Aufs Maul?

Das Staatsoberhaupt des Vatikans kann offenbar ein paar Dinge nicht auseinanderhalten, und Rainer Hermann pflichtet ihm in der FAZ freudig bei. Das soll mir reichen, um selbst auch kurz und kompakt Stellung zu beziehen.

Viele Menschen ziehen über Religion her, das kann passieren, hat aber Grenzen

sagt der oberste Brückenbauer, was ja vieles heißen könnte, er erklärt aber auch gleich, was er damit meint:

Jede Religion habe eine Würde, über die man sich nicht lustig machen könne.

Naja. Doch. Und damit wäre dieser Teil auch komplett beantwortet. Wer mehr will, wird bei Recotard fündig, den ich euch übrigens auch generell und immer ans Herz legen würde, denn wer sein Blog nicht abonniert hat, dem entgeht was. Aber Franziskus (Ich würd ihn ja mit vollem Namen schreiben, aber ich habe den Eindruck, dass er das nicht will, und kenne den außerdem gar nicht.) hat damit immer noch nicht aufgehört:

Zur Veranschaulichung zog der Papst daraufhin Parallelen zu seiner Mutter.

Nein! Nein, nicht so! Anders! Anders!

„Wenn Dr. Gasbarri, mein lieber Freund, meine Mutter beleidigt, erwartet ihn ein Faustschlag.“

Und das ist halt … machen wirs kurz: inakzeptabel. Denn, und da kann man jetzt nachträglich deuteln und rechtfertigen, wie man mag, so lässt das nur eine sinnvolle Deutung zu: Franziskus wollte damit sagen, dass er es okay findet, auf bestimmte Äußerungen, die einem nicht gefallen, mit einem physischen Angriff zu reagieren, eine andere Person zu verletzen. Er hat damit nicht zwingend gesagt, dass er zum Beispiel die jüngsten Attentate in Frankreich okay findet, aber zumindest, dass er nicht grundsätzlich ein Problem mit gewaltsamen Reaktionen auf Meinungsäußerungen hat, auch wenn sie im Einzelfall übertrieben sein mögen.

Und … Ich weiß gerade nicht. Müssen wir darüber im Ernst noch diskutieren? Ist wirklich nicht mal das Konsens unter Leuten, die in mehr oder weniger Rechtsstaaten leben und Zugang zu Informationen, Bildung und all den Möglichkeiten der modernen Zivilisation haben, dass es nicht okay ist, jemanden physisch zu verletzen, weil mir nicht gefällt, was er sagt?

Hm. Ja gut. Anscheinend ist es das tatsächlich nicht.

Aber auf der anderen Seite ist es mir echt zu blöd, es hier zu erklären. Weil es in meinen Augen eine Beleidigung gegenüber meinen Leserinnen wäre, euch zu unterstellen, ihr würdet nicht begreifen, dass es zwar emotional manchmal verständlich sein mag, wenn jemand auf eine Meinungsäußerung überreagiert, dass es aber in einer kooperativen Gesellschaft unser aller Ziel zu sein hat, das zu vermeiden, und einzusehen, dass Leute anders denken als wir, und dass wir unser Zusammenleben nicht verbessern, indem wir die verprügeln, die was sagen, das uns nicht passt. Solltet ihr das anders sehen und Gründe für die Annahme haben, dass das, was dieser Welt wirklich fehlt, ein paar ordentliche Maulschellen sind, lasst es mich bitte wissen, dafür sind die Kommentare da.

Worüber wir in den Kommentaren auch gerne mal reden können, wäre die doch vielleicht unangemessen klare Hierarchie zwischen physischen und psychischen Verletzungen, die ich hier mindestens implizit aufbaue, und von der ich zugeben muss, dass sie ein bisschen zweifelhaft ist, was aber andererseits nichts am Kern meiner Aussage ändert. Trotzdem sollte ich das wohl gelegentlich noch mal thematisieren, aber vielleicht lieber nicht hier, weil der Post ja kurz und kompakt bleiben sollte. Wisst ihr bestimmt noch. Das stand irgendwo da oben. Also, ich kanns jetzt von hier aus auch nicht mehr sehen, aber ich erinnere mich, das da hingeschrieben zu haben, als ich anfing.

So viel zum Papst. Bleibt noch Rainer Hermann, für dem im Prinzip alles gilt, was ich gerade in Bezug auf Franziskus‘ Äußerungen geschrieben habe, der sich aber durch einen besonderen Satz einen separaten Kommentar verdient hat:

Die Gläubigen, gleich welcher Religion, sind freilich ungleich leichter angreifbar und ein Objekt der Satire als Atheisten, denen nichts mehr heilig ist und die Verletzungen bestenfalls dann empfinden, wenn die Massentierhaltung gegen ihre Ideale verstößt.

Wozu ich nach kurzem Stottern und aufgebrachtem Blubbern zu sagen hätte: Rainer, deine Mudda verstößt gegen meine Ideale! Äh, nee, halt. Also, das sollte ich vielleicht auch noch mal erwähnen: Natürlich denke ich nicht, dass Beleidigungen grundsätzlich eine gute Idee sind. Beleidigungen spricht man ja doch in der Regel nicht im Interesse eines sachlichen rationalen Diskurses aus, sondern um die eigene Wut über irgendwas auf irregeleitete, weil nicht konstruktive Art zu äußern, und vielleicht noch, um andere Personen zu irrationalen Reaktionen zu verleiten. Beides ist nicht besonders wünschenswert. Ich kann mir bestimmte Situationen schon auch vorstellen, dass eine Beleidigung angemessen sein mag, zum Beispiel, um einer anderen Person unmissverständlich deutlich zu machen, dass sie mit einer bestimmten Handlung wirklich den Bereich dessen verlassen hat, was ich im Rahmen zivilisierter Interaktion noch irgendwie im weitesten Sinne akzeptabel finden kann. Aber grundsätzlich fahren wir mit anderen Maßnahmen meistens besser, denke ich.

So, wo war ich? Ach ja. Noch mal ohne Beleidigungen: Herr Hermann. Sie denken, Atheisten wäre nichts heilig, was Blödsinn ist, auch wenn es in vielen Deutungsvarianten dieser mehrfach missverständlichen Behauptung wünschenswert wäre, aber das will ich hier nicht weiter vertiefen. Sie illustrieren das allerdings mit einem Beispiel, das meines Erachtens selbstentblößender kaum sein könnte, was ich deshalb sehr wohl kurz ein bisschen vertiefen will: Sie stellen hier Gläubige, die verletzt reagieren, wenn jemand schlecht über bestimmte Bücher oder fiktive Personen spricht, Atheisten gegenüber, die „Verletzungen bestenfalls dann empfinden, wenn die Massentierhaltung gegen ihre Ideale verstößt„. „Bestenfalls“. Sie nehmen also recht klar eine Wertung vor, die die Gefühle der Gläubigen irgendwie höher und edler einordnet als die der schnöden Atheisten. Und illustrieren das damit, dass diese es nicht so schlimm finden, wenn jemand sich über Einhörner und Trolle lustig macht, und „bestenfalls“ (Verzeihen Sie, dass ich so drauf rumreite, Herr Hermann, aber ich krieg nicht in meinen Schädel, dass ein Mensch sowas im Ernst schreiben kann, und was im Kopf dieser Person vorgehen muss.) dann verletzt sind, wenn jemand denkende, empfindende Lebewesen unnötig misshandelt und quält. Und Sie wollen damit aufzeigen, wie kaltschnäuzig die Atheisten und wie hehr und schützenswert die Gefühle der Gläubigen sind?

Ach, wissen Sie … Äh …

Vielleicht ist an dem, was der Papst gesagt hat, ja doch was dran.

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3 Responses to Aufs Maul?

  1. onkelmaike sagt:

    Hallo Muriel,

    die Hierarchisierung zwischen verbaler und physischer Verletzung finde ich tatsächlich nicht überzeugend. Wenn der Papst sagt, er will einem anderen, weil der seine Mudda beleidigt hat, ein aufs Maul geben, finde ich das super lustig – das ist halt ziemlich prollig und unpäpstlich.Vom Ratzi wär sowas nicht gekommen.

    Die Zitate von Rainer Hermann könnten mich mich als Atheistin allerdings auch sehr kränken und erzürnen, wenn sie nicht jenseits der absoluten Dummheitsgrenze wären.

  2. […] dem Blog Überschaubare Relevanz wird das inakzeptabel genannt. Selbstverständlich, Franziskus machte mit dem Beispiel die […]

  3. Ambush sagt:

    (dieser Beitrag wird mich in der Hölle schmoren lassen.
    Als Atheist kann ich mir das aber leisten)

    a)
    Aber was ist wenn es gar keinen Gott gibt? Das ganze Leben auf den einen Moment vorbereitet an dem sich die Lebenslichter für immer verdunkeln, und dann:
    ……Es bleibt dunkel!
    Obwohl, im selben Moment wird der Support für die grauen Zellen eingestellt, man merkt nicht das man gerade gestorben ist und muss sich auch nicht ärgern das alles für die Katz oder andere (aus Bombenschutzgründen nicht erwähnte) [{hierText}] war.

    b)
    Was ist wenn KEINE der bekannten Religionen nicht mal in die Nähe, oder gar Richtung, dessen gebetet hat was tatsächlich Sache ist?
    Was ist wenn die Begegnungen 3ter Art, welche gern verleugnet, und als „UFO“ abgetan werden unsere wirklichen Götter sind?
    Die grünlichen Lichtgestalten welche nur den reinfrommen Menschen erscheinen.
    Und ihr habt sie als Marsmännchen und UFOs verspottet.
    Eure Seelen werden bis in alle Ewigkeit im Sonnenfeuer Buße
    tun müssen…..

    Dann lieber a)

    (oder doch Tor C?)

    Grüße, dj Ambush

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