Irritierende Signale

Gütiger Himmel, wie kann denn, also, wie ist denn, also, haben die denn, also, was zur Hölle qualifiziert denn …

Nee, anders.

Der Ethikrat hat ja kürzlich diese Stellungnahme abgegeben (Dank an onkelmaike für den Hinweis.), in der er sich für eine Abschaffung des Inzestverbotes ausspricht, und weil ich den Ethikrat für eine ziemlich verantwortungs- und ahnungslose Organisation halte, werde ich mich hüten, ihn dafür zu loben, und werde mich nicht mal damit begnügen, die eher missglückte Begründung dieser im Ergebnis berechtigten Forderung zu kritisieren, sondern stattdessen hier für euch die wirklich unfassbare (Es musste zumindest fett sein. Caps-Lock wäre noch besser gewesen, ist mir aber zu Caps-lockig.) Dummheit der Argumentation der neun Ratsmitglieder dokumentieren, die sich dieser Forderung nicht anschließen mochten. Nicht nur aus Missgunst gegenüber diesem armseligen Gremium, sondern auch, weil ich das für mich selbst noch ein bisschen verarbeiten muss, bevor ich wieder ruhig schlafen kann.

Das abweichende Votum erkennt zwar einige der Kritikpunkte der Mehrheit des Rates an, hält sie aber nicht für ausreichend, um das Verbot abzuschaffen, und rechtfertigt das – ihr ahnt es mutmaßlich schon – mit *Trommelwirbel* unser aller Lieblingsfeld aus dem konservativen Bullshitbingo *ansteigender Trommelwirbel*: Dem Schutz der Familie!

Kurze Pause, für alle, die kurz noch ihre Zähne aus der Tischkante hebeln müssen, bevor sie weiter lesen.

Eine wesentliche Aufgabe von Familie ist es, eine Lebensform für verlässliche Beziehungen zwischen Generationen und Geschlechtern zu konstituieren und zu gestalten. Die Erfüllung dieser Aufgabe wiederum ist Voraussetzung für die Realisierung bestimmter familialer „Leistungen“, insbesondere der Herausbildung von individueller und kollektiver Identität. Die inneren familialen Beziehungen werden spezifisch geprägt durch Elemente der Reziprozität oder Komplementarität, aber auch durch den Grad an Intimität. Die jeweiligen „Beziehungsgeschichten“ sind gekoppelt mit unterschiedlichen Rollen und Funktionen. Inzest bedeutet nun eine Rollenverdoppelung und zugleich eine „Fragmentierung familiärer Strukturen“. Damit aber werden die Geltungsbedingungen der – vorstehend skizzierten – familialen Aufgaben- beziehungsweise Leistungserfüllung fundamental infrage gestellt. Diese Gefahr abzuwehren, ist zentrales Anliegen der Strafvorschrift des § 173 StGB.

Oder in deutlich: Diese neun Personen sind der Meinung, die Mitglieder einer Familie haben für einander bestimmte Leistungen zu erbringen. Sie finden weiterhin, dass, wenn wir uns in gegenseitigem Einvernehmen aus freien Stücken dafür entscheiden, darüber hinaus noch eine ganz bestimmte weitere Leistung füreinander zu erbringen, es ihnen daraufhin zusteht, uns dafür zu bestrafen, weil sie die nicht näher begründete Sorge tragen, dass das erstens die Erbringung der von ihnen gewünschten Leistungen erschwert und zweitens ihre eigene Vorstellung dieser Leistungen und der uns von ihnen zugedachten Rollen infrage stellt. Oder noch mal anders: Sie hätten gerne eine Gesellschaft, in der der Staat uns bestimmte Rollen zuweist und uns bestraft, wenn wir sie nicht so spielen, wie er sie gerne hätte.

So weit, so wahnsinnig. Allerdings nicht wahnsinnig genug für unsere tollkühnen Neun, denn die erkennen im Übrigen an, dass § 173 StGB gar nicht macht, was sie bezwecken, weil er zum Beispiel gar nicht wirklich Familienverhältnisse regelt, sondern nur Blutsverwandschaft, ganz unabhängig davon, ob innerhalb oder außerhalb einer Familienstruktur, und darüber hinaus auch keineswegs die Rollenverdoppelung oder Fragmentierung familiärer Strukturen, was immer genau das ist, untersagt, sondern lediglich vaginalen Geschlechtsverkehr. Das ist auch so eine Sache, die man gar nicht genug betonen kann: Homosexuelle Handlungen werden durch diese Vorschrift genausowenig erfasst wie zum Beispiel Analsex, oder eben jegliche Handlung außer der Penetration einer Vagina durch einen Penis.

Oder in deutlich: Die Strafvorschrift ist evident ungeeignet, das von ihnen angestrebte (schreiend illegitime) Ziel zu erreichen, aber das ist ihnen egal, oder in ihren eigenen Worten:

Zwar vermag § 173 StGB insoweit aufgrund seiner Textfassung keine Schutzwirkung zu entfalten; doch lässt dies seine Schutzfunktion im Übrigen unberührt. Die fragmentarische Tatbestandsfassung erlaubt jedenfalls nicht den Schluss, § 173 StGB sei auf den Familienschutz gar nicht zugeschnitten.

Falls jemand raten will, wie das abweichende Votum diese These begründet, schreibe ich sie hier die Antwort mal so hin, dass ihr sie erst lesen könnt, wenn ihr sie mit dem Cursor markiert, sodass ihr selbst entscheiden könnt, ob ihr euch spoilern lassen wollt: Gar nicht.

Und das ist es. Im Wesentlichen. Natürlich kommt danach noch ein bisschen Text, in dem die tollkühnen Neun versuchen, uns zu erklären, dass sie ja schon einsehen, dass es Einzelfälle gibt, in denen Inzest echt niemandem schadet und völlig okay wäre, dass das dann aber trotzdem schadet und nicht okay ist, weil diese Einzelfälle dann ja das Prinzip aufweichen würden, dass Inzest schadet und nicht okay ist, und dass außerdem ja ohne Inzestverbot ein wichtiges Signal dafür fehlt, dass Inzest verboten ist, und so.

Aber eigentlich ist es das. Mehr haben die nicht.

Da ist also dieses Gremium, das von unserem Bundestag per Gesetz eingerichtet wurde, um als unabhängiger Sachverständigenrat unter anderem die Öffentlichkeit zu informieren sowie Stellungnahmen und Empfehlungen für politisches und gesetzgeberisches Handeln zu erarbeiten, und wir wissen jetzt schon mal, dass der Sachverstand von neun seiner Mitglieder offenbar nicht ausreicht, um diese Argumentation als den grässlichen Bullshit zu erkennen, die sie ist.

Liegt das an mir, oder kommt euch das auch ein bisschen bedenklich vor?

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12 Responses to Irritierende Signale

  1. recotard sagt:

    Recht und Moral gehören zusammen. Auf faz.z.B. net erklärt ein Psychiater: „Ich bin der Meinung, [Inzest] sollte als Straftatbestand erhalten bleiben, weil das Recht auch eine norm- und moralbildende Funktion hat, die in gesellschaftliche Prozesse hineinwirkt.“ Recht bildet Moral! Und wer wollte das bestreiten, ist doch etwa die Homosexualität auch erst in den 70ern virulent geworden, als man den § 175 leichtfertig abgeschafft hat. Und wohin ist die Familie seither gekommen? Na?

  2. Muriel sagt:

    @recotard: Aber ist es dann nicht genau das falsche Signal, dass Väter es mit ihren Söhnen ungehemmt treiben dürfen, wie sie mögen, während mit ihren Töchtern nun plötzlich verboten sein soll, was zu biblischen Zeiten noch Jahwes Wille war?

  3. recotard sagt:

    Diese Stellen muss man natürlich im Kontext sehen. Ich bin der Meinung, Sex sollte als Straftatbestand erhalten bleiben, weil alles andere die Menschen nur verirrt und auf abschüssigen Wegen Körper öffnet, die sich nicht mehr schließen lassen. Moral ist Lust gebrochen durch Recht.

  4. Thomas sagt:

    Also einfach nur mal so, weil ich heute Abend so in Kommentierlaune bin und es ja echt selten vorkommt, daß wir Zwei mal einer Meinung sind:
    Boah, da sind wir aber echt mal einer Meinung!
    🙂

  5. FDominicus sagt:

    Bin ich der Meinung des Ethikrates, dann bin ich auch ethisch „richtig“ verkabelt und wenn nicht dann ein Verdächtiger. Ich kann mir nicht helfen aber wenn ich Ethik höre oder lese, dann gehen schon mal alle Alarmsirenen an.

    War es nicht auch eine Ethik-kommision die irgendetwas mit dem AKW Ausstieg zu tun hatte.

    Bei den Agytern war Inzucht angesagt um die „Göttlichkeit“ zu erhalten. In der Bibel finden sich auch entsprechende Stellen. Frage ich mal anders herum, warum muß das gesetzlich geregelt sein?

    Und zweite Frage wieso weiß der Ethikrat, was „richtig“ und was „falsch“ ist?

  6. hllizi sagt:

    OMFG! Wie kann man gegen ein Gesetz sein, das, strikt befolgt, Joffrey Baratheon verhindert hätte?! Geht mir nicht ins Brain! Jeder zweite Targaryen war verrückt, jeder Zweite! My ass!

  7. mentalreservation sagt:

    Den neun „Ethikexperten“ war ihre eigene Meinung immerhin so peinlich, daß sie diese hinter Formulierungen versteckt haben, die, unter vollumfänglicher Realisierung des „Potenzials“ vielsilbiger und ungebräuchlicher Ausdrücke sowie unübersichtlicher, dem allgemein üblichen Sprach- und „Schriftgebrauch“ widersprechenden Satzkonstruktionen, sowie relativierender „Anführungszeichen“ die Reziprozität und Komplementarität von „Sender“ und Empfänger einer Botschaft …

    Puh, das ist gar nicht so einfach.

  8. mentalreservation sagt:

    … im Sinne von Chomsky (1997a) dazu verwendet haben, die Intention hinter der obtusen Deskription ihrer Position zu obskurieren.

    Na bitte, geht doch!

  9. mentalreservation sagt:

    Die katholischen Bischöfe können das natürlich noch viel besser:

    Im Einklang mit dem Rechtsbewusstsein der Mehrheit der Gesellschaft der Bundesrepublik Deutschland sehen wir in den Rechtsregelungen zum Inzestverbot einen unverzichtbaren Beitrag zum Schutz der Integrität der Familie und ihrer zentralen Sozialisationsfunktion sowie ein notwendiges Signal gegen eine missbräuchliche Marginalisierung familialer Beziehungen. Es geht damit um eine wichtige Voraussetzung gelingender Persönlichkeitsentfaltung und des Schutzes freiheitlicher Verwirklichung in den familialen Rollen.

    Siehe hier:
    http://kath.net/news/47703

  10. Muriel sagt:

    @Thomas: Danke!
    @FDominicus: Naja, der real existierende Ethikrat ist dafür kein so gutes Beispiel, aber ich glaube schon, dass Ethik ein nicht per se ganz abwegiges Thema sein müsste.
    @hllizi: Aber die Kleine ist doch ganz süß, oder?
    @mentalreservation: Große Klasse, danke!

  11. FDominicus sagt:

    „dass Ethik ein nicht per se ganz abwegiges Thema sein müsste“

    Lieber Muriel, erläutere mir einfach nur wo und wann es nicht abwegig war. Dein „sein müsste“ weiß darauf hin, so aus dem Stehgreif fällt Dir dazu Nichts nicht abwegiges ein. Wir kommen hier in einen Bereich wo es mehr Maßstäbe als Menschen gibt. Was genau ist Ethik?

    Wann handele ich ethisch und wer kann das beurteilen? Was ist daran ethisch zu entscheiden wann wer wo wann unter welchen Umständen mit wem dieses oder jenes machen kann. Wieso ist Atomkrat „unethisch“?

    Nein dieser Bereich ist ein Minenfeld ohne Karte. Und man muß das nicht unbedingt durch ;-(

  12. Muriel sagt:

    @FDominicus: Vielleicht meinen wir verschiedene Dinge mit dem Begriff.
    Für mich befasst sich Ethik damit, wie Menschen vernünftig miteinander leben können, und ist damit komplett unverzichtbar für jeden solchen, und ein Thema, über das so ziemlich wir alle viel mehr nachdenken sollte.

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