Mehr Fairness im Netz

Ayn Rand hätte ihre Freude, wenn sie noch vom Leistungsschutzrecht erfahren hätte, und mich ärgert das ein bisschen, denn ich gönne es ihr nicht. Sogar in ihrer völlig albernen Karikaturwelt waren die Schmarotzer nicht dummdreister und widerlicher, und obwohl ich nur das eine Buch von ihr gelesen habe, will ich wetten, dass sich in ihrem gesamten Werk kein erbärmlicheres Beispiel dafür findet, wie sich Menschen hinter dem Rockzipfel der Staatsgewalt vor der bösen Welt zu verstecken versuchen und schimpfend und zeternd Leviathan dazu auffordern, die Hand, die sie füttert, doch noch ein bisschen kräftiger zu beißen.

Da ist also diese Gemeinschaft von Verlagen, die sich einerseits einbilden, eine unersetzlich kostbare Leistung zu erbringen, die unabhängig von ihrem wirtschaftlichen Wert konstitutiv für unsere Gesellschaft und die Demokratie und wahrscheinlich auch für den Fortbestand von süßen Katzenbabys ist und ohne die aber auch wirklich gar nichts mehr ginge, und andererseits der Meinung sind, dass diese Leistung nicht angemessen vergütet wird, weil es da dieses niederträchtige, ebenso dreiste wie durchsichtige Unternehmen gibt, das sie anderen Menschen zugänglich macht, davon profitiert, und ihnen dadurch die Kunden und Umsätze wegschnappt, die sie gerne selbst hätten. Auf allfällige Hinweise, dass es ihnen ja jederzeit frei stünde, ihre kostbaren Inhalte nur noch direkt zu vertreiben und durch wenige Tastendrücke dem Zugriff des niederträchtigen Parasiten zu entziehen, reagieren sie wahlweise gar nicht oder mit unverschämten Lügen, und fordern stattdessen eine gesetzliche Regelung, die ihnen eine zwangsweise Vergütung für die Nutzung ihrer Inhalte garantiert, die ihnen wahlweise entweder sowie schon zugestanden hätte oder jetzt willkürlich allen anderen Produzenten anderer Inhalte vorenthalten wird.

Darauf reagiert – wer hätte das gedacht? – der niederträchtige Parasit mit dem Angebot, die kostbaren Inhalte der Verlage einfach nicht mehr weiter zu verbreiten, gibt ihnen aber auch die Möglichkeit, auf ihren Vergütungsanspruch zu verzichten, wenn er es doch tut. Die Verlage entscheiden sich daraufhin mit überwältigender Mehrheit dafür, den Parasiten weiter machen zu lassen, ohne die Gebühr zu bezahlen, weil sie genau wissen, dass in Wahrheit sie selbst es sind, die bisher  unentgeltlich von der Leistung anderer profitiert haben, und dass sie auf die Leistung des Parasiten nicht verzichten können, wenn sie überleben wollen.

Als den Verlagen klar wird, was passiert ist, und wie unschön das ist, beschließen sie nach einiger Bedenkzeit, dass es ja wohl nicht sein kann, dass so unfassbar unverzichtbare Säulen der Gesellschaft, wie sie es sind, sich jetzt schon entscheiden müssen, ob sie ihren Kuchen essen oder behalten wollen. Wo kämen wir denn da hin? Wutentbrannt fordern sie beides: Der Parasit möge bitte zahlen, und zwar ohne die Möglichkeit, auf die Leistung zu verzichten, von der er angeblich so sehr profitieren soll, was – wir erinnern uns – ursprünglich mal die Rechtfertigung der ganzen Aktion war.

Und die Politik ist natürlich dabei, was sicher nichts damit zu tun hat, dass etwa die SPD erhebliche Teile ihres Vermögens in Verlage investiert hat, so dreist und durchsichtig wären die bestimmt nie. Andererseits ist anders schwer erklärbar, auf wie unverschämte Weise sich zum Beispiel unser Justizminister Herr Maas (SPD) öffentlich auf die Seite der Verlage stellt und nun behauptet, wenn Google aufhören würde, auf unverschämte Weise von den ehrlich im Schweiße ihres Angesichts erarbeiteten Leistungen deutscher Verlage zu profitieren, was – ich denke, man kann nicht oft genug dran erinnern – der ursprüngliche Vorwurf der Verlage war, dann wäre das Zensur, und weiter:

Es kann nicht sein, dass Internet-Giganten ihre Marktmacht missbrauchen, um sich auf Kosten deutscher Verlage zu bereichern. Das ist nicht gerecht, das ist nicht fair.

Wir halten fest: Wenn Google die Inhalte der Verlage (auszugsweise) in seinen Suchergebnissen anzeigt und zugänglich macht, dann profitiert es damit auf unlautere Weise von ihrer Leistung, und wenn Google das nicht mehr tut, dann … auch. Oder so. Und deshalb soll Google zahlen, und zwar ordentlich, und zwar schnell, weil sonst ist das nicht fair.

Und währenddessen fordert unsere Arbeitsministerin Frau Nahles (SPD) eine Ausnahme vom Mindestlohn für Zeitungsausträgerinnen, weil es natürlich für das Fortbestehen unserer Gesellschaft unverzichtbar ist, dass wir jeden Tag Tonnen von Papier durchs Land fahren, in denen Leute dann lesen können, dass es natürlich für das Fortbestehen unserer Gesellschaft unverzichtbar ist, dass wir jeden Tag Tonnen von Papier durchs Land fahren, in denen Leute dann lesen können, dass es natürlich für das Fortbestehen unserer Gesellschaft unverzichtbar ist, dass wir jeden Tag Tonnen von Papier durchs Land fahren, in denen Leute dann lesen können, dass es natürlich für das Fortbestehen unserer Gesellschaft unverzichtbar ist, dass wir jeden Tag Tonnen von Papier durchs Land fahren, in denen Leute dann lesen können …

Hat noch jemand das Gefühl, dass da irgendwas strukturell kaputt ist?

Advertisements

14 Responses to Mehr Fairness im Netz

  1. Nesselsetzer sagt:

    Ich für meinen Teil freue mich über jeden zerschlagenen, insolventen oder aufgelösten Zeitungsverlag in Deutschland, denn der vielbewschworene Qualitätsjournalismus ist inzwischen flächendeckend veschwunden.

    Wir brauchen keine Papiermedien mehr, keine einzige.

    Und weil PolitikerInnenkarrieren nun ganz besonders von diesen absterbenden Medien abhängig sind, werden sie jede noch so blöde Begründung zu finden, um solche Entscheidungen zugunsten der Verlage durchzuziehen.

  2. SalvaVenia sagt:

    So einfach ist das nicht mit dem Papierabbau, denke ich. Spätestens dann, wenn der Zugang zu elektronischen Medien für den Ottonormalverbraucher nicht mehr zugänglich sein wird und es keinerlei Ausweichmöglichkeit gibt, wird man dem guten alten Papier hinterherweinen. Abgesehen davon, daß es immer einen signifikanten Teil an Bürgern geben wird, die per se gar keinen Zugang zu irgendwelchen elektronischen Medien haben.

  3. recotard sagt:

    Technicality: Die internen Links des Artikels sind mit https verflucht. Oder ist das der Versuch einer Paywall?

  4. Muriel sagt:

    @recotard: Ja, aber … Wieso gehen die denn bei mir? Und warum setzt WordPress die so? Ich schwöre, ich hab die ganz normale Verlinkungsautomatik benutzt, die der Editor mir zur Verfügung stellt. Bei dir gehen sie nicht? Oder wie?

  5. recotard sagt:

    Firefox sagt:

    Sie haben Firefox angewiesen, eine gesicherte Verbindung zu ueberschaubarerelevanz.com aufzubauen, es kann aber nicht überprüft werden, ob die Verbindung sicher ist.
    Wenn Sie normalerweise eine gesicherte Verbindung aufbauen, weist sich die Website mit einer vertrauenswürdigen Identifikation aus, um zu garantieren, dass Sie die richtige Website besuchen. Die Identifikation dieser Website dagegen kann nicht bestätigt werden.

    Ich kann dann auf „Ich kenne das Risiko“ gehen bzw. die URL manuell von https:// auf http:// setzen. Oder mich fürchten.

    Warum WordPress SSL-Links setzt, kann ich Dir leider nicht beantworten; auf meinem Blog ist mir dieses Phänomen noch nicht begegnet. Operierst Du vielleicht mit der App? Die kenne ich nicht näher,

  6. Muriel sagt:

    @recotard: Nee, ich hab das alles ganz normal über den PC-Browser gemacht und diese Link-Funktion benutzt. Bekloppt. Ich repariere es jetzt mal händisch und frage bei WordPress nach, was das soll.

  7. Ich weiss nicht, ob ich lieber glauben will, dass die Leistungsschutzrechtler von ihren eigenen Argumenten tatsächlich überzeugt sind oder dass sie frank und frei lügen, um sich ein neues Geschäftsmodell aufzubauen, das die alten Pfründe sichern soll.

  8. Nesselsetzer sagt:

    @SalvaVenia

    Spätestens dann, wenn der Zugang zu elektronischen Medien für den Ottonormalverbraucher nicht mehr zugänglich sein wird…

    Wann sollte das denn – ausser bei der Zerstörung der Infrastruktur etwa durch einen Krieg – der Fall sein? Ich glaube eher nicht, dass eine solche Situation ansonsten eintreten wird.

