Unzucht

Bis zum 31. Mai 1994 (Ja, wirklich.) waren homosexuelle Handlungen unter Männern in der Bundesrepublik Deutschland durch § 175 StGB unter Strafe gestellt, wenn auch unter zunehmend engeren Voraussetzungen. In der Zeit bis zur Streichung der unseligen Norm wurden natürlich auch tatsächlich Männer denunziert, festgenommen, angeklagt, verurteilt und bestraft, für einvernehmliche sexuelle Handlungen mit anderen Männern.

Ich finde, darüber kann man mal einen Moment nachdenken. Ich brauche immer ein paar Sekunden, um mir bewusst zu machen, dass das tatsächlich so war, bis vor Kurzem. Und dann ärgere ich mich umso mehr über diese … sonderbaren Menschen, die ernsthaft bestreiten, dass homosexuelle Menschen in unserer Gesellschaft unfair behandelt werden, und frage mich, wie man funktionieren muss, um Dinge zu schreiben wie:

Ist sich das knutschende schwule Paar in der U-Bahn eigentlich bewusst, wie viel Toleranz es seinen Mitreisenden abverlangt?

(Als ernstgemeinter Diskussionsbeitrag auf der Website eines gebührenfinanzierten öffentlich-rechtlichen Mediums, übrigens. Ich sag nur.)

2012 hat der Berliner Senat unter Führung der SPD im Bundesrat einen Antrag auf Rehabilitierung der Opfer durchgesetzt, die aufgrund § 175 StGB verurteilt wurden. Wünschenswert wäre natürlich, wie Professor Klaus Gräditz ganz richtig der SZ sagte,  ein allgemeines „Rehabilitierungsgesetz für das Sittlichkeitsstrafrecht“, das auch die Menschen freispreche, die beispielsweise wegen Kuppelei bestraft wurden. Aber bis heute ist nichts weiter geschehen. Es wird diskutiert, ob und wie es ginge, und teilweise wirkt es auch, als wolle man nicht recht.

Das sagt in meinen Augen nicht nur etwas über die Einstellung unserer Gesellschaft zu Homosexualität, Sexualität und diesem überhaupt ja rundum recht scheußlichen Konzept der Sittlichkeit, sondern auch über das Selbstverständnis unseres Staates, und ist in meinen Augen – Hämmer und Nägel, ihr kennt das – ein ganz gutes Beispiel dafür, warum ich auch das einigermaßen scheußlich finde.

Ich denke, dass es völlig selbstverständlich sein sollte, dass Menschen, die evident ohne vernünftigen Grund eingesperrt oder sonstwie benachteiligt wurden, nicht nur rehabilitiert gehören, sondern auch entschädigt, und darüberhinaus sollte man vorbehaltlich der grundsätzlichen Sinnhaftigkeit von Strafen auch über Konsequenzen für die Täter nachdenken, und wenn man dabei halt zu dem Ergebnis käme, dass man nicht mehr tun sollte, als ihre Taten zumindest einmal deutlich als Unrecht zu bezeichnen, dann wäre das doch immer noch mehr, als unser Staat bisher zustande gebracht hat.

Man stelle sich im Vergleich einmal vor, es wären nicht Polizisten, Richter und Abgeordnete gewesen, die andere Menschen zu Unrecht misshandelt, beschimpft und eingesperrt hätten, sondern die Mitglieder irgendeiner anderen Organisation. Würden wir denen dann mehrere Jahre zugestehen, in denen sie drüber beraten, ob sie es irgendwie mit sich vereinbaren können, zumindest offiziell zuzugestehen, dass ihre Opfer damals es eigentlich vielleicht nicht so richtig verdient hatten? Himmel, sogar die römisch-katholische Kirche scheint nicht schlechter drin zu sein, mit eigenem vergangenem Unrecht umzugehen als unser gerade in den letzten Tagen gerne mit Stolz so bezeichneter Rechtsstaat.

Und ich finde, auch darüber kann man mal einen Moment nachdenken.

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3 Responses to Unzucht

  1. Lesenswerter Text. Darf ich dir als Ergänzung dazu meinen empfehlen?
    http://logon-echon.com/2014/10/27/russland-die-homosexualitat-und-wir/

  2. Koljazao sagt:

    Danke für den Beitrag.

    Weil ich mir schon einmal einen Beitrag von Dir gewünscht habe, Du dann einen schön lakonischen geschrieben hast und ich nicht angemessen dankbar (sondern gar nicht) darauf reagiert habe, habe ich mich fast nicht getraut, noch einen Vorschlag zu machen. Dann aber doch, weil meine Beschämtheit geringer ist als meine vielleicht berechtigte Vorfreude auf eine Meinung zum Thema konsensualer Inzest. In der SZ vom Wochenende vor einigen Wochen gab es einen tollen Artikel dazu:

    http://www.sueddeutsche.de/leben/tabuthema-inzest-verbotene-liebe-1.2195890

    So, genug des Schwafelns.

  3. Muriel sagt:

    Danke für die Tipps! Ich Ich schaue mal, ob ich was draus mache.

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