It’s tempting to get vocal and defensive

Heute und morgen läuft in (Auf? Bei?) der ARD, dem Flaggschiffsender unseres öffentlich-rechtlichen Rundfunksystems, von morgens bis abends die Sportschau, unterbrochen nur durch wenige Minuten einer Alibi-Nachrichtensendung. Ihr wisst schon, dass ist dieses ganz wichtige weil demokratiekritische System, für das wir alle, so ziemlich jede und jeder von uns, verpflichtet sind, monatlich zu bezahlen, ganz gleich, ob wir wollen oder nicht, ob wir es nutzen oder nicht, ob wir es uns leisten können oder nicht. So wichtig ist das. Wegen seines Bildungsauftrags und so. Falls ihr euch fragt, was es da gerade zu zeigen gibt, und ob ihr schon wieder eine Fußballweltmeisterschaft verpennt habt: Es ist Skeleton-Weltcup. Nein, das sind keine Paralympics für extrem kachektische Sportler und Sportlerinnen, sondern sowas.

Und weil mir das gerade aufgefallen ist, habe ich jetzt doch Lust, den gestrigen xkcd-Cartoon zu kommentieren, obwohl ich mich eigentlich schon dagegen entschieden hatte:

Für den Hovertext müsst ihr zu ihm rüber. Hinweis: Es lohnt sich nicht so richtig, aber tut auch nicht weh. Fans greifen zu, der Rest liest direkt hier weiter. Und da die Fans den Cartoon eh schon kennen, lesen wir jetzt alle gemeinsam hier weiter, schätze ich.

Und obwohl ich Randall Munroe bewundere und verehre wie einen Gott, finde ich, dass er hier daneben liegt. Zumindest teilweise. Dafür aber immerhin auf zwei Ebenen. Die erste ist schnell erledigt: Der Cartoon ist nicht lustig, nicht bizarr, nicht originell und auch sonst nicht unterhaltsam. Finde ich. Egal. Geschmackssache.

Zweitens, und viel wichtiger: Es mag sein, dass es, insbesondere unter Leuten, die xkcd mögen, tatsächlich eher eine Mehrheit von Leuten gibt, die auf Sportfans herabblicken und unangemessen unfreundlich und herablassend agieren, weil sie so bemüht sind, sich von ihnen abzugrenzen, und dass Randall dieses Problem zurecht kritisiert, aber ich selbst kenne es nicht, und ich finde vor allem, dass sein Vergleich zwei wichtige Aspekte vernachlässigt und damit irreführend wird, weil diese zwei Aspekte einen grundlegenden Unterschied ausmachen zwischen Sportfantum und Interesse an Klimasystemen und raumfahrenden Robotern:

  1. Sportfantum ist in unserer Gesellschaft so dominant, dass es permanent mit völliger Selbstverständlichkeit nicht nur unterstellt, sondern sogar erwartet wird. Medien, einschließlich der öffentlich-rechtlichen Medien, die ihrem Auftrag nach eben gerade dafür da sind, NICHT der Mehrheit und der Quote hinterherzulaufen, sondern einen Bildungsauftrag zu erfüllen, berichten über Sportereignisse in einer Lautstärke und einem Umfang, die und der meines Wissens buchstäblich jede andere denkbare Meldung nicht nur übertreffen, sondern völlig verschwinden lassen, vom Völkermord über Krieg zu bedeutenden wissenschaftlichen Durchbrüchen. Sportfans laufen gröhlend in Rudeln durch Städte, werfen mit Flaschen um sich und werden gelegentlich physisch gewalttätig gegenüber Leuten, die ihr Fantum nicht teilen. Ich will nicht behaupten, dass das alles für alle Sportfans gilt. Aber ich will darauf hinweisen, dass diese Phänomene im und für das Sportfantum existieren, und im und für das Interesse zum Beispiel an wissenschaftlich bedeutenden Ereignissen absolut gar nicht.
  2. Sportfantum ist schon von seiner seiner grundsätzlichen Ausrichtung her problematisch. Bestimmt existieren auch völlig sympathische und inordnunge Ausprägungen, aber die meiner Wahrnehmung nach dominante besteht darin, einer Mannschaft, der man sich, in der Regel aus lokalpatriotischen, nationalistischen oder sonstigen blödsinnigen Gründen unabhängig von ihrer tatsächlichen Leistung (worin auch immer die bestehen sollte) verbunden fühlt, den Sieg zu wünschen, und (nur leicht dramatisiert) jeder anderen die Pest an den Hals. Um nur mal ein Beispiel zu nennen. Und auch das ist meines Erachtens eine Besonderheit, die vielleicht nicht nur, aber schon besonders Sportfantum prägt. Womöglich gibt es sogar bedeutende Gruppierungen von kosmologieinteressierten Raumfahrtfans, die ausschließlich Missionen der USA anfeuern und jeder russischen Rakete lautstark wünschen, sie möge schon vor dem Start explodieren, aber ich kenne sie jedenfalls nicht, und traue mir deshalb die These zu, dass sie in der Szene eine eher untergeordnete Rolle spielen. Und fürs Protokoll: Mir ist natürlich klar, das ein Haufen Leute das zum Beispiel im Kalten Krieg durchaus so gesehen haben, unter anderem aus nationalistischen Gründen. Diese Position finde ich dann aber natürlich auch blöd, und von der würde ich mich dann auch auf sehr vokale und defensive Weise abgrenzen wollen, zum Beispiel, indem ich nicht einfach nur interessierte Geräusche mache und begeistert grinsend nicke und zuhöre, während ich mich der Snacks und der Freundschaft erfreue. Ich hätte auch ein unkontroverses Beispiel wie Krebsforschung nehmen können, aber ich kenne ja meine Leser und weiß, dass ihr das sofort als erbärmlichen Versuch durchschaut hättet, einer möglichen Kontroverse auszuweichen. Nix da. So läuft das hier nicht.

Das beides heißt natürlich keineswegs, dass ich es super finde, Sportfans zu beleidigen und zu verachten, weil sie sich für Sport interessieren. Im Gegenteil. Ich stelle es mir brennend interessant vor, mal mit einem Sportfan ganz offen über seine Leidenschaft und deren Hintergründe und Details reden zu können. Ich selbst habe ja durchaus auch zweifelhafte Neigungen und Interessen, bestimmt. Sportfans sind weder schlechtere Menschen, noch ist es jemals in sich falsch, sich für irgendwas zu interessieren oder zu begeistern. Insoweit ist Randalls Cartoon sicherlich guter Rat. Aber insoweit, als er eine Gleichwertigkeit der Philae-Landung mit dem Superbowl impliziert, liegt er daneben, und ebenso in seiner Implikation, dass Sportfantum typischerweise nur eine völlig unproblematische menschliche Leidenschaft ist, der wir komischen verknöcherten Besserwisser uns bloß öffnen müssen, und dann gibt es Freundschaft und Snacks.

Oder was meint ihr?

Advertisements

3 Responses to It’s tempting to get vocal and defensive

  1. recotard sagt:

    Jede Leidenschaft ist problematisch, und Fernsehen ist so etwas von 20. Jahrhundert: Ein Medium für die Pre-Internet-Generation, die morgens noch nachkuckte, wie’s dem Testbild ging. Und Du unterschlägst (mit Absicht?), dass parallel zu den Sportsendungen im ARD auch das ZDF aktiv ist: Alleine heute lief parallel der „Landarzt“ (2 Episoden!), eine Rosamunde Pilcher-Verfilmung und die „Küchenschlacht“. Und sollte Dir auch der Rodel-Weltcup morgen egal sein, dann gibt es Peter Hahne, den Fernsehgarten und Bette Midler: Alles interessanter als ein Blechhaufen, der mit viel Geld auf einen Steinklumpen gebracht wurde, wenn wir Peter Hahne mal ausnehmen. Ja, hätten die Russen parallel eine eigene Sonde gestartet! Dann hätten wir was anzufeuern und die Sache sähe anders aus,

  2. robinhosa sagt:

    Kleine Korrektur: Der Gute Mann heißt Randall, nicht Russel Munroe

  3. Muriel sagt:

    @recotard: Danke für deinen wie immer … erhellenden Kommentar.
    @robinhose: Oh ja, danke für den Hinweis! So sind wir Atheisten, wissen nicht mal, wie unsere Götter heißen.

Gib's mir!

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: