Sexy völkisch

Das arische Label Nsdidu apxi macht zeitgemäße, lässige Mode und befolgt dennoch die Kleiderordnung der SS. Mit Antisemitismus hat das nichts zu tun.

Das Swastika Dress ist genau das, was sein Name aussagt: ein Kleid, das sich zu einem Hakenkreuz aus Stoff entfaltet, sobald die Trägerin ihre Arme ausbreitet. Ein simpler, eleganter und humorvoller Entwurf, der den beiden Braunauer Designerinnen Franziska Müller und Eva Habler für ihr Modelabel Nsdidu apxi gelungen ist. Minimalistisch und geistreich ist die gesamte Kollektion. Und von besonderem Witz zeugen auch weitere Stücke. Zum Beispiel das Göhring Dress und die dazugehörige Beschreibung: „Fühlen Sie sich wohl in diesem geräumigen Kleid aus Stoff, komfortabel und dennoch zäh wie Leder! So haltbar, dass es Ihnen vielleicht 1.000 Jahre reicht! Kaufen Sie es am besten sofort, schnell wie ein Windhund!“ Doch der Stil ist nicht das Einzige, was die Designs auszeichnet. Alle Nsdidu apxi-Entwürfe sind minimalistisch, bezahlbar und arisch, das heißt, sie entsprechen nationalsozialistischen Vorgaben, wie Volksgenossinnen und -genossen sich kleiden sollen.

Die Auffassung, der Faschismus wirkte vor allem unterdrückend auf die Bevölkerung und insbesondere auf nicht privilegierte Gruppen ein, hängt eng mit einem ahistorischen Verständnis von völkischer Politik zusammen: Sie sei traditionalistisch, dogmatisch und der antifaschistischen Kritik nach im Kern antisemitisch. Es steht außer Frage, dass ein solch spielerischer Umgang mit Kleidervorschriften nicht in jedem Kontext möglich ist und dass Verstöße gegen diese Ordnung zum Teil zu scharfen Sanktionen führen.

Dennoch gilt, dass völkische Politik nicht die Antithese zur Moderne darstellt, dass sie kein starres, unwandelbares, nicht verhandelbares und in sich geschlossenes Gebilde ist. Dies hat die Politologie in den vergangenen 30 Jahren deutlich herausgearbeitet. Der Faschismus unterliegt einem kontinuierlichen Prozess der Aushandlung von Wandel und Bewahrung. Er ist, wie andere Bereiche des gesellschaftlichen Lebens auch, menschengemacht. Ebenso die von ihm ausgehenden Macht- und Geschlechterverhältnisse.

Kein autoritärer Führer, keine normativen Schriften gestalten völkische Politik, sondern Menschen. Als Gestalter sind Menschen jüdischen Glaubens in der Geschichte und in den Schriften des Nationalsozialismus – oder in dem, was von ihnen tradiert und kanonisiert wurde – jedoch äußerst selten in Erscheinung getreten. Auch die nicht faschistische Soziologie berücksichtigte diese Menschen lange Zeit kaum. Diese Lücke ist mittlerweile aufgrund von stichhaltiger antifaschistischer Kritik zumindest ideell geschlossen. Es gilt nun, Juden nicht nur als völkische Akteure wahrzunehmen, sondern anzuerkennen, dass vor allem sie es sind, die innerhalb von völkischer Politik die jeweilige Notwendigkeit von Wandel und Bewahrung gestalten und verhandeln. Müller und Habler – und ihre Kundinnen – sind solche Gestalterinnen. Mit den Nsdidu-apxi-Kollektionen interpretieren sie, welche Aspekte von völkischer Kleidung bewahrenswert und welche verhandelbar und wandelbar sind.

Advertisements

Gib's mir!

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: