Das Fremde kommt einem immer so fremd vor

Natürlich lässt die Kritik an einer Sache sich nicht mit dem Hinweis entkräften, eine andere Sache sei ja auch nicht besser. Aber wenn jemand schon recht deutlich schreibt „Wir habens doch geschafft, warum können die das denn nicht auch?“, dann darf man ihn in meinen Augen darauf hinweisen, dass er gewisse Dinge im Vertrauten völlig okay findet, die ihm am Fremden mordsbedenklich vorkommen, insbesondere dann, wenn die Forderungen, die er aufstellt, ohnehin schon nicht besonders viel Sinn ergeben.

Und deshalb schreibe ich diesen Post über Jochen Bittners Artikel „Wo bleibt ein Imam der 95 Thesen?“ auf Zeit.de.

Ich habe also zwei recht unterschiedliche Ansätze von Kritik an Bittners Ausführungen, und der Einfachheit halber handeln wir die mal ganz unoriginell klar getrennt nacheinander ab. Und weil wir ja dafür nun mal irgendeine Reihenfolge brauchen, nehmen wir doch einfach die, die da oben in meinem ersten Absatz mehr oder weniger zufällig schon steht:

Bittner wünscht sich vom Islam, er möge dem Christentum doch bitte endlich in die Moderne nachfolgen, das könne ja wohl nicht so schwer sein, und verschweigt dabei, dass das Christentum sie selbst auch noch nicht geschafft hat.

Nicht nur die fundamentalistische Auslegung des Islam, sondern schon seine traditionelle Lesart steht in einem Spannungsverhältnis zum Grundgesetz. Dieser zufolge sind Koran und die Hadithe nicht bloß religiöse Weisungen, sondern Rechtsquellen.

Hier zum Beispiel. Ich verstehe schon die Unterscheidung nicht ganz, denke ich, aber wenn wir mal seine mutmaßliche Implikation einfach hinnehmen, dass religiöse Menschen generell religiöse Weisungen für was völlig anderes halten als Rechtsquellen, stellt sich doch schon die Frage, ob nur eine fundamentalistische Auslegung der Bibel zu dem Schluss führt, dass die darin enthaltenen Gebote sämtlich nur als … unverbindliche Vorschläge gemeint sind. Ich meine, ja, die meisten Christen hierzulande nehmen ihren Glauben nicht besonders ernst, zumindest, solange er nicht bedroht wird, wenn die falschen Leute heiraten oder irgendwo Kreuze abgenommen werden sollen, aber das ist bei den Muslimen, die ich kenne, nicht anders, und wenn wir über die Inhalte der Religion reden, dann ist im Christentum die Forderung nach der Vereinbarkeit mit dem Grundgesetz nicht ganz vollständig erfüllt, so wie ich es lese. (Was natürlich per se in meinen Augen nicht mal ein Problem ist. Mein Blog steht ja auch in einem … Naja, egal.)

Jede Freiheit, auch die Religionsfreiheit, endet an der Nasenspitze des anderen.

Was Herr Bittner so sehen mag, aber hierzulande keineswegs Konsens ist. Na gut, so wörtlich schon. Aber wenn wir zum Beispiel mal über die Spitzen anderer Körperteile reden, wird es schon ein bisschen eng, und auch sonst gewährt die so genannte Religionsfreiheit hierzulande den christlichen Kirchen nicht nur das Recht, ihr Personal teilweise aus dem allgemeinen (NICHT Kirchen-) Steueraufkommen zu finanzieren, sondern zum Beispiel auch das, in staatlichen Schulen ihre Inhalte zu predigen. Zwar hat es sich in der jüngeren Vergangenheit durchgesetzt, den Eltern die Wahl zu lassen, ob sie ihre Kinder lieber aus diesem Unterricht abmelden wollen, aber das ändert nichts am problematischen Prinzip. Das Spezialarbeitsrecht, das für die christlichen Kirchen gilt, und den Umstand, dass sie in bestimmten Bereichen ihre eigene Gerichtsbarkeit haben, will ich hier auch nicht weiter vertiefen, dieser Post soll ja heute noch fertig werden, und ich will mich nicht zu sehr aufregen.

Dass dies aber noch nicht unter allen Muslimen in Deutschland Konsens ist, zeigen unter anderem die zweifelhaften Aussagen von Abdul Adhim Kamouss über Ausgeherlaubnisse für Frauen.

Das gehört jetzt hier vielleicht streng genommen nicht rein, aber ich finde den Hinweis angemessen: Hier bedient Herr Bittner sich eines argumentativen Tricks, ob vorsätzlich oder fahrlässig, indem er so tut, als müsse etwas „unter allen Muslimen in Deutschland Konsens“ sein, wenn es nicht ein fundamentales Problem des Islam sein soll. Dass er das beim Christentum anders sieht, muss ich in Anbetracht seiner sonstigen Ausführungen nicht weiter belegen, oder?

Als das Christentum so alt war wie der Islam heute, 1.435 Jahre, begann es die beiden Reiche Religion und Politik zu trennen.

Das ist nicht nur stilistisch ziemlich eklig, sondern auch … also … Ich meine … Die katholische Kirche hat ihren eigenen Staat, oder nicht? Und beide christlichen Kirchen sind in Deutschland Körperschaften öffentlichen Rechts, die durch staatliche Organe ihre Beiträge als Steuern einziehen lassen. Es mag sein, dass die vor ein paar hundert Jahren mit der Trennung von Religion und Politik angefangen haben, in irgendeinem Sinne, aber so richtig weit sind sie damit noch nicht, scheint mir. Also… wie viele Körperschaften öffentlichen Rechts sind denn in Deutschland muslimisch, und an wie vielen Schulen wird der Islam als Teil des öffentlichen Lehrplans unterrichtet, und in wie vielen öffentlichen Gremien sitzen automatisch Vertreter des Islam? Ich mag mich täuschen, aber ich glaube, es sind arg wenige.

Bittner erkennt durchaus an, dass es im Islam Bemühungen in die Richtung gibt, die er als zeitgemäße Ausrichtung sieht, so zum Beispiel

der Islamwissenschaftler Reza Aslan, der […] die zentralen Fragen stellt[…]: „Taugt der Islam heute zum Aufbau einer wirklich liberalen Demokratie? Kann ein moderner islamischer Staat Vernunft und Offenbarung miteinander in Einklang bringen und eine demokratische Gesellschaft auf der Basis der sittlichen Ideale aufbauen, die der Prophet Muhammad vor tausendvierhundert Jahren in Medina formuliert hat?“

Aber auch hier wieder: Warum sind das für Bittner die zentralen Fragen? Und glaubt er im Ernst, auch nur eine davon ließe sich für irgendeine Ausrichtung des Christentums mit Ja beantworten?

Und, wie gesagt, es fällt mir vielleicht ein bisschen schwer, angemessen auf der Sachebene zu bleiben, weil ich das vom Stil her schon so eklig finde, aber wenn Bittner mit der Forderung schließt:

Wie wäre es, für den Anfang, nicht mit fünfundneunzig Thesen, sondern erst einmal nur dreien:

[Echt jetzt. Formuliert er mit Absicht so klebrig-herablassend-gönnerhaft, oder war das ein Versehen?] dann sind auch diese im Christentum … nicht vollständig verwirklicht.

1.    Die muslimische Frau ist dem muslimischen Mann gleichgestellt.

2.    Muslime müssen ihren Glauben ungestraft aufgeben oder wechseln können. Apostasie ist kein Delikt.

Na gut. Katholizismus scheint Herr Bittner auch eher als Feindbild zu sehen, deswegen ja auch der 95-Thesen-Titel, deswegen will ich den beim ersten nicht als Gegenbeispiel anführen. Dass Frauen hierzulande generell nicht gleichgestellt sind, ist auch nicht nur die Schuld des Christentums, deswegen lasse ich den Aspekt auch in Ruhe. Und 2. ist tatsächlich auch Konsens zwischen allen seriösen christlichen Organisationen. Mehr oder weniger. Also, strafverfolgungsmäßig. Dass eine Abkehr vom Christentum ohne nachteilige Konsequenzen überall möglich ist, stimmt hingegen keineswegs. Wie oben angedeutet, haben christliche Organisationen hierzulande nach wie vor das Recht, Mitarbeiter zu entlassen, wenn diese den Glauben wechseln, beziehungsweise sie gar nicht erst einzustellen, wenn sie den falschen haben, in Abweichung vom AGG zum Beispiel.

Aber ich muss schon zugeben, dass mich hier wahrscheinlich eher die Dreistigkeit ärgert, mit der diese Thesenforderung formuliert ist. Die pauschale Unterstellung gegen „den Islam“ und „die Muslime“, die daraus spricht. Und dass ich deshalb vielleicht Gründe suche, zu widersprechen. Aber da nicht:

3.    Weltliche Gesetze gehen religiösen Gesetzen vor.

Und da jetzt aber wirklich. Also. Sag mal. Welcher Christ, welche Christin, würde das denn so pauschal unterschreiben? Wer glaubt, dass es einen Gott gibt, der der allwissende, allmächtige, und uns alle liebende Schöpfer des Universums ist, und die Quelle alles Wahren und Guten, der kann doch nicht gleichzeitig der Meinung sein, dass von Menschen gemachte Gesetze dessen Vorschriften immer eindeutig derogieren. Andererseits muss ich natürlich zugeben, dass sowohl die einzelnen Christen als auch die Kirchen im Dritten Reich hier sehr vorbildlich … na gut, das war fies. Ich nehms zurück. *murmel* Aber ist doch wahr.

Soviel zu diesem Aspekt.

Der andere ist … ein bisschen weniger pointiert, weshalb es vielleicht doch ungeschickt war, damit aufhören zu wollen, aber nun ist es eben so:

Diese Forderung nach Modernisierung von Religionen, nach ihrer Anpassung an die Moderne, an die Demokratie, ans Grundgesetz, ist Stuss. Wie ich oben schon schrieb: Wenn jemand ernsthaft glaubt, dass sein Gott ihm Vorschriften gegeben hat, ist es nachgerade schwachsinnig, von ihm zu fordern, er möge doch bitte einsehen, dass die nicht in unsere Gesellschaft passen und sich doch bitte Varianten davon ausdenken, mit denen er nicht mehr so aneckt.

Wenn ich ernsthaft religiös bin, dann nehme ich natürlich meine religiösen Vorschriften ernst, und dann sind weltliche, von Menschen gemachte nichts als die erbärmlichen Versuche des Geschöpfs, sich über seinen Schöpfer aufzuschwingen, na gut, oder so ähnlich. Was Herr Bittner fordert, ist nicht Vernunft oder Versöhnung mit der Moderne, sondern letzten Endes intellektuelle Unaufrichtigkeit und Heuchelei. Klar. Mir ist ein Mensch, der nur so tut, als wäre er religiös, den ganzen Kram in Wahrheit aber ähnlich wenig beachtet wie ich, im Ergebnis auch lieber als einer, der die Forderung seines Gottes ernst nimmt, zum Schwert zu greifen und mich zu entdärmen. Aber intellektuell aufrichtiger ist letzterer, und darüber hinaus ist mir dann doch jemand, der offen sagt, dass Religion nun mal nicht vereinbar ist mit einer rationalen Gesellschaftsstruktur, und dass Religion unweigerlich kraft ihres Wesens in Konflikt treten muss mit vernünftigen Regeln zum Zusammenleben, lieber als einer wie Herr Bittner, der so tut, als müsse sie sich nur am Vorbild des Christentums orientieren, das seine Hausaufgaben komplett erledigt hat, und jetzt glänzend dasteht im Einklang zwischen Vernunft und Offenbarung.

Und deshalb wollte ich seinen Artikel gerne kritisieren, und wissen, was ihr dazu so denkt.

Und?

[Nachtrag: Gerade kurz vor dem Veröffentlichen sehe ich Anatol Stefanowitschs beeindruckend ausführlichen Artikel zum Begriff „Quassel-Imam“, den Bittner in seinem Artikel auch auf äußerst unrühmliche Weise verwendet. Mir war das durchaus aufgefallen, aber ich wollte diesen Post nicht noch weiter verlängern. Jetzt muss ich aber. Weil Anatol Recht hat.]

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4 Responses to Das Fremde kommt einem immer so fremd vor

  1. onkelmaike sagt:

    Ich kann nicht so sehr kompetent kommentieren, da ich mich weder mit Islam noch mit Christentum groß auskenne. Ich finde beides unzeitgemäß/antiaufklärerisch und uninteressant. (Ich halte „Gläubigkeit“ für eine Form der Verdrängung der Ungewissheit, was nach dem Tod passiert/bzw. Narzissmus, dass wir eben auch als Staub enden und nicht irgendwie spektakulär/bzw. Ausdruck des traurigen Wunsches, wenn schon von sonst niemand, so doch wenigstens von Jesus geliebt werden). Politisch muss sich mit dem Phänomen auseinandergesetzt werden, wegen den von Dir genannten Problemfeldern, nämlich der mangelnden Trennung von Kirche und Staat in Deutschland und der damit einhergehenden Ungleichbehandlungen von Frauen, Homosexuellen, etc.

    Also, aus einer uninformierten Perspektive heraus würde ich Deinen Beobachtungen zustimmen. Dem Islam wird in unseren Diskursen negative Eigenschaften zugewiesen, die die christliche Religion genauso aufweist. Ein Zitat aus dem von Dir diskutierten Artikel: „Warum diese Widerständigkeit vieler Muslime, sich mit der Moderne wenigstens zu versöhnen…“ Die empirische Studie möchte ich mal sehen, die belegt, dass die Gesamtheit der Muslime konservativer ist, als die Gesamtheit der Christen.

    Aber die christliche Kultur kommt uns eben „normal“ vor. Außerdem denke ich, dass rassistische Affekte eine große Rolle spielen.

    Um noch ein Beispiel für antiislamische „Diskurspraktiken“ zu nennen. Der berühmte „Quasselimam“ – Von allen deutschen Muslimen wird ausgerechnet so ein verhaltensauffälliger, wohl sehr konservativ zu nennender Vertreter der Religionsgemeinschaft in die Talkshow eingeladen. Das hätte nicht sein müssen. Wieso wird nicht eine weniger konservative muslimische Person eingeladen, die in der Lage und willens ist, ein normales Gespräch (Im Rahmen des bei Günther Jauch so üblichen) zu führen? Das wäre ja möglich gewesen. Stattdessen wird da so ein Unsympath hingesetzt, der die Ressentiments nur bestätigt. (Das kritisiert der Zeit-Artikel meines Erachtens zu Recht).

  2. robertknoche sagt:

    Hat dies auf Freiheit, Familie und Recht rebloggt und kommentierte:
    Das Fremde kommt uns immer fremd vor, wenn wir es noch nicht kennen. Wir müssen uns stets bemühen, uns mit dem Fremden auseinander zu setzen. Dann erst können wir beurteilen, was gut oder schlecht ist.

  3. […] Äh, wo war ich, der ich vor Kurzem noch über anderer Leute gönnerhaft-herablassenden Stil schimpfte? […]

  4. Schöner Kommentar. Und wenn ich noch anfügen darf: Diese 3 Thesen von Herrn Bittner sind schon längst fest im Islam verankert – seit der „(un)christlichen“ Kolonialzeit und der damit verbundenen Rückverdummung islamischer Länder, Wissen das aber viele Muslime nicht mehr. Damit will ich nicht sagen, dass die Muslime unschuldig an dieser Entwicklung wären, aber das Abendland hat gut geholfen… und leider nicht mit Demokratie und Menschenrechten, sondern eher mit dem Gegenteil; Waffengewalt, Arroganz und Doppelmoral waren da eher die bevorzugten Tugenden gewesen. Das Problem haben wir bis heute…

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