Stefan Aust braucht unsere Hilfe

Ich weiß nur leider nicht genau, was wir für ihn tun können. Bei der Lektüre eines Telepolis-Interviews mit ihm drängten sich mir zeitweise diverse Vermutungen auf, die ich aber wegen ihrer möglichen Justiziabilität hier lieber verschweige, und so überlasse ich euch selbst die Einschätzung, worunter Herr Aust leidet, und was man tun könnte, damit es ihm besser geht:

Das Alles ist so angelegt, dass man damit eine totale Kontrolle der Menschen vornehmen kann – und dergleichen wird ja auch tatsächlich schon durchgeführt.

Wird durchgeführt. Die totale Kontrolle der Menschen findet heute bereits statt, jetzt gerade, behauptet Herr Aust also, und das ist natürlich eine steile Behauptung, die aber immerhin vom ehemaligen Chefredakteur eines ehemals renommierten deutschen Nachrichtenmagazins stammt, weshalb wir sie vielleicht doch lieber ernst nehmen sollten. Er bringt als guter Journalist natürlich auch Belege:

Wenn man bei Amazon ein Buch bestellt, werden einem innerhalb kürzester Zeit Bücher angeboten, für die man sich vielleicht auch interessieren könnte.

Ähm.

Ja.

Na gut.

Das sieht im Konsumbereich zwar noch ziemlich harmlos aus,

Joa. Eigentlich schon.

ist es aber nicht.

A-HA! Na also. Wussten wirs doch: Herr Aust lässt uns nicht einfach mit seiner schrillen These und einem völlig zusammenhanglosen Beispiel hängen, neinnein, das war alles nur Einleitung, jetzt kommt die wahre Enthüllung:

Sie können davon ausgehen, dass jeder Schritt, den sie tun, so überwacht wird, als wenn hinter ihnen jemand hergeht, der alles notiert.

Öh. Ja … Können wir das? Können wir. Ähm. Ja gut. Dann gehen wir davon halt mal aus. Telepolis stellt die naheliegende Frage, wie treffsicher die Auswertung dieser Daten sei, und Herr Aust, ausgefuchster und erfahrener Journalist, der er ist, hat natürlich eine präzise Antwort parat:

Ich würde sagen, sie ist hundertprozentig treffsicher.

Hundertprozentig. Das heißt, dass die Auswertung der Daten (die, wir erinnern uns, jeden Schritt von uns umfassen) vollständig fehlerfrei ist und NIE falsche Ergebnisse produziert. Das wäre in der Tat eine spektakuläre neue Erkenntnis, die ihm da gelungen ist. Na gut, er erklärt jetzt nicht weiter, woher er sie bezieht, und warum wir ihm glauben sollten, aber ich würde sagen, wir können davon ausgehen, dass er schon wissen wird, wovon er redet.

Wenn ihr euch jetzt gerade fragt, ob damit der Gipfel der Albernheit erreicht ist, dann darf ich euch sagen, dass Herr Aust auch da eine klare Antwort bieten kann:

Ich gehe davon aus, dass in vielen Unternehmen erst einmal geforscht wird, ob der oder die Betreffende möglicherweise eine persönliche Webseite betreibt und ob er oder sie eine Facebook-Seite hat.

Joa. Da haben wir sie, die totale, hundertprozentig treffsichere Kontrolle durch den „militärisch-industrielle[n] und gleichzeitig […] zivile[n] Komplex, der auf sehr intensive Weise in den Lebensbereich aller Menschen eindringt„. Das ist es, was einem ehemaligen Spiegel-Chefredakteur auf die Frage hin einfällt, was die Konsequenzen der von ihm behaupteten totalen Herrschaft der Denkmaschinen sind: Er nimmt irgendwie an, dass manchmal Unternehmen auch gucken, ob Bewerber eine Facebook-Seite haben.

Und das war noch nicht alles:

Zum Beispiel bei dem NSU-Prozess. Dort wollte die Generalbundesanwaltschaft Informationen über den Angeklagten Ralf Wohlleben einholen, weswegen sie sich an die NSA gewandt hat, die dessen kompletten Internet-Verkehr inklusive Facebook-Auftritt gespeichert hatte. Diese Informationen besitzt jetzt die Generalbundesanwaltschaft.

Aber dann muss ihm doch noch aufgefallen sein, dass die Überführung von NSU-Angeklagten vielleicht nicht das allerpopulärste Beispiel dafür sein könnte, wie der Staat seine Möglichkeit zur totalen Kontrolle jedes unserer Schritte missbraucht.

Jetzt ist es freilich richtig, bei einem mutmaßlichen Straftäter persönliche Daten auszuwerten

Freilich. Bei manchen Straftätern allerdings freilicher als bei anderen.

Ich finde zwar schon, dass sich jeder im Straßenverkehr sich gesetzeskonform verhalten soll, aber ich möchte trotzdem (auch wenn sich das seltsam anhört) das Recht haben, auch einmal falsch parken oder zu schnell fahren zu können.

Nein, ehrlich, das steht da. Lest doch selbst nach, wenn ihr mir nicht glaubt!

Die industrielle Revolution ersetzte die Muskelkraft durch Maschinen und diese ersetzt die Kraft des Gedächtnisses durch Speicherkapazitäten und diese sind so weit durch Algorithmen miteinander verbunden, dass sie quasi wie menschliches Denken funktionieren.

Quasi. Wie ich oben schrieb: Ich glaube, er braucht Hilfe, in irgendeiner Form. Das, oder er hält uns für blöd und versucht, auf sehr sehr stümperhafte Art, uns zu manipulieren.

Das führt dazu, dass Menschen nicht Teil einer Maschine, sondern Teil eines Systems sind, das von Denk-Maschinen gesteuert wird.

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Wir sehen, es gibt schon noch Journalisten, die es an Skepsis gegenüber dem Internet mit dem leider verstorbenen Frank Schirrmacher aufnehmen können.

Und wenn ihr glaubt, dass Herr Aust jetzt aber endgültig den Kontakt zur Realität verloren hat, dann irrt ihr, denn auch hier liefert er natürlich wieder einen unanfechtbaren Beleg für seine These:

Sie müssen nur durch die Stadt gehen und sich ansehen, wie die Menschen wie gebannt auf ihr iPad starren und sich von dem zeigen lassen, wohin sie gehen müssen.

Jawoll. Nämlich. Sagt meine Omma auch. Schlimm ist das. Verkommene Jugend von heute, die …

Aber halt, es gibt ja nicht nur diese Maschinensklaven, sondern auch tapfere Rebellen, die gegen die Tyrannei der Tablets aufbegehren, gegen die Regentschaft der Rechner, die Diktatur der Datenverarbeitung, die Herrschaft der Hardware, die Macht der Maschinen, die Autokratie der Algorithmen, den Imperialismus der IT … Ja, schon gut, ich bin fertig. Herr Augstein, Sie sind wieder dran:

Für die USA ist ein Whistleblower ein Verräter, der gegen die Gesetze seines Unternehmens verstößt.

Ich würde Herrn Aust schon gerne fragen, ob er wirklich glaubt, dass in den USA buchstäblich Unternehmen Gesetze machen, oder ob er sich da nur in der Wortwahl vergriffen hat, aber ich fürchte, er würde nicht antworten, deswegen spare ich mir das. Es geht ja auch eigentlich eh um was anderes.

Aber es gibt ganz einfach Tatbestände, bei denen es notwendig ist, gegen Gesetze zu verstoßen und eine Information an die Öffentlichkeit zu bringen.

Eben. Das hatten wir ja oben schon. Wenn man zum Beispiel mal falsch parken will, oder zu schnell fahren. Das wird ja wohl noch erlaubt sein. Und das lassen wir uns von diesen Kids mit ihren gottverdammten iPads nicht verbieten, nämlich!

