Erstaunlich unspektakulär

Die tl;dr-Fassung dieses Artikels gibts ausnahmsweise gleich am Anfang:

Sexismus

 

Ganz genau.

Hier gehts zur Langfassung:

Es gibt da dieses Video von einer Frau, die durch New York läuft, und dabei angesprochen wird.

Und natürlich gibt es auch jede Menge Kommentare dazu. Ich habe mir für diesen Post einen herausgesucht, der mir besonders repräsentativ für das Problem vorkam, über das ich reden möchte:

Anders als bei ähnlichen Videos aus Ägypten wird der Frau hier nicht praktisch die Kleidung vom Leib gerissen.

Hach. Ähm. Ja. Das ist auch repräsentativ, aber muss ich das wirklich erklären? Na gut, ich schätze, ich sollte, weil wozu schreib ich das hier denn sonst?

Belästigung beginnt nicht bei Handgreiflichkeiten. Und dass es Leute gibt, denen Schlimmeres widerfährt, ändert nichts daran, dass auch das geringere Übel noch ein Übel ist. Müssen wir nicht vertieft diskutieren, oder?

Dass also solch ein harmloses Video überhaupt mehr als 500 Views bekommt, ist das wahrhaft Besondere. Erklärbar ist es wohl nur noch mit einer Allianz aus Berufsfeministen und Journalisten und ihrer manischen Suche nach Beweisen für den bösen Mann, der immer und überall lauert.

Ja, nee, keine Sorge. Das hier soll kein Rant sein, und ich schreibe diesen Post auch nicht, um hämisch über Herrn Heinrich zu spotten. Wahrscheinlich hat er das nicht verdient. Also, ich hab den Rest seines Blogs nicht gelesen, und die beiden Sätze da oben sprechen vielleicht nicht unbedingt für meine These, aber er meint es gut, und ich will ja tatsächlich was sagen und nicht nur ranten, deswegen kommen wir jetzt zum Kern:

So aber wird die männliche Suche nach einer Partnerin dramatisiert, als ob dieser völlig natürliche Vorgang etwas Böses sei. Am Ende wird die Frau sogar noch in Bars und Nachtclubs angesprochen? Man stelle sich das nur einmal vor. Schrecklich, nicht wahr?

Hier ist er. Ungefähr. Hier sieht man ziemlich gut, wo Herr Heinrich (der ja, wie gesagt, hier gar nicht als Einzelperson angeprangert werden soll, sondern nur als Beispiel für ein Problem dient, das in meiner Wahrnehmung sehr sehr verbreitet ist):

Wie sollen Männer Frauen denn Ansprechen? Unsere Geschlechterrollen werden nach wie vor in der überwältigenden Mehrheit eindeutig so verstanden, dass von den Männern erwartet wird die Initiative zu ergreifen. Tun sie es nun aber, wird daraus ein “Skandalvideo” mit einem “Spießrutenlauf” voller “sexueller Belästigungen“.

Ziemlich genau hier liegt der Hase im Pfeffer. Nach meiner Erfahrung denken Menschen, die sowas sagen, das wirklich. Sie meinen die Frage (zumindest so gerade in dem Moment) ganz ernst, und wissen (zumindest so gerade in dem Moment) wirklich nicht, wie es anders gehen soll, und was das Problem ist.

Frauen werden anführen, dass es belästigend sei, aber wenn der “Traumprinz” sie anspricht, ist es dies sicherlich plötzlich nicht mehr. Daher würde ich vorschlagen, bis zur Einführung von Bewerbungsformularen mit Lichtbild und Zeugnissen vorheriger Freundinnen nach einer DIN-Nummer, einfach mit dem Umstand zu leben, dass Männer nun einmal ansprechen müssen, wenn überhaupt etwas Zwischenmenschliches passieren soll.

So erstaunlich das anmutet, wenn man es unvoreingenommen betrachtet, kaufe ich ihm das ab. Man lernt das ja tatsächlich so, in Film und Literatur, in Musikstücken und in Radiosendungen. Ich verstehe trotzdem nicht, wie diese Vorstellung sich halten kann, aber anscheinend hält sie sich.

Herr Heinrich, wie ist das? Sie haben doch bestimmt Freunde, oder? Männliche, sicher, und vielleicht ja sogar ein paar weibliche? Wissen Sie noch, wie Sie die kennengelernt haben? Haben Sie die einfach so auf der Straße angequatscht und ihnen gesagt, dass sie hübsch sind? Nein? Ach. Und trotzdem ist da etwas Zwischenmenschliches passiert? Eiderdaus.

Denn sehen Sie:

Wenn schlechte Anmache schon Sexismus ist, wie ernst soll man dann noch die Vorwürfe diesbezüglich nehmen?

Ernst, wenn Sie mich fragen. Denn die Lage ist ernst. So ernst, dass es Ihnen anscheinend nicht gelungen ist, Ihren eigenen Sexismus zu finden, während er diesen ganzen länglichen und gut gemeinten Artikel für Sie geschrieben hat. Denn ich denke, es ist ziemlich offensichtlich: Ihre männlichen Freunde haben Sie (Bitte korrigieren Sie mich, falls ich danebenliege. Ich bin ja auch keineswegs gefeit vor dummen Vorurteilen.) nicht kennengelernt, indem Sie auf offener Straße einfach Männer angesprochen haben, die ein breites Kinn und einen knackigen Arsch hatten, oder was einem sonst so an Männern gefallen kann. Die haben Sie kennengelernt, indem Sie sie … Wie sag ichs am besten? … kennengelernt haben. Sie haben mit ihnen gesprochen, herausgefunden, was sie so denken, wie sie so drauf sind, wie sie die Welt sehen, und dann entschieden, dass die zu Ihnen passen könnten. Und Sie kämen wahrscheinlich (siehe oben) gar nicht auf die Idee, das anders zu machen. Und das ist eines der Probleme im Verhalten der Männer da oben: Sie beurteilen die Dame nach ihrem Äußeren, und geben ihr gegenüber (durch Kommentare zu ihrem Aussehen) zu erkennen, dass das aus ihrer Sicht der dominante Faktor ist, wenn es darum geht, eine Frau zu beurteilen, und das ist nun mal ein sehr sehr alter, sehr sehr ärgerlicher sexistischer Topos.

[Erläuterung zu dem sich geradezu aufdrängenden Einwand: Natürlich habe ich kein grundsätzliches Problem damit, dass Leute sich ihre Sexualpartner auch oder, wenn sie halt so drauf sind, nur danach auswählen, wie lang ihre Nase, wie breit ihre Füße, oder wie schwarz ihre Haare sind. Aber die selbstverständliche Erwartung, dass irgendeine Frau, die ich auf der Straße sehe, total begeistert ist, wenn ich ihr zu erkennen gebe, dass mir ihr Körper zusagt, ist sexistisch, und:]

Soll es tatsächlich inzwischen so weit sein, dass ein “Hallo” und ein “Wie geht’s?” auf öffentlichen Straßen einer Großstadt eine Belästigung sind?

Sieht so aus. Und das ist ein zweites Problem, das Ihnen anscheinend entgangen ist: Eine Belästigung ist alles, was ich mit einem Menschen mache, das ihn belästigt. Ich gebe anderen nicht vor, was sie belästigt, sondern ich muss sie fragen, und wenn sie es mir sagen, nehme ich es zur Kenntnis, und diskutiere nicht drüber, ob sie sich nicht vielleicht täuschen und in Wahrheit völlig unbelästigt sind. Und Frau Roberts, ebenso wie die vielen Kommentatoren, Sie wissen noch, die manischen Journalisten und das ganze Gesocks, fühlen sich offenbar belästigt, wenn man ihnen auf der Straße hinterherruft, dass sie einen sexy Arsch haben, und lächeln sollen, und sich gefälligst bedanken sollen, wenn ein Mann sie seiner Aufmerksamkeit für würdig befindet. Andere fühlen vielleicht anders. Ich kenne jetzt gerade selbst niemanden, aber vielleicht gibts die ja auch. Das ist schwierig. Dafür gibt es leider noch keine allgemein akzeptierte einfache Lösung.

Man weiß nicht, ob eine Person, die man einfach irgendwo rumlaufen sieht, angesprochen werden will. Man kann es nur zu erraten versuchen, zum Beispiel an ihrer Körpersprache. Sieht sie mich auch an? Lächelt sie? Zwinkert sie mir zu? Leckt sie sich lasziv die Lippen, schält eine Banane und … Pardon, äh, wo war ich? Ach ja: Also: Die Körpersprache kann ein solches Indiz sein. Wenn jemand einfach nur zielstrebig durch eine Stadt läuft, geradeaus guckt, mich keines Blickes würdigt, und offenbar irgendwo hin will, dann ist das wahrscheinlich kein Zeichen dafür, dass sie total scharf drauf ist, mit mir zu flirten.

Ein anderes Indiz sind die Umstände, Sie erwähnen es ja selbst: Es gibt da in unserer Gesellschaft gewisse Gepflogenheiten. Wie sinnvoll oder nicht die sind, könnten wir gerne noch diskutieren, aber sie sind da. In bestimmten Bars zum Beispiel hält man sich schon eher in der Absicht auf, Leute kennenzulernen. In Supermärkten und an Ampelkreuzungen eher nicht.

Und ein letztes Indiz ist natürlich dann direkt die Reaktion auf eine Ansprache. Freut sie sich, erwidert sie meine Aufmerksamkeit? Oder wendet sie ihren Blick ab und geht schnell weiter?

Alle Indizien, die mir gerade so einfallen, sprechen also in diesem Fall eher dagegen, dass die Dame angesprochen werden will. Und spätestens wenn sie es durch ihre Reaktion deutlich macht, müsste jeder Mann begreifen, dass seine Bemühungen hier unerwünscht sind. Tun aber trotzdem viele nicht. Auch dann noch nicht. Ist das ein unfassbarer Skandal, der meine Welt aus den Angeln hebt und mir den Atem raubt?

Natürlich nicht. Es ist erstaunlich unspektakulär, im Kontext unserer sexistischen Gesellschaft.

Ist das ein Beispiel dafür, wie selbstverständlich viele Männer immer noch denken, dass Frauen dazu da sind, gut auszusehen und, wenn dies der Fall ist, erobert zu werden? Ist das vielleicht ein Anlass, auch über meinen eigenen Sexismus und die Art, wie ich damit umgehe, wie ich Frauen sehe und anspreche, nachzudenken?

Ich würde sagen, ja. Und Sie?

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19 Responses to Erstaunlich unspektakulär

  1. amfenster sagt:

    Guter Konter!
    Dieses elementare Verständnisgefälle kehrt ja immer wieder: dass Rassismus/Homophobie/Antisemitismus/Sexismus erst dann wäre, wenn offen artikulierter Hass oder Gewalt im Spiel sind.
    Es ist Teil des Problems, dass so viele ganz ehrlich und beim besten Willen gar nicht sehen, dass es überhaupt eines gibt. Und ums Verrecken *ihre* Defintion von „harmlos“ und „unspektakulär“ nicht aus der Hand geben wollen.

  2. Earonn sagt:

    Ich empfehle diesen armen geplagten Männern, die mir doch nuuuur eine Freude machen wollen, den einfachen ‚Partner-Test‘:
    Würde man das zu dieser Frau auch sagen, wenn sie ihren Freund und man selbst seine Freundin an der Hand hält? Nein? Dann halt die Klappe.*
    Ziemlich einfach. Und macht sofort klar, worum es geht. Denn – überraschung! – mehr oder weniger doof/übel angemacht wurde ich schon oft. Nur eben nie, wenn mein Freund (erkennbar) neben mir ging.
    *Ausnahme: wie im Beitrag bereits gesagt: wenn wir flirten wollen, zeigen wir das.

    Einer meiner Partner konnte sich das übrigens gar nicht vorstellen, dass Frauen blöd angemacht würden, denn er und seine Kumpels waren normale, nette Männer, die so einen Quatsch nicht treiben, und natürlich hat er nie erlebt, dass mir so etwas passiert. Darum haben wir ein kleines Experiment gemacht: einmal quer durch den Dortmunder Hauptbahnhof, er zwei, drei Meter hinter mir, ohne Hinweis, dass er mich kennt.
    Danach hat er seine Meinung geändert.

    Und ich nehme an, dass alles was ich von Frauenwarte aus sage, auch für Männer gilt.

  3. madove sagt:

    Danke für diesen wunderbaren Post, auf den ich dann bei Gelegenheit auch verweisen kann, wenn mir wieder jemand begegnet, der es (wahrscheinlich tatsächlich ohne wirklich bösen Willen) einfach nicht hinbekommt, das Problem zu verstehen.
    Es ist schön, das ausführlich und sachlich erklärt zu sehen, weil ich selber tatsächlich auch manchmal keine Lust mehr habe. Deshalb danke, daß Du das hier ‚übernommen‘ hast…

  4. untaled sagt:

    Ich musste mir das Video zweimal angucken. Selbst in Berlin grüße ich unter gewissen Umständen Männer und Frauen und beim ersten mal gucken hatte ich den Eindruck, dass hier teilweise Männer eine Frau grüßen. (mit selbst in Berlin meine ich, dass ich hier auf dem Dorf nahezu alles und jeden grüße, was so kreucht und fleucht, in Berlin und anderen größeren Dörfern ist es dann recht selektiv und von der Situation abhängig).

    Aber Muriel regt sich selten vollständig umsonst auf und kann leider nur zustimmen – keine der Ansprachen fallen bei mir unter Begrüßung, sind durch die Bank weg latent, offen oder aggressiv sexistisch. Das nebenher laufen für mehrere Minuten ist aus meiner Sicht äußerst unangenehm (würde ich als Mann ebenfalls als bedrohlich empfinden) und fällt für mich in Richtung Nötigung oder zumindest der Versuch StGb § 240 (3).

    Das Video verharmlosend zu kommentieren finde ich fatal. Man könnte sachlich beschreiben, dass manche Ansprachen eher weniger und andere mehr sexistisch sind, aber das ist dann auch schon die einzige aus meiner zulässige Beobachtung.

    Ich wusste das allerdings schon alles vor diesem Video, immerhin spreche ich öfter mit Frauen und man erfährt da so einiges. Letztens habe ich eine Kollegin im Auto getroffen (äh also ich in meinem Auto, sie in ihrem an der Ampel). Wir standen nebeneinander und ich habe versucht sie zu grüßen (wir mögen uns). Hat fast 4 Versuche gekostet – denn wie sie mir später im Büro sagte, dachte sie erst, es will sie einer belästigen. Ist doch scheisse.

    Ich habe dafür keine Lösung, alle Männer kastrieren ist der falsche Weg, denn in 10 Stunden nur 2 Minuten Material zu bekommen heißt, dass die meisten Männer sich offensichtlich zusammenreißen können. Vielleicht ist das die einzige gute Nachricht dabei. Aber geschätzte 15 sexistische Ansprachen und 2 Nötigungen sind 17 Aktionen zuviel.

  5. Jana sagt:

    Bis vor kurzem wohnte ich in einer bayerischen Kleinstadt, wo man sich grüßt, weil man sich eben kennt – plumpe Anmache o. Ä. kam eher selten vor. Ich war also kaum mit Sexismus im Alltag konfrontiert. Vor meinem Umzug nach Rabat (Marokko), war mir sehr wohl bewusst, dass sich das ändern würde, weil Rabat zum einen eine Großsstadt ist und zum anderen das Frauenbild im arabischen Kulturkreis ein ganz anderes.
    Doch das Ausmaß des Sexismus, das einem hier als junge Frau immer und überall in der Öffentlichkeit entgegenschlägt, hat mich tief schockiert.
    Ich kann nie einfach nur meines Weges gehen, immer werde ich angesprochen. Simples Ignorieren hilft zwar manchmal, doch oft muss ich mich erst in mehreren Sätzen wehren, ein simples „Lass mich in Ruhe“ ist nicht genug.
    Anfangs dachte ich, dass mich diese Belästigungen nicht belasten würden, wenn ich sie einfach ignorierte. Doch mittlerweile muss ich zugeben, dass sie mich eindeutig im Alltag einschränken: Ich gehe mit gesenktem Kopf durch die Öffentlichkeit, ohne auch nur Augenkontakt zu erwidern, nur um meine Ruhe zu haben.
    Auf das Problem angesprochen reagierten viele Männer mit „Es ist ja nur nett gemeint“. Doch genau wie du schreibst: Belästigung fängt an dem Punkt an, wo es jemanden belästigt.
    Und diese Belästigungen im Alltag, dieses „Catcalling“ sind einfach kein harmloses Problemchen, das von Frauen dramatisiert wird, denn in der Summe schränkt es mich in meiner Freiheit ein.

  6. untaled sagt:

    Catcalling finde ich ja auch schon wieder diskriminierend. Verstehe aber wie es gemeint ist – man ruft Frauen als wären sie (vermutlich niedliche) Katzen.

    Jana – es freut mich, dass Du trotzdem nach Rabat gegangen bist, ich hoffe Du kommst unversehrt wieder. Die Erfahrungen die Du dort sammelst sind in Deutschland und auch anderen Ländern sicherlich gewinnbringend, Du wirst Dir vermutlich besser vorstellen können wie nun manche Männer aus anderen Kulturkreisen ticken.

