Journalistin des Jahres

26. Februar 2016

Anja Reschke hat einen Preis gewonnen, weil sie gesagt hat, dass sie Rassismus doof findet, und aus diesem Anlass eine Rede gehalten, in der sie über die Unsicherheiten spricht, die ihr die Arbeit schwer machen und wegen derer sie auch nicht richtig weiß, wie es geht. Ich finde es einerseits als Faustregel immer ehrenwert, wenn Leute Schwächen und Zweifel eingestehen, und auch Frau Reschke macht auf mich einen immens sympathischen Eindruck, aber was sie schildert, und die Art, wie sie es schildert, kommt mir symptomatisch vor für diverse Probleme des Journalismus, darunter auch die, die sie beklagt. Frau Reschkes Rede illustriert sehr anschaulich und konkret, was mein Eindruck von der Selbstwahrnehmung vieler Journalisten ist, und warum ich mir da einige Verbesserungen wünsche.

Und, wie soll ich sagen, auch wenn ihre Schlussfolgerung mir vielversprechend erscheint (dazu dann mehr), finde ich den Weg dahin, und wie sie den schildert … doch arg erstaunlich, wegen dessen, was er meines Erachtens über Frau Reschkes Wahrnehmung ihrer Tätigkeit oder zumindest über Frau Reschkes Einschätzung der Wahrnehmung ihres Publikums verrät. Zum Beispiel schildert sie die sehr polarisierten Reaktionen auf ihren Kommentar damals, ihr wisst schon, und ist dann ganz verblüfft und erschrocken, dass manche Leute sie toll finden, und andere total doof, weil:

Ich bin kein Akteur, ich bin kein Politiker, ich hab nichts entschieden […]. Ich hab eigentlich nur berichtet – oder in diesem Fall: kommentiert.

Zu viel Bissigkeit ist hier wahrscheinlich nicht angemessen, denn Frau Reschke meint es ja wirklich gut und sagt durchaus auch kluge Sachen, aber dieser Abschnitt ihrer Rede illustriert für mich, dass für sie die Welt wohl bis vor Kurzem noch so aussah, dass Journalisten durch ihre Tätigkeit nicht Akteure in Konflikten sind, keine Entscheidungen treffen, und – vielleicht etwas überspitzt – auch keiner Bewertung zugänglich, weil sie ja „eigentlich nur“ berichten. Oder halt kommentieren. Findet ihr diese beiläufige Verwischung des Unterschieds zwischen Bericht und Kommentar auch ein bisschen eigenartig? In einer spontanen Rede kann sowas leicht mal passieren, aber ich weiß nicht, wie spontan die war, und dies hier ist ja schon die -wenn auch nur leicht- redigierte Schriftfassung.

Mich stört aber vor allem, dass diese Äußerung von in meinen Augen fahrlässigem Verkennen der eigenen Verantwortung zeugt. Frau Reschke sagt das selber später noch mal, aber so, als wäre es neu, und das kann ja nun wirklich niemand im Ernst glauben: Wer öffentlich berichtet und kommentiert, ist Akteurin, beeinflusst das Geschehen, trifft Entscheidungen darüber, wie sie es tut, und setzt sich und ihren Kommentar damit einer öffentlichen Diskussion aus. Dass die natürlich nicht so grob beleidigend sein sollte, wie sie es gegenüber Frau Reschke teilweise war, müssen wir nicht diskutieren. Aber das Erstaunen ob der bloßen Tatsache, dass es Menschen aufregen und bewegen kann, wenn jemand „nur […] kommentiert“, kann ich nicht verstehen, und wenn ich es versuche, dann nur als bedenkliches Zeichen über den Stand der Reflexion über die eigene Verantwortung deuten.

Die einen sehen darin [in den Flüchtlingen] arme Seelen, denen man helfen muss, die man versorgen muss. Andere sehen in den Flüchtlingen gar die Lösung unseres demographischen Problems. Und wieder andere nehmen sie als „Invasoren“ wahr […]. Tja, sagen was ist. Was ist denn jetzt? Was sag ich denn jetzt? Was ist das Richtige?

Hier so ähnlich: Frau Reschke drückt Erstaunen, Verwirrung und meines Erachtens auch eine gewisse Empörung darüber aus, dass Leute einen Sachverhalt unterschiedlich bewerten und Fakten unterschiedlich einschätzen, und dass das ja ihre Aufgabe, wahrhaftig zu berichten, so fies erschwert. Ich weiß nicht, ob das in diesen isolierten Zitaten hinreichend rüberkommt, aber ich finde, in der ganzen Rede klingt immer so ein bisschen Larmoyanz mit. Wenn ihr mögt, folgt gerne dem Link und schaut, ob es an mir liegt, oder ob ihr sie auch findet. Und, ich schwöre: ganz ohne bösen Willen frage ich mich da: Wie hat sie sich das denn vor ihrer Epiphanie vorgestellt? Laufen da draußen Journalistinnen rum, die der Meinung sind, man könnte doch sinnvoll nur über Sachverhalte berichten, zu denen bereits ein gesicherter Konsens in der Bevölkerung besteht, zu denen es keine nennenswert abweichenden Meinungen gibt, und zu denen rundum für alle alles geklärt ist? Und alle Fragen, deren Antworten nicht auf den ersten Blick auf der Hand liegen, sind eben leider einer seriösen Berichterstattung nicht zugänglich, weil man ja berichten will, was ist, und das dann nun mal nicht geht, schade, aber was willste machen?

Ich will das gar nicht so polemisch formulieren, wie es klingt. Ich versuche nur wiederzugeben, was ich für die einzig sinnvolle Deutung des Hintergrundes von Frau Reschkes Fragen halte. Denn wenn man – wie ich es immer für offensichtlich hielt – gerade als die Grundlage der Existenzberechtigung von Journalismus deutet, dass schwierige Fragen bearbeitet werden müssen, dass Menschen Informationen brauchen über schwierige, umstrittene Themen, und jemanden, der oder die ihnen einen Überblick vermittelt, einordnet, Unklarheiten benennt, aber auch verfügbare Informationsquellen nutzt, um so weit wie möglich aufzuklären, dann kann man eigentlich nicht an dieser Aufgabe zweifeln, weil man vor einem umstrittenen Sachverhalt steht, über den Menschen öffentlich verschiedene Ansichten äußern.

Wir haben auch versucht, den anderen Ängsten zu begegnen und ihnen Fakten dagegenzustellen. […] es hilft nichts. Angst lässt sich nicht so leicht wegwischen.

Ähnliches Problem. Aus diesen Sätzen höre ich im Kontext der Rede wieder, wenn auch etwas anders, die Erwartungshaltung heraus, dass es ganz einfach zu sein habe. Die Entrüstung darüber, dass man doch jetzt versucht hat, den Leuten zu sagen, was sie denken sollen, und die es aber trotzdem nicht machen, und die Implikation, dass unter solchen Bedingungen doch niemand vernünftig arbeiten könne.

Und als kurzer Einwurf muss es sein, finde ich: Frau Reschke spricht mit dem „Wir“ wohl nur von der Panorama-Redaktion, aber trotzdem. Es ist ja nicht so, als hätten wir in den letzten Monaten eine gemeinsame Anstrengung aller Journalisten Deutschlands erlebt, den Ängsten mancher Leute Fakten entgegen zu stellen. Es gab genug, die eifrig das Gegenteil versucht haben. Ich muss keine Beispiele verlinken, oder? Manche von euch haben ja vielleicht gerade gegessen.

Es ist so ein Willkommen-im-Leben-Gefühl, das mich die ganze Zeit bei der Lektüre von Frau Reschkes Ansprache begleitet hat. So ein Eindruck, dass die Dinge, die sie beklagt, wirklich sehr schade sind, aber verbunden mit der Frage, ob das wirklich so verblüffend für sie ist, wie es klingt. Ein bisschen, als würde ein erwachsener Mensch einem ganz aufgeregt und voller Entsetzen berichten, dass er gar nicht aus eigner Kraft fliegen kann und deshalb über tausend Euro bezahlen muss, um nach Australien zu kommen. Oder so. Aber vielleicht tue ich ihr auch ganz Unrecht, vielleicht ist ihr das alles auch schon lange klar, und sie will nur Missverständnisse darüber ausräumen, wie ihr Beruf wahrgenommen wird, und was Leute von Journalisten erwarten. Nur dass eben für mich nicht so klingt, denn sie schildert ja explizit ihre eigene Verwirrung und Ratlosigkeit. Vielleicht will sie diese Ratlosigkeit nur offen legen, und Leute darüber informieren, dass Journalistinnen auch nicht viel mehr wissen (können) als sie selbst, und auch nicht viel mehr Einfluss haben. Aber andererseits hat sie doch oben drüber gestaunt, wie viel Einfluss sie auf die Diskussion genommen hat. Na gut. Ihr könnt ja für euch selbst entscheiden, wie ihr Frau Reschke versteht, und mir geht’s sowieso vorrangig ums Prinzip, weniger um die konkrete Person und ihre Meinung.

Mein Gedanke wenn ich diesen Preis nach Hause nehme, ist: Du sagst jetzt, was ist, und zwar, wie du es empfindest. Und du erklärst, warum du es so findest. Wir versuchen, herauszufinden, was ist, und wir versuchen, weiter diese Gesellschaft kritisch zu begleiten. Aber nicht so zu tun, als wüssten wir alles besser.

Und jetzt ganz unabhängig davon, wie Frau Reschke selbst bisher gedacht hat: Ist es nicht eigenartig, dass jemand das bei einer Preisverleihung für die Journalistin des Jahres für sagenswert hält, als Fazit eines langen eigenen Lernprozesses: Dass Journalistinnen versuchen sollten, die Wahrheit heraus zu finden, ehrlich zu berichten, aufrichtig ihre Position zu erklären?

Und ist das nicht auch in seiner Nebulosität zweifelhaft? „Du sagst jetzt, was ist, und zwar, wie du es empfindest.“ Sicher, im Licht der Sätze drumrum kann man das für okay halten, aber trotzdem ist es doch nicht ganz geglückt, finde ich. Denn Journalisten sollten nicht einfach nur berichten, was sie empfinden. Sie sollen, ganz richtig, „versuchen, herauszufinden, was ist“. Und zwar nicht so, wie Frau Reschke es in dem anderen Zitat oben zum Beispiel vorgemacht hat: Einer sagt das, einer sagt was anderes, und der Dritte sagt schon wieder was anderes, puh, oah, wer soll sich denn da noch auskennen? Sondern wirklich herausfinden, was ist. Nicht nur tratschen, sondern berichten, informieren, einordnen. Nicht jammern, dass die Welt so kompliziert ist und die Leute ja eh nicht zuhören, sondern eigene Fehler eingestehen, darum kämpfen, es besser zu machen, sich und die eigene Rolle wirklich ernsthaft infrage stellen. Wenn ich davon irgendwo Anzeichen sähe, wäre ich sofort als Kunde gewonnen, und als treuer Leser/Zuschauer/Zuhörer. Aber bisher seh ich keine.

Was denkt ihr? Mich würde diesmal ganz besonders aufrichtig interessieren, ob ich unangemessen bissig bin und eigene Vorurteile in Frau Reschkes Worte lese, oder ob ihr auch erkennt, was meinen Kommentar ausgelöst hat. Bitte lasst es mich wissen!

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Sexy völkisch

25. Februar 2016

Das arische Label Nsdidu apxi macht zeitgemäße, lässige Mode und befolgt dennoch die Kleiderordnung der SS. Mit Antisemitismus hat das nichts zu tun.

Das Swastika Dress ist genau das, was sein Name aussagt: ein Kleid, das sich zu einem Hakenkreuz aus Stoff entfaltet, sobald die Trägerin ihre Arme ausbreitet. Ein simpler, eleganter und humorvoller Entwurf, der den beiden Braunauer Designerinnen Franziska Müller und Eva Habler für ihr Modelabel Nsdidu apxi gelungen ist. Minimalistisch und geistreich ist die gesamte Kollektion. Und von besonderem Witz zeugen auch weitere Stücke. Zum Beispiel das Göhring Dress und die dazugehörige Beschreibung: „Fühlen Sie sich wohl in diesem geräumigen Kleid aus Stoff, komfortabel und dennoch zäh wie Leder! So haltbar, dass es Ihnen vielleicht 1.000 Jahre reicht! Kaufen Sie es am besten sofort, schnell wie ein Windhund!“ Doch der Stil ist nicht das Einzige, was die Designs auszeichnet. Alle Nsdidu apxi-Entwürfe sind minimalistisch, bezahlbar und arisch, das heißt, sie entsprechen nationalsozialistischen Vorgaben, wie Volksgenossinnen und -genossen sich kleiden sollen.

Die Auffassung, der Faschismus wirkte vor allem unterdrückend auf die Bevölkerung und insbesondere auf nicht privilegierte Gruppen ein, hängt eng mit einem ahistorischen Verständnis von völkischer Politik zusammen: Sie sei traditionalistisch, dogmatisch und der antifaschistischen Kritik nach im Kern antisemitisch. Es steht außer Frage, dass ein solch spielerischer Umgang mit Kleidervorschriften nicht in jedem Kontext möglich ist und dass Verstöße gegen diese Ordnung zum Teil zu scharfen Sanktionen führen.

Dennoch gilt, dass völkische Politik nicht die Antithese zur Moderne darstellt, dass sie kein starres, unwandelbares, nicht verhandelbares und in sich geschlossenes Gebilde ist. Dies hat die Politologie in den vergangenen 30 Jahren deutlich herausgearbeitet. Der Faschismus unterliegt einem kontinuierlichen Prozess der Aushandlung von Wandel und Bewahrung. Er ist, wie andere Bereiche des gesellschaftlichen Lebens auch, menschengemacht. Ebenso die von ihm ausgehenden Macht- und Geschlechterverhältnisse.

Kein autoritärer Führer, keine normativen Schriften gestalten völkische Politik, sondern Menschen. Als Gestalter sind Menschen jüdischen Glaubens in der Geschichte und in den Schriften des Nationalsozialismus – oder in dem, was von ihnen tradiert und kanonisiert wurde – jedoch äußerst selten in Erscheinung getreten. Auch die nicht faschistische Soziologie berücksichtigte diese Menschen lange Zeit kaum. Diese Lücke ist mittlerweile aufgrund von stichhaltiger antifaschistischer Kritik zumindest ideell geschlossen. Es gilt nun, Juden nicht nur als völkische Akteure wahrzunehmen, sondern anzuerkennen, dass vor allem sie es sind, die innerhalb von völkischer Politik die jeweilige Notwendigkeit von Wandel und Bewahrung gestalten und verhandeln. Müller und Habler – und ihre Kundinnen – sind solche Gestalterinnen. Mit den Nsdidu-apxi-Kollektionen interpretieren sie, welche Aspekte von völkischer Kleidung bewahrenswert und welche verhandelbar und wandelbar sind.


Dieses Whatsout, oder Hangapps, oder so …

24. Februar 2016

Kürzlich las ich sehr interessiert in der FAZ einen Bericht über das neue Samsung Galaxy S7. Mich erfreute dabei besonders, dass Samsung sein neues Spitzenmodell wieder wasserdicht gemacht hat, und dass es auch wieder einen SD-Karten-Slot gibt, da mir beides Hoffnung macht, dass es eventuell nur ein bisschen schlechter als das S5 sein könnte. Egal, was mich aber noch viel mehr faszinierte als die enthaltenen Informationen über das Gerät, war dieser Abschnitt hier:

Der Akku des S6 ging bei einigen Nutzern schon in die Knie, bevor sie ihre Smartphones auf dem Nachttisch ans Ladegerät stöpselten. In der heutigen Zeit – trotz ständiger Verfügbarkeit von Steckdosen – eine Unmöglichkeit. Zwar hatte Samsung die Schnellladezeit eingeführt, so dass man innerhalb einer halben Stunde fünfzig Prozent des Akkus wieder gefüllt hatte. Doch ein Akku muss mindestens einen Tag unter Dauerbelastung halten. Fertig.

Ich frage mich, wie sowas passieren kann. Versteht ihr das?

Die Leute, die da arbeiten, haben doch garantiert Smartphones. Blackberrys vielleicht, aber sogar als Blackberry-Nutzer(in) müsste man es doch besser wissen. Ich würde einen mittleren Betrag darauf verwetten, dass es derzeit kein gängiges Smartphone gibt, dessen Akku „unter Dauerbelastung“ länger als zwölf Stunden hält. Ich meine jetzt, solche, die man beim T-Punkt um die Ecke in die Hand nehmen kann. Dass man vielleicht irgendwo im Internet ein exotisches Fabrikat mit winzigem Schwarzweißdisplay findet, das sowas kann, will ich nicht ausschließen, aber unter den üblichen normal leistungsfähigen Modellen der großen Herstellerinnen doch nicht. Oder verstehen die unter „Dauerbelastung“ was Anderes als wir? Ist das ein Mobiltelefonrezensent(inn)en-Terminus für „Alle zwei Stunden mal nachsehen, ob es noch eingeschaltet ist“

Es wäre jetzt wahrscheinlich nicht angemessen, von gewissen grundsätzlichen Positionen der FAZ auf den Umgang von deren Redakteur(inn)en mit modernen vernetzten Gerätschaften zu schließen, aber die Versuchung ist groß, sich die Gespräche in der Redaktion vorzustellen.

„Was, man kann damit auch SMS schicken?? Dann wird die Akkulaufzeit ja NOCH kürzer!! Ich muss meins ja jetzt schon fast jede Woche laden! Also, manchmal vergess ichs natürlich und merk dann erst ein paar Monate später, dass ich gar nicht erreichbar war, aber …“

Das würde auch erklären, warum solche Berichte in den großen Tageszeitungen immer so exzessiv auf dem Material des Gehäuses, dem Gewicht, der Größe und lauter solchen Sachen rumreiten, die keine Sau interessieren (sollten). Ist euch das auch schon mal aufgefallen?

„Zwar liegt das neue S7 Edge gut in der Hand, aber als Mausunterlage eignet sich das iPad dann doch erheblich besser. Mein kippelnder Esstisch hingegen scheint am ehesten mit dem Nexus 5 kompatibel, das mir meine Frau mal geschenkt hat. Nach wie vor störend ist das Fehlen einer Wählscheibe. Das Erstellen von Fernsprechverbindungen wurde dadurch immer wesentlich erleichtet. Als besonders bedauerlich bewerten wir, dass Samsung sich auch bei diesem Modell wieder dagegen entschieden hat, den Akku mit einem praktischen Schultergurt zu versehen, wie wir ihn bei unserem Siemens C-Netz-Gerät immer sehr zu schätzen wussten …“


Es ist ja nicht so, als würde ich gerne Rassisten verteidigen

21. Februar 2016

Und so ganz eigentlich mach ichs ja auch nicht. Aber ich finde schon sehr nachdrücklich, dass dringend jemand sagen sollte, wie unfassbar dämlich und falsch und abwegig diese Äußerung von Sachsens Ministerpräsident Tillich über die grölenden Menschen vor der brennenden Asylunterkunft in Bautzen und dem Bus mit ankommenden Flüchtlingen in Clausnitz ist:

„Das sind keine Menschen, die so was tun“, sagte er über den grölenden Mob von Clausnitz und die jubelnden Schaulustigen in Bautzen. „Das sind Verbrecher. Widerlich und abscheulich ist das“

Es wird schlimmer dadurch, dass er das a) als Ministerpräsident sagt, also aus einer Position als Repräsentant des Staates, die ihm eine besondere Verantwortung auferlegt, und dass er b) beinahe Recht hat. Denn widerlich und abscheulich ist es ja wirklich.

Aber trotzdem ist es in meinen Augen ein sehr, sehr falscher Weg, diesen Leuten die Zugehörigkeit zur Menschheit abzusprechen, und sie „Verbrecher“ zu nennen. Beides offenbart für mich, gerade von einem Regierungschef, einer äußerst besorgniserregende Einstellung auf mehreren verschiedenen Ebenen.

Eine ist natürlich die Unfähigkeit oder Unwilligkeit, Kritik am Verhalten seiner Bürger auf sachgerechte Weise zu äußern und zu begründen, und die Präferenz, stattdessen genau das zu tun, was man denen mit faschistoider Gesinnung vorwirft: Mitmenschen in richtige Menschen und … Untermenschen einzuteilen. Das will ich nicht unnötig vertiefen, weil es fast trivial ist.

Viel wichtiger finde ich schon einen zweiten Aspekt, den ich hier kürzlich so erklärt habe: Die Leute, die da Unterkünfte von Vertriebenen anzünden, die Naziparolen rufen und demonstrieren, ebenso wie die Leute, die in irgendwelchen ekligen Blogs oder Zeitungen vorgeblich asylkritische Posts schreiben, sind Leute. Irregeleitete Leute, die Falsches denken, und Schlimmes tun, und zu denen wir deshalb sicher auch mal unhöflich sein dürfen, wenn die Situation es opportun erscheinen lässt. Aber sie sind doch Leute, und gerade wenn sie so laut schimpfen und gröhlen und pöbeln und zündeln wie jetzt, ist es in meinen Augen nicht der richtige Weg, zurückzuschimpfen und zu -pöbeln, und so zu tun, als wären sie gar keine wahren Schotten einfach irgendein scheußliches Gesindel, das versehentlich hier in unser eigentlich doch so schönes Deutschland gekrochen ist. Sondern zu erklären. Es besser zu machen. Die Ursachen des Problems zu bekämpfen.

Am bedenklichsten ist in meinen Augen die offensichtliche Wurstigkeit gegenüber einigen sehr bedeutsamen Begriffen, die mich daran zweifeln lässt, dass er das Konzept des Rechtsstaats so richtig verinnerlicht hat. Fangen wir mit dem offensichtlichsten an: Wenn Tillich diese Bürger des Bundeslandes, dessen Regierungschef er ist, nicht als Menschen sieht, folgt daraus ganz zwingend, dass er ihnen auch keine Menschenrechte und überhaupt keinen Status als Rechtssubjekte zugesteht. Dass das inakzeptabel ist, egal was für schlimme Leute es sind, muss ich nicht erklären, oder? Zweitens nennt er Leute „Verbrecher“, die nicht mehr getan haben, als im Weg rumzustehen und sich über etwas sehr Unerfreuliches zu freuen. Das ist kein Verbrechen. Das ist nicht mal grundsätzlich eine Straftat. Und verdammt noch mal, nein, das ist doch nicht kleinlich und überpenibel von mir, wenn ich mir wünsche, dass ein Regierungschef darauf verzichtet, Leute öffentlich als Verbrecher zu bezeichnen, die keine Straftat begangen haben, oder? Und schließlich denke ich, dass man seine Äußerung nicht besonders überdehnen muss, um „Das sind keine Menschen, die so was tun. Das sind Verbrecher.“ so zu verstehen, dass er hier aus seiner Sicht disparate Gruppen nennt. Es gibt aus seiner Sicht Menschen, und es gibt Verbrecher, und das sind in seinen Augen verschiedene Gattungen. Nun sind aber Menschen, die Verbrechen begangen haben, immer noch Menschen, mit Anspruch auf menschenwürdige Behandlung und die Achtung ihrer Menschenrechte. Herr Tillich scheint das nicht so zu empfinden.

Natürlich gehe ich davon aus, dass Herr Tillich das nicht bewusst und explizit so denkt. Aber ich finde erstens, dass es umso trauriger ist, wenn er es trotzdem sagt, und zweitens, dass es dennoch kein weiter Weg ist von so einem hilflos artikulierten Gefühl zu tatsächlichem Fehlverhalten.

Und Ihr so?


A propos fundamentales Missverständnis

9. Februar 2016

The Daily Beast hat mit Joel und Ethan Coen gesprochen, über #OscarsSoWhite und so. Ich mag die Filme der beiden, meistens zumindest. Zumindest so, dass ich ihnen erheblich mehr zugetraut hätte als das Lehrstück an Ignoranz, das dabei herausgekommen ist.

Oscar-winning duo Joel and Ethan Coen let out matching bemused groans at the mention of the hot-button #OscarsSoWhite controversy […]

“[That’s] assigning way too much importance to the awards,” said Joel

Genau. Wenn das mal keine valide Reaktion darauf ist, dass Leute finden, dass die Academy Awards nicht genug Repräsentanz für nicht privilegierte Gruppen (Ich bin gerade zu faul, einen treffenderen Sammelbegriff zu bilden.) bieten, dann weiß ich auch nicht. Ist doch egal, stellt euch nicht so an. Wir als erfolgreiche weiße Filmemacher finden, dass ihr das überdramatisiert.

Ja gut, kann man jetzt sagen. Einem einzigen Satz solltest du nicht so viel Gewicht beimessen. Vielleicht ist das halt ein Steckenpferd von Joel Coen, dass ihm auf den Geist geht, wie wichtig Leute die Awards nehmen, obwohl Awards ja nun mal doof sind, und das sind sie doch sogar wirklich, oder? Und sein Bruder sagt doch sogar: „Diversity’s important„, und das zeigt doch, dass sies doch verstanden haben, oder nicht?

Ja gut, müsste ich dann sagen. Aber zum Glück geht das Gespräch noch weiter, und wird noch … Je nach dem, wie mans sieht, besser oder schlimmer: Die Interviewerin fragt nämlich auch noch, warum der aktuelle Film der beiden Brüder, Hail Caesar, nicht mehr Charaktere enthält, die Minderheiten angehören. Und auch hier wieder könnte man vermuten, dass Joel direkt aus dem „Wie mans nicht macht“-Handbuch vorliest:

“Why would there be?” countered Joel Coen. “I don’t understand the question. […] Not why people want more diversity—why they would single out a particular movie and say, ‘Why aren’t there black or Chinese or Martians in this movie? What’s going on?’ That’s the question I don’t understand. The person who asks that question has to come in the room and explain it to me. […] It’s a fundamental misunderstanding of how stories are written. So you have to start there and say, ‘You don’t know what you’re talking about. […] You don’t sit down and write a story and say, ‘I’m going to write a story that involves four black people, three Jews, and a dog,’—right? That’s not how stories get written. If you don’t understand that, you don’t understand anything about how stories get written and you don’t realize that the question you’re asking is idiotic.

Und das ist halt der Punkt, an dem wir nicht mehr um die Erkenntnis herum kommen, dass Joel und Ethan – er pflichtet seinem Bruder zwischendrin bei – nicht die Leute sind, mit denen man über sowas reden sollte, wenn man nicht wie ich perfekte Beispiel für schauderhaften Bullshit sucht, um anschließend drüber zu schimpfen.

Außerdem ist das vielleicht der Punkt, an dem wir die Interviewerin wirklich ernsthaft dafür bewundern, dass sie noch weiter mit den beiden redet. Aber wir wollen uns nicht ablenken lassen.

Denn Joel Coen demonstriert mit seiner Antwort erschütternderweise nicht nur, dass er auch keine Ahnung davon hat, wie Geschichten geschrieben werden. Das ist übrigens nicht so überraschend, wie man meinen sollte, denn man kann nun mal großartige Kunstwerke erschaffen, ohne sich drüber im Klaren zu sein, wie. Ich kann auch nicht komplett erklären, wie ich meine Geschichten schreibe. Aber was jedenfalls noch wichtiger ist: Joel Coen demonstriert auch, dass er ganz fundamental nicht versteht, worum es bei der Frage nach Repräsentation geht. Denn genau das, was er sagt, als Beleg dafür, dass es kein Problem gibt, zumindest nicht in seinem Film, genau das ist das Problem.

Warum spielen in meinen Geschichten fast nur weiße, heterosexuelle cis-Männer und -Frauen ohne Migrationshintergrund mit? Liegt das daran, wie Ethan Coen sagt, dass

It’s important to tell the story you’re telling in the right way, which might involve black people or people of whatever heritage or ethnicity—or it might not.

Habe ich mir gründlich überlegt, wie ich meine Geschichten schreibe, und dann entschieden, dass der einzig richtige, der beste Weg zu ihrem stets beeindruckenden Finale über vorrangig privilegierte Bevölkerungsgruppen führt? Oder ist es vielleicht so, dass es mir meistens gar nicht in den Sinn kommt, Charaktere zu schreiben, die Minderheiten angehören, weil der Standard eben für mich weiß, heterosexuell, cis und so weiter ist?

Für mich ist es Letzteres, und ich finde, das macht meine Geschichten … vielleicht nicht mal unbedingt schlechter im Unterhaltungswert, oder vielleicht sogar doch. Aber es ist jedenfalls jedes Mal eine vertane Chance, Minderheiten, die in unserer Gesellschaft immer noch benachteiligt werden, Repräsentation zu bieten, sie ein bisschen normaler zu machen, und die privilegierten Gruppen ein bisschen weniger zum Standard.

Und natürlich kann ich nicht ausschließen, dass Joel und Ethan das ganz anders machen. Vielleicht ist das ja der Grund, dass ihre Geschichten von Millionen von Menschen rezipiert werden, und meine maximal von Dutzenden. Vielleicht prüfen sie wirklich immer ganz gründlich, ob die eine richtige Art, ihre Geschichten zu erzählen, Minderheiten berücksichtigt oder eher nicht, und kommen dann halt immer zu dem Ergebnis, dass diese eine richtige Art Minderheiten eher nicht so sehr berücksichtigt.

Aber ich glaubs halt nicht, und ich denke, wer das anders sieht, muss nur das Interview noch mal lesen.

Oder was denkt ihr?


Have you ever told a lie?

