Ich hab Staatsfernsehen

Ich hab mir jetzt auch mal dieses Video von Jan Böhmermann angesehen. Dieses neue. Ihr wisst schon. Das, von dem seit November immer mal wieder jemand redet, weil er damit mal eben aus dem Handgelenk den deutschen Gangsterrap beerdigt hat. Das hier:

Und nun ist es so: Ich mag Jan Böhmermann nicht. Und ich fürchte, dafür habe ich nur teilweise gute Gründe. Es ist auch mindestens ein bisschen eine nicht so rationale Hype-Aversion, die es mir zum Beispiel auch schwer macht, Game of Thrones gut zu finden, obwohl ich nicht ernsthaft bestreiten kann, dass es eine in jeder Hinsicht verdammt gut gemachte Fernsehserie ist. Wenn alle irgendwas mögen, muss ich das Problem darin finden. Das ist nicht besonders sympathisch, oft anstrengend, und nicht immer wünschenswert. Na gut, und bei Böhmermann gibt es ja durchaus Leute, die ihn nicht mögen. Ich will mich jetzt nicht als einsamen Streiter für das Wahre und Gute gerieren. Mich hat an ihm jedenfalls immer gestört … Also, einmal ist sein Humor nicht so mein Ding. Ich kann mit ihm nicht viel anfangen, auch unabhängig davon, wie ich inhaltlich zu ihm stehe. Aber das darf ja ruhig so sein. Was mich wirklich stört, ist, dass er es meiner Wahrnehmung nach geschafft hat, sich als Instanz des Punk zu etablieren, als schonungslosen Systemkritiker und bissigen Anarchisten, obwohl er in Wahrheit eigentlich ein ganz braver, staatstragender ZDF-Moderator ist.

So sehe ich das auch hier. „Ich hab Polizei“ kommt gefällig daher. Es ist wertig produziert, gelungen (im Kontext einer Rap-Parodie) getextet und hat mir oberflächlich durchaus auch ein bisschen gefallen. Aber. Und das ist jetzt ein bisschen schwierig, denn es ist ja kein Zufall, dass Böhmermann es geschafft hat, sich als knallharter Anarcho und subversiver Systemkritiker bekannt zu machen. Er thematisiert in seinem Video zum Beispiel Polizeigewalt, grundrechtswidrige Überwachung und Militarisierung der Polizei und bricht damit ironisch die dominante Botschaft „Polizei ist voll viel besser als ihr armen Gangster und auch noch cool dabei, und wir braven Bürgerinnen und Bürger haben die, um uns vor euch zu schützen“. Aber ich finde, das macht es nicht mal viel besser, nur schwerer zu erkennen. Ich glaube, diesen Song könnten sich auch mit breitem Grinsen Leute ansehen, die einen Funkscanner zu Hause haben, und die Wände und den Facebook-Stream voll mit Bildern von cool posierenden SEKs und neuen schnellen Einsatzfahrzeugen und so, und könnten begeistert dazu nicken, und sie würden ihn dabei nicht mal völlig missverstehen.

Die Kritik am Versagen des Systems ist angedeutet, aber nicht vollzogen. Sie muss im Gesamtkontext meines Erachtens nicht mal unbedingt als echte Kritik gelesen werden, sondern kommt bei mir eher als „Na gut, das ist vielleicht nicht ganz in Ordnung, eigentlich, aber andererseits doch auch gut, wenn diese Armleuchter so richtig einen auf die Fresse kriegen, oder?“ an. Was bei mir als ganz dominante und zwar wie gesagt lustig gebrochene, aber unwiderrufene Hauptaussage stehen bleibt, ist „Wir haben die Polizei, um uns zu beschützen, und das ist super, und cool, und dagegen haben Gangster keine Chance“.

Das wirkt vielleicht ein bisschen unfair aus Sicht von jemandem, der Böhmermann besser kennt und lieber mag als ich. Ich will zugeben, dass dieses Video ambivalent ist und mehrere Deutungen zulässt, darunter auch eine durchaus polizeikritische, oder vielleicht sogar eine, die sich über den vorgeblich dominanten Inhalt lustig macht. Oder meinetwegen auch eine, die gar nichts so richtig über die Polizei sagen will, sondern nur Rapper wie Haftbefehl auf die Schippe nehmen, was ja sogar unbestreitbar ein ehrenvolles Anliegen wäre, wenn auch kein sehr herausforderndes. Aber zumindest bei mir kommt es völlig anders an, gerade zum Schluss, wenn in dieser schönen Montage ganz viele normale Bürger wie die alte Dame mit dem Rollator selbstbewusst nicken dürfen zum Refrain „Ich hab Polizei“, vor dem Abschluss „Polizei ist dein Feind – Polizei ist mein Helfer“, zu dem dieselbe alte Dame noch mal die Faust ballen darf, in einem Bild, das für mich unmissverständlich vermittelt, dass auch die Schwachen stark sein können, weil und wenn sie eben diesen starken Helfer haben.

Und dann finde ich, müssen wir schließlich noch bedenken, dass dieses „Jo, Polizei ist cool und viel stärker als Verbrechen und beschützt uns, jo!“-Video eben nicht von einem crowdgesourceten Indie-Anarcho-Team gemacht wurde, sondern vom ZDF, von einem Sender, der sich durch Zwangsgebühren finanziert und dessen angebliche Staatsferne und ihre praktische Umsetzung mehrere eigene Blogbeiträge füllen würde, die ich hier der Übersichtlichkeit halber mal sicherlich konsensfähig als zumindest zweifelhaft bezeichnen will. In meinen Augen bekommt es damit noch mal einen besonders unerfreulichen Beigeschmack.

Das führt mich zu dem Ergebnis, dass es nicht nur an meinen Vorurteilen gegen Herrn Böhmermann liegt, wenn ich dieses Video dann doch nicht so mag, und ein bisschen problematisch finde, und mir wünschte, es wäre anders gemacht, zum Beispiel mit echter Kritik an den Problemen des Systems und nicht nur einem augenzwinkernden „Ja gut, manchmal schlagen sie ein bisschen über die Stränge“. Das ist nämlich nicht nur extrem uncool, sondern in meinen Augen aus demselben Grund unschön wie das ganze System Böhmermann: Man darf sich für bitterböse kritisch halten, obwohl man in Wahrheit nur im Takt mitnickt.

Ach ja, fast vergessen: Verflixt noch mal, wenn man lustig und anders sein will, muss man dann wirklich noch die laszive Stripper-Polizistin aus der Klamottenkiste kramen? Fällt einem da echt nichts Besseres ein? Ist es eine Parodie auf Sexismus im Gangster-Rap, wenn man ihm eigenen Sexismus entgegensetzt?

Oder was meint ihr?

Advertisements

13 Responses to Ich hab Staatsfernsehen

  1. Chris sagt:

    Schöner Text. Durchaus mal etwas entspannter als so arg viele andere Auseinandersetzungen mit dem Video.

    Was mich gleich zum nächsten Punkt bringt: Warum man hier in Deutschland immer gleich medial ausrasten muss, wenn irgendjemand mal etwas halbwegs Neues versucht oder zumindest mit so etwas wie er nun im Video Erfolg hat.

    Böhmermann kann man mögen, muss man aber nicht. Er ist nicht dumm und durchaus auch mal originell (mit dem Video nicht zwangsläufig), aber offenbar ein Magnet für kontinuierliche Kommentare aus allen Ecken.

    Gerade im Land der miesesten Mainstream-„Comedians“ wie einem Mario Barth oder ähnlichen Affen, sollte es eigentlich genug anderes Material geben.

  2. Muriel sagt:

    Jaaaa, also, bei Mario Barth fehlt mir eigentlich die Fallhöhe, aber ich hätte da sogar was: https://ueberschaubarerelevanz.com/2009/12/08/ode-an-mario-barth/

  3. Die ersten paar Textzeilen des Stücks fand ich ansprechend. Dann wurde es abstrus und unglaubwürdig, was sicher auch an der Mehrdeutigkeit liegt. Und wenn ich dann höre, daß die Polizei für einen da ist und einen schützt, da musste ich dann den Kopf schütteln. Die Polizei ist primär dazu da, Verbrechen aufzuklären. Schützen kann sie nur sehr begrenzt, wie viele Leute aus leidvoller Erfahrung berichten können.

    Video und Text kommen irgendwie zu undifferenziert daher und um ernst genommen zu werden … dafür fehlt die Schärfe.

    Letztendlich albern, wischiwaschi, ohne Biss, ohne die nötige klare Positionierung. Jeder kann sich reininterpretieren, was er will.

    … und ich mag Böhmermann auch nicht. Dieses anbiedern an den Anarchismus obwohl er nur an der langen Leine der ungeschriebenen ZDF-Richtlinien läuft. Pseudo-Punk …

  4. Günther sagt:

    Da scheine ich ja hier in der Minderheit zu sein. Ich mag ihn nämlich ziemlich gerne, und das schon seit bevor er cool wurde! Ich weiß nicht, wie viel ich über diese Feststellung hinaus beizutragen habe, aber die Kommentarspalten sind ja nach unten hin offen…

    Meine größte Meinungsverschiedenheit mit dir besteht wohl zum einen darin, dass ich seinen Humor grundsätzlich mag, und zum anderen in einem anderen Verständnis seiner Absichten. Du wirfst ihm vor, dass er sich als großer Punk und Anarcho geriere, und das sehe ich in der Form einfach nicht. Ich sehe ihn in erster Linie als Unterhaltungskünstler. Einen durchaus intelligenten, der auch kritische Ansichten hat (was auch immer das im Einzelnen sei) und die in seine Klamotten mit reinbringt, aber nicht in erster Linie dadurch getrieben ist. Und er ist halt maximal so subversiv wie man es sein kann, wenn man fast seine ganze Karriere für den ÖRR gearbeitet hat. Ich sehe nur einfach nicht, dass er vorgibt, jemand anderes zu sein. Und finde andererseits schon, dass er im Rahmen der so gesteckten Möglichkeiten schon relativ „anarchisch“ (aus Mangel eines besseren Wortes) unterwegs ist. „Punk“ sein ist halt auch nicht binär, sondern existiert in verschiedenen Ausprägungen, und wenn man ins Fernsehen will, muss man halt seinen Kompromiss zwischen „Punk“ und „massentauglich“ finden.

    Genauso ist wohl meine Einschätzung des Videos von meiner allgemeinen Sympathie gefärbt… ich finde es ganz witzig. Ich würde zu seiner Verteidigung nur sagen, dass das Video in erster Linie eine (IMO ganz gelungene) Parodie auf den Gangsterrap ist, und keine kritische Würdigung des Wirkens der Polizei in Deutschland. Die Anspielungen auf Polizeigewalt sehe ich daher eher als Ausdruck des Bewusstseins, dass bei der Polizei durchaus auch Anlass zu Kritik besteht, ohne diese aber in diesem Lied führen zu wollen. Was glaube ich auch den Rahmen dieses Lieds/Videos leicht hätte sprengen können.

    P.S.: Die Tendenz der Antipathie für Dinge, die alle super finden, habe ich bei mir auch schon mal festgestellt. Was würde wohl passieren, wenn man 100 solcher Leute in einen Raum sperrt?

  5. Kopf-Los sagt:

    Ich bin irgendwie noch beim Gedanken hängen geblieben, dass in einem Video, das offensichtlich die Gangster-Kultur des Rap parodiert, weiterhin Hinweise auf solche Sachen wie Polizeitgewalt usw. auftauchen sollen.
    Das wäre für mich so, als würde man in einem Aufruf zum Arzt zu gehen dirkt einen Hinweis auf Fehldiagnosen usw. einbauen.

    Natürlich gibt es sowas, aber in der Kunst geht es doch nicht um eine differenzierte Darstellung wie sie in einem Sachtext vorkommt. Da gehört auch das radikal-subjektive hin.

    Zum Schluss: Ich muss man der Kernaussage des Blogpostings anschließen. Wer beim Öffentlich-Rechtlichen Fernsehen arbeitet kann sich meines Erachtens einfach nicht ehrlicherweise den Anschein eines radikalen Anarchisten geben.
    Doch paradoxerweise gibt es meines Erachtens doch Beispiele für völlig wild-anarchischen Humor auch aus dem Bereich der Öffentlich-Rechtlichen. Nur war das bestimmt nie der Fall, wenn man eine Satire-Sendung machen wollte, sondern kam anders zustande. (Ich denke hier an die Sachen, die Feuerstein gemacht hat, mit und ohne Harald Schmidt.) Grade hinter der Fassade des brav-bürgerlichen sitzen bei den ÖR die wahren Anti-Autoritären, die alles in Frage stellen und selbst bewerten (wobei diese dann einen Widerspruch in sich tragen); hinter der Fassade des Anarchos verbergen sich dabei eher der brave Bürger.

  6. Marcus sagt:

    Ich kann den Böhmermann ganz gut leiden, kenne sein Schaffen aber hauptsächlich durch Sanft & Sorgfältig und von dem, worüber ich auf Youtube ab und an stolpere. Ich denke halt, er hat das Herz am rechten Fleck, wie man so schön floskelt. Ob dann alles Gold ist, was er so raushaut… geschenkt.

  7. mike sagt:

    Neben dem ganzen bescheuerten Mimimi und Juchei, was da im Netz bisher dazu ausgekotzt und rumgeweint wurde, die imho bisher beste Analyse (incl. aller Kommentare dazu), die mir bisher aufn Radar kommt. Danke dafür.

    Ich mag das Video, auch wenn es diverse Schwächen hat. Wenn der Grossteil der Kritik, so wie ich das verstehe, der ist, dass mit meinen(!!!111) Zwangsgebühren irgendwelchen Gangster-Trotteln mit Anlauf in den Arsch getreten wird, nunja. Dafür, dass die Halbstarken jetzt überall rumweinen und zeigen, was für Memmen sie sind, hat sich meine „Investition“ doch gelohnt…?

    Das Argument, dass „die Bullen“ die Mugge geil finden könnten, habe ich schon ein paarmal gelesen im Zusammenhang und hier nun auch indirekt. Die Frage wäre: Und? „Bullen“ hören auch Sido oder Heino usw. usf. Ist das ein Problem? Warum nicht?
    Wo ist der Unterschied zum „Unterschichttrottel“, der auf ekelhafter Mugge von der „Gegenseite“ abwichst?

    Was den Sexismus-quatsch betrifft, hast Du da ein anderes Video gesehen? Ich kenne nur das, wo er mit ner Politesse rumflirtet „und so“. Irgendwas laszives Rap-trottel-typisches ist mir da verborgen geblieben.

  8. Muriel sagt:

    @lawgunsandfreedom: Danke für den Kommentar.
    @Günther: Die Sympathie geht natürlich völlig in Ordnung, und ich denke, man käme in einem Raum ganz gut klar, weil wir dann ja gar keinen Mainstream hätten, gegen den wir sein müssten, und in schöner Eintracht unsere Begeisterung für die neue Heidi-Verfilmung … Nee, Moment.
    @Kopf-Los: Feuerstein ist in der Tat ein gutes Beispiel. Den mochte ich zum Beispiel auch immer. Lebt der überhaupt noch … Ich muss mal googlen.
    @Marcus: Über sein Herz wollte ich hier gar nicht urteilen, aber wie ich schon Günther schrieb, halte ich ihn natürlich auch nicht für so schlimm, dass ich es für direkt verwerflich hielte, ihn zu mögen.
    @mike:

    Das Argument, dass “die Bullen” die Mugge geil finden könnten, habe ich schon ein paarmal gelesen im Zusammenhang und hier nun auch indirekt. Die Frage wäre: Und? “Bullen” hören auch Sido oder Heino usw. usf. Ist das ein Problem? Warum nicht?

    Das ist kein Problem. Das Problem ist das, was ich oben geschrieben habe. Mich stört es gar nicht, wenn Polizisten irgendwas mögen. Ich mag Polizisten, insofern wäre es für mich wohl sogar eher ein Plus.

    Was den Sexismus-quatsch betrifft, hast Du da ein anderes Video gesehen? Ich kenne nur das, wo er mit ner Politesse rumflirtet “und so”. Irgendwas laszives Rap-trottel-typisches ist mir da verborgen geblieben.


    Es kann natürlich sein, dass ich mir den sexuellen Subtext hier nur einbilde, weil ich ein bisschen komisch bin, aber …

  9. Zaungast sagt:

    Man muss bei Kommentaren zu „Ich hab Polizei“ ja schon froh sein, wenn bemerkt wurde (und bei Muriel S. darf man das zum Glück sicher erwarten ^^), dass das Ding inhaltlich mindestens zwei Komponenten hat: Die Persiflage auf Gangstarap und dessen plakativen „Die Stadt gehört mir, ich hau dich kaputt, du Lurch kannst mir nix“-Gestus, UND die Kritik an Polizeigewalt und anderen Missständen.

    Beim ersten Anschauen fand ich Letzteres sogar so im Vordergrund, dass mein Ersteindruck der war, dass Polizeigewalt-Kritik der Hauptfokus und der Gangsta-Rap nur die parodierte äußere Form dafür ist. Halbherzig, wie das bei dir, Muriel, anscheinend insgesamt ankommt, fand ich das jedenfalls überhaupt nicht, so häufig wie der Text darauf zu sprechen kommt. Gestolpert bin ich aber in der Tat auch auf den Aspekt der „braven Bürger“, die im Video „Polizei haben“ – und ich würde nicht ausschließen, dass das womöglich eine dritte Komponente ist: Dass die Polizei halt auch nicht nur scheiße baut, sondern dass es für Omma und Ladenbesitzer und Ehepaar im Ernstfall auch ganz gut ist, dass es sie gibt. Oder so.

    (Wobei gleichzeitig ja eben auch brave Bürger leicht die Leidtragenden werden können von „Polizei belauscht heimlich dein Lidl Connect“, „hast du große Fresse – zack gehst du Knast“ und „wenn du dich beschwerst, glauben alle Polizei (oh)“. Das ist der Grund, warum ich darüber gestolpert bin.)

    Macht das das Stück jetzt differenziert, oder macht es das zu einem inkonsequenten Kritikstück? Ich finde, Neo Magazin Royale ist in erster Linie Unterhaltung und ein bisschen Satire, und vor diesem Hintergrund ist es eher ein Qualitätsmerkmal, dass Leute das Stück unterschiedlich interpretieren bzw. bestimmte Aspekte stärker wahrnehmen. Ein 100% systemkritisch-punkiges (wobei ich persönlich ohnehin nicht den Eindruck habe, dass Böhmermann sich als Anarcho-Punk geriert) „Scheiß-Bullen, Scheiß-Polizeigewalt!“-Video hätte auch sicherlich nicht dieses Level an Aufmerksamkeit/“Kontroverse“ generiert. „Ich hab Polizei“ balanciert so wie es ist schon sehr geschickt zwischen gegensätzlichen Interpretationsmöglichkeiten, und ich glaube das ist Absicht.

    Klar mag es dann auch Polizisten geben, die „Ich hab Polizei“ spätnachts auf Polizeischule-Parties in voller Inbrunst mitrappen und den Polizeikritik-Part entweder ausblenden oder womöglich ins Gegenteil verkehren. Oder mimosenhafte Rapper wie Staiger, die das Ding jetzt als „der fiese Bildungsbürger Böhmermann macht sich über sozial Schwache lustig!“ drehen und den Polizeikritik-Part wiederum ausblenden. Mei.

    Ist der Böhmi unglaubwürdig, weil er beim ZDF ist (und das Lied von seiner ZDF-Sendung produziert wurde)? Ich persönlich finde, der Polizeikritik-Part hat ziemlich viel Biss – auch wenn es nur einer von mehreren Aspekten des Stücks und nicht sein alleiniger Inhalt ist. Und beim ZDF läuft schließlich auch Die Anstalt, der man brave Konformität nun nicht unbedingt vorwerfen kann. So gerne ich den „Adenauer-Sender“ gerne scherzhaft „CDF“ nenne – „guilt by association“ funktioniert da mE nur bedingt.

    Und das mit dem Sexismus – echt jetz? Das gehört doch zu einer Gangsta-Rap-Persiflage ebenso dazu wie das Rumgepose mit Schlagstock, Kampfhund und dicken Schlitten.

    (Und ich bin immer noch traurig, dass es bei „Nix Hurensohn, Polizistensohn mein Schatz / Ich owne Polizei denn ich zahl Höchststeuersatz“ nicht „Spitzensteuersatz“ heißt – der Reim und der Flow (yo!) wäre so viel besser an der Stelle! 😦

  10. onkelmaike sagt:

    hi!
    Ich finde das Video auch nicht besonders lustig und daher das Verhältnis von (vermutetem) Produktionskostenaufwand und Resultat sehr ungünstig. Daneben fand ich auch, dass die Polizeikritik leider zu halbherzig daherkommt, was es hätte retten können. Aber, jetzt kommt mein Dissens: Ich sehe Böhmermann gar nicht als jemanden, der sich als Punker/Anarcho geriert (gibt aber bestimmt Anhaltspunkte.) Ich nehme ihn eher so wahr, dass er weiß und kommuniziert, dass er kein besonders mutiger Rocker, sondern eher ein staatstragender, kleinbürgerlicher Hänfling ist (Polizistensohn ja auch, habe ihn auch mal in einem Interview sagen gelesen, er sei „kein Linker“ (gemeint: auch kein Anarcho, sondern „politische Mitte“). Und er macht sich über sich selber lustig. Im Ergebnis aber finde ich ihn aufgrund dieser Angepasstheit oft auch nicht so richtig gut. Obwohl ich ihn tatsächlich sympathisch finde.

  11. Zaungast sagt:

    Übrigens, weil’s mir bis vor kurzem auch nicht bewusst war: Das Kamerabild in dem oben zitierten Screenshot ist eine Anspielung zu diesem (ebenfalls schon öfter parodierten) Kanye-West-Video:

    Das rückt diese besonders absurde Szene vielleicht noch in ein etwas anderes Licht.

  12. Muriel sagt:

    @Zaungast und onkelmaike: Danke für eure gelungenen und schön differenzierten Kommentare. Gefallen mir sehr gut.
    Ich glaube, wenn man sie arg zusammenfassen will, läuft meine Kritik darauf hinaus, dass zu einer gelungenen Parodie mehr gehört, als einfach nur das gleiche zu machen wie die, über die man sich lustig machen will. Zu einer guten Parodie gehört was Cleveres, Originelles, was sie über die unfreiwillige Komik ihres Gegenstandes erhebt, und das fehlt mir hier, auch wenn ich natürlich davon ausgehe, dass Böhmermann die Komik durchaus absichtlich herbeiführt. Aber mehr Unterschied sehe ich eben nicht.
    @Zaungast: Guilt by Association will ich gar nicht postulieren. Aber es macht für mich einen Unterschied in der Bewertung des Stils, ob zum Beispiel der Pressesprecher von Skoda einen begeisterten Post drüber schreibt, wie vorbildlich Volkswagen mit den falschen Abgasmessungen umgeht, oder ob der gleiche Text von, keine Ahnung, dem Präsidenten des BUND kommt. Inhaltlich müssen sie sich an den gleichen Maßstäben messen, keine Frage, aber trotzdem käme mir erstes noch peinlicher und dümmer vor.

  13. Kopflos sagt:

    Ist der Böhmi unglaubwürdig, weil er beim ZDF ist (und das Lied von seiner ZDF-Sendung produziert wurde)? Ich persönlich finde, der Polizeikritik-Part hat ziemlich viel Biss – auch wenn es nur einer von mehreren Aspekten des Stücks und nicht sein alleiniger Inhalt ist.

    Naja, was heißt unglaubwürdig. Ich sehe da einfache einen gewaltigen Widerspruch.
    Es ist so, als ob ich jemanden in einer Bar kennenlernen würde, der der ärgste Religionskritiker ist, jemanden, der allein die Möglichkeit der Existenz eines Gottes auch nur in Erwägung zieht, für Geisteskrank erklärt und sich als „strengen Atheisten“ bezeichnet, der sogar Worte wie „Gott sei Dank“ vermeidet – und am Ende ist diese Person dann Diakon und besucht jeden Gottesdienst den er irgendwie erreichen kann.
    Menschen sind nun einmal widersprüchliche Wesen, aber es ist ein Widerspruch, für die Öffentlich-Rechtlichen zu arbeiten und sich anarchistisch zu geben.

    „Links“ ist nunmal was anderes.

    Und beim ZDF läuft schließlich auch Die Anstalt, der man brave Konformität nun nicht unbedingt vorwerfen kann.

    Nicht unbedingt, aber es gibt selbstverständlich Leute, die genau das tun würden. Kritik am Kapitalismus, Kritik an den USA usw., das ist eigentlich im Mainstream angekommen.

    Im Ergebnis aber finde ich ihn aufgrund dieser Angepasstheit oft auch nicht so richtig gut. Obwohl ich ihn tatsächlich sympathisch finde.

    Hier denke ich an eine Aussage aus Satres „Der Teufel und der Liebe Gott“ über den Mittelständler, der sein bürgerliches Leben nicht aufgibt, seine Grundlagen aber radikal in Frage stellt.

    Vielleicht sind diese Kritiker, die äußerlich angepasst sind, die schlimmsten? Immerhin: Punk usw. ist inzwischen auch zur Modewelle geworden.

Gib's mir!

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: