Fischen im Drüben

Ich weiß ja, dass es eine ziemlich abgenutzte Technik ist, den großen Zeitungsverlagen ihr ständiges Herumreiten darauf vorzuhalten, wie unverzichtbar bedeutsam ihre gründlich recherchierten und professionell nicht nur auf Faktizität, sondern auch auf Ethik und Stil abgeklopften Meldungen für den Fortbestand unserer Gesellschaft sind, wenn sie mal wieder irgendeinen Stuss unkritisch in die Welt tröten. Aber andererseits, was soll man denn sonst machen?

Die SZ hat da also eine Reportage über die „Heilertage am Chiemsee“ schreiben lassen, unter dem Titel

Trost aus der esoterischen Parallelwelt

Wie dieser Titel schon andeutet, ist der Tenor dieses Artikels auch in vieler Hinsicht gar nicht so schlimm. Der Verfasser Jan Stremmel hat aufgeschrieben, dass die Leute da ein bisschen alternativ sind, aber nicht so alternativ, wie man vielleicht denken würde, dass es oft nur darum geht, bestätigt zu kriegen, was man eh schon zu wissen dachte, und jemanden zu haben, die einem zuhört, weil Ärzte dafür oft keine Zeit haben, und so. Er hat durchaus eine gewisse Distanz zu seinem Gegenstand, oder tut zumindest so.

Aber das ist eben nicht alles. Zeitungen wie die SZ haben sich nun einmal selbst diese enorme Verantwortung als vierte Gewalt aufgeladen, und auch unabhängig von dieser speziell erhöhten Messlatte macht die hier exemplifizierte, aber meiner Erfahrung nach verbreitete Wurstigkeit gegenüber der Wahrheit mich so wütend, dass die Frequenz der Posts hier sich allmählich schon fast wieder alten Zeiten nähert. Aber keine Sorge, ich beruhige mich auch wieder.

Wovon ich überhaupt rede? Ja. Richtig. Also, das ist teilweise ziemlich subtil.

Es sind Leute wie Martina und Helmut, die gerade in Richtung Shiatsu-Massage schlendern. Sie ist Altenpflegerin, er ist Gastronom, mit Schnauzer und Kettchen. Er sagt: „Ich glaub ja nicht an so Zeug“, und lacht. „Aber die Martina!“ Seit Jahren hat sie Schmerzen im Fußgelenk, das viele Stehen bei der Arbeit. Kein Arzt konnte helfen. Aus Neugier ging sie eines Tages zu einem Geistheiler im Nachbarort. „Und bevor ich überhaupt sagen konnte, was mein Problem ist, hat er schon gesagt: ,Das linke Fußgelenk, oder?‘ Einfach toll.“ Sie verließ den Heiler nach einer Stunde und, sagt sie: ohne Schmerzen.

„Es gibt heilende Kräfte, die man ohne Berührung übertragen kann“, sagt Bokpe. „Wir können das nur noch nicht erklären. Aber vor 50 Jahren hätte uns auch jeder für verrückt erklärt, wenn wir erzählt hätten, dass man ohne Kabel telefonieren kann.“

Ja, was? sagt ihr vielleicht. Was soll denn daran auszusetzen sein? Herr Stremmel berichtet halt, neutral, objektiv, was die Leute ihm erzählen. Und wahrscheinlich traut die SZ ihren Lesenden einfach zu, selbst zu entscheiden, was sie davon halten.

Nun ja. Das könnte man noch vertreten, auch wenn ich diesen Teil schon mit etwas schmerzverzerrter Miene gelesen habe, weil das die üblichen Stussargumente sind, und weil ich sehr nachdrücklich nicht allen SZ-Lesenden zutraue, zu erkennen, was da nicht stimmt, und warum es Stussargumente sind.

Euch aber natürlich schon, und wie gesagt, dieser Teil wäre sogar noch vertretbar, deswegen kommen wir direkt zu dem, in dem es unbestreitbar inakzeptabel wird, und in dem meines Erachtens die Formulierungen schon unbestreitbar manipulativ werden.

Irmhild Saake ist Medizinsoziologin an der LMU München und hat Erklärungen für das, was bei den Obinger Heilertagen passiert. Die Esoterik-Nische sei typisch für die „Demokratisierung der Medizin“, sagt sie. „Die Leute akzeptieren immer weniger den Paternalismus der Schulmedizin.“ Heißt: Der Arzt im Kittel, der immer recht hat, passt immer weniger zum Wunsch nach Mitbestimmung, der in allen Bereichen der Gesellschaft wächst.

Ja. Also. Es liegt mir natürlich fern, zu bestreiten, dass es solche Ärzte gibt. Vielleicht sogar viele. Natürlich sind auch Ärzte nicht davor gefeit, Armleuchter zu sein, und dass im Gesundheitssystem vieles im Argen liegt, kann niemand bestreiten, aber … Ihr merkt auch, worauf ich hinauswill, oder? „Der Arzt im Kittel, der immer recht hat„? Da ist kein Zitat von irgendwem. Das ist die Erläuterung des SZ-Autors. Der uns damit sagt, wie er Ärzte sieht. Ärzte sind Leute, die glauben, immer Recht zu haben. Sie sind also gegenüber Argumenten und Indizien, die ihrer Meinung widersprechen, völlig verschlossen, und dieser Paternalismus ist wesentlich für die Schulmedizin. Natürlich geht das nicht vollständig an der Wahrheit vorbei. Menschen sind so. Und Ärzte qua Rolle nach meiner Erfahrung vielleicht wirklich noch etwas mehr als der durchschnittliche Rest der Bevölkerung. Aber unkommentiert stehenzulassen, dass eine wünschenswerte Alternative zu diesem angeblichen Paternalismus wäre, den Leuten einfach zu erzählen, was sie hören wollen und ihnen Heilung zu versprechen, damit sie sich besser fühlen, ist verantwortungslos, gerade wenn es um Medizin geht. Menschen sterben, weil sie lieber auf die freundlichen Scharlatane mit den warmen Händen und Worten hören, als auf die paternalistischen Schulmediziner mit den Edelstahlinstrumenten, die ihnen sagen, dass Chemotherapie zwar schrecklich und kein garantierter Weg zur Heilung ist, aber trotzdem noch ihre beste Chance.

„Bei einem Beinbruch hat die Schulmedizin natürlich immer noch die besten Antworten“, sagt Saake, „aber schon bei Rückenschmerzen hat ein Arzt das Problem, dass es alle möglichen Ursachen dafür geben könnte.“

Das gleiche Problem, wenn auch diesmal im Zitat. Aber auch die wählt der Verfasser ja zumindest aus. Dieser Abschnitt suggeriert eindeutig: Bei Rückenschmerzen hat die „Schulmedizin“ (schon das ja ein tendenziöser Begriff) also nicht die besten Antworten. Sondern jemand anders.

Eine Stunde Zuhören, Meditieren, Handauflegen helfe unter Umständen allein deshalb, weil der Patient es will. Übrigens verbringt ein Arzt in Deutschland, Stand 2010, im Schnitt acht Minuten mit jedem Patienten.

Natürlich verzichtet der Verfasser auf jeden Hinweis darauf, dass die hier angedeutete Dichotomie eine falsche ist, weil man Leute ja nicht verschaukeln muss, um mit ihnen eine Stunde zu verbringen, statt nur acht Minuten. Dass man ihnen nicht irgendeinen Schmonsens über Energie und Wassergedächtnis einreden muss, um ihnen das Gefühl zu geben, man würde sie ernst nehmen und ihnen zuhören.

Das alles könnte man sich noch schön reden. Das alles ist noch nicht eindeutig. Könnte einfach nur Ungeschicklichkeit von Herrn Stremmel sein, oder meinetwegen sogar mein skeptizistische Paranoia. Ich würde euch nicht verübeln, wenn ihr immer noch dächtet, dass ich mich anstelle. Zum Glück hat Herr Stremmel sich über einen anderen Experten, zum Schluss noch mal richtig ausgetobt und alle Zweifel beseitigt. Der Experte ist Professor Dieter Melchart und forscht laut Stremmeln „an der Schnittstelle zwischen Wissenschaft und Heilkunde, der Komplementärmedizin“. Hört ihr die Nachtigall auch immer lauter? Herr Melchart sagt der SZ,

dass die Konzentration auf bestimmte Zellen durchaus helfen könne, die „Eigenheilung“ zu aktivieren – etwa bei Krebspatienten.

Und es gebe Studien, sogar aus Harvard, die zeigten, wie Krebszellen auf eine Behandlung mit „äußerem Qi“ reagierten, also eine geistige Heilmethode ohne Berührung zwischen Heiler und Patient. „Die Zellen verändern sich dadurch tatsächlich“, sagt Melchart.

Und dann darf im letzten Absatz noch mal eine Patientin nach abgeschlossener Orakelsitzung aus dem Zelt kommen und erfreut berichten, wie nett das war, und dass ihre Halsschmerzen jetzt weg sind.

Und das alles zusammen ist, denke ich, nicht nur für mich irgendwie ärgerlich, der ich nun mal mein Steckenpferd im Kampf gegen diesen esoterischen Mist habe, sondern das ist auch unabhängig von meinen persönlichen Präferenzen widerlich, verantwortunglos, und unaufrichtig.

Die Reportage stellt die von ihr so genannte Komplementärmedizin (Und VW hat für seine komplementärlegalen Abgasmessungen halt auf Komplementärchemie gesetzt, oder?) als eine heitere, harmlose, vielleicht ein bisschen alberne, aber doch letztlich grundsympathische und hilfreiche Sache dar, obwohl sie das einfach ganz klar nicht ist, weil es nun mal zu ihrem Wesen gehört, Leuten vorzuspiegeln, es gäbe eine Alternative zu Medizin. Sie gibt völlig unwidersprochen und unkritisch die Behauptung eines als Professor vorgestellten Experten wieder, die Wirkung von Geistheilung wäre zwar noch nicht ganz abschließend geklärt, aber zumindest vom Prinzip her nachgewiesen. Natürlich nennt sie dafür keine Quelle, aber ich brauche in diesem Fall auch keine, weil ich weiß, weil wir alle wissen: Wenn es tatsächlich jemandem gelungen wäre, nach den üblichen wissenschaftlichen Standards nachzuweisen, dass eine geistige Heilmethode Zellen verändert, dass „äußeres Qi“ Krebszellen beeinflussen kann, dann wäre das eine Nobelpreisgarantie für alle Fachgebiete außer vielleicht Literatur. Es wäre das, worüber gefühlt jeden Tag mehrfach jemand irgendwo schwafeln darf, was aber in Wahrheit nur alle paar Jahrhunderte mal vorkommt: Es wäre ein Paradigmenwechsel. Diese Erkenntnis würde nicht nur den derzeitigen medizinischen, sondern auch den physikalischen Konsens über das Funktionieren unseres Körpers und unserer ganzen Welt völlig über den Haufen werfen. Deshalb traue ich mir mit großer Überzeugung zu, das einfach mal freihändig als Schwachsinn abzutun, ohne groß zu recherchieren. Aber belehrt mich gerne eines Besseren, wenn ihr mehr wisst.

Die Reportage trägt damit selbst zu dem Schaden bei, den Aberglaube und magisches Denken in unserer Gesellschaft anrichten, und dass die SZ so etwas veröffentlicht, zeigt, wie ernst sie es meint mit der Verantwortung, die sich aus ihrer selbst zugewiesenen staatstragenden Rolle als Qualitätsmedium ergibt.

Und ich bin keiner der Markt- und Gesellschaftsversteher, die den Verlagen sagen können, warum ihr Geschäftsmodell bröckelt. Ich weiß eigentlich nicht mal sicher, ob es das wirklich tut, denn ich glaube, viele von ihnen verdienen noch sehr gut. Aber ich kann zumindest sagen, dass so etwas der Grund ist, warum ich trotz grundsätzlichen Interesses an gründlich recherchierten und gut aufgeschriebenen Informationen und Berichten keinerlei Bereitschaft empfinde, für eine Zeitung zu bezahlen: Weil ich diese Haltung nicht unterstützen will. Weil ich nicht noch Geld dafür ausgeben will, mich auf den Arm nehmen zu lassen. Und weil ich nicht mitverantwortlich sein will für den Schaden, den dieses „Der sagt das, und die sagt das, und vielleicht könnte man irgendwie rauskriegen, was eher stimmt, aber wen interessierts?“ anrichtet.

Was diese Reportage exemplifiziert, ist keine schutzwürdige Leistung, kein Journalismus, dessen Untergang irgendwem weh täte. Es ist Tratsch, und den kriege ich unterhaltsamer, wenn ich mich einfach mal eine halbe Stunde in meinem Büro mit in den Raucherraum stelle. Da stinkt es auch weniger.

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5 Responses to Fischen im Drüben

  1. Muriel sagt:

    Der Titel ist natürlich nicht meine Idee. Ich habe ihn aus einer Kapitelüberschrift in einem Buch von Martin Gardner, das auf Deutsch „Kabinett der Täuschungen“ hieß, falls ich mich richtig erinnere. Wenn ich mich schon mit fremden Federn schmücke, will ich sie wenigstens kenntlich machen.

  2. Warum zur Hölle sollte man Medizin „demokratisieren“ wollen? Ich hasse diese Einstellung von Leuten so sehr, die glauben alles besser zu wissen als ihr Arzt und die sich einfach selber aussuchen, was „richtig“ ist, weil es ihnen damit ja so viel besser geht. Medizin ist eine Wissenschaft, da geht es doch nicht um Mitbestimmung und Demokratie. Wo bleibt der Ruf nach der demokratisierten Physik?

  3. TakeFive sagt:

    Auf die Alten Zeiten! Old man Muriel shake your fist!

  4. golda meir sagt:

    schöner artikel, den ich gern gelesen habe. auch, aber nicht nur, weil die empörung in argumente gekleidet und nicht nackig daherkommt.

    das thema scheint den einen oder anderen qualitätsjournalisten, nicht loszulassen, obwohl er es doch eigentlich besser wissen sollte: die debatte über die „sanfte medizin“ ist durch. es gibt inzwischen gute forschung dazu, zu der man bspw. bei http://www.edzardernst.com einen einfachen zugang bekommen kann.

    jan stremmels „paternalsitische medizin“ und der „arzt im weissen kittel, der immer recht hat“ sind olle kamellen. das ist schon lange nicht mehr so – das traue ich mich als spezialfachspezialistin ganz pauschal zu behaupten.

    aber viele scheinen eben auf voodoo zu stehen. in der schweiz sogar so viele, dass es die sogenannte „komplementärmedizin“ 2009 mit 70% ja-stimmen in die verfassung geschafft hat (artikel 118a).

  5. Muriel sagt:

    @Hardcore Tristesse: Sehr richtig. Trotzdem wäre sogar aus meiner Sicht etwas mehr … Interaktivität von Ärzt(inn)en durchaus wünschenswert.
    @TakeFive: Danke!
    @golda meir:

    aber nicht nur, weil die empörung in argumente gekleidet und nicht nackig daherkommt.

    Ja, ich find das auch immer ein bisschen traurig, wenn Leute sich einfach nur nackig empören und dann einfach davon stehlen, sobald es an die Argumente ginge. Aber was soll man machen? Ist halt nicht jeder so verantwortungsbewusst und sachkundig wie wir.

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