Fake-Adventskalender (3): Wie wir sie kennen

Und ab jetzt voraussichtlich regelmäßig schon morgens: Hier ist das dritte Türchen!

„Das können Sie doch nicht machen!“ sagt der Mann im dunklen Anzug und tritt ein paar Schritte aus der Gruppe vor. Er sagt das nicht in einem aufgebracht-fassungslosen Tonfall, sondern eher herablassend-verwundert, als erklärte er einem untergeordneten Mitarbeiter, wie herum er den Taschenrechner zu halten hat. „Die Frau ist offensichtlich die Mutter – sind Sie doch, oder? Eben. – und die beiden sind offensichtlich nicht mal zehn. Lassen Sie sie doch wenigstens mitgehen, wenn das schon sein muss, dann haben Sie selbst doch auch viel weniger Ärger.“ Er lächelt hoffnungsvoll die Atemschutzmaske seines Gegenübers an und sieht ein bisschen so aus, als würde er gleich sowas wie „Gern geschehen.“ sagen.

„Mama? Wo sind wir?“ fragt Alex (der ältere der beiden), aber niemand beachtet ihn.

„Komm ich zu Ihnen ins Büro und sag Ihnen, ob Sie linear oder degressiv abschreiben sollen? Ich hab schon gesagt, dass das hier keine Diskussionsrunde ist.“ Er dreht sich wieder zu dem anderen um, der noch immer unschlüssig dasteht und abwartet: „Und jetzt schaffen Sie die beiden Kinder hier raus“, faucht er, „Bevor ich laut werde.“

Der Soldat zuckt zusammen und zieht die beiden weiter zur Tür.

Der Anzugträger seufzt und schaut zur Decke, während er mit einer Hand in einer automatischen Bewegung seine Frisur zurechtrückt. Der Anführer der Soldaten sieht ihn an, als würde er nur darauf warten, dass er Streit anfängt.

Nina drängelt sich weiter zur Tür. „Ich komme mit, egal was Sie sagen.“ Sie schiebt das Kinn nach vorne und versucht, energisch und zu allem entschlossen zu wirken.

*************************************

Suresh entdeckt tatsächlich wenig Aufschlussreiches in dem Raum. Frieder sieht ihm schmunzelnd zu, wie er die die karge Einrichtung untersucht.

Die Liege ist ein einfaches Metallgestell mit einer leicht gepolsterten Pritsche obendrauf, das Kopfteil ist mechanisch verstell- und mit einem Drehknopf feststellbar, und am Fußende ist eine Rolle mit Papier zur hygienischen Abdeckung der Liegefläche angebracht. Die zwei Stühle sind einfache Freischwinger aus Holz mit Metallfuß, bei einem schon mit leichten Rostspuren.

Außerdem stehen an der Wand noch drei Schränke. Zwei davon bestehen aus Holz, einer ist mit zwei Flügeltüren ausgestattet, die sich öffnen lassen, und enthält allerlei medizinisches Alltagsgerät wie einen Reflexhammer, zwei Stethoskope, Mullkompressen, steriles Wasser, ein paar Spritzen und so weiter, der zweite ist ein einfaches Regal mit ein paar Modellen menschlicher Gelenke, einem Phrenologie-Kopfmodell, ansonsten bestückt mit medizinischer Fachliteratur.

Beim dritten handelt es sich um einen verschlossenen grauen Stahlspind.

Ungefähr eine Stunde, nachdem Sureshs Durchsuchung des Raumes begonnen hat, drückt jemand von außen die Türklinke herab und versucht vergeblich, die Tür zu öffnen.

Suresh läuft zur Tür und sagt: „Hallo! Wir sind hier drin! Haben Sie denn keinen Schlüssel? Wie lange müssen wir noch hier warten?“

Draußen herrscht eine Weile Stille, bis schließlich eine relativ dunkle Mädchenstimme erwidert: „Wer sind Sie?“

Suresh antwortet: „Wir sind zwei Zivilisten und wurden vor einigen Stunden hierher gebracht.“

„Und …“ Sie zögert, und fragt schließlich: „… Was sind Sie so für Leute, Sie zwei?“

Suresh wendet sich Frieder zu und winkt ihn zu sich heran. Frieder gehorcht mit einem schiefen Lächeln.

„Ich bin Suresh aus Indien, und mache gerade einen Deutschkurs am Goethe-Institut in Hamburg.“ Er schaut Frieder auffordernd an.

Der alte Mann grinst noch ein bisschen breiter, schüttelt seinen Kopf und sagt zu der verschlossenen Tür: „Und ich bin Schäfer. Glauben Sie’s, oder nicht. Und wer sind Sie?“

Wieder eine kurze Pause. „Kennt sich einer von Ihnen vielleicht mit erster Hilfe aus?“

Suresh schaut Frieder fragend-verwirrt an und antwortet: „Naja … Ich habe Tiermedizin studiert. Ein bisschen Erfahrung hab ich mit erster Hilfe, wenn auch nicht mit Menschen. Was geht denn da draußen vor sich, und wer sind Sie? Das haben Sie eben gar nicht beantwortet …“

Das Mädchen stöhnt.

„Wenn … Wenn ich Sie rauslasse, helfen Sie mir dann?“ fragt sie schließlich.

Suresh schaut Frieder wieder an und flüstert ihm zu: „Da können wir doch jetzt unmöglich zustimmen, wenn wir nicht wissen, was da draußen vor sich geht oder wer sie ist, oder? Aber ich will hier natürlich schon raus.“

„Wer sind Sie denn, und warum brauchen Sie Hilfe?“ fragt Frieder zur Tür gewandt.

Es dauert so lange, bis sie wieder antwortet, dass Frieder und Suresh schon fast glauben, sie wäre weiter gegangen, aber schließlich hören sie doch wieder die Stimme durch die Tür: „Ich bin denen entwischt und … hab mich verletzt. Also was nun, helfen Sie mir, oder nicht?“

Suresh fragt: „Wissen Sie, was da draußen vor sich geht?“

Weil er wieder mit einer längeren Pause rechnet, raunt er Frieder noch zu: „Was meinst du, sollten wir uns darauf einlassen?“

Advertisements

One Response to Fake-Adventskalender (3): Wie wir sie kennen

  1. […] Cléo, Vera, David, Nina (Was bei denen bisher geschah, könnt ihr hier noch mal nachlesen.) […]

Gib's mir!

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: