Es ist ja nicht so, als würde ich gerne Rassisten verteidigen

Und so ganz eigentlich mach ichs ja auch nicht. Aber ich finde schon sehr nachdrücklich, dass dringend jemand sagen sollte, wie unfassbar dämlich und falsch und abwegig diese Äußerung von Sachsens Ministerpräsident Tillich über die grölenden Menschen vor der brennenden Asylunterkunft in Bautzen und dem Bus mit ankommenden Flüchtlingen in Clausnitz ist:

„Das sind keine Menschen, die so was tun“, sagte er über den grölenden Mob von Clausnitz und die jubelnden Schaulustigen in Bautzen. „Das sind Verbrecher. Widerlich und abscheulich ist das“

Es wird schlimmer dadurch, dass er das a) als Ministerpräsident sagt, also aus einer Position als Repräsentant des Staates, die ihm eine besondere Verantwortung auferlegt, und dass er b) beinahe Recht hat. Denn widerlich und abscheulich ist es ja wirklich.

Aber trotzdem ist es in meinen Augen ein sehr, sehr falscher Weg, diesen Leuten die Zugehörigkeit zur Menschheit abzusprechen, und sie „Verbrecher“ zu nennen. Beides offenbart für mich, gerade von einem Regierungschef, einer äußerst besorgniserregende Einstellung auf mehreren verschiedenen Ebenen.

Eine ist natürlich die Unfähigkeit oder Unwilligkeit, Kritik am Verhalten seiner Bürger auf sachgerechte Weise zu äußern und zu begründen, und die Präferenz, stattdessen genau das zu tun, was man denen mit faschistoider Gesinnung vorwirft: Mitmenschen in richtige Menschen und … Untermenschen einzuteilen. Das will ich nicht unnötig vertiefen, weil es fast trivial ist.

Viel wichtiger finde ich schon einen zweiten Aspekt, den ich hier kürzlich so erklärt habe: Die Leute, die da Unterkünfte von Vertriebenen anzünden, die Naziparolen rufen und demonstrieren, ebenso wie die Leute, die in irgendwelchen ekligen Blogs oder Zeitungen vorgeblich asylkritische Posts schreiben, sind Leute. Irregeleitete Leute, die Falsches denken, und Schlimmes tun, und zu denen wir deshalb sicher auch mal unhöflich sein dürfen, wenn die Situation es opportun erscheinen lässt. Aber sie sind doch Leute, und gerade wenn sie so laut schimpfen und gröhlen und pöbeln und zündeln wie jetzt, ist es in meinen Augen nicht der richtige Weg, zurückzuschimpfen und zu -pöbeln, und so zu tun, als wären sie gar keine wahren Schotten einfach irgendein scheußliches Gesindel, das versehentlich hier in unser eigentlich doch so schönes Deutschland gekrochen ist. Sondern zu erklären. Es besser zu machen. Die Ursachen des Problems zu bekämpfen.

Am bedenklichsten ist in meinen Augen die offensichtliche Wurstigkeit gegenüber einigen sehr bedeutsamen Begriffen, die mich daran zweifeln lässt, dass er das Konzept des Rechtsstaats so richtig verinnerlicht hat. Fangen wir mit dem offensichtlichsten an: Wenn Tillich diese Bürger des Bundeslandes, dessen Regierungschef er ist, nicht als Menschen sieht, folgt daraus ganz zwingend, dass er ihnen auch keine Menschenrechte und überhaupt keinen Status als Rechtssubjekte zugesteht. Dass das inakzeptabel ist, egal was für schlimme Leute es sind, muss ich nicht erklären, oder? Zweitens nennt er Leute „Verbrecher“, die nicht mehr getan haben, als im Weg rumzustehen und sich über etwas sehr Unerfreuliches zu freuen. Das ist kein Verbrechen. Das ist nicht mal grundsätzlich eine Straftat. Und verdammt noch mal, nein, das ist doch nicht kleinlich und überpenibel von mir, wenn ich mir wünsche, dass ein Regierungschef darauf verzichtet, Leute öffentlich als Verbrecher zu bezeichnen, die keine Straftat begangen haben, oder? Und schließlich denke ich, dass man seine Äußerung nicht besonders überdehnen muss, um „Das sind keine Menschen, die so was tun. Das sind Verbrecher.“ so zu verstehen, dass er hier aus seiner Sicht disparate Gruppen nennt. Es gibt aus seiner Sicht Menschen, und es gibt Verbrecher, und das sind in seinen Augen verschiedene Gattungen. Nun sind aber Menschen, die Verbrechen begangen haben, immer noch Menschen, mit Anspruch auf menschenwürdige Behandlung und die Achtung ihrer Menschenrechte. Herr Tillich scheint das nicht so zu empfinden.

Natürlich gehe ich davon aus, dass Herr Tillich das nicht bewusst und explizit so denkt. Aber ich finde erstens, dass es umso trauriger ist, wenn er es trotzdem sagt, und zweitens, dass es dennoch kein weiter Weg ist von so einem hilflos artikulierten Gefühl zu tatsächlichem Fehlverhalten.

Und Ihr so?

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3 Responses to Es ist ja nicht so, als würde ich gerne Rassisten verteidigen

  1. Reinard sagt:

    Ist mir auch sehr hart aufgestossen. Bei aller Wut, die innerlich kocht. »Keine Menschen« ist voll 3. Reich. Unumwunden so formuliert von mir.

  2. gaius sagt:

    Absolut. Wer so was sagt, hat die Grundlagen nicht verstanden.

  3. lewenstein sagt:

    Die Bezeichnung „Mensch“ ist in diesem Falle vermutlich nichts weiter, als eine Art Adelsprädikat oder Orden.

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