Die Debatte wird seit Monaten sehr emotional geführt

schreibt die Zeit und berichtet uns, was Franz Müntefering, der mir zugegebenermaßen oberflächlich immer sehr sympathisch war, für ein äußerst … unerfreulicher Mensch zu sein scheint.

Den angeleiteten Suizid sieht Müntefering äußerst kritisch. „Mit Freiheit und Selbstbestimmung hat das nichts zu tun“, sagt er. Es sei geradezu absurd, die „Vernichtung der Existenz mit dem Hinweis auf ein Selbstbestimmungsrecht zu befördern“.

 

steht da zum Beispiel. Und dann noch:

Man lebe immer in einer Gemeinschaft und habe Mitverantwortung für das, was rundherum passiert.

Und … Ich weiß gar nicht so richtig, mit welchem Teil meiner unsachlichen Beschimpfungen ich anfangen soll.

Zunächst: Es wäre natürlich extrem daneben, hier jetzt Polemisches darüber zu schreiben, dass es gut zu einem Sozialdemokraten passt, Menschen sogar noch den Tod verbieten zu wollen, unter Berufung auf ihre Pflicht, Verantwortung für andere zu übernehmen, und darüber zu spekulieren, was es über jemanden aussagt, dass er die Freiheit des Individuums so weit seiner Vorstellung von dessen Pflichten gegenüber dem Kollektiv unterordnet, dass er jeden bestrafen lassen möchte, der es anderen ermöglicht, auf eigenen Wunsch aus diesem Leben zu scheiden.

Weiterhin: Es wäre natürlich auch ein bisschen unangemessen, meine Leserinnen und Leser zu bitten, sich einfach mal eine konkrete Situation vorzustellen, in der eine Person, die ihnen wichtig ist und nahe steht, die ihnen viel bedeutet und dessen Wohlergehen ihnen am Herzen liegt, also zum Beispiel … sagen wir mal: ich, in einem Krankenhausbett liegt, unfähig, sich noch selbst zu bewegen (denn sonst könnte ich ja mein Leben selbst beenden, wenn ich wollte), und so gequält von irgendeiner widerlichen Krankheit, dass ich keine Freude mehr am Leben finde und mir nichts sehnlicher wünsche, als dieses fürchterliche Leid ohne Aussicht auf Besserung endlich beenden zu dürfen, und sie darum anflehe, mir dabei behilflich zu sein, weil ich selbst es nicht kann,  und wie Herr Müntefering dabei steht und zu mir erbärmlichem Haufen Schmerz und Qual und Trauer sagt:

Dennoch halte er dessen Haltung für „rücksichtslos gegenüber allem und allen“. Für ihn sei dies eine gewisse bürgerliche Attitüde: „Ein Stück Egozentrik und Arroganz steckt da schon drin, tut mir leid.“

Und wie ich ihn dann aus verklebten Augen verwirrt anblinzle und versuche, mit dem letzten mir verbleibenden Atem zu fragen, was er hier in meinem Zimmer zu suchen hat, fügt er noch hinzu:

Das Leben ist so einzigartig und wichtig, dass ich jeden ermutige, zu sagen: Nimm so viel davon, wie du kannst. Und geh nicht beiseite.“ Das Leben sei eine tolle Sache. „Es ist eine einmalige grandiose Chance, die wir haben.“

Und während sich unwillkürlich mein Darm in meine Bettwäsche entleert in einer Mischung aus Kot und Blut, und ich versuche, den nächsten qualvollen Hustenanfall noch möglichst lange zurückzuhalten und nicht zu tief zu atmen, weil jeder Atemzug mir Schmerzen bereitet, fährt er fort:

Je älter er selber werde, sagte Müntefering, „desto gelassener“ werde er beim Gedanken ans Sterben. Man müsse die „ballistische Kurve des Lebens“ akzeptieren. „Auch das heißt Demokratie: Alle sind gleich viel wert, aber keiner hat einen Anspruch darauf, immer Erster zu sein.“

Das wäre unangemessen, weil es hieße, sachlichen Argumenten einen emotionalen Appell entgegenzusetzen, einen Druck auf die Tränendrüse, und es wäre kein Beitrag zu einer sinnvollen … wobei, andererseits sachliche Argumente sind auch was anderes. Aber trotzdem. Ich mach sowas nicht, weil ich da grundsätzlich nicht drauf stehe.

Stattdessen bitte ich einfach nur jede und jeden von euch, sich mal ein paar Sekunden zu nehmen, und sich zu fragen, was wohl mit einem Menschen los sein muss, der im Ernst ganz entspannt und flapsig sagt, sterbende, todkranke, leidende Menschen möchten doch bitte einsehen, was für eine Tolle Sache das Leben in seinen Augen ist, mögen doch bitte ein bisschen gelassener sein, nehmen, was sie können, und akzeptieren, dass sie halt nicht immer die ersten sein können, und, tut ihm leid, dass ihr Wunsch, ihre Qual endlich beenden zu dürfen, doch schon arg rücksichtslos sei gegenüber allen und allem, und der aus dieser Haltung heraus diesen Menschen Egozentrik und Arroganz vorwirft. Und wenn ihr damit fertig seid, schreibt es bitte in die Kommentare. Weil ich irgendwie nicht dahinter komme und es gerne verstehen würde.

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3 Responses to Die Debatte wird seit Monaten sehr emotional geführt

  1. recotard sagt:

    Hat dies auf Recotard rebloggt und kommentierte:
    Besser könnte ich es nicht sagen, allenfalls gereizter und unter der Verwendung des hierzulande noch zu wenig bekannten Begriffs „Polyanna“.

  2. gaius sagt:

    Münteferings Gedanken sind genau solche, auf die man nur kommen kann, wenn man sich die konkrete Situation nicht vorstellt, in der man sich entscheiden müsste, sie anzuwenden.

    Meinungen, die nicht funktionieren, sind nichts wert.

    (Womit ich nicht gesagt habe, dass es einfach wäre herauszufinden, wie etwas im Ernstfall funktioniert – aber es ist manchmal sehr einfach herauszufinden, dass etwas beim besten Willen NICHT funktionieren kann – so wie du das hier schön rausgearbeitet hast.)

  3. […] Franz, geh beiseite. Ich erkläre meinen Austritt aus der Gemeinschaft und übergebe das Wort an Muriel mit Hochachtung vor seiner Klarheit ebenso wie vor seinem starkem […]

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