It’s tempting to get vocal and defensive

31. Januar 2015

Heute und morgen läuft in (Auf? Bei?) der ARD, dem Flaggschiffsender unseres öffentlich-rechtlichen Rundfunksystems, von morgens bis abends die Sportschau, unterbrochen nur durch wenige Minuten einer Alibi-Nachrichtensendung. Ihr wisst schon, dass ist dieses ganz wichtige weil demokratiekritische System, für das wir alle, so ziemlich jede und jeder von uns, verpflichtet sind, monatlich zu bezahlen, ganz gleich, ob wir wollen oder nicht, ob wir es nutzen oder nicht, ob wir es uns leisten können oder nicht. So wichtig ist das. Wegen seines Bildungsauftrags und so. Falls ihr euch fragt, was es da gerade zu zeigen gibt, und ob ihr schon wieder eine Fußballweltmeisterschaft verpennt habt: Es ist Skeleton-Weltcup. Nein, das sind keine Paralympics für extrem kachektische Sportler und Sportlerinnen, sondern sowas.

Und weil mir das gerade aufgefallen ist, habe ich jetzt doch Lust, den gestrigen xkcd-Cartoon zu kommentieren, obwohl ich mich eigentlich schon dagegen entschieden hatte:

Für den Hovertext müsst ihr zu ihm rüber. Hinweis: Es lohnt sich nicht so richtig, aber tut auch nicht weh. Fans greifen zu, der Rest liest direkt hier weiter. Und da die Fans den Cartoon eh schon kennen, lesen wir jetzt alle gemeinsam hier weiter, schätze ich.

Und obwohl ich Randall Munroe bewundere und verehre wie einen Gott, finde ich, dass er hier daneben liegt. Zumindest teilweise. Dafür aber immerhin auf zwei Ebenen. Die erste ist schnell erledigt: Der Cartoon ist nicht lustig, nicht bizarr, nicht originell und auch sonst nicht unterhaltsam. Finde ich. Egal. Geschmackssache.

Zweitens, und viel wichtiger: Es mag sein, dass es, insbesondere unter Leuten, die xkcd mögen, tatsächlich eher eine Mehrheit von Leuten gibt, die auf Sportfans herabblicken und unangemessen unfreundlich und herablassend agieren, weil sie so bemüht sind, sich von ihnen abzugrenzen, und dass Randall dieses Problem zurecht kritisiert, aber ich selbst kenne es nicht, und ich finde vor allem, dass sein Vergleich zwei wichtige Aspekte vernachlässigt und damit irreführend wird, weil diese zwei Aspekte einen grundlegenden Unterschied ausmachen zwischen Sportfantum und Interesse an Klimasystemen und raumfahrenden Robotern:

  1. Sportfantum ist in unserer Gesellschaft so dominant, dass es permanent mit völliger Selbstverständlichkeit nicht nur unterstellt, sondern sogar erwartet wird. Medien, einschließlich der öffentlich-rechtlichen Medien, die ihrem Auftrag nach eben gerade dafür da sind, NICHT der Mehrheit und der Quote hinterherzulaufen, sondern einen Bildungsauftrag zu erfüllen, berichten über Sportereignisse in einer Lautstärke und einem Umfang, die und der meines Wissens buchstäblich jede andere denkbare Meldung nicht nur übertreffen, sondern völlig verschwinden lassen, vom Völkermord über Krieg zu bedeutenden wissenschaftlichen Durchbrüchen. Sportfans laufen gröhlend in Rudeln durch Städte, werfen mit Flaschen um sich und werden gelegentlich physisch gewalttätig gegenüber Leuten, die ihr Fantum nicht teilen. Ich will nicht behaupten, dass das alles für alle Sportfans gilt. Aber ich will darauf hinweisen, dass diese Phänomene im und für das Sportfantum existieren, und im und für das Interesse zum Beispiel an wissenschaftlich bedeutenden Ereignissen absolut gar nicht.
  2. Sportfantum ist schon von seiner seiner grundsätzlichen Ausrichtung her problematisch. Bestimmt existieren auch völlig sympathische und inordnunge Ausprägungen, aber die meiner Wahrnehmung nach dominante besteht darin, einer Mannschaft, der man sich, in der Regel aus lokalpatriotischen, nationalistischen oder sonstigen blödsinnigen Gründen unabhängig von ihrer tatsächlichen Leistung (worin auch immer die bestehen sollte) verbunden fühlt, den Sieg zu wünschen, und (nur leicht dramatisiert) jeder anderen die Pest an den Hals. Um nur mal ein Beispiel zu nennen. Und auch das ist meines Erachtens eine Besonderheit, die vielleicht nicht nur, aber schon besonders Sportfantum prägt. Womöglich gibt es sogar bedeutende Gruppierungen von kosmologieinteressierten Raumfahrtfans, die ausschließlich Missionen der USA anfeuern und jeder russischen Rakete lautstark wünschen, sie möge schon vor dem Start explodieren, aber ich kenne sie jedenfalls nicht, und traue mir deshalb die These zu, dass sie in der Szene eine eher untergeordnete Rolle spielen. Und fürs Protokoll: Mir ist natürlich klar, das ein Haufen Leute das zum Beispiel im Kalten Krieg durchaus so gesehen haben, unter anderem aus nationalistischen Gründen. Diese Position finde ich dann aber natürlich auch blöd, und von der würde ich mich dann auch auf sehr vokale und defensive Weise abgrenzen wollen, zum Beispiel, indem ich nicht einfach nur interessierte Geräusche mache und begeistert grinsend nicke und zuhöre, während ich mich der Snacks und der Freundschaft erfreue. Ich hätte auch ein unkontroverses Beispiel wie Krebsforschung nehmen können, aber ich kenne ja meine Leser und weiß, dass ihr das sofort als erbärmlichen Versuch durchschaut hättet, einer möglichen Kontroverse auszuweichen. Nix da. So läuft das hier nicht.

Das beides heißt natürlich keineswegs, dass ich es super finde, Sportfans zu beleidigen und zu verachten, weil sie sich für Sport interessieren. Im Gegenteil. Ich stelle es mir brennend interessant vor, mal mit einem Sportfan ganz offen über seine Leidenschaft und deren Hintergründe und Details reden zu können. Ich selbst habe ja durchaus auch zweifelhafte Neigungen und Interessen, bestimmt. Sportfans sind weder schlechtere Menschen, noch ist es jemals in sich falsch, sich für irgendwas zu interessieren oder zu begeistern. Insoweit ist Randalls Cartoon sicherlich guter Rat. Aber insoweit, als er eine Gleichwertigkeit der Philae-Landung mit dem Superbowl impliziert, liegt er daneben, und ebenso in seiner Implikation, dass Sportfantum typischerweise nur eine völlig unproblematische menschliche Leidenschaft ist, der wir komischen verknöcherten Besserwisser uns bloß öffnen müssen, und dann gibt es Freundschaft und Snacks.

Oder was meint ihr?

Advertisements

Oscar Buzz

27. Januar 2015

Nun ist es ja offenbar schon wieder bald so weit, dass die Academy Awards verliehen werden, und allenthalben wird spekuliert und besprochen, was ich teilweise sehr albern finde, weil doch offensichtlich ist, dass Boyhood mindestens überall dort gewinnen muss, wo es nominiert wurde. Es hat immerhin zwölf Jahre gedauert, das zu filmen.

Dennoch habe ich so eine Frage, die mich schon lange umtreibt, und von der ich gerne wüsste, ob sie wirklich so selten öffentlich diskutiert wird, wie es mir scheint, oder ob ich es lediglich nicht mitkriege:

Warum eigentlich sind die Awards für Schauspieler(innen) in eine männliche und eine weibliche Kategorie unterteilt? Ihr wisst das bestimmt, weil nach meiner Erfahrung so ziemlich jeder Mensch auf der Welt sich mehr für die Academy Awards interessiert als ich, vielleicht mit wenigen Ausnahmen wie Louis XIV oder so, aber es gibt ja die Kategorien „Actor in a leading role“ und „Actor in a supporting role“, sowie darunter (Ja, natürlich darunter.) die Kategorien „Actress in a leading role“ und „Actress in a supporting role“. Und ich verstehs nicht. Warum sind das verschiedene Sachen? Tun Schauspielerinnen irgendwas grundsätzlich anderes als Schauspieler?

Und falls jetzt jemand von euch darauf hinweist, dass es ja vielleicht darum geht, Schauspielerinnen dadurch in einer von Männern dominierten Branche die Chance zu geben, dann könnte ich das einerseits nicht völlig von der Hand weisen, würde aber schon gerne anmerken wollen, dass aus meiner sicherlich eher ahnungslosen Perspektive gerade im Bereich Schauspiel die Dominanz der Männer sicherlich noch viel geringer sein dürfte als etwa bei der Regie [Nominiert: Alejandro G. Iñárritu, Richard Linklater, Bennett Miller, Wes Anderson, Morten Tyldum] oder den Drehbüchern [Nominiert: Dan Gilroy, (Alejandro G. Iñárritu, Nicolás Giacobone, Alexander Dinelaris, Jr. & Armando Bo), Richard Linklater, (E. Max Frye and Dan Futterman), (Wes Anderson & Hugo Guinness)], und dass es trotzdem in diesen Kategorien keine Trennung zwischen Männern und Frauen gibt. Man hätte also so oder so was zu diskutieren.

Und dass diese Debatte nicht öffentlichkeitswirksamer stattfindet, wundert mich auch. Nicht, weil ich persönlich die Awards jetzt für ein irre wichtiges Thema halte, aber so ziemlich alle unsere Medien zum Beispiel scheinen das ja zu tun. Da wäre doch bestimmt auch irgendwo Platz für sowas, wenn man dafür vielleicht einen Artikel weniger drüber schreibt, was Reese Witherspoon wohl am entscheidenden Abend für ein Kleid tragen wird.

Oder was meint ihr?


Niemand kann ihnen diese Verantwortung abnehmen

25. Januar 2015

Die nordrhein-westfälische CDU-Landtagsabgeordnete Serap Güler hat einen Gastbeitrag für die FAZ geschrieben. Darin versucht sie, sich mit dem Zusammenhang zwischen Islam und Terrorismus auseinanderzusetzen und fordert:

Wir dürfen uns nicht länger hinter der Phrase verstecken, Gewalt und Terror hätten nichts mit dem Islam zu tun.

Dass sie das ein bisschen merkwürdig macht, könnt ihr daran erkennen, dass ich diesen Artikel geschrieben habe. Was genau schief gelaufen ist, erfahrt ihr, wenn ihr mir hinter die Trennlinie folgt.

Den Rest des Beitrags lesen »


Breaking: Ärmere Hälfte der Weltbevölkerung wäre weniger arm, wenn sie reicher wäre.

24. Januar 2015

Berlin. Eine vom Bundesentwicklungshilfeministerium auf Grundlage der jüngsten SZ-Enthüllungen zum Hunger in der Welt in Auftrag gegebene Eilstudie hat offenbar die These des von der SZ interviewten Professors für Philosophie und Internationale Angelegenheiten (Ja-woll!) Thomas Pogge bestätigt, dass der Wohlstand der ärmeren Hälfte der Weltbevölkerung sich um bis zu 60% steigern ließe, indem ihr Einkommen um 60% angehoben wird.

Die verblüffende Erkenntnis, so ein Sprecher des Ministeriums, könnte nicht nur die Entwicklungshilfepolitik der Bundesrepublik und anderer Staaten revolutionieren. Darüber hinaus sind bereits bahnbrechende Anwendungen auch in völlig anderen Bereichen im Gespräch. So soll das kalifornische Unternehmen Apple streng geheime Forschungsarbeiten in Auftrag gegeben haben, um zu prüfen, ob sich die Displaygröße eines iPads steigern ließe, wenn es mit einem größeren Display ausgestattet wird, während der Verlag der Süddeutschen Zeitung ein Gemeinschaftsprojekt mit der Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH in Angriff nehmen will, um herauszufinden, ob die Tendenz stetig sinkender Abonnementzahlen durch eine Steigerung der Abonnements um 60% gestoppt werden könnte.

Überschaubare Relevanz hat zu diesem Thema den Professor für Wirtschaftswissenschaften William Easterley um eine Stellungnahme gebeten, wartet aber derzeit noch auf eine Antwort. Offenbar fehlt Easterly aktuell die Zeit, die zahllosen eingehenden Anfragen zu bearbeiten. Subtilen Andeutungen seines Sprechers zufolge arbeitet Easterley allerdings bereits an einer eleganten und überraschend einfachen Lösung für dieses Problem.

 


Seien Sie anspruchsvoll!

22. Januar 2015

Wen interviewt man wohl, wenn man wissen will, wie der Hunger in der Welt abzuschaffen wäre?

Einen Philosophen natürlich.

Und was sagt der dann?

Der eigentliche Skandal ist ja, dass Hunger heute leicht vermeidbar wäre. Es gibt also durchaus eine realistische Lösung: Wir müssen die Weltwirtschaftsregeln so umstellen, dass die ärmere Hälfte der Weltbevölkerung etwa 60 Prozent mehr Einkommen hätte.

Ach so! Denkt ihr jetzt bestimmt. Potztausend. Dachte Karin Janker von der SZ auch.

Das klingt tatsächlich realistisch

Und deshalb, meine Damen und Herren, brauchen wir auch weiterhin professionellen Journalismus. Hoffentlich fängt bald mal jemand damit an. Dabei fällt mir ein: Ich wüsste durchaus eine realistische Lösung! Soll ich sagen?

Ah, okay. Kanntet ihr schon. Na gut. Klingt doch aber realistisch, oder?


Waffen gegen Ideen

19. Januar 2015

Neil Gaiman hat für Chris Riddell sowas geschrieben. Ich denke, ihr solltet ruhig mal kurz rübergehen und euch das anschauen, weil es nicht nur sehr gefällig geschrieben, sondern auch echt nett gesetzt und illustriert ist.

Habt ihr schon? Nein? Okay, ich warte.

Jetzt? Na gut. Wenn ihr halt partout nicht von hier weg wollt, was solls, ich kann das ja verstehen, dann fasse ich es euch knapp zusammen. Aber ich empfehle wirklich, es direkt von ihm zu lesen. Im Ernst jetzt. Ja schon gut.

Er schreibt, dass im Kampf zwischen Ideen und Schusswaffen immer die Ideen gewinnen, weil man Ideen nicht zerstören kann, und weil sie unsichtbar sind, und immer wieder kommen.

Und … wie gesagt, echt gefällig geschrieben, und ein feiner Gedanke, und ich hoffe, dass es stimmt, aber … ich glaubs nicht. Oder anders: Ich denke, das ist eine irreführende Gegenüberstellung.

Es sind niemals, auch jetzt nicht, Waffen gegen Ideen. Es sind immer Ideen gegen Ideen, denn Waffen kämpfen nicht von alleine, sie werden von Leuten geführt, die ihre eigenen Ideen haben.

Nun kann es wohl sein, dass die richtigen Ideen auf lange Sicht gewinnen, und die doofen irgendwann aussterben. Ich hoffe das sehr. Aber ich bin nicht sicher, ob die Geschichte der Menschheit dafür besonders zwingende Belege liefert, und, wie man so sagt, auf lange Sicht sind wir ohnehin alle tot.

Warum ich das schreibe? Weil ich glaube, dass wir alle verpflichtet sind, nach Kräften für die guten Ideen zu kämpfen, oder vielleicht hier weniger missverständlich, aber dafür etwas langweiliger, gerade deshalb aber auch sogar treffender: zu arbeiten. Denn das müssen wir. Wenn wir das nicht tun, dann können die falschen Ideen gewinnen, weil sind einfacher sind, emotional eingängiger, weil sie weniger Hintergrundwissen und epistemologische Infrastruktur erfordern. Sie haben auch nicht den Nachteil, durch Wahrhaftigkeit und Anstand begrenzt zu sein.

Und außerdem sind sie erfahrungsgemäß oft die mit den Waffen.


Was lange währt, wird endlich manchmal trotzdem nur eher so mittel

18. Januar 2015

Deutlich über einen Monat ist es her, dass JuliaL49 mir einen Award geschickt hat, wovon ich mich extrem geehrt fühle, auch wenn die lange reaktionslose Zeit seitdem einen anderen Eindruck vermitteln könnte. Danke, Julia! Ich darf vielleicht zu meiner Verteidigung sagen, dass ich es auch erst echt spät überhaupt gemerkt habe, weil ich mit meinem Lesestapel ähnlich hinterher bin wie mit dem der zu schreibenden Sachen. Aber nu. So gehts:

 

Award-Regeln

  1. Danke der Person, die dich für den Liebster Award nominiert hat und verlinke ihren Blog in deinem Artikel. – Check
  2. Beantworte die 11 Fragen, die dir der Blogger, der dich nominiert hat, stellt. – Check
  3. Nominiere 5 bis 11 weitere Blogger für den Liebster Award, die bisher weniger als 1.000 Follower haben. – Check
  4. Stelle eine neue Liste mit 11 Fragen für deine nominierten Blogger zusammen. – (Check)
  5. Schreibe diese Regeln in deinen Liebster Award-Blog-Artikel. – Check
  6. Informiere deine nominierten Blogger über den Blog-Artikel. – Sollte hiermit erledigt sein, finde ich. Meines Wissens lesen meine fünf hier mit. Und wenn nicht, haben sies nicht besser verdient, so.

Den Rest des Beitrags lesen »