Mehr Kriegsmetaphern!

Stellt euch mal vor, ihr wärt Qualitätsmedien. Versetzt euch in die Position von jemandem, dem schon jeden Morgen beim Zähneputzen die Brust schwillt eingedenk der eigenen gar nicht überschätzbaren Bedeutung für die Demokratie, die Zivilisation, die öffentliche Meinung, den Fortbestand der Menschheit an sich, und der sich kaum die Nase putzen kann, ohne zu betonen, wie grundlegend der Unterschied ist zwischen seiner eigenen Seriosität, Investigativität, Objektivität und schieren Informationsgewalt und anderen interessengelenkten ahnungslosen völlig chaotischen und nur von uninformierter persönlicher Meinung getriebenen Medien wie diesem komischen Internet.

Und nun stellt euch vor, ihr wolltet darüber berichten, dass die EU mal bei der Bundesrepublik Deutschland nachgefragt hat, wie sie sich das eigentlich vorstellt, ihre Sonderregelungen zu den freien Berufen mit dem EU-Wettbewerbsrecht übereinzubringen, das genau solche Sonderregelungen eigentlich untersagt. Was denkt ihr, würdet ihr als angemessene Überschrift für einen solchen Artikel wählen?

Genau:

EU attackiert Steuerberater und Architekten

Und um die Art Leser, die ihr mit dieser Art Überschrift angelockt habt, nicht weiter zu irritieren, bringt ihr natürlich in dem Artikel auch keine Gründe für diese niederträchtige Attacke, abgesehen von einem kurzen Alibisatz, in dem ihr darauf hinweist, dass der Internationale Währungsfond auch meint, solche Regeln könnten irgendwie vage für das Wirtschaftswachstum schlecht sein, und dem natürlich sofort das Bundesfinanzministerium umfassend widersprechen darf. Weitere naheliegende Gründe für das Abschneiden dieses grässlichen alten Zopfes der Sonderregeln für Freiberufe wie etwa das Gleichbehandlungsprinzip erwähnt ihr nicht weiter, dafür dürfen aber alle Vertreter von Freiberuflerinteressenverbänden, die ihr vors Mikrofon bekommen habt, ihre alberne Panikmache – natürlich unwidersprochen – in eure Zeilen raunen, zum Beispiel so:

Ausländische Anbieter seien nicht an gleiche Qualitätsstandards gebunden.

Auch könnten gewerbliche Anteilsinhaber Kenntnisse aus der steuerlichen Beratung für die eigene Geschäftstätigkeit verwenden.

Dann beschließt ihr, dass es damit auch gut ist, weil alles Weitere ja tatsächlich sowas wie Recherche erfordern würde, und wenn zwei auf dieses Thema spezialisierte Wirtschaftskorrespondenten für so einen Artikel verantwortlich zeichnen, dann ist es ja eindeutig zu viel verlangt, dass sie den Leserinnen dabei irgendeine Information liefern, die über die unkommentierten Stellungnahmen der beteiligten Interessenverbände und Institutionen hinausgeht, und sei es auch nur irgendwas zu dem eigentlichen Inhalt der Regelungen, um die es geht.

Und weil damit ja Feierabend ist, könnt ihr jetzt gehen und euch frustriert fragen, warum so große Teile des blöden Plebs nicht einsieht, wie wichtig es ist, dass ihr für eure unverzichtbare Leistung im selbstlosen Dienst der Gesellschaft nicht angemessen reichlich bezahlt werdet.

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