Niemand kann ihnen diese Verantwortung abnehmen

Die nordrhein-westfälische CDU-Landtagsabgeordnete Serap Güler hat einen Gastbeitrag für die FAZ geschrieben. Darin versucht sie, sich mit dem Zusammenhang zwischen Islam und Terrorismus auseinanderzusetzen und fordert:

Wir dürfen uns nicht länger hinter der Phrase verstecken, Gewalt und Terror hätten nichts mit dem Islam zu tun.

Dass sie das ein bisschen merkwürdig macht, könnt ihr daran erkennen, dass ich diesen Artikel geschrieben habe. Was genau schief gelaufen ist, erfahrt ihr, wenn ihr mir hinter die Trennlinie folgt.

Frau Güler beginnt mit dem Eingeständnis, dass sie zwar Muslimin ist, aber eigentlich nicht so richtig weiß, was das heißt.

Gläubig zu sein macht mich nicht zur Expertin. Auch mag der Koran die Basis meiner Religion sein, aber weder richte ich mein Leben nach ihm aus, noch kenne ich ihn auswendig.

Und das finde ich schon … faszinierend. Gerade weil es nach meiner Wahrnehmung sehr weit verbreitet und völlig normal ist. Weil… also, wie geht denn das? Ich glaube, dass da dieses allwissende und allmächtige Wesen existiert, dass uns und diese Welt und das ganze Universum nicht nur geschaffen hat, sondern auch bis ins letzte Detail geplant und kontrolliert, und so. Und ich glaube, dass dieses Wesen so wunderbar ist, dass ich mich verpflichtet fühle, es im Wortsinne anzubeten, und dass es ein Schriftstück erstellt (oder in Auftrag gegeben) hat, das den maßgeblichen Versuch seiner Kommunikation mit mir und uns allen darstellt. Und dann denke ich aber: „Pffff, naja, gut, hin und wieder guck ich da vielleicht rein, aber so richtig weiß ich natürlich nicht, was da drin steht und was das heißt, und besonders wichtig find ichs eigentlich auch nicht.“

Wie geht denn das? Wie passt denn das zusammen?

Ich bin vieles, und bei alldem denke ich nicht permanent an meinen Glauben. Er gibt mir oft Halt, ist aber nicht die Grundlage all meiner Entscheidungen.

Ja, klar. Ich denke auch nicht permanent an die Schwerkraft, auch wenn sie mir oft Halt gibt, aber … aber … Habt ihr auch den Eindruck, dass Frau Güler mit „Muslimin“ und „glauben“ was anderes meint als ich? Dass sie nicht im eigentlichen Sinne diese Dinge glaubt, die ich oben gerade geschrieben habe, sondern sie nur wie ein beruhigendes Gedicht, das man gerne mag und sich hin und wieder aufsagt, wenn man Trost braucht, im Hinterkopf hat? Dann würde ihr Text einen gewissen Sinn ergeben, und dann müsste ich natürlich auch eingestehen, dass ihr Glaube, um bei dem Begriff zu bleiben, den sie benutzt, in meinen Augen kein Problem sein muss und wohl wirklich nichts mit dem zu tun hat, der etwa die Terroristen von Paris zu ihren Taten getrieben hat. Dann könnte man allenfalls noch drüber diskutieren, wie sinnvoll es ist, für diesen Nichtglauben die gleichen Begriffe zu benutzen wie die, die ihn ernst nehmen, aber sonst wäre aus meiner Sicht alles in …

Das mag einige verstören, einige werden das als Widerspruch empfinden. Sollen sie! Der Richter meiner Religion ist Gott allein

Äääähhh… Okay. Hm. Na gut, sie hat geschrieben „meiner Religion“. Das kann man ja als Einschränkung verstehen. Aber trotzdem. Ist nicht genau das das Problem? Ist nicht genau diese Idee der Haken, an dem alle unmenschlichen Ideologien der Geschichte ihre Gräuel aufhängen? Diese Idee, dass meine Handlungen, meine Überzeugungen, meine Moral nichts mit anderen Menschen zu tun haben und es da diese eine Person, diese eine Idee, diesen einen Herrscher über alles gibt, der den Rest der Welt trumpft und neben der oder dem nichts noch eine Bedeutung hat?

Mit etwas bösem Willen könnte man mir das als rhetorisches Taschenspiel auslegen, aber ich meine es durchaus aufrichtig: Genau da liegt in meinen Augen der Hase im Pfeffer. Wenn ich glaube, dass es da dieses eine Dings gibt, das wichtiger ist als mein Leben und als die Leben anderer Menschen und für das ich alles andere zu opfern habe, dann kann ich Dinge tun wie Flugzeuge in Häuser zu fliegen oder meine Sprengstoffweste in einer Menschenmenge zünden oder andere Leute dafür töten, dass sie einen blöden Cartoon gezeichnet haben. Wenn ich das nicht glaube, sondern stattdessen erkenne, dass ich und ihr und wir alle es sind, für die und mit denen wir hier sind und die der Maßstab unserer Moral sein müssen, sollte ich normalerweise irgendwo im vorgelagerten Entscheidungsprozess über die Erkenntnis stolpern, dass das so nicht geht.

Ja, Frau Güler schreibt auch selbst, dass der Zusammenhang zwischen Islam und Terrorismus sich nicht ohne Weiteres von der Hand weisen lässt, aber ich habe den Verdacht, dass sie es nicht auf diese Weise illustrieren wollte.

Auch als Muslimin verurteile ich ihre Taten auf das schärfste, und mich interessiert dabei nicht im Geringsten, was alles in ihrem Leben schiefgelaufen ist.

Diesen Satz hätte ich vielleicht auch unkommentiert lassen können, weil er streng genommen nicht viel mit dem Kernthema meines Beitrags zu tun hat, aber ich würde fürs Protokoll schon gerne festhalten: Das ist auch so ein Problem, Frau Güler. Wenn Sie einerseits ergründen wollen, wo der Unterschied zwischen Musliminnen wie Ihnen und den Terrorist(inn)en liegt, ist es wahrscheinlich keine besonders hilfreiche Einstellung, sich nicht dafür zu interessieren, was in deren Leben schiefgelaufen ist. Mich zum Beispiel interessiert das sehr, und ich denke, solange unsere Gesellschaft von Leuten dominiert wird, die stolz darauf sind, wie egal es ihnen ist, haben wir keine Chance, das Problem jemals in den Griff zu kriegen. Ich sag ja nur.

Ich glaube nicht daran, dass es Gott oder dem Propheten gefällt, wenn unschuldige Menschen getötet werden. Ist dies doch auch nach islamischem Verständnis eine äußerst schwere Sünde. Ich glaube an die Lehre des Propheten, Gebrauch von meinem Verstand zu machen.

Ja gut. Und die Terroristen glauben, wenn ich das richtig verstehe, dass diese Menschen nicht unschuldig sind, und dass es Gott und dem Propheten sehr wohl gefällt, wenn sie getötet werden. Deshalb glauben die, dass es keine Sünde ist. Und deswegen töten sie. Weil sie nämlich glauben, dass der Richter Gott allein ist. Sie wollen dem etwas entgegen setzen, Frau Güler? Ich hätte auf mehr gehofft als die nackte, unbegründete Behauptung, dass Sie was anderes glauben, nebst mehrmaligem Verweis darauf, dass Sie eigentlich keine Ahnung haben, was eigentlich im Koran steht, und ihn auch sowieso nicht besonders ernst nehmen. Was ist denn jetzt der bessere Ansatz, den Sie sich vorstellen?

Der Islam braucht einen Imagewechsel.

Hm. Ich hatte Sie am Anfang so verstanden, dass Sie ein bisschen hehrere Ziele haben.

Die betroffenen Muslime müssen sich gemeinsam der Verantwortung stellen und die Deutungshoheit über ihre Religion wiedererlangen.

Deutungshoheit. Ihre Religion. Sehen Sie, das ist halt auch so ein Problem mit Religionen. Da ist der Islam auch keine Besonderheit. Ich kenne Katholik(inn)en, die auch ein bisschen so sind. Die Homosexualität total okay finden, und Empfängnisverhütung natürlich auch. Die nicht glauben, dass alle Menschen auf der Welt ewige Qual verdient haben, einfach nur, weil sie geboren wurden, und die auch nicht so richtig der Meinung sind, dass dieser reiche alte Mann da direkt mit ihrem Gott redet. Die sich wünschen, Menschen wie sie könnten die Deutungshoheit über ihre Religion erlangen. Die eigentlich in fast jeder Hinsicht sehr vernünftige, angenehme Menschen sind. Aber dennoch bezeichnen sie sich als Katholiken. Dennoch validieren sie mit ihrer Zugehörigkeit zu diesem Verein auch die Überzeugung von Leuten wie dem Papst oder den Machern von kreuz.net.

Warum? Ich glaube, weil es ihnen so geht wie Ihnen: Sie mögen ihre Religion irgendwie. Sie erkennen, dass sie eigentlich nicht akzeptabel ist, wollen sie aber andererseits auch nicht aufgeben, und weil sie es eben so gewohnt und vielleicht bisschen nostalgisch sind, wollen sie sich nicht mal einen neuen Begriff überlegen für das, was sie glauben, und deswegen bleiben sie bei dem alten Begriff, den auch die anderen Leute benutzen, auch wenn die eigentlich was völlig anderes glauben als sie selbst; etwas so anderes, dass es eigentlich wenig Sinn ergibt, beides als eine einzige Religion zu bezeichnen, wessen auch immer, Deutungshoheit hin oder her. Und deswegen eiern sie komisch rum, wenn sie drüber reden, und sagen Sachen wie:

Gläubig zu sein macht mich nicht zur Expertin. Auch mag der Koran die Basis meiner Religion sein, aber weder richte ich mein Leben nach ihm aus, noch kenne ich ihn auswendig.

oder

Ich bin vieles, und bei alldem denke ich nicht permanent an meinen Glauben. Er gibt mir oft Halt, ist aber nicht die Grundlage all meiner Entscheidungen.

Und das ist ein Problem. Weil ihnen das die Möglichkeit nimmt, klar Stellung zu beziehen. Weil ihre Position damit unscharf und unaufrichtig wird, und insbesondere für die, die ohnehin schon in diese Richtung neigen, neben der Konsequenz, der Entschlossenheit und den einfachen klaren Worten derer, die zum Heiligen Krieg aufrufen, niemals überzeugen kann. Sie vertreten richtige Ideen, aber sie können nicht erklären, warum, und verschlechtern damit ihre Chance, andere zu überzeugen.

Ja, wir alle müssen uns der Verantwortung stellen. Und deshalb ist es umso bedauerlicher, wenn Menschen wie Sie, die die Chance hätten, etwas Bedeutendes und Interessantes zu sagen und gehört zu werden, es nicht tun. Wenn Sie die Deutungshoheit über irgendwas erlangen wollen, brauchen Sie dafür zuallererst mal eine Deutung. Ich würde Ihnen viel Erfolg bei der Suche wünschen, aber ich fürchte, dafür wäre es noch viel zu früh.

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9 Responses to Niemand kann ihnen diese Verantwortung abnehmen

  1. recotard sagt:

    Word!

  2. Koljazao sagt:

    Super Text. Besonders ist der Satz hier haften geblieben:

    „Wenn Sie die Deutungshoheit über irgendwas erlangen wollen, brauchen Sie dafür zuallererst mal eine Deutung.“

    Deutungshoheit wird ja auch sehr gerne _zurück_erlangt; da frage ich mich immer, welcher Zustand denn in der Vergangenheit einmal geherrscht haben mag, in dem die Deutungshoheit bei den Guten™ lag.

  3. SalvaVenia sagt:

    Besser, die Dame hätte geschwiegen. So hat sie allen Beteiligten einen Bärendienst erwiesen.

  4. […] rechtschaffen und sympathisch sind wie die meisten Ungläubigen. Nur ihre kognitive Dissonanz erschreckt. Und das Durcheinander in ihren […]

  5. Ich fand den Beitrag von Serap Güler überraschend logisch. Ihre Kritik an Güler ist ein bisschen arg klischeehaft und geht letztendlich nicht über das Kritikstadium hinaus. Güler formuliert positiv bzw. „erschaffend“ oder wie immer man das auch nennen mag.

    Sie hingegen formulieren überwiegend negativ und sagen selbst nicht, was Sie konkret anders machen würden. Jedenfalls nicht in diesem Artikel.

  6. Muriel sagt:

    @American Viewer: Ob meine Kritik an Frau Güler klischeehaft ist oder nicht, finde ich eigentlich viel weniger interessant als die Frage, ob sie zutrifft. Was ich konkret anders machen würde, sage ich in dem Artikel übrigens auch, aber ich formuliere es auch gerne noch mal explizit: Anerkennen, dass meine Religion (wie das Konzept Religion an sich) nicht akzeptabel ist und sie ablegen, oder mindestens eingestehen, dass es keinen Sinn hat, von einer Religion namens Islam auszugehen, die man richtig oder falsch verstehen kann und über die es lediglich gilt, die Deutungshoheit zurückzugewinnen.
    Oder noch mal anders: Eine rationale Basis für das anbieten, was sie für richtig hält, und gegen das, was sie für falsch hält.

  7. untaled sagt:

    Ich bin schwer beeindruckt – aus meiner Sicht absolut fundiert und nicht polemisch, toll herausgearbeitet wo der Hase im Pfeffer liegt und das ganze sprachlich so nett formuliert, dass ich mir durchaus vorstellen kann, dass es den einen oder anderen vielleicht zum nachdenken anregt.

  8. Muriel sagt:

    @untaled: Danke!

  9. […] Missverständnis nicht ganz unschuldig sind, weil sie öffentlich in aller Regel sehr konsequent genau diesen Eindruck zu erwecken versuchen und als gut und richtig implizieren. Aber das ist keine Entschuldigung für Herrn Greiner, weil es, ernsthaft, offensichtlich ist, dass […]

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