Have you ever told a lie?

fragt Ray Comfort gerne in seinen Bekehrungsgesprächen. Er fragt das, weil er weiß, dass jede(r) von uns darauf ehrlicherweise mit „Ja, ziemlich oft sogar.“ antworten muss. Er fragt das, weil er daraus dann folgert, dass die Person, mit der er redet, ein Lügner ist, oder eine Lügnerin, und deshalb kein guter Mensch sein kann, und deshalb ordentlich Angst vor seinem Gott haben muss, weil er ihn nach seinem (oder ihrem) Tod richten wird.

Wie ich darauf jetzt komme? Ja, das ist so:

Dunja Hayali hat eine Goldene Kamera gewonnen (Sehr schöner Erfahrungsbericht hier.), und in ihrer Dankesrede dazu gibt sie sogar zu erkennen, dass sie Comforts Gambit nicht akzeptiert.

Wir sind Journalisten, wir sind keine Übermenschen. Wir machen Fehler. Deswegen sind wir aber noch lange keine Lügner.

Und natürlich sagt sie auch noch ganz viele andere gute Sachen und wirkt rundum wie eine extrem sympathische und wunderbare Person, aber sie sagt auch etwas, das ich als ein bisschen problematisch empfinde. Sie sagt:

wenn Sie sich rassistisch äußern, dann sind Sie verdammt noch mal ein Rassist.

Und … Sie meint das gewiss gut. Und in gewisser Weise ist da auch was dran, und in gewisser Weise ist es vielleicht sogar wichtig, sowas zu sagen. Aber in anderer Hinsicht ist halte ich es eben auch für schwierig.

Denn wir alle äußern uns gelegentlich rassistisch. Das liegt daran, dass wir alle gewisse rassistische Denkmuster, Ideen, Gefühle, und so weiter, internalisiert haben, weil wir gar nicht anders können. Macht uns das alle zu Rassisten, und Rassistinnen? In gewisser Weise ja, und wie gesagt, in gewisser Weise ist es gut, sich daran zu erinnern.

Aber wenn man so etwas in so einem Kontext ohne nähere Erläuterung sagt, dann ist es schwierig. Denn dann klingt es eher wie Ray Comforts Ansatz, der den Unterschied verwischt zwischen Leuten, die gelegentlich mal lügen (wie wir alle), wenn sie mehr oder weniger gute Gründe dafür haben, und Leuten, die gewohnheitsmäßig lügen und denen man deshalb nicht vertrauen kann. Wenn ich jemanden ohne nähere Erläuterung als Rassistin bezeichne, dann drücke ich damit nicht nur aus, dass diese Person mal was Rassistisches gesagt hat, sondern dann drücke ich damit normalerweise aus, dass ich diese Person für so durchdrungen und überzeugt von rassistischem Gedankengut halte, dass … ja, was eigentlich? Vielleicht so: Dass Beiträge von ihr zumindest zu Themen in derartigen Zusammenhängen nicht mehr ernst zu nehmen sind. Vielleicht sogar so, dass ich sie für einen schlechten Menschen halte.

Und deshalb finde ich diesen Satz von Frau Hayali nicht so gut. Weil ich sehr dafür bin, Ideen zu kritisieren, gerne auch hart und direkt, aber eher dagegen, Leute aufgrund einzelner Fehler gleich mit Etiketten zu versehen, die vielleicht gar nicht passen. Weil das auch die Debatte erschwert, denn wenn ich jemanden in einer Diskussion einen Rassisten nenne, dann werde ich damit in der Regel bewirken, dass die Person sich angegriffen fühlt und zumacht, und vergebe damit wahrscheinlich meine Chance, ihr zu erläutern, warum ich, was sie gesagt hat, als rassistisch wahrnehme, und warum das ein Problem ist.

Das Risiko kann man in Kauf nehmen, klar. Aber ich finde, dass es meistens viel wichtiger ist zu klären, ob bestimmte Äußerungen (und Verhaltensweise, und Gedanken, und so weiter) rassistisch sind, oder nicht, und warum, und inwiefern das schädlich sein könnte, als drüber zu streiten, ob bestimmte Menschen dabei schon ein Maß erreicht haben, das ausreicht, um Rassismus zu einem so dominierenden Zug ihrer selbst zu machen, dass wir ihn ihnen als Etikett ankleben dürfen.

Ich finde ein anderes Prinzip eigentlich viel wichtiger:

Wenn Sie sich rassistisch äußern, dann haben Sie sich verdammt noch mal rassistisch geäußert. Ganz egal, ob Sie sich selbst oder irgendjemand sonst Sie generell als Rassistin wahrnehmen.

Oder?

Advertisements

3 Responses to Have you ever told a lie?

  1. David sagt:

    Joa. Habe genau diese Differenzierung auch immer als sehr nützlich empfunden, aus den Gründen, die Du nennst. Ich habe auch den Eindruck, daß die gerade antirassistisch sehr aktiven Leuten meistens ziemlich wichtig ist.

  2. onkelmaike sagt:

    Ja. Haste mit allem Recht. Ich selber würde mich ohne zu zögern als Rassistin bezeichnen, es ist aber wesentlich angenehmer, es selber zu tun, als wenn andere es einem vorwerfen. Und natürlich gehört man zu den besseren Rassist*innen, wenn man es selber zugibt, weil dann ja die Chance zur Veränderung 🙂 Und, in der Tat, der Großteil der Menschen ist vermutlich nicht so selbstreflektiert und bricht das Gespräch ab, wenn ihnen gesagt wird, sie seien Rassisten. Das machen die meisten wohl allerdings auch schon, wenn ihnen gesagt wird, ihre Aussage sei rassistisch. Viele kapieren ja noch nicht mal den von Dir skizzierten Unterschied (behaupte ich jetzt mal arrogant).

  3. gaius sagt:

    Volle Zustimmung! Das Etikett ist nur hinderlich bei der weiteren Kommunikation. In gewisser Weise ist jedes Etikett selbst „rassistisch“, weil es die Menschen in Gruppen einteilt, die angeblich verschieden sind. Wertvoller finde ich, die Kontinuität des Menschseins zu entdecken.

    Zu der Kontinuität gehört dann aber auch, dass wir – wie du sagst – alle im Grunde rassistisch sind. Menschen nach äußeren Merkmalen in Gruppen einzuteilen ist nun mal die simpelste Art, sich auf das vorzubereiten, was auf einen zukommt. Um zu merken, dass die so getroffenen Annahmen häufig nicht stimmen, kann man schon mal ein halbes Leben brauchen … (und bei manchen reicht ihr ganzes nicht).

Gib's mir!

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: