Schicksalsbewältigung im Sonderangebot

Der Umgang von Leuten mit großer Trauer ist ja eine heikle Sache. Wenn wir Menschen verlieren, die uns nahe stehen, dann erschüttert, verändert das unser Leben, und stellt vieles infrage, was zuverlässig schien. Dieser Beitrag soll sich nicht über die Trauernden lustig machen. Er soll sie nicht angreifen, und er soll ihnen auch nicht vorgeben, wie sie mit ihrem Schmerz umzugehen haben.

Er soll aber sehr wohl kritisieren, verspotten und angreifen, was Matthias Drobinski für die SZ drüber geschrieben hat, und in geringerem Maß auch noch ein paar andere Sachen. Das ist leider schwer zu trennen, deswegen befürchte ich, dass es mir nicht gelingen wird, nicht auch zwischendurch mal was zu schreiben, was für betroffene Personen verletzend sein könnte. Ich versichere aber, dass ich es versucht habe, und für nützliche Hinweise dazu auch dankbar bin.

Jetzt aber los:

Ein Gottesdienst mit Kerzen, Gebet und Gesang macht die Welt nach der Germanwings-Katastrophe nicht wieder heil. Er klärt auch nicht, ob ein Flugzeugabsturz hätte verhindert werden können. Aber er gibt der Trauer eine rituelle Form – und gerade darin liegt sein Wert.

So der Teasertext und die Kernthese von Herrn Drobinski. Und wenn ihr wenig Zeit habt, könnt ihr jetzt aufhören zu lesen, denn man weiß eigentlich, was dann kommt. Aber falls ihr gerade eh ein paar Minuten über habt und euch nicht besser zu amüsieren wisst, dann folgt mir doch hinter den Trennbalken und lacht, weint und wütet je nach Disposition mit mir über diesen unerfreulichen Text.

Es gibt keinen billigen Trost, keine Schicksalsbewältigung im Sonderangebot. Wer das verspricht, dem sollte man vor die Füße spucken.

sagt Herr Drobinski, und man sollte meinen, dass wir uns da einig sind. Wären wir auch fast, aber

Man musste nicht religiös sein, um zu merken, wie dringend eine Gesellschaft solche Orte und Rituale braucht, wie säkular sie sonst durchs Leben zu gehen pflegt.

Und … Das ist jetzt schon wieder wie immer. Ich weiß nicht. Bin ich paranoid, wenn ich ihm unterstelle, dass er hier mit Absicht trickst? Bin ich naiv, wenn ich davon ausgehe, dass es ihm versehentlich passiert ist? Weil … Also, man kann ja drüber diskutieren, ob eine Gesellschaft Rituale braucht (Dass sie Orte braucht, können wir wohl einfach mal als Konsens unterstellen.), und meines Wissens ist die herrschende Meinung in den einschlägigen Fachgebieten eher ja. Aber ob eine Gesellschaft SOLCHE Rituale braucht, ist eine andere Frage. Religiöse Rituale. Abgehalten von einer Organisation, bei der billiger Trost und Schicksalsbewältigung im Sonderangebot zum Markenkern gehört.

Das Unfassbare bekommt eine Fassung, die amorphe Trauer eine Form, das ist das zutiefst Menschliche einer solchen Feier.

Das ist jetzt… Na gut, es ist genau die Art überflüssigen Geschwafels, die man wohl nicht vermeiden kann, wenn man für eine Zeitung schreibt. So wie auch die literarischen Bezüge:

Der niederländische Schriftsteller Cees Nooteboom treibt das in seinem 1980 erschienenen Roman „Rituale“ auf die Spitze

Ich denke, den Teil können wir ignorieren. Das mag man halt, dann hat man eine Zeitung abonniert, oder es nervt einen, dann eher nicht. Oder so. Wir diskutieren jetzt nicht, inwiefern da wirklich etwas eine Fassung und eine Form bekommt, und inwiefern das Ritual das nur nach außen vorspiegelt, und wir diskutieren nicht, ob es nur peinlich ist, oder schon eine unsaubere Taktik, solche Literaturprotzereien einzubauen. Aber es gibt halt noch den Teil, in dem Drobinski wirklich etwas zu behaupten und zu belegen versucht, und der ist nicht nur überflüssig und lästig, sondern echt problematisch:

Es war die Pädagogik, die den Wert der festen Formen wiederentdeckte: Kinder brauchen Rituale, abends, damit sie einschlafen können, […] Sie sind der Raum, in dem Menschen unoriginell sein können, schwach, traurig oder auch fröhlich, halt sie selber. […] Ohne sie aber wäre die Welt trostlos, im Wortsinn: Jeder Trost ist rituell. Nein, ein Gottesdienst mit Kerzen, Gebet und Gesang klärt nicht, ob ein Flugzeugabsturz hätte verhindert werden können, ob Piloten besser psychisch betreut werden müssen oder die Türsicherungen zum Cockpit verändert gehören. Er ist ein Ort des Zwecklosen, Fraglosen, Antwortlosen. Und gerade darin liegt sein Sinn.

Und gerade darin liegt der Bullshit. Wie oben: Kann das noch ein Missgeschick sein, oder verquirlt Herr Drobinski hier mit Absicht eine Menge mehr oder weniger plausibler Gedanken zu Quatsch, um daraus zu schlussfolgern, was er halt gerne belegt haben wollte. Ich zeigs noch mal in Zeitlupe, weil das bei ihm alles so schnell geht:

Zuerst ist da die These, dass „die Pädagogik“ (wichtig für seriösen Anstrich, mindestens eine wissenschaftliche Disziplin irgendwo zu erwähnen) „wiederentdeckte“ (Hier versucht er mutmaßlich, sowohl wissenschaftlichen Forschergeist zu vermitteln, als auch, was Zeitungsleser ja sowieso schon wussten: dass sie früher alles sowieso schon wussten.), dass Kinder Rituale brauchen, nämlich zum Einschlafen und so. Im zweiten Schritt behauptet er einfach mal, dass auch Erwachsene sowas brauchen, nämlich um „sie selber“ sein zu können. Was eine ulkige These ist, weil Rituale sich typischerweise, wenn auch nicht ausnahmslos, dadurch auszeichnen, dass sie nicht individuell sind, sondern vorgegeben. Dass man eben nicht einfach macht, wonach man sich gerade fühlt, sondern das, was einem gesagt wird. Kann sein, dass trotzdem irgendwie was dran ist, aber Herr Drobinski verschweigt uns jedenfalls Gründe, Belege und auch den Rest seiner Überlegungen und ist sich nebenbei für die steile These nicht zu schade, JEDER Trost ausnahmslos sei rituell. Und von da aus wiederum geht er dann dahin, dass Gottesdienste auch total wichtig sind, weil man sie ja braucht, um Trauer zu verarbeiten.

Abgesehen von der eklatanten Schlampigkeit der Argumentation sind hier meines Erachtens zwei größere Kniffe drin: Erstens ist es das Gleichsetzen von, ich nenne sie mal schlicht: kleinen und großen Ritualen. Wenn ich meinem Kind jeden Abend noch was vorlese, oder wenn ich mir angewöhnt habe, immer zuerst meine Zähne zu putzen, dann meine Kontaktlinsen rauszunehmen und mich dann umzuziehen, dann kann man das ein Ritual nennen. Und wenn ich stundenlang an einem katholischen Gottesdienst teilnehme und synchron mit anderen die vorgegebenen Gebete aufsage, aufstehe, mich wieder hinsetze, singe und Oblaten esse und Wein trinke, dann kann man das auch ein Ritual nennen. Das heißt aber nicht, dass es nicht zwei ganz ganz unterschiedliche Dinge wären, auch wenn sie gewisse Gemeinsamkeiten haben. So rechtfertigt Herr Drobinski aus kleinen Ritualen die großen.

Und dann macht er noch so einen Taschenspielertrick, indem er verschweigt, dass religiöse Rituale eben nicht nur Rituale sind, sondern eine klare Aussage sehr nachdrücklich transportieren, um nicht zu sagen eine Werbebotschaft, um nicht zu sagen: eine Werbeveranstaltung sind. Und was in mir doch den Verdacht bestärkt, dass er uns absichtlich täuscht, ist der Umstand, dass er es nicht nur verschweigt, sondern mehrfach explizit das Gegenteil behauptet:

Das Ritual dagegen bleibt ohne Fragen und ohne Antwort. Es ist da, es ist vorgegeben, und alles andere schweigt.

Und das trifft eben auf religiöse, insbesondere katholische Gottesdienste nicht zu. Sie sind nicht neutrale Rituale, nicht frage- und antwortlose Orte der gemeinsamen Sprachlosigkeit. Sie haben einen Inhalt, und sogar wenn Bischöfe und sonstige Veranstalter im Einzelfall den Anstand haben, mit diesem Inhalt nicht zu hemmungslos um sich zu werfen, ist er eindeutig da, und aus dem Kontext für jeden ersichtlich, und dieser Inhalt ist ja das Problem. Wie ich eingangs schrieb: Wie Leute mit ihrer Trauer umgehen, ist nicht meine Angelegenheit, und wenn sie das in einem Ritual tun wollen, spricht für mich nichts dagegen, wenn es ihnen hilft, und das gleiche gilt für alles andere, mit dem sie umgehen wollen.

Aber wogegen etwas spricht, ist, wie Herr Drobinski auch eingangs schrieb, billigen Trost zu verbreiten. Wie zum Beispiel: „Eure Angehörigen sind gar nicht richtig tot. Sie haben das ewige Leben. Haben wir übrigens alle. Keiner von uns muss sterben, weil der Herr dem Tod seinen Stachel genommen hat und uns allen das ewige Leben geschenkt! Also, denen von uns, die vor ihm knien und zu unserem Verein gehören. Bei den anderen ist das so eine Sache. Ich will jetzt nicht das H-Wort sagen, aber es ist halt schon so, dass die Leute, die sich gegen ihn entscheiden … also, die werden schon sehen, was sie davon haben …“ Und wogegen auch etwas spricht, ist dann, so ein widerliches Ritual zu rechtfertigen, indem man einfach pauschal ein bisschen über die Nützlichkeit des Rituals an sich schwafelt und hofft, dass es niemand merkt.

Oder?

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4 Responses to Schicksalsbewältigung im Sonderangebot

  1. recotard sagt:

    Und ich dachte, der Raum, in dem die Menschen unoriginell sein können, wäre die SZ. Sie ist ein Ort des Zwecklosen, Fraglosen, Antwortlosen. Und gerade darin liegt ihr Sinn.

  2. spritkopf sagt:

    Eigentlich soll man sich ja zu dem äußern, was einer sagt und nicht, was er ist. Aber dennoch – ich kann es mir nicht verkneifen:

    Matthias Drobinski
    Studium Geschichte, katholische Theologie und Germanistik in Gießen und Mainz; Hamburger Journalistenschule, Redakteur bei Publik-Forum, Zeitung kritischer Christen, seit 1997 bei der Süddeutschen Zeitung.

  3. David sagt:

    Au contraire M. le plaisantin! Schon Michel Houellebecq läßt in seinem Roman Elementargeilchen den Molekularbiologen Michel Djerzinski die Frage stellen, wie eine Gesellschaft ohne Religion überleben könne!

  4. Muriel sagt:

    Schon Joe Abercrombie schreibt in seinem Roman Half The World: „There’s a time for asking what a man wants, and there’s a time for splitting his head. This is that latter time.“

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