10 Dinge, die ihr nicht über die Realität wusstet

Wir hatten das ja hier schon öfter: Es gibt so Leute, bei denen ich mich frage, ob es irgendeinen sinnvollen Bezug zwischen ihrer Welt und meiner gibt. Ob wir in Realitäten leben, die einander irgendwo berühren, oder ob sie vollständig voneinander getrennt sind und nur auf sonderbare Weise über Papierzeitungen und ihre Online-Ableger gelegentlich in kaum spürbare Wechselwirkung treten.

Alexandra Borchardt ist für mich wohl so ein Mensch und hat für die Süddeutsche Zeitung in Anlehnung an Andrew Keens neues Buch „The Internet is not the Answer except if the question is where did you order those shoes“ einen Artikel mit dem Titel „Weniger Freiheit, Mehr Geheimnis“ geschrieben, von dem ich euch einerseits berichten will, weil er mich erschaudern lässt vor Ehrfurcht, zu dem ich andererseits aber wenig zu sagen weiß, weil eigentlich jedes zusätzliche Wort schon den Zauber dieses Einblicks in Frau Borchardts Paralleldimension schmälert.

Worum es geht? Das fasst Frau Borchardt uns ziemlich zu Anfang sehr konzise zusammen. Sie geht der Frage nach:

Wie schaffen es offene Gesellschaften, mithilfe des Netzes die Demokratie zu stärken?

Fragen wir uns ja alle jeden Tag. Ihr seid deshalb bestimmt nicht weniger gespannt als ich auf die Antworten, und ich glaube, ich verrate nicht zu viel, wenn ich sage: Ihr werdet nicht enttäuscht.

Die erste These lässt sich dabei sogar noch einigermaßen okay umdeuten, wenn man ihr Gutes will:

1. Das Netz schwächt Institutionen, die Demokratie braucht starke Institutionen.

So ist das nämlich. Manche von euch haben vielleicht gedacht, dass es was Feines ist, dass im Internet alle ihre Meinung sagen können und alle für sich entscheiden können, wem sie zuhören. Na gut, nein, ich will ja fair bleiben. Sie will sogar, dass Institutionen wie Unternehmen, Behörden, Ärzte und Politiker sich öffnen, und das kann man ja durchaus so verstehen, dass sie sich nur dran anpassen sollen, dass die wenigen Gatekeeper von früher nicht mehr so einflussreich sind, wie sie mal waren.

Aber gleich danach wirds schon ui:

Im Netz gibt es viele Richter, Urteile sind schnell gefällt

Man stelle sich nur vor, das würde um sich greifen, dann müsste man demnächst auch in der Realität befürchten, von anderen vorschnell be- und verurteilt zu werden, ohne sich vernünftig wehren zu können. Zum Glück bisher nur ein Internetphänomen,denn:

Grundlage der Demokratie ist Gewaltenteilung. Die gibt es im Netz nicht.

Ihr wusstet das womöglich nicht. Ihr hingt womöglich dem Irrglauben an, dass das Netz Teil der Welt ist und ihren Regeln unterliegt, und vielleicht habt ihr euch sogar mal eingebildet, dass die Staatsgewalt irgendwie im Internet eingreift, vielleicht sogar bei euch selbst, aber weit gefehlt. Rechtsfreier Raum, ne? Noch nie gehört?

These Nummer drei schlägt in genau die gleiche Kerbe. Besorgt konstatiert Frau Borchardt, dass – ich wage es kaum zu wiederholen – im Internet manchmal Regeln gebrochen werden und fordert mit der gebotenen Entschlossenheit, das künftig genauso konsequent zu unterbinden, wie es in der Fleischwelt bisher passiert. Gut so!

Vierte These: Ähh… Versteh ich nicht. Und zwar nicht nur, weil mir dieser Demokratiefetisch suspekt ist, den Frau Borchardt zelebriert, sondern auch sonst:

Ein großes Versprechen des Netzes war die Grenzenlosigkeit. Aber mittlerweile nutzen Autokraten und Diktatoren die digitalen Möglichkeiten genauso für ihre Zwecke wie jene, die Demokratie verbreiten wollen.

Skandal. Man könnte fast meinen, dass in einem Raum mehr oder weniger offener und freier Kommunikation sogar Leute mitkommunizieren können, die Dinge zu sagen haben, die ihr nicht gefallen. Was kommt als nächstes?

Demokratie muss von Völkern oder Gemeinwesen erkämpft, gepflegt und verteidigt werden, sie kommt nicht über Google oder Facebook.

Da muss man jetzt den Hut ziehen, finde ich. Das ist schon mutig. Damit widerspricht sie schließlich all diesen einflusssreichen Menschen, die behaupten, für Demokratie müsse man gar nichts weiter tun als Eric Schmidt in Ruhe machen zu lassen. Und man sieht ja auch überall in der Welt, wieviel besser das mit dem Kämpfen und Verteidigen der Demokratie funktioniert als mit Google oder … Hm. Na gut, vielleicht kann ich meinen Hut doch noch eine Weile aufbehalten. Ist ja auch besser, bei dem Wetter.

These 5 ist schon geradezu niedlich:

Die starken Akteure im Netz sind Konzerne. Die starken Akteure in der Demokratie sind politisch gewählt.

Jaha. Und keineswegs ist es nur so, dass im Netz anders als in unserer Demokratie Leute mit Geld irgendwie Einfluss haben (Allein die Vorstellung!), es geht sogar noch weiter: Anders als unsere gewählten Repräsentanten sind diese Menschen „nicht wertegetrieben„. Das kann dann ja nicht gutgehen, ist klar, oder?

Ein ähnlicher Schock erwartet uns in These 6 und 7, die uns lehren, dass im Netz – ihr könnt jederzeit aufhören zu lesen, wenn euch vor Entsetzen das Herz stehenzubleiben droht – häufig die am meisten auffallen, die am lautesten sind, und dass dort viele Menschen gar nicht bereit sind, wirklich was für ihre Überzeugungen zu tun, sondern glauben, mit einer kurzen sinnlosen Geste wäre schon alles getan. Dass solche Tendenzen auf die reale Demokratie übergreifen, müsst ihr natürlich nicht befürchten. Aber ist doch schon schlimm genug, dass das in diesem gesetz- und wertelosen Netz offenbar so läuft!

These 8 kennt ihr ulkigerweise schon, und zwar von Matthias Müller von der FAZ. Im Netz gibt es keine zuverlässigen Informationsquellen, und deshalb herrscht das pure Gesinnungschaos. Bloß gut, dass uns hier im echten Leben Qualitätsmedien wie SZ und FAZ vor solchen Zuständen bewahren.

These 9 ähnelt der fünften so, dass böse Zungen sogar behaupten könnten, man hätte gar keine 10 gebraucht, aber andererseits ist sie so abenteuerlich begründet, dass ich sie euch trotzdem nicht vorenthalten will: Im Netz gibt es nur die reichen, genialen, leistungsfähigen Gewinner und die arme, hilflose, unterprivilegierte Unterschicht.

Ein Grund ist das Do-it-yourself im Netz: Bürger übernehmen Arbeiten, für die man früher Fachleute brauchte.

Hatten wir doch auch schon mal irgendwo? Ich kanns jedenfalls aus eigener Erfahrung bestätigen: Seit ich blogge, kommt mir kein Klempner mehr an meine Rohre, und die nächste Krone setze ich mir auch selbst auf den Eckzahn. Im Netz. Oder so.

Und falls ihr euch jetzt fragt, warum ich es nötig fand, irgendwas zu diesem gequirlten Unfug zu schreiben und mich nicht darauf beschränken konnte, ihn mit einer kurzen Warnung zu verlinken für alle, die sowas brauchen, so muss ich zugeben, dass ich auch selbst keine Ahnung habe. Und bei der 10. These hab ich zumindest auch echt keine Lust mehr, noch was zu sagen:

Das Netz fördert Transparenz. Demokratie braucht Diplomatie, das Geheimnis.

Und an dieser Stelle beginne ich dann doch zu verstehen, was Boris Rosenkranz meint, wenn er kritisiert, dass seriöse Medien die wirren Botschaften und Manifeste von Terroristen verbreiten und damit anständige Leute verunsichern. Denn wenn ich mal ehrlich drüber nachdenke, fällt mir an dieser Stelle auch keiner mehr ein.  Kein Grund weit und breit.

Und euch?

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5 Responses to 10 Dinge, die ihr nicht über die Realität wusstet

  1. MH sagt:

    Wow. Ein wirklich mehr als bemerkenswertes Funstück!

    Dass ausgerechnet Du nichts sagst zu „Regulierung ist Demokratie“ wundert mich aber denn doch. Naja, sieht man mal wieder, wie schlimm es um das Internet steht.

    Meine Lieblingsstelle bleibt aber – der leider unausgesprochene – Satz: „Demokratie darf kein Donut sein!!1“. Schon weil sich daraus dann wohl ableitet: „In der Mittelschicht finden sich aber die verlässlichsten Demokraten“.

    Naja, ich denke, so lange wir uns bei all dem halb- und gar nicht durchdachten Schrott im Netz über Schrott besonders wundern, wenn darüber der Name einer bekannten Tageszeitung steht, muss Frau Borchardt sich keine Sorgen machen.

  2. Muriel sagt:

    @MH: Du wirst lachen, aber ich würde dem Satz sogar weitgehend zustimmen.

  3. Nachdem ich den Artikel der Dame gelesen habe, bleibe ich völlig sprachlos zurück. Dieses Elaborat ist ein wunderschönes Beispiel für den Dunning-Kruger-Effekt.

  4. Der Dunning-Kruger-Effekt besteht lt. pipiwehdir aus dem Kernsatz „Wenn jemand inkompetent ist, dann kann er nicht wissen, dass er inkompetent ist.“ Das führt uns unmittelbar zum Bohlen-Theorem: Oberhalb welcher Kompetenzschwelle sieht der Proband ein, dass es ihm an Kompetenz gebricht? Der Artikel ist aber ein Ladenhüter, den ZEIT und manch andere seit Jahrzehnten feilbieten, so reden doch alle über’s Internet und die moderne Welt im Allgemeinen, seit immer. Ich kann darin keine Provokation mehr sehen. Er ist verständlich für diejenigen, die selber nichts verstehen. Ich gebe zu, dass ich auch nichts bis gar nichts vom Internet verstehe, aber eins weiß ich: Das „Geheimnis“ wird nicht sterben. Es gibt Zeitvertreib außerhalb des www und ein Diesseits diesseits der ZEIT, und in diesem Diesseits ein Wissen, das durch ZEIT-Lektüre nicht nur nicht erworben wird, sondern, falls es zuvor in Ansätzen vorhanden war, verlorengeht.

  5. dj Ambush sagt:

    Nicht jeder muss alles wissen, ….
    ….aber man sollte es wissen dürfen!

    Der Artikel liest sich wie die Geschichte des kleinen „Kim Joung ill“,
    dem die Internetzügel aus den Händen gerissen wurden und nun
    ungebremst in den See der Informationsfreiheit rauscht.

    *petitlarousse: „Ich gebe zu, dass ich auch nichts bis gar
    nichts vom Internet verstehe, ….“

    Man muss das Internet und wie alles funktioniert auch gar nicht verstehen. Wenn man „goooogeln“ kann hat man die Prüfung
    doch schon in der Tasche. Ich kenne hunderte Autofahrer die
    nicht wissen wie ein Auto oder gar der Otto-Motor funktioniert
    und doch verstopfen sie die Straßen. Mit dem WWW verhält es
    sich ähnlich. Oder weiß jemand wozu ein „Teredo-Tunneling-
    Adapter“ benötigt wird? (hxxp://de.wikipedia.org/wiki/Teredo)

    Ich weiß mehr über solche „Neulandgeheimnisse“, seit sich
    mein Rechner (und die restliche PC-Familie) mit einem
    Root-Kit infiziert hatte. Böse Sache, diese nur ein paar Byte
    große Datei. Es wurde der UTF-8 Code verwendet, der mit
    8 Bytes (8 Buchstaben im normalen, hier lesbaren, ASCII-
    Code) etwa vier Billionen Zeichen darstelen kann. Jeder
    der nicht gerade mit Windows 98 surft, benutzt ihn unbewusst.

    Aber ich komme vom Thema ab. Durch die Rootkit-infizierung ohnmächtig und wie vom Mob getrieben wurde mir klar dass
    mir mein DSL-Konzern die Sharing-Economy demokratisieren würde.

    Im Netz gilt das Recht der Vielen. „Legion heiße ich; denn wir
    sind unser viele“, dachte ich mir und kam mit einem neuen
    Freund namens Linux weit im Netz herum. Damit das Netz
    die Demokratie stärkt, braucht es Regeln, und Regeln
    schränken Freiheit ein. Aber Demokratie heißt immer eingeschränkte Freiheit.

    Aber nur bis man auf die Seiten von ==>wifislax.com trifft.
    Zuerst kommt einem alles fremd vor und man versteht nur Spanisch. Dann findet man den Knopf um Amerikanisch
    lesen zu können. So komme zu These 4: Grenzen überwinden.

    „Die Renten sind sicher!“ sagte mal ein großer deutscher
    Politiker. Die WPA2-Verschlüsselung für W-Lan auch.
    128bit – das entsperrt erst mal keiner so fix. Muss auch
    keiner, wenn er den kompletten Schlüssel einfach so
    nehmen kann, fast wie der Haustürschlüssel unter der
    Fußmatte. Wer es nicht glaubt: Wifislax 4.10.1-iso
    runterladen, auf DVD-brennen, in einem Laptop von
    DVD booten und los geht’s.

    Interessant auch mal mit einem Browser zu surfen, der
    „in Spanien“ genutzt wird. Ich habe es mit einem anderen
    PC am gleichen Anschluss geprüft. Identische Anfragen in
    die Suchmaschine getippt aber andere Ergebnisse erhalten.
    Das liegt wohl am „Kim Young Ill“-Algorythmus.

    Seit ich den Unterschied kenne, glaube ich erstma‘ nix von
    dem was „die da Oben“ so verbreiten. Nicht bis ich es
    verifizieren konnte.

    Wer hat da gerade was von Donuts gesagt? Einen nehm‘ ich, ok?

    dj Ambush

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