Der alte Konflikt zwischen Islam und Christentum darf nicht verniedlicht werden.

Ulrich Greiner hat einen Artikel für DIE ZEIT geschrieben, und der ist eigentlich nichts Besonderes, sondern ganz typischer islamophober Christliches-Abendland-Unfug, aber gerade weil er so typisch ist, scheint es mir lohnend, ihn mal kurz durchzugehen, und außerdem hat er mich so geärgert, dass ich alleine schon zu Beruhigungszwecken gerne ein bisschen schimpfen würde.

Seid ihr dabei?

Nachdem die Islamkritik lange Zeit mit dem Vorwurf der „Islamophobie“ belegt wurde, scheint sie neuerdings in Maßen erlaubt.

Gleich der erste Satz. Also, wenn man den Teaser und die Unterschrift zum Alhambra-Foto über dem Artikel nicht mitzählt. Man kann Herrn Greiner nicht vorwerfen dass er zu subtil wäre. Man könnte dazu viel schreiben, aber man kann es auch knapp zusammenfassen: Mit der Islamkritik ist es ähnlich wie mit der Israelkritik, oder der Klimaskepsis. Wenn man die Begriffe isoliert betrachtet, sind sie okay. Kritik und Skepsis sind nichts Schlimmes, und in vielen Fällen ja berechtigt. Aber wenn so ein Begriff halt lange genug von Armleuchtern belegt wird, kriegen die Leute, die es aufrichtig und gut meinen, das meistens irgendwann mit und hören auf, ihn zu benutzen, und von da an ist er eben nicht mehr das, was er ohne Kenntnis seiner Geschichte sein könnte, sondern ein Warnsignal dafür, dass da gleich eine Ladung ekligen Mists auf uns zukommt. Es gibt eine Menge zu kritisieren am Islam, und ich habe das hier in genau diesem meinem Blog auch schon oft genug getan, aber … Naja, Herr Greiner zeigt uns gleich, was ich jetzt mit vielen viel weniger prägnanten Worten zu erklären versuchen könnte. Er schreibt, dass „der Islam“

nicht zwischen öffentlichem Recht und privatem Glauben unterscheidet

und deshalb „sicherlich nicht“ zu Deutschland gehört. Und das ist eben auch dann islamophober Mist, wenn man gleichzeitig Muslimen die Zugehörigkeit zu Deutschland zugesteht. Und zwar, weil Herr Greiner damit unterstellt, es gäbe eine Religion, den einen Islam, dem alle, die sich Muslime nennen, angehören, und der bestimmte Eigenschaften hat, die sich objektiv universell herausfinden lassen. Hier muss ich jetzt zugestehen, dass Muslime an diesem Missverständnis nicht ganz unschuldig sind, weil sie öffentlich in aller Regel sehr konsequent genau diesen Eindruck zu erwecken versuchen und als gut und richtig implizieren. Aber das ist keine Entschuldigung für Herrn Greiner, weil es, ernsthaft, offensichtlich ist, dass die Leute, die sich selbst in die Luft sprengen, um möglichst viele Ungläubige zu töten, NICHT dasselbe glauben wie die Dame mit dem Kopftuch, die mir freundlich und ein bisschen selbstironisch erklärt, wie unpraktisch das mit dem Ramadan ist und dass sie sich natürlich auch nicht immer dran hält, weil sie halt manchmal der Hunger packt. Es gibt nicht den einen Islam, und nicht alle Muslime sind gleich. Diese Erkenntnis ist vielleicht nicht der, aber doch ein wesentlicher Aspekt des Unterschieds zwischen berechtigter Kritik an muslimischer Religion (oder meinetwegen sogar Religionen) und ekliger Islamkritik, wie wir sie zum Beispiel auf gewissen Internetseiten finden, die wir hier aber nicht verlinken wollen.

Anschließend dröselt Herr Greiner über ein paar Absätze ein paar dumme Sprüche unserer Kanzlerin wie

„Jeder sollte sich selbst fragen, was er zur Stärkung der eigenen Identität, zu der bei der Mehrheit immer auch noch die christliche Religion gehört, tun kann.“

auf, was uns aus Effizienzgründen nur insofern interessieren soll, als es schon wieder in einem islamophoben argumentativen Taschenspielertrick mündet, nämlich der These, „unsere Freiheiten“ (Man beachte das „Wir“, das in jedem Text dieser Kategorie irgendwie etabliert werden muss.) missfielen

einem Islam, der die Freiheit des Individuums einem archaisch-autoritären Regelwerk unterordnet.

Wenn er wie hier von „einem Islam“ schreibt, könnte man denken, er würde sicher irgendwo einen anderen Islam zumindest andeuten, aber da würde man sich irren. Er schreibt weiter konsequent nur von dem Islam, der so ist, und nicht anders. Er macht nun in dem Konflikt zwischen diesem Islam und der abendländischen, christlich geprägten Kultur (Hach…) zwei Positionen aus: Eine kulturrelativistische, und eine kulturkonservative.

Nun kann auch der Kulturrelativist die hässlichen Seiten des Islams nicht leugnen, und deshalb beeilt er sich, sobald er auf sie zu sprechen kommt, die hässlichen des Christentums hervorzuheben […]

also zum Beispiel Kreuzzüge und Inquisition. Was Herr Greiner davon hält, könnt ihr euch denken:

Kaum eines dieser Fantasmen hält strenger Überprüfung stand.

Diese strenge Überprüfung enthält er uns leider ebenso vor wie ihr ausführliches Ergebnis, wir müssen ihm das also leider einfach so glauben. Dafür sieht er sogar in dieser fantastischen kulturrelativistischen Position noch die wunderbare abendländische Kultur am Werk:

Sie bestätigen allerdings die größte Tugend abendländischer Kultur: ihre Fähigkeit zur Selbstkritik

Wie weit es mit Islamisierung und mithin dem Verlust eben dieser Tugend gekommen ist, gibt zu denken, wie Herr Greiner uns sogleich demonstriert: Er bezieht sich auf einen Soziologen, der in der FAZ habe sagen dürfen, dass Christentum wie Islam ein ähnlich atavistisches Denken repräsentieren und beide Aufforderungen zum Glaubenskrieg beinhalten, und erwidert darauf völlig unselbstkritisch:

Die von Alber angeführten Aufrufe zur Vernichtung des Feindes stammen aus dem Alten Testament und sind vom Christentum niemals als religiöse Botschaft verstanden worden. Niemals gab es unter Christen die Vorstellung, die Ermordung von Andersgläubigen sei göttlicher Auftrag.

Niemals. NIEMALS! Ist das klar? Wehe, einer von euch nennt jetzt eins der zahlreichen Gegenbeispiele! NIEMALS hat er gesagt. Diese Vorstellung GAB ES NICHT. Niemals. Echt jetzt. Und wo es sie doch gab,

gibt es keinen Zweifel daran, dass sie der christlichen Lehre zutiefst widersprechen.

Was Alber schreibt, ist also doppelt Quatsch. Erstens gab es das alles gar nicht, was er behauptet, und zweitens ist Herr Greiner sich sicher, dass es dann auch der christlichen Lehre widersprach und „immer wieder eine harsche innerchristliche Kritik erfahren“ hat. Zum Beispiel gab es da mal so einen Bischof, der den Völkermord an „den Indios“ (Ich zitiere das mal so ganz wertfrei und überlasse euch, wie ihr die Formulierung findet.) Mitte des 16. Jahrhunderts gar nicht so gut fand. Jaha. Checkmate, Kulturrelativisten!

Aber dennoch gibt es in unserer Gesellschaft Leute, die die Zuwanderung von Muslimen für eine gute Sache halten, und für eine Bereicherung unserer Kultur. Oder?

Dass dies ein Irrtum war, dringt allmählich sogar in die Köpfe der Ideologen.

Sieht man ja an Herrn Greiner, dessen Köpfe Kopf offenbar sogar schon gänzlich von dieser Idee durchdrungen ist. Und für die, die am Anfang noch Zweifel hatten, dass dieser Text genau so eklig wird, wie ich in Aussicht gestellt habe:

Das Schreckensbild einer „Islamisierung“ mag zwar für Dresden absurd erscheinen, doch jede Tagesschau zeigt, dass es sie gibt.

Und so erklärt uns Herr Greiner nun die andere Seite, den Kulturkonservatismus, dessen Position, die eigentlich gleichzeitig sein eigenes Fazit ist, er wie folgt zusammenfasst:

Entweder wir berufen uns auf unser Herkommen, unsere Tradition (die, ob man will oder nicht, abendländisch ist, also christlich geprägt), oder wir folgen einem Kulturrelativismus, dessen einziges Credo jenes gesinnungslose Anpassungsdenken ist, das uns der global agierende Kapitalismus nahelegt.

Für alle, die diesen Satz nur so überflogen haben: Lest ihn bitte noch mal in Ruhe, lasst ihn ein bisschen wirken, denkt drüber nach, und versucht mal, alle Ungereimtheiten, Bosheiten, Ekelhaftigkeiten und sonstigen unerfreulichen, unaufrichtigen Kniffe drin zu finden. Es ist ein bisschen wie Ostern, oder? Nur mit faulen Eiern.

Advertisements

8 Responses to Der alte Konflikt zwischen Islam und Christentum darf nicht verniedlicht werden.

  1. SalvaVenia sagt:

    Hat dies auf SalvaVenia rebloggt und kommentierte:
    Eine Replik gegen den Stand der Dinge von Soziologie, Journalismus, Literaturkritik und deutscher Lügenpresse.

    Gefällig. Unterhaltsam. Gut. 🙂

  2. Sehr schöner Kommentar, vielen Dank dafür! Es ist doch immer wieder erstaunlich, wie sich Islam-Hasser (Kritiker sind es ja leider nicht wirklich im Sinne des Wortes) und Muslimische Extremisten aka Wahabbiten sich in ihrer Argumentation ähneln. Dabei ist es doch so offensichtlich, welche Mechanismen Hassprediger auf beiden Seiten nutzen. Es kommt also auf die gemäßigte und denkende Mitte beider „Gruppen“ an, um den Frieden zu sichern. Inschallah – so Gott will.

  3. Mentalreservation sagt:

    Die Zeit kehrt seit zwei bis drei Jahren spürbar zurück zu ihren Wurzeln als christliches (wenngleich nicht mehr zwingend protestantisches) Kampfblatt. Das fällt vor allem in der Serie „Glauben und Zweifeln“ in der gedruckten Zeit auf. Gestartet ist die Reihe mit dem Versprechen, „die ganze Bandbreite des Glaubens und des Zweifelns“ zu zeigen. Stattdessen gibt es jede Woche eine ganze Seite darüber, wie toll das Christentum ist.

    Mal gibt es eine Reportage über einen tapferen christlichen Missionar aus Deutschland, der den armen Negerkindlein Hoffnung und Bibeln bringt. Im Duktus ganz wie in der guten alten Zeit, als am deutschen Wesen noch die Welt genesen durfte. Oder wie einem Christen in Ruanda seine Religion die nötige Kraft gibt, um die Aussöhnung zwischen Tätern und Opfern des Völkermords in Ruanda voranzubringen.

    Dann erfährt man, wie viel Gutes die Kirchen in Deutschland wirken, was für kluge Dinge christliche Theologen und Ethiker sagen, oder was für tolle Aktionen christliche Laieninitiativen durchführen.

    Die einzige andere Religion, die manchmal neben dem Christentum auftaucht, ist der Islam. Dann nämlich, wenn unschuldige Christen von bösen Muslimen massakriert werden, wie in Nigeria. Wenn unschuldige Christen böse Muslime massakrieren, wie in der zentralafrikanischen Republik, ist das für die Zeit nicht so spannend.

    Die Botschaft ist immer gleich: Echte Moral gibts nur im Christentum. Wenn Nichtchristen sich anständig benehmen, dann nur deshalb, weil ihre ethischen Überzeugungen christlich-abendländische Wurzeln haben. Wenn Christen sich nicht anständig benehmen, dann deshalb, weil sie keine echten Christen sind.

  4. Günther sagt:

    @ Mentalreservation:

    Schön zu hören, dass es bei der Rubrik „Glauben und Zweifeln“ eine/n Leidensgenossen/in gibt. Ich habe mich da auch ein paar mal ziemlich drüber aufgeregt und nie irgendwas zum Thema „Zweifeln“ gefunden. Dass es aber nie wirklich neutral sein oder das „ganze Spektrum“ abbilden sollte, liest man eigentlich schon im Titel… „Glauben und Zweifeln“ ist ja etwas entschieden anderes als „Glauben und nicht Glauben“, oder so.

  5. Günther sagt:

    Übrigens danke für den schönen Artikel @ Muriel.

  6. Marcus sagt:

    Hajo, die -kritiker und die -skeptiker. Zum Glück lasse ich mich immer durch den Sprachmissbrauch der das-muss-man-ja-wohl-noch-sagen-dürfen-Fraktion von der abartigen Ideologie, die sich dahinter zu verstecken sucht, ablenken, sonst müsste ich mich als mal richtig aufregen 🙂

  7. saturnkatze sagt:

    Besonders amüsiert mich die Tatsache, dass der gute Mann diejenigen, die es wagen, nicht seiner Meinung zu sein, erst als „Ideologen“ anschwärzt und danach deren „Gesinnungslosigkeit“ beklagt – kognitive Dissonanz vom Allerfeinsten.

    Zudem interessant, dass er auch noch meint, darauf hinweisen zu müssen, dass die fiesen Seiten des Christentums angeblich alle aus dem AT kommen (die Juden waren’s!) und später den „global agierenden Kapitalismus“ anprangert. Vielleicht höre ich ja Flöhe husten – aber weht mich da ein Hauch von „jüdischer Weltverschwörung“ an?

  8. […] völlig inakzeptabel, aber muslimische Kopftücher sollen okay sein, und sich dann noch über die Warner vor der Islamisierung lustig machen, das haben wir […]

Gib's mir!

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: