Kleider machen Leute.

Ich habe gestern diesen Beitrag geschrieben, in dem ich über die jüngste EGMR-Entscheidung zum französischen Verhüllungsverbot schimpfe, und nicht erst wegen Golda Meirs Kommentar bereue ich seitdem, Anlass zu der Vermutung gegeben zu haben, ich wäre der Meinung, derlei Unfug sei eine Spezialität der Franzosen, oder der Belgier, die eine ähnliche Vorschrift haben und deshalb vor dem EGMR auf Frankreichs Seite standen.

Nein, so ziemlich jedes Land schreibt seinen Bürgern und deren Besuchern vor, wie sie sich anzuziehen haben, soweit ich weiß, oder macht zumindest Vorgaben dazu. Auch hier im kuscheliegen Deutschland haben wir nicht die Wahl, wie und ob wir uns kleiden, sondern müssen in aller Regel mit Strafe rechnen, wenn wir uns nicht in der Form verhüllt haben, dass der Rest der Gesellschaft für angemessen befindet.

Und das ist natürlich genauso inakzeptabler und unsinniger Quatsch wie das Verhüllungsverbot in Frankreich, und genauso dumm begründet, vielleicht mit dem geringfügigen Unterschied, dass sie die deutschen Staatsgewalten immerhin darauf berufen können, dass nackte Menschen in der Öffentlichkeit tatsächlich regelmßig eine Störung verursachen, wobei ich natürlich behaupten würde, dass diese nicht von ihnen ausgeht, sondern von den armen bornierten Personen, die sich an ihnen stören, was die Staatsgewalten ein winziges bisschen exkulpiert (wiewohl ich natürlich von ihnen fordern würde, dass sie nicht Unschuldige bestrafen, sondern die Verantwortlichen für ein Problem, wenn sie sich denn schon mal anmaßen, überhaupt jemanden zu bestrafen.), das Gesamtversagen der Gesellschaft aber nicht weniger beschämend macht.

Insofern gilt mein Aufruf zur allgemeinen Scham natürlich nicht nur den Franzosen, sondern uns allen, die wir es in all der Zeit immer noch nicht geschafft haben, eine Gesellschaft zu errichten, die auf blödsinnige Gängelei, willkürliche Bestrafungen und völlig ungerechtfertigte Bevormundung ihrer Mitglieder verzichtet. Ich bin ziemlich überzeugt, dass wir es besser könnten. Aber das macht es im Ergebnis natürlich eher noch schlimmer.

Oder was meint ihr?

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15 Responses to Kleider machen Leute.

  1. recotard sagt:

    Aber… aber… wenn wir auf all dies verzichten, was soll dann die Gesellschaft zusammenhalten?

  2. ich stimme dir bei der ablehnung staatlichen zwanges ausdrücklich zu und würde dabei sehr, sehr weit gehen.

    ich glaube aber, aber dass der trend in deutschland in dieser hinsicht die kommenden jahre in eine ganz andere richtung gehen wird (bevormundung, ausbau der unfreiheit unter den labels „gleichheit“ und „gerechtigkeit“ usw).

    ich teile also das ziel aber nicht die hoffnung. drum lebe ich inzwischen in der schweiz, wo man einen erfrischend offenen umgang mit der freiheit pflegt.

  3. recotard sagt:

    @golda: Ich weiß sehr wenig von Schweizer Angelegenheiten: Ist dies hier eine verzerrte Darstellung?

