Fake-Silvesteradventskalender (26): Wie wir sie kennen

Zweiter Weihnachtsfeiertag. Äh. Hm. Ne?

In der Tiefgarage seht ihr Etienne am Boden liegen, vor zwei Männern, von denen einer ein ca. 20cm langes Kochmesser in der Hand hält. Er trägt eine speckige Lederjacke, eine abgetragene Jeans und ein schmutziges weißes Shirt unter der Jacke. Der andere trägt eine alte schmutzige Cordhose und einen fadenscheinigen Hoodie. Beide sind recht groß und kräftig, aber eher fett als drahtig, und wirken insgesamt nicht besonders gepflegt.

Ihr seht an Etienne keine blutende Wunde, und er macht auch nicht den Eindruck, ernsthaft verletzt zu sein. Die schwarzhaarige Frau steht den beiden unschlüssig mit halb offenem Mund gegenüber und betrachtet sie nachdenklich.

„Scheiße, da kommen noch mehr“, raunt der Unbewaffnete dem mit dem Messer zu, der dieses daraufhin drohend in eure Richtung hält und ruft: „Bleibt wo ihr seid!“

Dann wendet er sich wieder Etienne zu: „Los, gib endlich her!“

„Ich habe nichts!“ keucht Etienne. „Ich war hier eingesp-“

Der Unbewaffnete tritt ihm in die Rippen und beginnt, seine Kleider zu durchwühlen.

David läuft spontan auf den am Boden liegenden Etienne zu, bleibt aber aprupt stehen, als er das Messer sieht und schiebt sich reflexartig hinter die schwarzhaarige Frau, auch wenn sie deutlich kleiner ist als er.

Er dreht sich kurz hilfesuchend nach den anderen um, ist aber nicht geistesgegenwärtig genug, um ihnen eine Warnung zuzurufen.

Vera bleibt wie erstarrt am Eingang stehen. Weiterzulaufen zur Gruppe in der Tiefgarage wagt sie nicht, zurück in den Gang traut sie sich noch weniger. Unfähig, eine Entscheidung zu treffen, steht sie in der offenen Tür, die Hand noch immer an der Klinke,  und versperrt den Nachfolgenden den Weg.

Suresh blickt verdrossen über Veras Schulter hinweg auf die Szene in der Tiefgarage. „Wo kommen die denn her?“ murrt er zähneknirschend. Ein Gedanke schießt ihm durch den Kopf, der ihm neuen Mut gibt. Vielleicht können die uns sagen, wie wir hier rauskommen, denkt er und beäugt die beiden Lumpen abwägend.

Cléos Sympathien für Etienne halten sich zwar in Grenzen, aber das hat er nicht verdient. „Hey!“, ruft sie und überholt David und die Schwarzhaarige. „Lassen Sie den Mann in Ruhe!“

Die Donnerschläge aus dem Gebäude hinter euch haben vorläufig aufgehört, nachdem sie bis gerade eben noch näher kamen. Stattdessen hört ihr einige einzelne Schüsse, in unregelmäßigen Abständen.

Die schwarzhaarige Frau dreht ihren Kopf zu David, sieht ihn nachdenklich an. Ihr Atem ist etwas beschleunigt. Sie öffnet zweimal ihren Mund und schließt ihn wieder, bevor sie ihm schließlich zuzischt: „Gehen Sie weg von mir! Sie sind …“ Sie blinzelt, unsicher. „Was machen Sie hier?“ fragt sie in einem sonderbar ziellos aufgebrachten Tonfall.

Der Mann mit dem Messer hält es drohend in Richtung Cléo: „Was willst du, hm? Los, gebt uns euer Scheißgeld, oder was ihr sonst habt, dann könnt ihr eure Ruhe haben!“

Der andere dreht sich zu ihm um: „Ich find nix.“

„Fuck! Guck dir den doch an, der hat doch was dabei!“

„Ich sag doch“, stöhnt Etienne, „Ich war hier eingesp-“

„HALTS MAUL!“ brüllt ihn der Mann mit dem Messer an.

„Wir haben kein Scheißgeld!“, gibt Cléo zurück. „Wir haben die ganze verdammte Nacht hier gesessen, nachdem die Seuchenpolizei oder wer auch immer uns eingesammelt hat. Fragt doch die, wo unser Geld ist!“ Nach der Begegnung mit den gepanzerten und bewaffneten Soldaten findet sie die zwei fast harmlos, und jetzt, wo die Angst und Anspannung der letzten Stunden sich urplötzlich in Wut verwandeln, fühlt sie sich fast ein bisschen high. Die haben ja nur ein Messer, für zwei Leute. Cléo geht die letzten Schritte, die sie von der Gruppe trennen, bleibt dann vor Etienne stehen und hält Augenkontakt zu dem Messertypen. „Haut schon ab.“

David sieht die Frau verunsichert an und tritt einen Schritt nach hinten und weg von ihr. „Wirklich, ich bin hier genauso unfreiwillig wie Sie…“ Er lächelt fahrig und seine Aufmerksamkeit wendet sich, ein bisschen bewundernd, Cléos konfrontativem Auftritt zu, der ihm Mut macht und ihn dazu bringt, sich unbewußt aufzurichten und dem Typ ohne Messer ins Gesicht zu schauen.

Mit einem flauen Gefühl im Magen beobachtet Suresh die Szene noch einen Moment länger. Er bedauert, dass sie nichts gefunden hatten, womit man sich zur Not verteidigen könnte, aber andererseits sind die Männer nur zu zweit und besonders helle oder kräftig sehen sie eigentlich auch nicht aus. Die immer wieder erhallenden Schüsse und das seltsame Donnergeräusch machen ihm gerade noch viel mehr Angst. Er schiebt sich an Vera vorbei, sieht sich nach Frieder um, tritt neben Cléo und versucht, möglichst selbstbewusst zu klingen, als er sie anspricht: „Lasst den Mann in Ruhe! Hört ihr denn nicht die Schüsse? Wir haben sowieso kein Geld für euch, also lasst uns zusehen, dass wir hier wegkommen!“

Jetzt bloß nicht opfermäßig wirken. Vera drückt den Rücken durch und bemüht sich um festen Schritt und unbewegten Gesichtsausdruck, als sie Suresh in die Garage folgt.

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