Irritierende Signale

25. September 2014

Gütiger Himmel, wie kann denn, also, wie ist denn, also, haben die denn, also, was zur Hölle qualifiziert denn …

Nee, anders.

Der Ethikrat hat ja kürzlich diese Stellungnahme abgegeben (Dank an onkelmaike für den Hinweis.), in der er sich für eine Abschaffung des Inzestverbotes ausspricht, und weil ich den Ethikrat für eine ziemlich verantwortungs- und ahnungslose Organisation halte, werde ich mich hüten, ihn dafür zu loben, und werde mich nicht mal damit begnügen, die eher missglückte Begründung dieser im Ergebnis berechtigten Forderung zu kritisieren, sondern stattdessen hier für euch die wirklich unfassbare (Es musste zumindest fett sein. Caps-Lock wäre noch besser gewesen, ist mir aber zu Caps-lockig.) Dummheit der Argumentation der neun Ratsmitglieder dokumentieren, die sich dieser Forderung nicht anschließen mochten. Nicht nur aus Missgunst gegenüber diesem armseligen Gremium, sondern auch, weil ich das für mich selbst noch ein bisschen verarbeiten muss, bevor ich wieder ruhig schlafen kann.

Das abweichende Votum erkennt zwar einige der Kritikpunkte der Mehrheit des Rates an, hält sie aber nicht für ausreichend, um das Verbot abzuschaffen, und rechtfertigt das – ihr ahnt es mutmaßlich schon – mit *Trommelwirbel* unser aller Lieblingsfeld aus dem konservativen Bullshitbingo *ansteigender Trommelwirbel*: Dem Schutz der Familie!

Kurze Pause, für alle, die kurz noch ihre Zähne aus der Tischkante hebeln müssen, bevor sie weiter lesen.

Eine wesentliche Aufgabe von Familie ist es, eine Lebensform für verlässliche Beziehungen zwischen Generationen und Geschlechtern zu konstituieren und zu gestalten. Die Erfüllung dieser Aufgabe wiederum ist Voraussetzung für die Realisierung bestimmter familialer „Leistungen“, insbesondere der Herausbildung von individueller und kollektiver Identität. Die inneren familialen Beziehungen werden spezifisch geprägt durch Elemente der Reziprozität oder Komplementarität, aber auch durch den Grad an Intimität. Die jeweiligen „Beziehungsgeschichten“ sind gekoppelt mit unterschiedlichen Rollen und Funktionen. Inzest bedeutet nun eine Rollenverdoppelung und zugleich eine „Fragmentierung familiärer Strukturen“. Damit aber werden die Geltungsbedingungen der – vorstehend skizzierten – familialen Aufgaben- beziehungsweise Leistungserfüllung fundamental infrage gestellt. Diese Gefahr abzuwehren, ist zentrales Anliegen der Strafvorschrift des § 173 StGB.

Oder in deutlich: Diese neun Personen sind der Meinung, die Mitglieder einer Familie haben für einander bestimmte Leistungen zu erbringen. Sie finden weiterhin, dass, wenn wir uns in gegenseitigem Einvernehmen aus freien Stücken dafür entscheiden, darüber hinaus noch eine ganz bestimmte weitere Leistung füreinander zu erbringen, es ihnen daraufhin zusteht, uns dafür zu bestrafen, weil sie die nicht näher begründete Sorge tragen, dass das erstens die Erbringung der von ihnen gewünschten Leistungen erschwert und zweitens ihre eigene Vorstellung dieser Leistungen und der uns von ihnen zugedachten Rollen infrage stellt. Oder noch mal anders: Sie hätten gerne eine Gesellschaft, in der der Staat uns bestimmte Rollen zuweist und uns bestraft, wenn wir sie nicht so spielen, wie er sie gerne hätte.

So weit, so wahnsinnig. Allerdings nicht wahnsinnig genug für unsere tollkühnen Neun, denn die erkennen im Übrigen an, dass § 173 StGB gar nicht macht, was sie bezwecken, weil er zum Beispiel gar nicht wirklich Familienverhältnisse regelt, sondern nur Blutsverwandschaft, ganz unabhängig davon, ob innerhalb oder außerhalb einer Familienstruktur, und darüber hinaus auch keineswegs die Rollenverdoppelung oder Fragmentierung familiärer Strukturen, was immer genau das ist, untersagt, sondern lediglich vaginalen Geschlechtsverkehr. Das ist auch so eine Sache, die man gar nicht genug betonen kann: Homosexuelle Handlungen werden durch diese Vorschrift genausowenig erfasst wie zum Beispiel Analsex, oder eben jegliche Handlung außer der Penetration einer Vagina durch einen Penis.

Oder in deutlich: Die Strafvorschrift ist evident ungeeignet, das von ihnen angestrebte (schreiend illegitime) Ziel zu erreichen, aber das ist ihnen egal, oder in ihren eigenen Worten:

Zwar vermag § 173 StGB insoweit aufgrund seiner Textfassung keine Schutzwirkung zu entfalten; doch lässt dies seine Schutzfunktion im Übrigen unberührt. Die fragmentarische Tatbestandsfassung erlaubt jedenfalls nicht den Schluss, § 173 StGB sei auf den Familienschutz gar nicht zugeschnitten.

Falls jemand raten will, wie das abweichende Votum diese These begründet, schreibe ich sie hier die Antwort mal so hin, dass ihr sie erst lesen könnt, wenn ihr sie mit dem Cursor markiert, sodass ihr selbst entscheiden könnt, ob ihr euch spoilern lassen wollt: Gar nicht.

Und das ist es. Im Wesentlichen. Natürlich kommt danach noch ein bisschen Text, in dem die tollkühnen Neun versuchen, uns zu erklären, dass sie ja schon einsehen, dass es Einzelfälle gibt, in denen Inzest echt niemandem schadet und völlig okay wäre, dass das dann aber trotzdem schadet und nicht okay ist, weil diese Einzelfälle dann ja das Prinzip aufweichen würden, dass Inzest schadet und nicht okay ist, und dass außerdem ja ohne Inzestverbot ein wichtiges Signal dafür fehlt, dass Inzest verboten ist, und so.

Aber eigentlich ist es das. Mehr haben die nicht.

Da ist also dieses Gremium, das von unserem Bundestag per Gesetz eingerichtet wurde, um als unabhängiger Sachverständigenrat unter anderem die Öffentlichkeit zu informieren sowie Stellungnahmen und Empfehlungen für politisches und gesetzgeberisches Handeln zu erarbeiten, und wir wissen jetzt schon mal, dass der Sachverstand von neun seiner Mitglieder offenbar nicht ausreicht, um diese Argumentation als den grässlichen Bullshit zu erkennen, die sie ist.

Liegt das an mir, oder kommt euch das auch ein bisschen bedenklich vor?


Rape Culture

22. September 2014

Überschaubare Relevanz ist nicht tot. Es schläft nur zurzeit relativ viel. Das hat zahlreiche Gründe, aber ich schwöre, dass einer von denen auch darin besteht, dass mir zurzeit nicht so besonders viel über den Weg läuft, was genug Fleisch für einen Post hier abzuwerfen verspricht, und dann kennt ihr vielleicht auch diesen Mechanismus, dass Dinge, die man länger nicht mehr gemacht hat, einem zunehmend weniger naheliegend vorkommen, was dazu führt, dass man sie immer seltener macht, und … hm. Ich hoffe, mein Blog stirbt nicht. Es wäre nicht das erste, dessen letztes Dutzend Beiträge zu zwei Dritteln aus Entschuldigung dafür bestehen, dass so selten Beiträge erscheinen, und dass sie, wenn sie dann mal erscheinen, zu zwei Dritteln aus Entschuldigung dafür bestehen, dass so selten Beiträge erscheinen, und …

Überschaubare Relevanz ist nicht tot. Es schläft nur zurzeit relativ viel. Und weil das unter anderem daran liegt, dass mich gerade keine aktuellen Themen ansprechen, bis auf die Netzneutralitätsdiskussion vielleicht, aber die ist mir gerade wiederum zu mühselig, und außerdem hab ich dazu schon was geschrieben, dem ich bis auf Weiteres nichts hinzuzufügen habe, schreib ich halt zu einem nicht so oder sagen wir: schon sehr lange aktuellen Thema. Na gut, doch, ein bisschen was hätte ich schon hinzuzufügen, nämlich dass ich natürlich einsehe, dass das Netz mit staatlichen Mitteln gebaut wurde, und nun mal da ist, und die staatliche Regulierung dieses Netztes deshalb zumindest innerhalb der Staatsdoktrinen nicht ganz so abwegig ist, wie ich es dargestellt habe. Aber das will ich hier nicht hinschreiben, weil der Einstieg in diesen Beitrag ohnehin schon viel zu unübersichtlich und lang ist und eine unvoreingenommene Leserin allmählich auf die Idee kommen könnte, ich hätte den Titel da oben nur gewählt, um euch zu ködern, mein gedankenstrommäanderndes selbstrefenzielles Gefasel zu begleiten, das in Wahrheit gar nichts mit Rape Culture zu tun hat.

Weit gefehlt!

In diesem Beitrag geht es nämlich doch um Rape Culture. Nur nicht sofort. Er ist also, wenn ihr so wollt, ein Beleg dafür, dass man sich auch in diesem Internet noch Zeit nehmen kann, um Ideen zu entwickeln, und dass auch Blogger und Bloggerinnen noch mit Geduld und Liebe ihre Gedanken –

Ja, ja, ich komm jetzt zur Sache, schon gut.

Rape Culture also. Das ist so ein Begriff, mit dem ich schon lange nicht einverstanden bin, zu dem ich aber unter anderem deshalb nie was geschrieben habe, weil ich gerne den Eindruck vermeiden will, zu den Leuten zu gehören, die ihn typischerweise angreifen. Aber ich finde ihn wirklich verfehlt, weil er meines Erachtens die Verständigung eher erschwert, als sie zu erleichtern

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Restebloggen (105)

6. September 2014

Aktueller ist es jetzt zumindest. Jetzt muss ich nur noch dran arbeiten, ein bisschen mehr Polster zwischen die Restebeiträge zu kriegen.“What ho!“ I said.

  1. Für alle, die keine Feedreader mögen und irgendwann aufgegeben haben, mein Autorenblog zu besuchen: Jetzt lebt es wieder auf, nachdem Angelic Duties durch ist: Generationenschiff wirft eine Bitte um Leserwünsche voraus. Wer meine Geschichten bisher mochte, oder sonstwie eine neue ausprobieren und oder oder mitbeeinflussen will, komme doch mal rüber. Hier wird es deshalb mit literarischem Inhalt natürlich eher dünner, aber ich bemühe mich, für den anderen weiterhin ab und zu mal Zeit zu finden.
  2. „What ho!“ said Motty.
    „What ho! What ho!“
    „What ho! What ho! What ho!“
    After that it seemed rather difficult to go on with the conversation.

    Dank keoni habe ich kürzlich die Freude am Werk Pelham Grenville Wodehouses entdeckt. Vielleicht wollt ihr ja auch mal schauen (zum Beispiel hier), ob das einer für euch ist, falls ihr ihn nicht eh schon lange kennt. Ich finde, er gilt nicht ganz zu Unrecht in gewissen Kreisen als der größte humoristische Schriftsteller unter den Briten, wenn nicht sogar der Welt.

  3. Bedarf keiner weiteren Worte:
  4. Gleich mein allererstes Experiment mit dem Konsum von Holmes-FanFic hat mir große Freude bereitet, nicht zuletzt, weil paxlux‘  The Physics of Present Tense äußerst stimmungsvoll gelesen wird von zwischendenstuehlen, die zwar als madove gerade eher ruht, in ihrem Tumblr aber sehr sehr lesenswerte Dinge wie dieses schreibt und teilt, weshalb ich sie euch sowieso dringend ans Herz legen will, aber hier geht es jetzt vorrangig um The Physics of Present Tense, das, wie ich nun aus eigener Erfahrung weiß, auch gefallen kann, wenn man sich eigentlich nichts aus dem ganzen Themenkomplex macht. (Achtung: Inzest und Drogen und Süßigkeiten und alles, was sonst noch geeignet ist, eure Moral zu zerrütten.)
  5. Ice Bucket Challenge. So viele tolle Leute, vor denen ich ein wenig Respekt verloren habe. Tut ein bisschen weh. Und macht, dass ich mich alt fühle.
  6. Und wenn ich schon mal im Cranky-Muriel-Modus bin: Guardians of the Galaxy. Wirklich? Ehrlich? Das kann nicht euer Ernst sein. Wäre sonst aber eine sehr gelungene Aktion in gemeinsamer Ironie.
  7. Wieder ganz ironiefrei empfehlenswert ist quadratmeters Wettbewerb „13 Briefe an das Ende der Welt„. Ich hab auch teilgenommen und würde behaupten, mein Beitrag sei nicht so schwer zu erraten, auch ohne Kennzeichnung, aber für mich ist das natürlich auch leicht gesagt.

Angelic Duties (24) – Finis

2. September 2014

We all knew it was going to end one day, and we all know it’s just the first book of a series, so there’s no excuse for sadness and lots of reasons to look forward to what else is to come, not least the new serialized novel I’m soon going to start on my author’s blog, so wipe away your tears, enjoy the last chapter here, and bookmark fabianelfeld.com, for in a few weeks, a new era is going to dawn there.

Or something.

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