8. Februar 2016

fragt Ray Comfort gerne in seinen Bekehrungsgesprächen. Er fragt das, weil er weiß, dass jede(r) von uns darauf ehrlicherweise mit „Ja, ziemlich oft sogar.“ antworten muss. Er fragt das, weil er daraus dann folgert, dass die Person, mit der er redet, ein Lügner ist, oder eine Lügnerin, und deshalb kein guter Mensch sein kann, und deshalb ordentlich Angst vor seinem Gott haben muss, weil er ihn nach seinem (oder ihrem) Tod richten wird.

Wie ich darauf jetzt komme? Ja, das ist so:

Dunja Hayali hat eine Goldene Kamera gewonnen (Sehr schöner Erfahrungsbericht hier.), und in ihrer Dankesrede dazu gibt sie sogar zu erkennen, dass sie Comforts Gambit nicht akzeptiert.

Wir sind Journalisten, wir sind keine Übermenschen. Wir machen Fehler. Deswegen sind wir aber noch lange keine Lügner.

Und natürlich sagt sie auch noch ganz viele andere gute Sachen und wirkt rundum wie eine extrem sympathische und wunderbare Person, aber sie sagt auch etwas, das ich als ein bisschen problematisch empfinde. Sie sagt:

wenn Sie sich rassistisch äußern, dann sind Sie verdammt noch mal ein Rassist.

Und … Sie meint das gewiss gut. Und in gewisser Weise ist da auch was dran, und in gewisser Weise ist es vielleicht sogar wichtig, sowas zu sagen. Aber in anderer Hinsicht ist halte ich es eben auch für schwierig.

Denn wir alle äußern uns gelegentlich rassistisch. Das liegt daran, dass wir alle gewisse rassistische Denkmuster, Ideen, Gefühle, und so weiter, internalisiert haben, weil wir gar nicht anders können. Macht uns das alle zu Rassisten, und Rassistinnen? In gewisser Weise ja, und wie gesagt, in gewisser Weise ist es gut, sich daran zu erinnern.

Aber wenn man so etwas in so einem Kontext ohne nähere Erläuterung sagt, dann ist es schwierig. Denn dann klingt es eher wie Ray Comforts Ansatz, der den Unterschied verwischt zwischen Leuten, die gelegentlich mal lügen (wie wir alle), wenn sie mehr oder weniger gute Gründe dafür haben, und Leuten, die gewohnheitsmäßig lügen und denen man deshalb nicht vertrauen kann. Wenn ich jemanden ohne nähere Erläuterung als Rassistin bezeichne, dann drücke ich damit nicht nur aus, dass diese Person mal was Rassistisches gesagt hat, sondern dann drücke ich damit normalerweise aus, dass ich diese Person für so durchdrungen und überzeugt von rassistischem Gedankengut halte, dass … ja, was eigentlich? Vielleicht so: Dass Beiträge von ihr zumindest zu Themen in derartigen Zusammenhängen nicht mehr ernst zu nehmen sind. Vielleicht sogar so, dass ich sie für einen schlechten Menschen halte.

Und deshalb finde ich diesen Satz von Frau Hayali nicht so gut. Weil ich sehr dafür bin, Ideen zu kritisieren, gerne auch hart und direkt, aber eher dagegen, Leute aufgrund einzelner Fehler gleich mit Etiketten zu versehen, die vielleicht gar nicht passen. Weil das auch die Debatte erschwert, denn wenn ich jemanden in einer Diskussion einen Rassisten nenne, dann werde ich damit in der Regel bewirken, dass die Person sich angegriffen fühlt und zumacht, und vergebe damit wahrscheinlich meine Chance, ihr zu erläutern, warum ich, was sie gesagt hat, als rassistisch wahrnehme, und warum das ein Problem ist.

Das Risiko kann man in Kauf nehmen, klar. Aber ich finde, dass es meistens viel wichtiger ist zu klären, ob bestimmte Äußerungen (und Verhaltensweise, und Gedanken, und so weiter) rassistisch sind, oder nicht, und warum, und inwiefern das schädlich sein könnte, als drüber zu streiten, ob bestimmte Menschen dabei schon ein Maß erreicht haben, das ausreicht, um Rassismus zu einem so dominierenden Zug ihrer selbst zu machen, dass wir ihn ihnen als Etikett ankleben dürfen.

Ich finde ein anderes Prinzip eigentlich viel wichtiger:

Wenn Sie sich rassistisch äußern, dann haben Sie sich verdammt noch mal rassistisch geäußert. Ganz egal, ob Sie sich selbst oder irgendjemand sonst Sie generell als Rassistin wahrnehmen.

Oder?