So. Ja.

Und was meint ihr? Spendenaktion? Lichterkette? Freundliche Zuwendung? Was können wir tun, um Menschen wie Herrn Aust zu helfen? Die Kommentarspalte ist, wie immer, nach unten offen.

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3 Responses to Stefan Aust braucht unsere Hilfe

  1. madove sagt:

    Hm. Ich hatte viel Spaß beim Lesen Deines Beitrags, und ich stimme deinen Einwänden zu (…wenn man das so nennen kann. Eigentlich musstest du ja wirklich nur die Zitate für sich sprechen lassen *kicher*)

    Dann bin ich dem Link zu dem Originalartikel gefolgt und hatte erwartungsgemäß deutlich weniger Spaß.
    Mein Problem ist, daß in der Debatte um die Auswirkungen der ganzen spannenden Technologien diejenige Position, die auf eventuelle Probleme und Risiken hinweist, immer von diesem völlig abstrusen Kulturpessimismus monopolisiert zu werden scheint, vertreten von Leuten, die ganz offensichtlich nicht einmal eine vage Vorstellung von der Funktionsweise, den Möglichkeiten und den Grenzen der jeweiligen Technik haben.
    Was dazu führt, dass es wirklich schwierig wird, eine entspannte, sachliche Diskussion darüber zu führen, welche Auswirkungen und Machtverschiebungen sich politisch oder gesellschaftlich tatsächlich durch die verschiedenen Nutzungen der Informationstechnologien ergeben und wie wir ggf. damit umgehen wollen. Was ja durchaus ein spannendes Thema wäre.

  2. Mentalreservation sagt:

    Das klingt nach einem Bewerbungsschreiben für die kürzlich frei gewordene Stelle des großen Visionärs. Aber für diese Position verharmlost Herr Aust Google zu sehr.

    Warum verschweigt er, dass Google ohne Rechtsgrundlage oder Einwilligung des Nutzers Dateien auf dem Computer speichert? Diese im Englischen verharmlosend auch als Cookies („Hartgebäckstücke“) bezeichnete Spionagetechnologie ermöglicht die lückenlose Überwachung des Privatlebens des Nutzers über Jahrzehnte hinweg. Wenn die Regierung nicht handelt und den Internetgiganten zerschlägt, werden wir schon bald alle als Sklaven in den Datenminen (engl. Data Mining) der Datenkrake aus dem Silikon Valley nach Bits und Bytes schürfen.

    Aber die Bedrohung durch den Monopolkonzern, der ironischerweise einst mit dem Slogan „Don’t be evil“ für sich warb, ist zu groß, als dass wir uns alleine auf Gestaltungsmacht und -willen des Staates verlassen dürften. Wir Bürger müssen uns unserer Verantwortung gegenüber dem rechtsstaatlich-demokratischen Gemeinwesen bewußt werden und unsere Android-Geräte durch das neue iPhone 6 ersetzen. Und, so komisch sich das anhört: Wir haben auch das Recht auf kostenlose Apps, die nicht unsere Daten widerrechtlich stehlen und an den Meistbietenden versteigern! Die Verlage der Qualitätsmedien und der öffentlich-rechtliche Rundfunk könnten hier ihre Kompetenzen bündeln und gemeinsam freie Apps entwickeln. Über eine Gebührenumlage wäre das ohne Weiteres kostenneutral möglich.

    Es geht auch ohne Google. Warum nicht mal wieder einen handschriftlichen Brief auf der Schreibmaschine tippen? Wir haben schließlich früher auch keine Email gebraucht, um mit unserem Partner Schluß zu machen. In diesem Satz sind die Wörter so weit miteinander verbunden, dass sie quasi wie Argumente aussehen. Es liegt in unserer Hand, ob wir unseren Kindern eine virtuelle oder eine reale Zukunft hinterlassen wollen.

  3. Muriel sagt:

    @Mentalreservation: Du bist lustig.

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