Was unser Leben bislang ausmacht

ist nach Michael Hanfelds Auffassung anscheinend, dass wir es nicht verstehen.

Na gut. Je nach Interpretation ist da natürlich sogar was dran, und wie so oft, wenn jemand meint, so pathetisch schreiben zu müssen, dass ein Wischmop dem Leser schon nicht mehr reicht, sondern ein Schmalzabscheider großindustrieller Dimensionen benötigt würde, um den Bildschirm jemals wieder ganz sauber zu kriegen, lässt Hanfeld uns jede Menge Spielraum für Interpretation, indem er nämlich nichts Greifbares schreibt, sondern nur Stuss blumig-impressionistisch seine eigenen Emotionen in die Tastatur kippt. Also, mutmaßlich. Vielleicht ist es unfair, Herrn Hanfeld zu unterstellen, was er da geschrieben hat, gebe wirklich sein eigenes Meinen und Sinnen wieder. Vielleicht ist es für ihn ja auch nur ein Job. Ich würde es ihm wünschen.

Äh, wo war ich, der ich vor Kurzem noch über anderer Leute gönnerhaft-herablassenden Stil schimpfte?

Richtig, bei Hanfelds, öh, Artikeldings zu der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels an Jaron Lanier:

Der Mensch als Schöpfung

[gefunden via altpapier, das man gar nicht nachdrücklich genug empfehlen kann]

Was ist daran das Problem? Naja. Das gleiche wie eigentlich immer, wenn die FAZ zu diesem Thema schreibt: Natürlich ist Kritik an der Arbeitsweise von Google und Amazon und eBay und Paypal und Facebook nötig, wichtig, nützlich. Natürlich tun die schlimme Dinge, und natürlich wünsche auch ich mir, dass wir als Gesellschaft drüber diskutieren, wie wirs besser machen können.

Aber nicht jedes larmoyante Zetern ist Kritik, und bedeutungsschwangeres, aber inhaltsleeres Raunen über finstere Bedrohungen ist kein Beitrag zu einer konstruktiven Diskussion. Und was mich persönlich halt auch immer mehr ärgert:

Nicht wie Terroristen und Diktatoren sie bedrohen, ist das Thema des Friedenspreisträgers, sondern wie Konzerne der Bewusstseinsindustrie die Schöpfung zerlegen, berechnen und programmieren.

Herr Hanfeld. Jetzt mal ehrlich. Ich meine, ja, Sie schreiben hier über Herrn Lanier, schon klar, und wenn der sich nun mal nur damit befasst, dann können Sie das auch nicht ändern. Mir geht es hier aber auch weniger darum, bestimmte Personen anzugreifen, als einen Argumentationsstil, und da spielt es dann ja wieder keine Rolle, von wem er stammt. Außerdem machen Sie sich die Positionen, die Sie wiedergeben, auch ganz unmissverständlich zu eigen, insofern trifft man sowieso immer den Richtigen:

Echt jetzt. Natürlich tun auch die Konzerne schlimme Dinge. Aber wer als Journalist/Autor so tut, als wären das nur oder auch nur vorrangig die Konzerne, wer in diesem Kontext komplett ausblendet, wie widerlich wurstig-schmierig und manifest illegal Staaten und ihre Organe mit dem Internet umgehen, der verletzt seine Pflicht gegenüber der Öffentlichkeit, der gegenüber er sich als Teil der vierten Gewalt ausgibt, und vernachlässigt seine Verantwortung auf eine Weise, die es mir unmöglich macht, ihn noch ernst zu nehmen. Ich meine, wie kann man denn im Angesicht der ständig neuen Verstöße von Ministern, Geheimdiensten und sonstigen Staatsorganen noch einen Satz schreiben wie:

Hier Milliardäre, die Geld, Macht und Daten horten, dort Bettler, so sieht die digitale Gesellschaft aus, in der Konzerne den Staat ersetzen.

Als ob der Staat die Institution wäre, die uns bisher davor geschützt hätte. Als ob irgendeine Tendenz erkennbar wäre, dass diese Konzerne, die in letzter Zeit zum Beispiel dadurch aufgefallen sind, dass sie auf Druck des Staates die Daten ihrer Kunden herausgegeben haben, damit dieser sie missbrauchen kann, ihn ersetzen. Und noch mal: Hier die Konzerne, die um unsere Klicks und unser Geld betteln und versuchen, uns subtil so zu beeinflussen, dass wir ihnen mehr davon geben. Dort der Staat, der ganz offen das Recht reklamiert, uns ohne Prozess beliebig lange einzusperren und gegebenenfalls auch zu foltern, ebenso wie das Recht, jeden Menschen auf der Welt jederzeit aus geheimen Gründen zu töten, einschließlich unstreitig unschuldiger Menschen, die halt irgendwie dummerweise gerade in derselben Gegend sind wie das eigentliche Ziel der Operation. Und Herr Hanfeld fürchtet sich vorrangig vor den Geld-, Macht- und Datenhorten der ersteren, und davor, dass sie letzteren ersetzen. Die Bedrohung durch die staatliche Macht und die staatlichen Datensammlungen ist ihm keine Erwähnung wert.

Und übrigens: Wie unfassbar borniert und geblendet von den eigenen Privilegien muss man sein, um in dem heutigen Zustand unserer Welt Elend und Armut der „digitalen Gesellschaft“ zuzuschreiben, als wären die in der analogen, in der wir bisher gelebt haben, kein Problem gewesen, und als wären sie in den Staaten besonders virulent, in denen

Geistige Arbeit, Patente, Kultur? Nichts mehr wert, sofort verfügbar, gratis.

sind.

Zuerst traf es die Musiker, dann die Journalisten. Weitere Gewerbe werden folgen – und mit ihnen die Mittelschicht.

Joa, Herr Hanfeld, natürlich. Die Musiker und die Journalisten sind die eigentlichen Opfer unserer schönen neuen Welt. Das sind die Menschen, um die wir weinen sollten. Schon klar.

Das ist das Ende der Freiheit.

Hachja. Schade, dass Sie nicht noch irgendwo geschrieben haben, es gehe um die Würde des Menschen an sich, dann hätten Sie nämlich die volle Punktzahl im FAZ-Internetparanoia-Bullshitbingo erzielt, und ich hätte Ihnen das so gegönnt. Haben Sie übrigens schon mal drüber nachgedacht, Schlager zu schreiben?

Und um noch mal kurz auf die Sachebene umzuschwenken: Es geht mir keineswegs nur darum, Google und Amazon vor schwachsinnigen Vorwürfen vom Selbstmitleid übermannter Edelfedern (Darf man Hanfeld schon so nennen? Oder hab ich mich hier selbst von irgendwas übermannen lassen? Eher letzteres, fürchte ich.) in Schutz zu nehmen. Das Menschenbild, das aus Hanfelds Text spricht, ist für uns alle bedenklich:

Wir bezahlen dafür allerdings mit allem, was unser Leben bislang ausmacht.

Ihr seht, ich habe ihn im Titel zu diesem Post sogar noch eher wohlwollend zitiert. Er spricht nämlich keineswegs nur davon, dass die Unberechenbarkeit menschlichen Verhaltens etwas wäre, das unser Leben ausmacht. Er meint, es wäre sogar alles. Oder noch mal anders: Vom menschlichen Leben, wie wir es kennen, bliebe nichts mehr übrig, wenn wir uns gut genug verstünden, um unser Verhalten zuverlässig prognostizieren zu können.

Wir wollen jetzt einmal kurz davon absehen, dass wir von dieser Vision meines Erachtens noch sehr sehr weit entfernt sind, denn das spielt keine Rolle, wenn wir über das Prinzip reden: Das ist genau die Art Menschenbild, die mir bei religiösen Menschen und Verfechtern der unsterblichen, wissenschaftlich nicht erfassbaren Seele oft unangenehm auffällt: Wir sind entweder magisch und den Naturgesetzen enthoben, oder wir sind letzten Endes auch nichts anderes als ein Toaster. Mutmaßlich würde Herr Hanfeld dem so explizit gar nicht zustimmen, und wollte das sicher auch so direkt nicht sagen, aber ich finde, es ergibt sich als ziemlich zwingende Implikation aus seinem Text.

Das ist genau die Art Menschenbild, die dazu führt, dass Leute nicht verstehen, wieso Moral auch dann noch Sinn ergeben kann, wenn man nicht an einen unsichtbaren Zauberer glaubt, der sich das Universum aus den Zahnzwischenräumen gepuhlt hat, weil ihm langweilig wurde. Und damit ist es in meinen Augen ein äußerst bedrohliches Menschenbild, von dem wir uns endlich lösen sollten.

Wenn ihr jetzt meint, dass ich unfair bin und da eine unbedachte Formulierung überinterpretiere und es Hanfeld hier doch gar nicht um seinen religiösen Hokuspokus geht, sondern … um die Würde des Menschen an sich (pardon, ich konnte nicht widerstehen), dann lest doch mal den letzten Satz seines Machwerks:

Es geht um das, wovon Lanier spricht: Um den Menschen, nicht als Summe seiner Daten und nicht als Diener der Maschinen, sondern als – Schöpfung.

Denn das ist der eigentliche Kern von Hanfelds Rage: Er will mehr sein als Daten, als Materie, als Physik und Chemie und natürliche Prozesse. Er will magisch sein, unbegreiflich, übernatürlich. Und das wäre irgendwie niedlich, wenn er sich von diesem Wunsch nicht dazu verleiten lassen würde, anderen Menschen die Sicht auf die Realität zu vernebeln, und ihnen irrationale Angst vor Dingen einzureden, die wichtig und meinetwegen auch durchaus riskant genug sind, dass wir in meinen Augen eine ethische Verantwortung haben, gerade wenn wir uns Journalisten nennen, rational und sachlich mit ihnen umzugehen.

Oder was meint ihr?

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2 Responses to Was unser Leben bislang ausmacht

  1. Senatssekretär FREISTAAT DANZIG sagt:

    Hat dies auf Aussiedlerbetreuung und Behinderten – Fragen rebloggt und kommentierte:
    Gehe heute in ein Amtsgericht, kein Dienstausweis und Dödeltante, sie meint BRD gibt Gericht als Amtsgericht! Habevor schwarzen, grauen und grünen Wachdienst mich darüber beschwert, die hatten auch keine Dienstausweise, Film folgt die Tage! Glück, Auf, meine Heimat!

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