    Sicher wird es immer Menschen geben, die elektronische Medien nicht nutzen (können), aber das wird im Normalfall der gleiche Anteil sein wie etwa Analphabeten.

    Ich denke, dass die Nutzung des Netzes zukünftig keinen geringeren Stellenwert haben wird wie die evolutionäre Entwicklung der Sprache oder die Erfindung der Schrift. Insofern wird über kurz oder lang die Information auf Papier im großen und ganzen lediglich antiquarischen Wert haben.

  9. SalvaVenia sagt:

    Ich hoffe sehr, daß es niemals dazu kommen wird. Alls, was elektronisch zugänglich ist, ist unvergleichlich einfacher einer Zugangskontrolle unterworfen, was eine endgültige Verwehrung grundlegenden Menschenrechts bedeutete.

  10. Nesselsetzer sagt:

    Eine solche Zugangskontrolle ist bei Papiermedien ebenso möglich und auch schon passiert, siehe Bücherverbrennungen und gleichzeitige Gleichschaltung der Presse. Es hängt natürlich immer von den politischen Gegebenheiten ab.

  11. SalvaVenia sagt:

    Ich denke, der Hauptpunkt ist der, daß elektronische Zugangsbeschränkungen wesentlich schwieriger zu umgehen sein dürften als wir das aus der Vergangenheit in Bezug auf das Papier kennen.

    Un um nochmals auf das Argument bezüglich von Bevölkerungsgruppen ohne Zugang zu elektronischen Medien zurückzukommen, sollte auch bedacht werden, daß selbst in den Industriestaaten der sogenannten Ersten Welt die Durchdringung nicht mehr als ungefähr 85 Prozent beträgt, wenn ich mich recht erinnere, weltweit wohl nur bei etwa 25 Prozent.

  12. Muriel sagt:

    Nachtrag, Respekt wo er hingehört: Till Kreutzer hat es für Zeit.de fast noch besser gesagt als ich, und das will ja bekanntlich einiges heißen.

  13. […] In der Tat fällt auf, dass der viel beschworene Qualitätsjournalismus kaum noch existiert. Ausgiebige und fundierte Recherchen sind immer seltener zu lesen. Die Kosten dafür wollen die meisten Verlage nicht mehr im bisherigen Rahmen tragen. Das ist auch kein Wunder, denn die Kostenloskultur des Netzes mit eingeschaltetem Werbeblocker gräbt den Verlagen jegliche finanzielle Grundlage ab. Die Printmedien wiederum sind aufgrund der allumfassenden Verfügbarkeit kostenloser Informationen im Netz auf Umsatztalfahrt. Als Konsequenz werden ganze Redaktionen und Nachrichtenbüros gesund geschrumpft oder gar aufgelöst und Mitarbeitern gekündigt, um den Betrieb zu straffen und die Kosten zu senken. Zusätzlich liegen die Verlage zunehmend den PolitikerInnen in den Ohren, um neue Einnahmequellen mit nutzlosen Gesetzen durchzusetzen, welche nach deren Verabschiedung umgehend von der betroffenen Zielgruppe gleich wieder umgangen werden. Und da sich die Verlage damit nicht zufrieden geben, wollen sie nun auf dem Klageweg erreichen, dass Suchmaschinen nicht nur auf die Verlagsprodukte verweisen müssen, sondern für diesen Verweis auch noch bezahlen sollen. Das ist genauso doof, als würde ein Restaurantbesitzer einen Taxifahrer nicht nur dazu verpflichten, Fahrgästen das entsprechende Restaurant zu empfehlen, sondern den Taxifahrer für diese Empfehlung auch noch zahlen lassen –  mit der Begründung, er sei im Ort der einzige Taxifahrer und habe deshalb eine marktbeherrschende Stellung. Und da die Verlage immer noch die Macht haben, aufstrebende Politikerkarrieren vorzeitig medial zu beenden, bekommen sie nun Unterstützung von der Partei, die als damalige Oppositionspartei sich noch massiv gegen das Leistungsschutzrecht für Presseverleger ausgesprochen hatte, wie an den Äußerungen des derzeitigen Bundesjustizministers oder  der Arbeitsministerin abgelesen werden kann. Zu diesem eher widerlichen Thema findet sich im Übrigen ein lesenswerter Aufregerartikel von Muriel in seinem Blog Überschaubare Relevanz. […]

  14. Nesselsetzer sagt:

    Ich wundere mich ja immer wieder, dass nicht oft, aber hin und wieder, die Textausrisse der automatischen Trackbacks – wie in diesem Fall – so riesig sind. Weiss jemand ein Gegenmittel?

Gib's mir!

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: