Es ist halt immer eine Frage der Relationen

Sind Pflanzen intelligent?

fragt der Guardian [via wirres.net] und liefert uns auch gleich die Antwort mit: Verglichen mit Guardian-Autor(inn)en schon ziemlich.

Oh. Nee. Wartet mal. Das war nicht gut. Das war ein persönlicher Angriff, dabei wollen wir uns doch mit der Sache auseinandersetzen.

Ich komm noch mal rein, okay?

Ihr kennt wahrscheinlich aus der Schule das Konzept des Fortsetzungsfehlers. Man macht irgendwo was falsch, und von da aus eigentlich alles richtig, aber weil man am Anfang einmal falsch abgebogen ist, kommt man trotzdem nicht mehr auf den richtigen Weg. In der Regel war das – zumindest in meiner Schulzeit – ein Grund für Gnade, denn für nur einen einzigen Fehler, wenn auch noch so konsequent und obstinat wiederholt, sollte niemand durchfallen.

Ich sehe das grundsätzlich auch so. Andererseits illustriert das, wie wichtig es sein kann, seine Grundlagen in Ordnung zu haben, bevor man losmarschiert, denn sonst geht man komplett in die Irre, auch wenn man es noch so gut meint. Das ist auch dem Guardian passiert, und möglicherweise den beiden Autorinnen Stefano Mancuso und Alessandra Viola. Möglicherweise, weil ich ihr Buch „Brillant Green“ nicht gelesen habe, sondern nur den Artikel im Guardian. Die Zitate der beiden darin lassen aber nicht viel Hoffnung.

Sehr schön exemplifiziert finden wir das in diesem Schlüsselsatz:

“Intelligence is the ability to solve problems and plants are amazingly good in solving their problems,” Mancuso noted.

Und von da an geht es die ganze Zeit so weiter. So funktionieren die Schlüsse, die der Guardian uns stolz als Beleg für die Intelligenz von Pflanzen präsentiert: Fußball ist, einen Gegenstand in einen anderen zu bugsieren, und Michael Jordan konnte echt gut einen Gegenstand in einen anderen bugsieren, also muss Michael Jordan ein Spitzenfußballer gewesen sein.

To solve their energy needs, most plants turn to the sun […] Plants also harness animals in order to reproduce. […] Finally, plants have evolved an incredible variety of toxic compounds to ward off predators.

Was ich hier so knapp zusammengefasst habe, geht im Original über vier Absätze, die suggerieren sollen: Reines Wasser kocht unter üblichen Bedingungen bei 100°C, aber wenn man Stoffe darin löst, erhöht sich der Siedepunkt entsprechend dem Raoultschen Gesetz \Delta T_\mathrm{Sdp} = K_e \cdot b = K \cdot n, mein Gott muss das Wasser schlau sein, woher weiß es das denn bloß, und wie hat es das schon so lange vor Francois Marie Raoult rausgefunden?

Das ist die Art Gedanken, die man als Kind total cool findet, und von denen man dann sehr enttäuscht ist, wenn sie sich leider als irreführend herausstellen. Und so muss man allein schon aus Fairness gegenüber den enttäuschten Kindern bedenklich finden, wenn erwachsene Leute sie einfach weiter glauben und sogar als Wissenschaft präsentieren dürfen.

Das ist die Art Gedanken, die Leute haben, wenn sie sich erst in eine Idee verlieben und dann einfach alles, was ihnen begegnet, mit Gewalt dieser Idee Untertan zu machen versuchen.

Das ist genau die Art Gedanken, mit der Wissenschaft nicht funktioniert.

Wie gesagt: Ich kann nicht beurteilen, ob das Buch das besser macht. Vielleicht steht da ganz ausführlich drin, was wirklich dafür spricht, dass Pflanzen über Intelligenz oder ein Bewusstsein oder sowas verfügen. Vielleicht präsentieren Mancuso und Viola uns da drin faszinierende Erkenntnisse über die Neurobiologie und Entscheidungsprozesse von Pflanzen. Aber der Guardian-Artikel hat sich dann echt Mühe gegeben, wirklich NICHTS davon herzuzeigen. Er beschränkt sich darauf, uns zu erzählen, was Pflanzen alles Cooles können, und zwischendurch immer mal zu raunen: Voll schlau, oder? und so zu tun, als wäre ein raffinierter Prozess ein zuverlässiger Indikator für die Intelligenz der Beteiligten.

Das ist im Grunde nichts anderes als die Argumentation der plumpsten Kreationisten: DNA enthält Information, Information wird nur von Intelligenz geschaffen, also muss DNA von einer Intelligenz erschaffen worden sein. Das ist das argumentum ad incredulum. Ich kann nicht glauben, dass sowas Beeindruckendes einfach ohne Plan passieren kann, also muss da ein Plan sein.

Vielleicht liegt es an der Überfülle von Trugschlüssen auf Basis dieses Fehlers, dass mein Gesamtfavorit ein anderer ist, nämlich dieser Satz in seiner subtilen, aber dennoch bizarren Travestie von Kausalität. Vorab muss man wissen, dass die beiden Autorinnen meinen, Pflanzen hätten nicht ein Gehirn wie viele Tiere, sondern so eine Art in ihren Wurzeln verortete Schwarmintelligenz, um die Anfälligkeit für Schäden zu minimieren, und erklären dazu:

“This is why plants have no brain: not because they are not intelligent, but because they would be vulnerable,” Mancuso said.

Öh. Ja. Ich fands nett.

Aus dieser völligen Abwesenheit von Argumenten für die Intelligenz von Pflanzen schlussfolgert der Guardian-Autor Jeremy Hance mit Unterstützung der beiden Verfasserinnen des Buches natürlich ganz zwanglos, dass es Zeit ist, Rechte für Pflanzen zu statuieren, und ergreift natürlich voller Freude die Gelegenheit, als krönenden Abstuss zu schreiben:

Providing rights to plants is a way to prevent our extinction.

Weil Pflanzen unverzichtbar für unser Überleben sind. Klar. Ich frage mich jetzt gerade noch, ob er von selbst drauf kommt, dass wir aus genau demselben Grund auch Rechte für Wasser und Steine brauchen, oder ob wir ihm einen Tipp geben sollten.

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5 Responses to Es ist halt immer eine Frage der Relationen

  1. Das ist die Intelligenz, die der HERR auch den fallenden Butterbroten gab, um uns für unseren Starrsinn und unsere Verstocktheit zu strafen, auf daß wir erkennen, er sei der HERR.

  2. David sagt:

    Doof von mir, das mit dem Nick. Kann man nix mehr machen. Wäre besser Pflanze geworden.

  3. Muriel sagt:

    @David: Immer noch klüger als alles, was Kant je geschrieben hat. [Ja was? Wenn es von selbst keine Kontroverse unter meinen Posts gibt, versuch ich eben, selbst welche zu bauen.]

  4. djAmbush sagt:

    Pflanzen als intelligent darzustellen ist natürlich völliger Unfug. Es sind die eukaryotischen Lebewesen, sprich Pilze, die größtenteils im Verborgenen das Management für die Botanik regeln. Nur Pilze sind in der Lage die Nährstoffe, die z.B. Bäume unbedingt zum Leben brauchen aus dem Erdreich zu lösen um sie an die Baumwurzeln weiter zu verteilen. Dabei spezialisieren sich die einzelnen Pilzarten auf die jeweiligen Bedürfnisse der Pflanzen. Dabei kommunizieren sie durch ihre Myzelien, teilweise über große Strecken.

  5. David sagt:

    Aber, aber lieber Freund! Ihr irrationaler Haß auf alles wahrhaft intelligente in allen Ehren, aber Pflanzen und Tiere aus dem eukaryotischen Reich exkludieren zu wollen ist nun wirklich nicht der Weg der Wahl!

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