Ich verstehe ja die Versuchung.

Wir haben wahrscheinlich jeden Tag und ziemlich ununterbrochen diesen nagenden Verdacht, was Besseres zu sein. Dieses drängende Gefühl, dass die Welt so viel besser wäre, wenn mehr Leute so wären wie wir. Diesen zunehmend begründeten Eindruck, dass andere Menschen irgendwie … weniger sind als wir selbst. Schlechter. Minderwertig.

Nun leben wir in einer Gesellschaft, in der wir zu unserem ständigen Verdruss dieses Gefühl nicht so gut äußern können, weil sich in großen Teilen der Öffentlichkeit die Überzeugung durchgesetzt hat, alle Menschen seien ungefähr gleich viel wert, oder man solle das zumindest nicht offen sagen, wenn man es anders sehe.

Deswegen ist selbstverständlich die Freude groß, wenn wir nun doch wieder eine Gruppe ausgemacht haben, die man wieder ohne Missbilligung anderer als Untermenschen sehen und wüst beschimpfen darf, einfach weil sie dümmer, hässlicher, ärmer, weniger gebildet und natürlich auch weniger fleißig, eben offensichtlich rundum weniger sind als wir selbst. Schlechter. Minderwertig, halt.

Und mal ehrlich, wer könnte solche Ansichten missbilligen, solange es gegen Nazis geht?

Eben.

Und so passiert es dann zum Beispiel, dass man in ein ehemals irgendwie linkes und bedeutsames und, weiß nicht, im Großen und Ganzen menschenrechtlich orientiertes Magazin wie den Spiegel offenbar schreiben darf, dass es ganz gut so ist, dass solches Pack, das wahrscheinlich nicht mal über einen Schulabschluss verfügt, deshalb weniger gut die deutsche Sprache beherrscht als wir selbst und bestimmt auch nur ganz miese Jobs hat, wenn überhaupt, nicht nur ausgegrenzt und benachteiligt werden darf, sondern sogar muss, wenn wir die Zivilisation erhalten wollen, wie wir sie kennen.

Und … Ja, völlig klar. Leute, die Asylunterkünfte anzünden und Menschen wirklich angreifen und verletzen, sind kurzfristig die größere Bedrohung, und sogar diesseits körperlicher Gewalt ist die Gegenseite auch ausgesprochen eklig, aber …

Ich bin mir manchmal nicht mehr ganz sicher, was mir mehr Sorgen bereitet, und wofür ich mich mehr schäme.

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3 Responses to Ich verstehe ja die Versuchung.

  1. onkelmaike sagt:

    Ich finde es schon immer politisch „relevanter“ sich mit dem Rassismus aus der „Mitte der Gesellschaft“ als mit dem vom „Rande“ zu beschäftigen. Denn ersterer, dazu kann ja auch das von Dir zitierte Beispiel zählen, ist m. E. wirkmächtiger. Du beschreibst den Mechanismus ja ganz gut. Wenn der böse Rassismus nur von denen kommt, die ja so anders als wir sind, ist es viel einfacher, sich damit auseinanderzusetzen, über uns selber müssen wir ja nicht nachdenken, gemütlich. (Abgesehen davon, das ist ja vielleicht auch Dein Hauptpunkt, dass diese Form der Abgrenzung, wiederum sehr parallel zu dem ist, was wir als Rassismus beschreiben, tatsächliches Problem also doppelt nicht gelöst).

    Fleischhauer-Bashing wiederum ist ja nicht so originiell, ich kann den Impuls aber gut verstehen. Jan Fleischhauer ist tatsächlich für mich, was für andere Nazis sind. Würde ich meine Überlegenheitsgefühle und Verachtung gegenüber Jan Fleischhauer offen aussprechen, wäre das auch jenseits des Erlaubten. Wobei ich mich immer ernsthaft frage: Ist er so dumm-gemein, wie er schreibt oder weiß er vielmehr ganz genau, was das sich gut verkaufen lässt und ist viel schlauer als ich? Beides halte ich für möglich. Und das eigentliche Problem, der Spiegel, handelt eben marktwirtschaftlich. Ressentiment, so wie Fleischhauer es liefert, ist nachgefragt. Also wirds angeboten. Dass, was der sagt, denken eben viele, so let them discuss. Fleischis linkem Bruder, Jakob Augstein, wird ja auch ein Forum geboten (wobei ich Augstein nicht so schlimm finde, manchmal aber auch ein bisschen schlicht).

    Mit freundlichen Grüßen!

  2. Muriel sagt:

    @onkelmaike: Schön gesagt. Ich halt auch beides für möglich, und durchaus auch beides gleichzeitig.

  3. […] habe mein Erstaunen über die Existenz von Jan Fleischhauers Kolumne bei Spiegel.de ja schon mal hier ausgedrückt, aber als ich die aktuelle Ausgabe las, war ich dann noch mal aufs Neue enttäuscht davon, was […]

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