  7. Earonn sagt:

    Was ich schlimm finde, ist ja, dass es zu einem großen Teil noch darauf hinausläuft, den Frauen zu sagen, was sie tun müssen, um nicht vergewaltigt oder belästigt zu werden (ja, den Frauen wird es gesagt. Die männlichen Opfer werden mal wieder außen vor gelassen, als ob es sie nicht gäbe, die Ärmsten). Anstatt schon den Schulkindern in Sexualkunde beizubringen, nicht zu vergewaltigen, dh. erst mal zu zeigen, was alles eine Vergewaltigung ist.

    Vor unserem Polizei-Hauptquartier stand letztes Jahr ein großes Plakat „When she’s sleeping, it’s a No!“
    Und ich fand es grausig, dass diese Binsenweisheit offenbar heutzutage überhaupt propagiert werden muss.
    Aber ich fand’s auch toll, weil es sich mal an potentielle Täter richtet, oder auch an alle, die mit Opfern sexuellen Missbrauchs zu tun haben, z.B. Freunde oder Verwandte. Dass überhaupt mal groß und breit gesagt wurde: Missbrauchsopfer, die z.B. betrunken waren, sind NICHT schuld am Missbrauch.

    Zumindest in Dortmund und Köln hab ich sowas nie gesehen.

  8. Adrian sagt:

    Sexismus ist es eh nur, wenn Männer es tun

  9. Adrian sagt:

    @ Earonn:
    „Was ich schlimm finde, ist ja, dass es zu einem großen Teil noch darauf hinausläuft, den Frauen zu sagen, was sie tun müssen, um nicht vergewaltigt oder belästigt zu werden (ja, den Frauen wird es gesagt. Die männlichen Opfer werden mal wieder außen vor gelassen, als ob es sie nicht gäbe, die Ärmsten). Anstatt schon den Schulkindern in Sexualkunde beizubringen, nicht zu vergewaltigen, dh. erst mal zu zeigen, was alles eine Vergewaltigung ist.“

    Ich verstehe auch nicht, warum wir Schulkindern sagen, an der Straße nach rechts und links zu schauen, anstatt Autofahrern beizubringen, Kinder nicht zu überfahren.

    Oder warum wir Haustüren abschließen, anstatt Dieben beizubringen, nicht zu stehlen.

    Oder mir zu sagen, ich solle nicht Hand in Hand mit meinem Freund durch Marzahn laufen, anstatt Nazis beizubringen, Schwule nicht zusammenzuschlagen.

  10. Earonn sagt:

    Warum dieser Vorwurf, dass Sexismus nur dann stattfinde, wenn Männer es tun? Hat das jemand im ersten Video behauptet? Bitte keine Strohmannargumente.
    Sexismus wird auch von Frauen verübt. Warum das ein Grund sein soll, sich darüber zu beklagen, dass männlicher Sexismus gezeigt und kritisiert wird, ist mir schleierhaft. Macht ein Unrecht neuerdings ein anderes gut? Darf ich nicht mehr gegen die Intoleranz gegenüber Homosexuellen angehen, nur weil es ja auch intolerante Homosexuelle gibt?

    Und übrigens: wenn Sexismus erst mal in seiner Basisform,oder meinetwegen in seiner weitesten Verbreitungsform nicht mehr gesellschaftsfähig ist, wird der gegenüber Männern gleich mit oder zumindest sofort hinterher geächtet.

    Du willst außerdem anscheinend sagen, dass man dies den Frauen ja nur rate, weil es sie vor denjenigen schützen soll, die sich nicht an die Regeln halten.
    Der Kern der Kritik richtet sich jedoch dagegen, dass praktisch alle Aufrufe in Bezug auf Vergewaltigung den potentiellen Opfern sagen, wie sie sich schützen sollen (was dazu führt, dass Opfer abgetan werden mit „Wenn er/sie auch das-und-das tut, ist er/sie ja auch selbst Schuld!“).
    Aber, um bei deinen Vergleichen zu bleiben, wie viele Aufrufe zur Toleranz gegenüber Homosexuellen oder um Rücksichtnahme im Straßenverkehr gibt es, im Vergleich zu Hinweisen, dass ein bewusstloser Mensch nicht automatisch ‚ja‘ zum Sex sagt? (Wie oben beschrieben, ein Plakat hier bei uns, in Deutschland hab ich sowas in über 40 Jahren nicht gesehen)

    Dazu auch das hier: wie bringt man 6% aller Männer einer Gruppe dazu, zuzugeben, dass sie Vergewaltiger sind:

    http://www.upworthy.com/whoa-4-questions-that-got-120-rapists-to-admit-they-were-rapists-5?c=upin1

    (Vereinfacht: sie wurden nach ihrem Verhalten gegenüber Sexualpartnern gefragt, wobei zwar Vergewaltigung beschrieben, nicht jedoch beim Namen genannt wurde. Insgesamt haben diese Männer knapp 500 Vergewaltigungen verübt)

    Ich denke, nicht alle von denen sind wirklich schlechte Menschen. Höchstens dumm. Und unwissend, woran man etwas ändern kann, aber halt nicht, indem man nur Frauen sagt, was sie anziehen oder wo sie entlanggehen sollen. Was angesichts der überwältigenden Mehrheit von Vergewaltigern aus dem Bekannten- und Verwandtenkreis sowieso idiotisch ist. Ganz zu schweigen von den männlichen Opfern. Sollen die etwa keine Miniröcke mehr anziehen?

    Ich zumindest stehe nicht auf der Seite von Männern oder Frauen, sondern auf der Seite der Opfer. Wenn das nun mal zum großen Teil Frauen sind, dann gibt es eben entsprechend mehr von ihrer Seite zu sagen.

  11. Earonn sagt:

    Nachtrag:
    es ist übrigens sehr aufschlussreich, dass Du „alle Männer, überall“ in Bezug auf Frauen gleichsetzt mit Nazis in Bezug auf Homosexuelle.

    Denn das tust du. Du sagst: die „Kleiderordnung für Frauen“ sei ja nur zu unserem Schutz, und bringst als Vergleich ein Beispiel für eine Gegend, die von hirnlosen Schlägern offenbar mehr oder weniger beherrscht wird.
    Also: die Straße, der Arbeitsplatz, die Kneipe sind für Frauen eigentlich no-go-Areas, wie eben Marzahn für offen Homosexuelle.

    Auch die Verkehrserziehung der Kinder gilt für eine Umgebung mit ziemichem Gefahrenpotential (wieviel Verkehrstote jedes Jahr? 5000?).

    Ich denke, dann ist das erst recht ein Grund, etwas gegen Sexismus zu unternehmen, anstatt weinerliche „buhuhuu, die sind aber auch ganz doll doof“-Videos zu drehen, als ob die etwas ändern oder gar rechtfertigen würden…

  12. Adrian sagt:

    @ Earonn
    „Warum dieser Vorwurf, dass Sexismus nur dann stattfinde, wenn Männer es tun? Hat das jemand im ersten Video behauptet?“

    Behauptet nicht, aber suggeriert. Es wäre doch wohl kein Problem von Filmemachern gewesen ein Vergleichsvideo mit eine Mann zu drehen.

    Im Übrigen sehe ich den Sexismus an beiden Videos nicht. Ich würde es eher unter schlechte Manieren einordnen.

    „Der Kern der Kritik richtet sich jedoch dagegen, dass praktisch alle Aufrufe in Bezug auf Vergewaltigung den potentiellen Opfern sagen, wie sie sich schützen sollen“

    Ja, natürlich. Das ist auch eine effektive Form das Risiko solcher Verbrechen zu verhindern. Männern wird nämlich bereits beigebracht nicht zu vergewaltigen. Genau so wie ihnen beigebracht wird, nicht zu stehlen, nicht zu morden etc. pp. Es ist nicht so, dass Männer in einer Kultur aufwachsen, die ihnen suggeriert, Vergewaltigung wäre okay.

    „es ist übrigens sehr aufschlussreich, dass Du “alle Männer, überall” in Bezug auf Frauen gleichsetzt mit Nazis in Bezug auf Homosexuelle.“

    Ich wollte damit lediglich zum Ausdruck bringen, dass wenn Vergewaltigung schon eine so große Gefahr für Frauen darstellt, Ratschläge an Frauen, um sich davor zu schützen, wohl angebracht sind.

    „Du sagst: die “Kleiderordnung für Frauen” sei ja nur zu unserem Schutz“

    Nein, das habe ich nicht gesagt.

  13. Earonn sagt:

    @Adrian
    Das mit der Kleiderordnung war tatsächlich eine nicht gekennzeichnete Umformulierung von mir. Ich bitte um Entschuldigung.

    Betreffs Suggestion von Männern als Tätern:
    Nun ist es bestimmt fies für euch anständige, respektvolle Männer, immer von den männlichen Tätern zu hören.
    Aber Tatsache ist nun mal, dass vorwiegend Männer die Täter sind (ich hab unterschiedliche Zahlen zwischen 70% und 90% gefunden).
    Und es mag auch die Gewalterfahrung fehlen.

    Aus Sicht einer Frau: wenn mir einer „Willste ficken?“ auf der Straße zuraunt, mag das nicht wirklich bedrohlich sein.
    Aber ich kann nicht wissen, ob es dabei bleibt. Wie die meisten Frauen habe ich Erfahrungen gemacht mit Typen, bei denen es nicht dabei bleibt.
    Wie reagierst Du auf einen Besoffenen in der Kneipe der lallt „Willste Dresche?“ Ich meine, der Spruch als solches ist nichts Schlimmes, und Du hast den Typen auch nicht provoziert. Und doch wird vermutlich dein Adrenalinpegel steigen. Weil Du mit gewisser Wahrscheinlichkeit schon die Erfahrung gemacht hast, dass Besoffene auch ohne Grund eine Schlägerei anfangen. Nicht alle, nicht mal die meisten, aber wenn, kann es übel enden. Du hast Kumpels, denen das passiert ist, wenn Du nicht sogar selbst schon mal mit blutiger Lippe und blauem Auge rumgelaufen bist. Also gehst Du innerlich vorsichtshalber in Verteidigungshaltung.
    So ungefähr fühlt es sich zumindest für mich an, angemacht zu werden, ohne dazu aufgefordert zu haben (dafür gibt’s die nonverbalen Signale).
    Stell dir vor, jedesmal wenn Du in die Stadt gehst, kommt irgendein Besoffener daher, „Hey, was willste?“ Jedesmal springt dein Alarmsystem an. Dann geht er weiter und alles ist gut, aber die Aufregung bleibt. Jedes mal, oder wenigstens oft genug, dass Du jedes mal damit rechnest/ rechnen musst.
    Und wenn Du den Besoffenen zur Rede stellst, sagt er wahlweise, er habe doch um etwas ganz anderes bitten wollen, so als ob Du zu doof wärst, den drohenden Ton in seiner Stimme zu hören. Oder er leugnet gleich ganz, etwas gesagt zu haben (das in dem Video waren offensichtliche, laute Sprüche. Es kommt aber auch oft vor, dass ein Mann an mir vorbeiging* und mir „Willste ficken?“ und ähnliches zuflüsterte, Da konnte man nichts machen, er geilte sich daran auf und ich musste es hinnehmen, seine Sexpuppe zu sein, weil ich ja nichts beweisen konnte. Ja, auch das ist Missbrauch, kein schwerer, aber gegen meinen Willen für sein sexuelles Vergnügen gebraucht wurde ich trotzdem).
    Und dann kommen auch noch die, die dir erzählen, Du sollst diesen Betrunkenen doch nicht so ernst nehmen, und er wolle doch nur mit dir in Kontakt kommen, und überhaupt, dürfen Betrunkene jetzt etwa niemanden mehr ansprechen…
    So, das war jetzt ziemlich viel Text, aber vielleicht macht dieser Vergleich, der so hübsch hinkt wie alle Vergleiche, es etwas deutlicher, worin aus meiner persönlichen weiblichen SIcht das Problem liegt.
    *Vergangenheitsform weil es mir hier in Schottland noch nicht passiert ist.

    Betr. „uns wurde beigebracht, nicht zu vergewaltigen“:
    Was Du meinst ist: euch wurde beigebracht, uns nicht in ein Gebüsch zu zerren, zusammenzuschlagen und die Beine mit Gewalt zu spreizen. Das ist aber nicht die einzige Form von Vergewaltigung. Und wie der weiter oben zeigt, in dem 6% der befragten Männer praktisch zugaben, Vergewaltiger zu sein, müssen viele doch erst noch lernen, was alles eine Vergewaltigung ist.
    Und um das klar zu machen: es gibt mit Sicherheit auch Täterinnen, die das lernen müssen.

  14. Ich werde allerdings auch nicht gern angegrinst von „Jesus liebt dich“-Mädels, die mir ab und zu begegnen und nach dem Motto: Jedem ein Lächeln schenken meinen, mir dir schlechte Laune verderben zu müssen.

  15. Koljazao sagt:

    @Earonn:
    „Warum dieser Vorwurf, dass Sexismus nur dann stattfinde, wenn Männer es tun? Hat das jemand im ersten Video behauptet? Bitte keine Strohmannargumente.“

    Naja, zumindest schreibt Muriel folgendes:

    „Ist das ein Beispiel dafür, wie selbstverständlich viele Männer immer noch denken, dass Frauen dazu da sind, gut auszusehen und, wenn dies der Fall ist, erobert zu werden? Ist das vielleicht ein Anlass, auch über meinen eigenen Sexismus und die Art, wie ich damit umgehe, wie ich Frauen sehe und anspreche, nachzudenken?“

    Das Video scheint also schon so aufgefasst werden, als handelte es sich hier um ein geschlechterspezifisches Problem.

  16. untaled sagt:

    Es ist deswegen schonmal geschlechterspezifisch, weil es in dem konkreten Fall um die Belästigung einer Frau geht. Und Muriel ist ein Mann, erkennt die sexuelle Belästigung und damit bleibt es bei Mann belästigt Frau und einer zu recht in diesem Fall ziemlich einseitigen Betrachtung. Wir hätten ihn ja auch mal fragen können ob er ein Buch dazu schreibt, bin mir sicher, es wäre vielseitiger geworden.

    Ob das darüber hinaus mehr oder weniger sexuelle Belästigung von Frauen vs. Männer gibt, kann ich nicht sagen. Als Mann fühle ich mich regelmäßig sexuell belästigt. Sei es nun weil Anne Wizorek sagt, dass Männer nicht nur einen Penis, sondern auch ein Gehirn hätten (süddeutsche), oder weil Sixt im Flughafen DUS wirbt mit „Ich liebe Männer, für die innere Werte zählen. Vor allem PS und Hubraum.“ daneben eine hübsche blonde Frau. Natürlich wird die Frau hier ebenso gedemütigt. Das machts nur für mich als Mann nicht unbedingt besser einbittig zu sein (0 langsam, 1 schnell, 0 weichei, 1 männlich, 0 loser, 1 winner, 0 keine Knete, 1 reich wie Buffett).

    Auch das Schönheitsideal für Männer, die Rollenklischees in dem wir aufgezogen werden (ein Indianer kennt keinen Schmerz usw.) diese ganzen Heldenfiguren die ausschließlich männlich sind (James Bond darf alle 3-4 Folgen dann mal ein wenig betroffen sein, dass jemand tot ist) sind doch durchweg belastend! Wenn das Ergebnis der (männlichen) Heldenfiguren ist, dass wir in einem meeting alle King of the Hill spielen – dann kann ich natürlich hinterfragen ob mehr weibliche Helden nicht besser wären. Wenn die aber wiederum nur das machen, was die männlichen Pendants machen – dann haben wir keine Evolution sondern wir verblöden dann halt beide Geschlechter! Die männlichen Helden sind doch samt und sonders emotionale Rohrkrepiere, Soziopathen die zufällig die bösen Killen – und da bejammern wir, dass es davon weniger Frauen gibt? Vielleicht kann ich dann irgendwann trotz Frauen im Team im Meeting King of the Hill spielen? Au ja.

    Das Spiel „ich würde öfter beleidigt, gehauen, sexuell belästigt wie du“ oder „das gibts umgekehrt auch, deswegen ist das nur gerecht, wenn X Y das auch antut.“ ist überflüssig.

    Wir sollten mal nach vorn blicken.

  17. Koljazao sagt:

    „Und Muriel ist ein Mann, erkennt die sexuelle Belästigung und damit bleibt es bei Mann belästigt Frau und einer zu recht in diesem Fall ziemlich einseitigen Betrachtung.“

    Ich interpretiere Muriels Aussage nach wie vor anders, aber es ist jetzt ja ein wenig müßig, darum zu zanken, wenn er das auch selber aufklären kann.

    Den Rest Deines Postings unterschreibe ich zu hundert Prozent.

  18. Das San sagt:

    ich möchte mal noch diesen kleinen post hierlassen, der ein bisschen verdeutlicht, wie absurd dieses argument von „ich will ja nur nett sein und eine frau kennenlernen“ ist.
    http://micdotcom.tumblr.com/post/101692315641/if-men-just-want-to-say-hi-why-do-they-only
    im übrigen schließe ich mich madove an.

  19. Muriel sagt:

    Ich bitte um Nachsicht für das lange Schweigen.
    Naja. Also, dass sexuelle Belästigung eher eine Spezialität von Männern gegenüber Frauen ist, halte ich für evident.
    Dass sie auch andersherum stattfindet, für ebenso.
    Und dass sie in beiden Fällen nicht in Ordnung ist, auch.
    Kann ich sonst noch helfen?
    Diesmal gehts auch schneller, Ehrenwort.

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