Wie gate der Gaucho?

17. Juli 2014

Eigentlich hat Anatol Stefanowitsch schon alles Nötige zum Thema gesagt, aber ich hätte dieses Blog nicht so genannt, wenn ich die Absicht gehabt hätte, nur das Nötige zu schreiben, deshalb sag ich auch noch was dazu:

Was mich an so gate-tauglichen Ereignissen am meisten stört, ich bleibe jetzt einfach mal beim konkreten Beispiel:

das ist oft gar nicht so sehr das Ereignis selbst.

Ich fände das Ganze gar nicht besonders erwähnenswert, wenn diese Herren diesen Tanz aufgeführt hätten, im Überschwang der Gefühle und getragen von der … ähm … naja, rassistischen, nationalistischen und auch sonst rundum widerwärtigen Grundstimmung, die bei so einer FIFA-WM offenbar herrschen muss, damit sie richtig Spaß macht, und dann hinterher, darauf angesprochen, sowas gesagt wie: „Joa, also, ohje, da haben Sie recht, das war echt daneben, und ich schäme mich auch ein bisschen dafür. Ich muss zugeben, da haben wir einen echt blöden Fehler gemacht. So sollte man echt nicht. Ehrlich. Tut mir leid.“ oder so. Damit käme ich gut klar. Menschen machen Fehler, ich auch, gerade, wenn wir unter emotional intensiven Umständen handeln.

Was mich an diesen Ereignissen am meisten stört, sind also nicht die Ereignisse an sich, sondern der Umgang damit in der Rückschau. Diese unfassbare Demonstration der völligen Abwesenheit nicht nur jeglichen Problembewusstseins, sondern jeglicher Bereitschaft, auch nur über die Möglichkeit nachzudenken, dass da irgendwo ein Problem sein könnte. Die nicht mehr begreifbare Dummdreistigkeit der Ausreden und die manchmal schon fast wieder bemitleidenswerte Hiflosigkeit der Beschwichtigungsversuche. Das ist der Teil, der mich wirklich aufregt, weil er demonstriert, wie kaputt unsere Gesellschaft ist, und dass es sich bei Vorfällen wie diesem albernen Gauchotanz eben nicht um ein Augenblicksversagen euphorisierter Sportler handelt, sondern um ein Symptom einer tief sitzenden Erkrankung unserer Systems.

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Restebloggen-Befreiungsschlag (103)

6. Juli 2014

Dieser Post liegt seit dem 15. März 2014 in meiner Entwürfebox und hat in dieser Zeit kaum kalkulierbaren Schaden angerichtet, indem er sich einerseits aus komplexen Gründen, die zu erklären der Raum in dieser schmalen Marge leider nicht ausreicht, hartnäckig der Veröffentlichung verweigerte, und andererseits auch nicht zuließ, dass weitere Restebloggen-Posts an seiner statt erscheinen. Um diesen für alle Beteiligten (und technisch gesehen natürlich auch für die anderen) unbefriedigenden Zustand zu beseitigen, veröffentliche ich ihn nun einfach, ungeachtet, seines eklatanten Mangels an Akutalität oder sonstiger erfreulicher Eigenschaften, um den Weg für zukünftige Restebloggen-Posts freizumachen.

Ich hoffe auf euer Verständnis.

 

  1. Da sag noch mal einer, Superhelden seien langweilig und letzten Endes alle gleich.
  2. Es gibt zahlreiche Probleme, die insbesondere für sorglose weitgehend gesunde Menschen wie uns hippen jungen schönen und sportlichen Internetbenutzercommunityangehörigen beinahe lächerlich erscheinen, für die Betroffenen aber erheblich dazu beitragen können, dass das Leben keinen Spaß mehr macht. Muskelzittern ist sowas, insbesondere das Essen mit, und so habe ich mich sehr gefreut dass jemand (anscheinend) ein ziemlich wirkungsvolles Hilfsmittel für zumindest einen damit verbundenen Verlust an Lebensfreude gefunden hat: Liftware.
  3. Titanic hat eine sehr gelungene Parodie auf fefe geschrieben, und  fefe hat, so ungern ich das zugebe, sehr souverän drauf reagiert.
  4. Qualitätsmedien und so, ihr wisst schon.
  5. Die Pixelmacher hatten offenbar vor einiger Zeit ihre letzte Sendung (?), und ich finde, sie ist ganz ganz hervorragend geworden. Dringende Ansehempfehlung.
  6. Eigentlich gar nicht so toll, dieser Comic, aber weil ich gerade kürzlich im Zusammenhang mit dem Organspende-Thema drüber nachdachte, wie sonderbar und schade dass doch ist, dass manche Christen, vielleicht sogar viele, ich müsste noch mal nachzählen, es nicht mal schaffen, die paar erfreulichen Dinge umzusetzen, die sich aus ihrem ungerechtfertigten Glauben ergeben könnten, wenn sei ihn ernst nähmen, lass ich ihn drin.
  7. Man, if Satan ever starts losing his hair, there will be hell toupet. Ich krieg mich nicht ein vor Freude, jedes Mal, wenn ich das lese.
  8. [T]he universe is different from our everyday experience. That doesn’t sound like a surprising statement, but we really need to take it to heart. To look at a modern cosmological model and say, “Yes, but what was the cause?” is like looking at someone taking pictures with an iPhone, and saying, “Where does the film go?” It’s not that the answer is difficult or inscrutable, it’s completely the wrong question to be asking. …Why should we expect that there are causes, or explanations, or reasons why in the universe in which we live? It’s because the physical world in which we are imbedded has two important features: There are unbreakable patterns, laws of physics, things don’t just happen, they obey the laws. And there is an arrow of time, stretching from the past to the future. The entropy was lower in the past, increases toward the future. Therefore, when you find some event or state of affairs B today, we can very often trace it back in time, to just one or a couple of possible predecessor events, that we therefore say is the cause of that, which leads to B according to the laws of physics. But crucially, both of these features of the universe that allow us to speak the language of causes and effects are completely absent when we talk about the universe as a whole. We don’t think that our universe is part of a bigger ensemble that obeys laws. Even if it’s part of a multiverse we don’t think the multiverse is part of a bigger ensemble that obeys laws. Therefore, nothing gives us the right to expect some kind of external cause. The idea that our intuitions about cause and effect that we get from our everyday experience of the world should somehow be extended without modification to the fundamental nature of reality is fairly absurd.

Kleider machen Leute.

3. Juli 2014

Ich habe gestern diesen Beitrag geschrieben, in dem ich über die jüngste EGMR-Entscheidung zum französischen Verhüllungsverbot schimpfe, und nicht erst wegen Golda Meirs Kommentar bereue ich seitdem, Anlass zu der Vermutung gegeben zu haben, ich wäre der Meinung, derlei Unfug sei eine Spezialität der Franzosen, oder der Belgier, die eine ähnliche Vorschrift haben und deshalb vor dem EGMR auf Frankreichs Seite standen.

Nein, so ziemlich jedes Land schreibt seinen Bürgern und deren Besuchern vor, wie sie sich anzuziehen haben, soweit ich weiß, oder macht zumindest Vorgaben dazu. Auch hier im kuscheliegen Deutschland haben wir nicht die Wahl, wie und ob wir uns kleiden, sondern müssen in aller Regel mit Strafe rechnen, wenn wir uns nicht in der Form verhüllt haben, dass der Rest der Gesellschaft für angemessen befindet.

Und das ist natürlich genauso inakzeptabler und unsinniger Quatsch wie das Verhüllungsverbot in Frankreich, und genauso dumm begründet, vielleicht mit dem geringfügigen Unterschied, dass sie die deutschen Staatsgewalten immerhin darauf berufen können, dass nackte Menschen in der Öffentlichkeit tatsächlich regelmßig eine Störung verursachen, wobei ich natürlich behaupten würde, dass diese nicht von ihnen ausgeht, sondern von den armen bornierten Personen, die sich an ihnen stören, was die Staatsgewalten ein winziges bisschen exkulpiert (wiewohl ich natürlich von ihnen fordern würde, dass sie nicht Unschuldige bestrafen, sondern die Verantwortlichen für ein Problem, wenn sie sich denn schon mal anmaßen, überhaupt jemanden zu bestrafen.), das Gesamtversagen der Gesellschaft aber nicht weniger beschämend macht.

Insofern gilt mein Aufruf zur allgemeinen Scham natürlich nicht nur den Franzosen, sondern uns allen, die wir es in all der Zeit immer noch nicht geschafft haben, eine Gesellschaft zu errichten, die auf blödsinnige Gängelei, willkürliche Bestrafungen und völlig ungerechtfertigte Bevormundung ihrer Mitglieder verzichtet. Ich bin ziemlich überzeugt, dass wir es besser könnten. Aber das macht es im Ergebnis natürlich eher noch schlimmer.

Oder was meint ihr?


Man kann sich gar nicht so viel verhüllen, wie man … äh … Naja.

2. Juli 2014

Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) hat nun also entschieden: Das Verbot von gesichtsverhüllenden Kleidern in Frankreich verstößt nicht gegen die Europäische Menschenrechtskonvention. Das ist jetzt eher so mittelüberraschend, klar, und ihr kennt meine Position in der Sache ja ohnehin schon, aber ich finde trotzdem, dass man über die Begründung mal ein bisschen nachdenken darf, und sich fragen, wer sämtlichen für dieses Ergebnis verantwortlichen womöglich in ihrer Kindheit weh getan haben mag, oder so, dass aus ihnen solche Menschen geworden sind.

the Court accepted that the barrier raised against others by a veil concealing the face in public could undermine the notion of “living together”. In that connection, it indicated that it took into account the State’s submission that the face played a significant role in social interaction. The Court was also able to understand the view that individuals might not wish to see, in places open to all, practices or attitudes which would fundamentally call into question the possibility of open interpersonal relationships, which, by virtue of an established consensus, formed an indispensable element of community life within the society in question. The Court was therefore able to accept that the barrier raised against others by a veil concealing the face was perceived by the respondent State as breaching the right of others to live in a space ofsocialisation which made living together easier.

Das ist laut der Pressemitteilung des EGMR die tragende Erwägung.

Zusammengefasst auf Deutsch: Frankreichs Vertreter meinten, dass die Franzosen eben einen Anspruch darauf haben, die Gesichter anderer Menschen zu sehen, und nicht wünschen, an öffentlichen Orten Praktiken oder Haltungen zu sehen, die die Möglickeit zwischenmenschlicher Beziehungen fundamental infrage stellen, und weil Burkas das tun, halten nicht nur das französische Parlament und die französische Regierung es für legitim, Leute zu bestrafen, die anderen lieber nicht ihr Gesicht zeigen möchten. (Und darüber hinaus will Frankreich natürlich die armen Frauen nur vor Unterdrückung beschützen und befreien, indem es sie zwingt, sich so anzuziehen, wie die Franzosen das für richtig halten, und sie sonst bestraft. Isjaklar, ne?)

Mir fällt nicht viel ein, was ich noch sagen könnte, um die unfassbar dummdreiste Anmaßung und widerliche Heuchelei in dieser Haltung angemessen zu kommentieren oder zu verdeutlichen. Diese Begründung spricht für sich selbst. Oder vielmehr gegen sich selbst. Und ich schäme mich, Teil der Gesellschaft zu sein, die sie gerade offiziell für akzeptabel befunden hat.Schämt sich jemand mit? Und noch wichtiger: Weiß jemand, wo man online vernünftige Burkas bestellen kann? Die Auswahl bei Amazon kommt mir nicht ganz zufriedenstellend vor.