Fake-Adventskalender (6): Wie wir sie kennen

Ja, diesmal nicht so richtig morgens. Aber ich will ja auch nicht, dass ihr das Gefühl habt, ihr könntet euch bequem mit irgendwas arrangieren. Ich will, dass ihr euer ganzes Leben auf Zehenspitzen verbringt, permanent mit erhöhtem Puls, unter Adrenalin, weil ihr genau wisst, dass JEDERZEIT ein Türchen aufgehen kann.

Gerade, wenn ihr am wenigsten damit rechnet.

„Was ist denn das schon wieder?“ fragt das Mädchen.

Frieder geht langsam und vorsichtig in Richtung Tür und legt ein Ohr daran.

Auch Suresh geht an die Tür, um zu lauschen, und legt dabei kameradschaftlich eine Hand auf Frieders Schulter.

Die Stimme aus dem Lautsprecher ist immer noch zu leise, um Worte zu verstehen, aber es kommt Suresh nun recht deutlich so vor, als würde sie englisch sprechen. Nach ein paar Sekunden wird ihm auch klar, dass ihn die Stimme an Barack Obama erinnert. Nur wenig später vernimmt er von draußen echte Stimmen, die aufgebracht miteinander diskutieren, und Schritte aus dem Flur.

Frieder wendet sich ihm zu und raunt: „Wir bleiben wohl besser erst mal hier drin.“

Das Mädchen gesellt sich zu den beiden und bleibt hinter ihnen stehen, den unfertigen Verband hält sie mit einer Hand an ihrem Arm fest.

„Was ist denn?“ zischt sie. „Was ist da draußen los?“

„Da war eben diese Durchsage“, antwortet Suresh. „Ich fand, die Stimme klang wie die von Barack Obama, oder was meinst du, Frieder? Jedenfalls hat sie Englisch gesprochen. Jetzt im Moment gehen da Personen durch den Flur.“

„Barack Obama?“ fragt das Mädchen ungläubig, ihr Gesichtsausdruck schwankend zwischen Belustigung und Fassungslosigkeit.

„Könnte aber sein“, raunt Frieder.

Aus dem Flur sind nun gerufene Befehle zu hören, und schnelle Schritte von mehreren Menschen.

Obama hört nun auf zu sprechen, und stattdessen ist ein andere Mann zu hören, der irgendeine asiatische Sprache zu sprechen scheint. Suresh vermutet Mandarin.

„Und das jetzt klingt nach Mandarin“, sagt Suresh. „Ich habe wirklich nicht den leisesten Schimmer, was da draußen vor sich geht, aber es macht mir Angst. Komm, lass mich deinen Verband noch zu Ende machen. Ich wünschte, hier wären auch Schmerzmittel, aber ich hab keine gefunden.“

Für einen Moment versinkt er in Gedanken, solange er sich um den Verband kümmert. Er denkt an seine Familie in Indien und an seine Klassenkameraden aus dem Institut in Hamburg und fragt sich, wann er sie alle wieder sehen wird.

Er fühlt sich auf einmal sehr einsam und traurig, und schaut instinktiv zu Frieder hinüber, der noch immer an der Tür lauscht. Er ist sehr dankbar dafür, dass er immer noch einen Freund bei sich hat.

Nach ungefähr einer halben Minute stößt Frieder ein ungläubiges Lachen aus. „Das ist jetzt Angela Merkel, glaub ich.“

„Was?“ fragt das Mädchen. „Ihr verarscht mich doch!“

Aber sie kann es ja selbst auch hören, und so sitzt ihr da und hört fassungslos zu, wie die Lautsprecherdurchsagen aufeinander folgen, durch Sprachen und Stimmen hindurch, jede ungefähr für ungefähr vierzig Sekunden, und nach nicht ganz zehn Minuten beginnt es wieder von vorne.

 

Und weil heute Nikolaustag ist: Schokolade. Bitte schön. Gern geschehen.

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2 Responses to Fake-Adventskalender (6): Wie wir sie kennen

  1. Joan sagt:

    Deine Einleitungen werden immer besser.

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