man ihn mit einem Göttervater vergleichen will, ohne das direkt so zu sagen.
    Niggemeier hat es, erwartbar, sehr gut gemacht. Der kann halt schon was.

  5. -thh sagt:

    Nitpicking: den zitierten Grundsatz kennt der Rest der Welt als „de mortuis nil nisi bene“ (oder meinethalben auch „de mortuis nihil nisi bonum“).

    Man muss ja Latein nicht verstehen, aber dann helfen oft Google oder die Wikipedia …

  6. Muriel sagt:

    @-thh: Hach, du hast Recht. Das macht meinen dummen Witz natürlich noch dümmer, aber andererseits spielt er eine so tragende Rolle in meinem Post, dass ich ihn auch nicht einfach korrigieren kann.
    Mist.
    Das kommt davon, wenn man glaubt, was zu wissen.
    Danke!

  7. […] Volker Schlöndorf, John Brockman, Jaron Lanier, George Dyson, David Gelernter, Thomas Anz, Martina Schulte, Michael Kausch, Gregor Keuschnig, Salomon Korn, Daniel Martienssen, Bettina Röhl, Verboten (taz), Hansjörg Müller, Muriel. […]

  8. payback sagt:

    Sehr gut und richtig!

    Ich gehöre zu den Leuten, die Schirrmacher glaubte, „entdecken“ zu können. Er hat mich nach Frankfurt eingeladen. Wir haben zwei Stunden miteinander geredet. „Sie haben faszinierende Gedanken!“, „Sie sind der neue Sloterdijk!“, „die FAZ ist Ihre Bühne!“, „Ich will alles von Ihnen wissen!“ – Nach dem Gespräch habe ich, etwas angeschickert, erst mal zwei Weizenbiere getrunken, fest mit den Füßen aufgetreten, und das ganze abgehakt. Naja, nicht ganz, muss ich ehrlicherweise zugeben, es gibt eine Art love-bombing, die einen schon irritiert, zumal wenn soviel MACHT dahinter steht. Aber das beherrschende Gefühl war: wie krank ist der denn?

    Wenn ich mir vorstelle, dass seinem unrealistischen, hemmungslosen Loben und Idealisieren ein ebenso hemmungsloses und unrealistisches Tadeln und Verteufeln entsprochen haben mag, sollte man auch den Opfern von Schirrmachers Manipulationskunst eine Kerze anzünden.

  9. US Traveller sagt:

    Man sollte diesen Beitrag von 2010 gelesen haben:
    http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/berliner-grossflughafen-arkadien-riecht-nach-kerosin-11042201.html
    Und wissen, dass Schirrmachers, ja, in Potsdam, Arkadien, wohnen resp. wohnten. Eine Anmerkung in dieser Sache hat es seinerzeit leider nicht bis in die Kommentare von FAZ.net geschafft…

  10. Muriel sagt:

    @payback: Das klingt aufschlussreich, falls es denn stimmt, was ich einerseits natürlich nicht bestreiten, andererseits aber auch nicht einfach unterstellen will. Sie wissen ja. Internetkommentare und so. Danke jedenfalls!
    @US Traveller: MIt derlei Offenlegung tun sich ja Journalisten oft schwer. Ich könnte mir andererseits vorstellen, dass das auch sehr mühselig ist, manchmal.

  11. „diese Nachricht fassen können.“ … ja das kann nur, wer keinen Geist besitzt, denn das zu beurteilen, ist Herrn Rennts‘ Spezialität. Schirrmacher hat eine erstaunliche Welle von Nachrufen losgetreten, von denen einige wohl nur dazu da waren, in den Suchmaschinen beim Aufruf „Schirrmacher“ nicht zu kurz zu kommen. Aber der Frank hat’s ihnen allen wieder mal gezeigt: er verschwand von der Bildfläche so abrupt, dass die meisten sich nicht aus Ihirer Nachrufkonserve bedienen konnten. So hat er selbst seine ärgsten Widersacher noch zur Arbeit angetrieben, als sie meinten, nach seinem Tod könnten sie vor ihm sicher sein.

  12. […] und mies fand, dass ich es einfach nicht über mich bringe, still zuzuhören, während er wie bei Verstorbenen üblich über den grünen Klee gelobt […]

  13. […] sehen, es gibt schon noch Journalisten, die es an Skepsis gegenüber dem Internet mit dem leider verstorbenen Frank Schirrmacher aufnehmen […]

  14. Das Beste war der Nachruf von Dietmar Bartetzko.Soweit ich mich erinnere, der einzig Ehrliche, das Leibeigenschaftverhältnis des F.A.Z-Mitarbeiters ging klar daraus hervor. „Na, was macht Pompeji“, wurde er frühmorgens fröhlich angeraunzt, wie jeder, der den Fehler begeht, seine Hobbys dem Chef zu verraten. Dann ging er in Urlaub und kriegte mitten in der Nacht einen Anruf, jetzt sollte er den Maestro, einen Promi aus seiner Bekanntschaft und seine Familie über die Ausgrabungsfelder führen, er sei ja der beste Kenner, aber dann kam Schirrmacher gar nicht.

Gib's mir!

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: