Je suis Muriel

Ich schwöre, ich hab das Bild erst gesehen, nachdem ich den Titel schon geschrieben hatte.

Whoa. Diese Charlie-Hebdo-Geschichte ist für mich schon wieder so eine, bei der man nicht so richtig weiß, wen man zuerst und am heftigsten beschimpfen soll. Bei den Terroristen und den Antiislamisierungshonks ist das sicher noch am offensichtlichsten, aber auch die „Je suis Charlie“-Fraktion weckt in mir einen latenten Hass. Gut, der ist natürlich teilweise nicht gerechtfertigt und wächst aus meinem eigenen pathologischen Nonkonformismus, der mich immer ganz grantig gegen alles sein lässt, was ansonsten einhelliger Konsens ist, so richtig und vernünftig es auch sein mag. Aber nicht nur.

Es ist ja nicht schwer, das Elend zu illustrieren. Es gibt zahllose Beispiele. Ich habe jetzt gerade diese am bequemsten zur Hand:

http://www.sueddeutsche.de/kultur/sz-karikaturen-zu-charlie-hebdo-man-ist-nicht-mehr-frei-1.2298209#7

Ist das nicht schrecklich? Wirklich jede einzelne davon? Ich meine, das ist sicher Geschmackssache, aber ich würde mich doch sehr wundern, wenn irgendjemand diese Karikaturen aufrichtig lustig oder auch nur geistreich fände, spätestens nachdem sie den „Es ist ja für eine gute Sache“-Bonus rausgerechnet hat. Dass es besser geht, will ich auch nicht verschweigen, das hat die Titanic mit ihrem Liveticker in eigener Sache geschafft, und dann gleich anschließend wieder gar nicht.

Und ich glaube, das ist aus ungefähr dem gleichen Grund so, aus dem Scheibenwischer so grässlich unangenehm anzuschauen war.

Humor wird (zumindest für mich) sehr peinlich und schmerzhaft, wenn man ihm anmerkt, dass er sich selbst schrecklich ernst nimmt. Wenn ihm aus jeder Faser das Miasma des Bewusstseins der eigenen zivilisationserhaltenden Bedeutung steigt und Augen und Nase mit seinem süßlich-fauligen Aerosol verklebt. Deshalb ist in meinen Augen der Titanic-Newsticker die bisher einzige humoristische Reaktion auf die Anschläge in Frankreich, mit der ich mich wohlfühle. Und deswegen regen mich solche wie da oben in der Süddeutschen Zeitung auf.

Humor, der den Humor verliert, ist erbärmlich. Und wenn professionellen Humoristen als Reaktion auf terroristische Gewalt regelmäßig nichts Besseres einfällt, während sie gleichzeitig immer wieder betonen, wie wichtig es ist, nicht den Humor zu verlieren, und alle Kommentatoren ihnen völlig unkritisch und unreflektiert zustimmen, dann haben die Terroristen gewonnen ist das meines Erachtens schon eher ein schlechtes Zeichen für den Zustand unseres öffentlichen Diskurses.

Oder was meint ihr?

[Disclosure: Ich schreibe weder für SZ, noch für Charlie Hebdo, Titanic oder deren Mitbewerberinnen, bin aber grundsätzlich voller Neid und Missgunst für alle, die im Gegensatz zu mir einen Weg gefunden haben, ihren Lebensunterhalt durchs Schreiben zu verdienen.]

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8 Responses to Je suis Muriel

  1. […] Und Muriel nimmt mir das Wort aus dem Mund. […]

  2. golda meir sagt:

    ja! – gute satire ist allerdings, wer nun pötzlich alles charlie ist – und wie ebendiese sich bei kurt (westergaard) und noch feige in die büsche geschlagen hatten.

  3. Earonn sagt:

    Lass ruhig den Neid raus, das befreit. 🙂

    Nein, mal im Ernst.

    Zumindest für mich war „Je suis Charlie“ auch eine Solidaritätsbezeugung mit den Opfern des Anschlags als solche. Als Menschen, die von mörderischen Idioten unter einem blöden Vorwand wegen nichts und wieder nichts umgebracht wurden.
    Es war und ist für mich aber auch eine Art, den Mördern und allen, die ihre Ansichten teilen, alle viere auszustrecken (ich lebe ja in GB, wo man Mittel- und Zeigefinger zeigt). „Je suis Charlie“ heißt für mich „Leckt mich, ihr Idioten! Ich werde keine Angst haben und schon gar nicht anfangen, Muslime insgesamt zu verurteilen!“

    Natürlich, die Art wie der Anschlag sei es nun von Pegida, ‚Islam’hassern (ach kommt, wir wissen doch, was euch wirklich bewegt!) oder gar einigen Zeitungen missbraucht wird („Hach, watt sind wer wieder verfolgt und heldenhaft“) ist, gelinde gesagt, unappetitlich. Stefan Niggemeier hat das m.M. nach gut auf den Punkt gebracht.

    Soll / darf Satire sich ernst nehmen?
    Satire, ja, denke ich, die sollte man ernst nehmen – als ein Mittel zur Meinungsäußerung, wo alle anderen Mittel oft versagen.
    Aaaaber – soll der Satiriker sich ernst nehmen? Soll er seinen Akt des Schaffens ernst nehmen? – Nicht mehr und vor allem nicht weniger, als jeder andere es auch sollte.

    Man sollte aber auch bedenken, wie wenig wir bis jetzt gelernt haben, auf derartige Terrorakte zu antworten. Wie oft mussten Satiriker sich denn bislang gegen so etwas zur Wehr setzen? Ich sehe viele der Antworten als „erste Gehversuche“, und wenn die nicht perfekt sind, so be it. Mein erster selbstgestrickter Socken war ja auch nicht perfekt. Dass da jetzt im nachhinein auf jeden Fehler, jede ungeschickte Formulierung hingewiesen wird, halte ich für ungerecht. Nach dem Spiel sind alle besser als der Trainer….

    Wie gesagt, das Geschehene für sich selbst zu vereinnahmen, geht hingegen gar nicht.

    tl;dr
    Viel von der allgegenwärtigen Solidarität gitl m.E. den Opfern auf ‚Umweg‘ über die Satire. Und wir alle sind nicht geschult darin, auf Terror zu reagieren, also sollte man da auch mal über Fehler hinwegsehen. Abgesehen von den Leichenfledderern, die sind unterste Schublade.

  4. Muriel sagt:

    @Earonn: Verstehe ich richtig, dass du dafür argumentierst, Leute in einem Lernprozess nicht auf Fehler hinzuweisen? Oder worum gehts dir?
    Also.
    Ich finde ja vieles richtig, was du schreibst, aber bei der großen Stoßrichtung komme ich nicht ganz mit, glaube ich.

  5. onkelmaike sagt:

    Salut Muriel,

    ich hätte gerne noch ein bisschen mehr Schimpfe auf die „Je suis Charlie“-Fraktion gelesen, aber na gut, muss ich das halt selber machen.

    Tja, der Humor auf Kommando ist aber auch schwer. Die armen Heerscharen von Karikaturisten, die sich jetzt in der Schnelle was aus dem Fingern saugen mussten, hat nicht so gut geklappt, scheint mir. (Sehr unlustig leider auch: die „Anti-Pegida“-Karikaturen) Wenn Satire alles darf, darf sie wohl auch schlecht sein, aber das mal anmerken, ist auch okay. Ich finde meistens andere Leute nicht lustig, obwohl die sich lustig finden und umgekehrt. So gesehen, vielleicht haben die von uns für schlecht befundenen Witze mehr Leute belustigt als wir denken. Und Humoristen, die sich zu ernst nehmen, tja, auch nicht lustig – Aber auch nicht so schlimm.

  6. Warum überhaupt humorig reagieren auf allseitig humorfreie Ereignisse? Um uns nach und nach zu schulen, auf Terror zu reagieren? Ich bräuchte keine Soli-Satiren, schon gar nicht aus Deutschland, wo eher bejahrte, angepasste und uninteressante Karikiriker zu Wort kamen. Die beneide ich nicht um den – trotz des unschönen Naziwortes darf ich’s aussprechen – verlogenen Kram, den sie machen müssen, um davon zu leben. Die Einmütigkeit der Gefühlssolidariker gruselt mich v. a. in unserem Vaterland; in Frankreich sah das ein bisschen anders aus. Dort ist seit 1789 das Volk der Souverain, und Hollande nur Präsident. Der Souverain / die Souverine hat auch Hofnarren, das sind die aufmüpfigen Chansonniers und Karikaturinen etc., den Spaß daran, die frech sein zu lassen, wo er selbst staatstragend bleiben muss, lässt er sich nicht gern kaputtschießen. Sie hat souverän reagiert, die ‚Souverine‘, sich selbst schon am Donnerstag auf eine Demo eingeladen und nicht einmal Bodyguards mitgenommen, und seinen Stellvertretern dann die Polonaise gewährt, bzw, diese Oberhäupter zum Antanzen gezwungen, damit sie nicht rollen, der von Hollande war zuvor schon sehr wacklig. Diese Männeriege mit einer Königin und einer Kanzlerin war unfreiwillig komisch, dafür komischer als die meisten Karikaturen, der Cancan der untergehakten Regierungschefs, die versteinerte Kohl-Schlaganfall-Miene von Gabriel, die schluchzende Merkel-Pietà an Hollandes Brust, oder ist das nur mir aufgefallen?

  7. Earonn sagt:

    Die ‚Stoßrichtung‘ sollte sein: man kann den Leuten ruhig sagen, wo sie sich ungeschickt/ dumm/ unkorrekt ausgedrückt haben. Es sollte nur auf den Ton geachtet werden – und man sollte vorsichtig mit Vorwürfen sein.
    In deinem Text ist von peinlich, erbärmlich etc. die Rede. Nun ist dies dein Blog, Du gibst dir viel Mühe, deine eigenen Gefühle – humorvoll – zu reflektieren und Meinungsfreiheit haben wir ja sowieso. Schon allein deshalb ist an deinem Text nichts auszusetzen. Wenn überhaupt, dann ist es meine „konstruktive Kritik fürs nächste mal“: auch mal Zweifel an der bösen Absicht des anderen haben. 😉

    Das ist nämlich etwas, was ich derzeit allgemein vermisse. Die Frage: „Das klingt (x), meint der / meinst Du das jetzt wirklich so?“

    Hm, halte ich mich doch einfach an mein eigenes Rezept oder?

    Hallo Muriel,
    dein Text scheint für mich ein gewisses Maß an Verständnis für die Satiriker vermissen zu lassen, die sich ja vielleicht nur ungeschickt ausdrücken, weil sie es nicht gewohnt sind. Schließt Du diese Möglichkeit tatsächlich aus, oder habe ich dich missverstanden?

    Geht doch…

  8. Muriel sagt:

    @onkelmaike: Ja… Was man halt so schlimm findet.
    @petitlarousse: Ich bin ja generel eigentlich immer für Humor.
    @Earonn: Ich weiß, was du meinst, und ich sehe schon, dass die Tendenz dieses Blogs, etwas unfreundlicher zu werden, als man das in der persönlichen Interaktion sonst täte, nicht völlig unbedenklich ist.
    Andererseits finde ich es als Entschuldigung schon nicht so richtig überzeugend, dass Satiriker es nicht gewohnt sind, gelungene Satire zu erstellen.
    Wenn jemand seinen Job schlecht macht, sollte man das meines Erachtens sagen. Man muss natürlich die Form den Umständen anpassen, aber ich fand in Anbetracht der Umstände meine angemessen, weil ich erstens das Versagen als sehr massiv empfinde, und zweitens denke, dass Satiriker nicht die Art Mensch sein sollten, die in bedrohliche Selbstzweifel verfallen, wenn jemand sich über ihre Arbeit lustig macht.

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