    „In der Schweiz ist das Burkaverbot seit Jahren ein politischer Dauerbrenner. Erstmals wurde 2006 auf nationaler Ebene ein Verbot angeregt. (…) Parallel laufen in der Schweiz die Vorbereitungen für ein nationales Burkaverbot. Hinter der Initiative steht das sogenannte Egerkinger Komitee, das bereits mit der Minarettinitiative erfolgreich war.“
    (http://www.tagesanzeiger.ch/schweiz/standard/Initiative-fuer-Schweizer-Burkaverbot-steht/story/30985922)

  4. Nesselsetzer sagt:

    Du hast noch das Vermummungsverbot – wegen der Identifizierung – bei uns vergessen, zu dem auch ein Uniformverbot und ein Verbot von Hockeyrüstungen oder Helmen gehört, zumindest bei Demonstrationen. Kann ja nicht angehen, dass sich auch noch jemand mit besonderer Kleidung schützt, wenn die Staatsgewalt draufhauen will.
    Wenn Du auf Kleidungsfreiheit bestehst, dann ziehe einfach mal ein Halstuch vor das Gesicht, wenn sich ein Polizeiwagen nähert. Viel Spaß bei der anschließenden Diskussion. 😉

  5. @recotard

    nein, dass ist keine verzerrung. das emgr-urteil hat die befürworter sogar zusätzlich bestärkt.

  6. Nesselsetzer sagt:

    Dass unsere Gesellschaft in Bezug auf Kleidung wohl eher von Angst als von Menschenrechten geplagt ist, zeigt dieser Artikel:
    http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/rottweil-kampfmoench-laeuft-ueber-schulgelaende-a-979051.html

  7. […] ohne die Zustimmung konservativängstlicher Moralbewahrer treffen wollen. Wie etwa das Recht auf beliebige Kleidung. Oder gar das Recht darauf, nach einem lustigen Schäferstündchen sich die Pille danach besorgen […]

  8. FDominicus sagt:

    Es ist zwar schon ein paar Jahre her, aber nicht wirklich „Geschichte“ – jedenfalls dann nicht wenn Geschichte erst mit toten Menschen anfängt. Aber meine Großmütter und auch meine Mutter haben Kopftücher getragen (ist gerade wohl aus der Mode), da hat sich keiner daran gestört. Insgesamt glaube ich aber sind wir im großen und Ganzen langsam auf den Weg in dem Gestörtsein der normale Lebenswandel ist…..

  9. koljazao sagt:

    In der Süddeutschen Zeitung von heute ist im Feuilleton ein langer Artikel zu dem Thema zu finden, welchen ich zu Beginn stark fand, der dann aber so wirr durch die Gegend mäandert, dass ich mich total über eine Murielpolemik freuen tät.

  10. Muriel sagt:

    @koljazao: Ich bin ja nicht abgeneigt, sowas als Leserservice anzubieten. Gibt es einen Link, oder möchtest du mir einen Scan schicken, falls nur Papier verfügbar ist?

  11. Muriel sagt:

    @FDominicus: Und du meinst, früher waren Leute weniger gestört?

  12. Muriel sagt:

    @Koljazao: Ich bin jetzt endlich zum Lesen gekommen.
    Oh Gott.
    Ohgottohgott.
    Ja, der hätte es gewiss verdient, und ich hätte einerseits auch Lust,. kann aber noch ein paar Tage dauern, bis ich mich aufraffe, mich mit diesem unfassbar ärgerlichen Stuss auseinander zu setzen.
    Boa.
    Danke, aber.

  13. FDominicus sagt:

    @Muriel. Ich glaube schon, so weit ich es beurteilen kann gab es nicht recht-auf-alles, speziell auch Kredit und der Verhältnis zu Krediten war auch nicht so gestört wir heute. Ja, ich denke das Gestörtsein ist gestiegen und meines Erachtens sich immer mehr beschleunigend und seit TARP ist es schon sehr gestört.

  14. Muriel sagt:

    @FDominicus: Vielleicht müssten wir uns einigen, über welche Gestörtheit genau wir reden.
    Mir kommt die Gesellschaft von früher eher noch gestörter vor. Es ist nicht lange her, dass Homosexualität noch strafbar war, um nur ein Beispiel zu nennen. Ich gebe aber zu, dass der Unterschied von weitem vielleicht schwer zu erkennen ist, und bin mir deshalb auch nicht sicher.

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