Journalistin des Jahres

Anja Reschke hat einen Preis gewonnen, weil sie gesagt hat, dass sie Rassismus doof findet, und aus diesem Anlass eine Rede gehalten, in der sie über die Unsicherheiten spricht, die ihr die Arbeit schwer machen und wegen derer sie auch nicht richtig weiß, wie es geht. Ich finde es einerseits als Faustregel immer ehrenwert, wenn Leute Schwächen und Zweifel eingestehen, und auch Frau Reschke macht auf mich einen immens sympathischen Eindruck, aber was sie schildert, und die Art, wie sie es schildert, kommt mir symptomatisch vor für diverse Probleme des Journalismus, darunter auch die, die sie beklagt. Frau Reschkes Rede illustriert sehr anschaulich und konkret, was mein Eindruck von der Selbstwahrnehmung vieler Journalisten ist, und warum ich mir da einige Verbesserungen wünsche.

Und, wie soll ich sagen, auch wenn ihre Schlussfolgerung mir vielversprechend erscheint (dazu dann mehr), finde ich den Weg dahin, und wie sie den schildert … doch arg erstaunlich, wegen dessen, was er meines Erachtens über Frau Reschkes Wahrnehmung ihrer Tätigkeit oder zumindest über Frau Reschkes Einschätzung der Wahrnehmung ihres Publikums verrät. Zum Beispiel schildert sie die sehr polarisierten Reaktionen auf ihren Kommentar damals, ihr wisst schon, und ist dann ganz verblüfft und erschrocken, dass manche Leute sie toll finden, und andere total doof, weil:

Ich bin kein Akteur, ich bin kein Politiker, ich hab nichts entschieden […]. Ich hab eigentlich nur berichtet – oder in diesem Fall: kommentiert.

Zu viel Bissigkeit ist hier wahrscheinlich nicht angemessen, denn Frau Reschke meint es ja wirklich gut und sagt durchaus auch kluge Sachen, aber dieser Abschnitt ihrer Rede illustriert für mich, dass für sie die Welt wohl bis vor Kurzem noch so aussah, dass Journalisten durch ihre Tätigkeit nicht Akteure in Konflikten sind, keine Entscheidungen treffen, und – vielleicht etwas überspitzt – auch keiner Bewertung zugänglich, weil sie ja „eigentlich nur“ berichten. Oder halt kommentieren. Findet ihr diese beiläufige Verwischung des Unterschieds zwischen Bericht und Kommentar auch ein bisschen eigenartig? In einer spontanen Rede kann sowas leicht mal passieren, aber ich weiß nicht, wie spontan die war, und dies hier ist ja schon die -wenn auch nur leicht- redigierte Schriftfassung.

Mich stört aber vor allem, dass diese Äußerung von in meinen Augen fahrlässigem Verkennen der eigenen Verantwortung zeugt. Frau Reschke sagt das selber später noch mal, aber so, als wäre es neu, und das kann ja nun wirklich niemand im Ernst glauben: Wer öffentlich berichtet und kommentiert, ist Akteurin, beeinflusst das Geschehen, trifft Entscheidungen darüber, wie sie es tut, und setzt sich und ihren Kommentar damit einer öffentlichen Diskussion aus. Dass die natürlich nicht so grob beleidigend sein sollte, wie sie es gegenüber Frau Reschke teilweise war, müssen wir nicht diskutieren. Aber das Erstaunen ob der bloßen Tatsache, dass es Menschen aufregen und bewegen kann, wenn jemand „nur […] kommentiert“, kann ich nicht verstehen, und wenn ich es versuche, dann nur als bedenkliches Zeichen über den Stand der Reflexion über die eigene Verantwortung deuten.

Die einen sehen darin [in den Flüchtlingen] arme Seelen, denen man helfen muss, die man versorgen muss. Andere sehen in den Flüchtlingen gar die Lösung unseres demographischen Problems. Und wieder andere nehmen sie als „Invasoren“ wahr […]. Tja, sagen was ist. Was ist denn jetzt? Was sag ich denn jetzt? Was ist das Richtige?

Hier so ähnlich: Frau Reschke drückt Erstaunen, Verwirrung und meines Erachtens auch eine gewisse Empörung darüber aus, dass Leute einen Sachverhalt unterschiedlich bewerten und Fakten unterschiedlich einschätzen, und dass das ja ihre Aufgabe, wahrhaftig zu berichten, so fies erschwert. Ich weiß nicht, ob das in diesen isolierten Zitaten hinreichend rüberkommt, aber ich finde, in der ganzen Rede klingt immer so ein bisschen Larmoyanz mit. Wenn ihr mögt, folgt gerne dem Link und schaut, ob es an mir liegt, oder ob ihr sie auch findet. Und, ich schwöre: ganz ohne bösen Willen frage ich mich da: Wie hat sie sich das denn vor ihrer Epiphanie vorgestellt? Laufen da draußen Journalistinnen rum, die der Meinung sind, man könnte doch sinnvoll nur über Sachverhalte berichten, zu denen bereits ein gesicherter Konsens in der Bevölkerung besteht, zu denen es keine nennenswert abweichenden Meinungen gibt, und zu denen rundum für alle alles geklärt ist? Und alle Fragen, deren Antworten nicht auf den ersten Blick auf der Hand liegen, sind eben leider einer seriösen Berichterstattung nicht zugänglich, weil man ja berichten will, was ist, und das dann nun mal nicht geht, schade, aber was willste machen?

Ich will das gar nicht so polemisch formulieren, wie es klingt. Ich versuche nur wiederzugeben, was ich für die einzig sinnvolle Deutung des Hintergrundes von Frau Reschkes Fragen halte. Denn wenn man – wie ich es immer für offensichtlich hielt – gerade als die Grundlage der Existenzberechtigung von Journalismus deutet, dass schwierige Fragen bearbeitet werden müssen, dass Menschen Informationen brauchen über schwierige, umstrittene Themen, und jemanden, der oder die ihnen einen Überblick vermittelt, einordnet, Unklarheiten benennt, aber auch verfügbare Informationsquellen nutzt, um so weit wie möglich aufzuklären, dann kann man eigentlich nicht an dieser Aufgabe zweifeln, weil man vor einem umstrittenen Sachverhalt steht, über den Menschen öffentlich verschiedene Ansichten äußern.

Wir haben auch versucht, den anderen Ängsten zu begegnen und ihnen Fakten dagegenzustellen. […] es hilft nichts. Angst lässt sich nicht so leicht wegwischen.

Ähnliches Problem. Aus diesen Sätzen höre ich im Kontext der Rede wieder, wenn auch etwas anders, die Erwartungshaltung heraus, dass es ganz einfach zu sein habe. Die Entrüstung darüber, dass man doch jetzt versucht hat, den Leuten zu sagen, was sie denken sollen, und die es aber trotzdem nicht machen, und die Implikation, dass unter solchen Bedingungen doch niemand vernünftig arbeiten könne.

Und als kurzer Einwurf muss es sein, finde ich: Frau Reschke spricht mit dem „Wir“ wohl nur von der Panorama-Redaktion, aber trotzdem. Es ist ja nicht so, als hätten wir in den letzten Monaten eine gemeinsame Anstrengung aller Journalisten Deutschlands erlebt, den Ängsten mancher Leute Fakten entgegen zu stellen. Es gab genug, die eifrig das Gegenteil versucht haben. Ich muss keine Beispiele verlinken, oder? Manche von euch haben ja vielleicht gerade gegessen.

Es ist so ein Willkommen-im-Leben-Gefühl, das mich die ganze Zeit bei der Lektüre von Frau Reschkes Ansprache begleitet hat. So ein Eindruck, dass die Dinge, die sie beklagt, wirklich sehr schade sind, aber verbunden mit der Frage, ob das wirklich so verblüffend für sie ist, wie es klingt. Ein bisschen, als würde ein erwachsener Mensch einem ganz aufgeregt und voller Entsetzen berichten, dass er gar nicht aus eigner Kraft fliegen kann und deshalb über tausend Euro bezahlen muss, um nach Australien zu kommen. Oder so. Aber vielleicht tue ich ihr auch ganz Unrecht, vielleicht ist ihr das alles auch schon lange klar, und sie will nur Missverständnisse darüber ausräumen, wie ihr Beruf wahrgenommen wird, und was Leute von Journalisten erwarten. Nur dass eben für mich nicht so klingt, denn sie schildert ja explizit ihre eigene Verwirrung und Ratlosigkeit. Vielleicht will sie diese Ratlosigkeit nur offen legen, und Leute darüber informieren, dass Journalistinnen auch nicht viel mehr wissen (können) als sie selbst, und auch nicht viel mehr Einfluss haben. Aber andererseits hat sie doch oben drüber gestaunt, wie viel Einfluss sie auf die Diskussion genommen hat. Na gut. Ihr könnt ja für euch selbst entscheiden, wie ihr Frau Reschke versteht, und mir geht’s sowieso vorrangig ums Prinzip, weniger um die konkrete Person und ihre Meinung.

Mein Gedanke wenn ich diesen Preis nach Hause nehme, ist: Du sagst jetzt, was ist, und zwar, wie du es empfindest. Und du erklärst, warum du es so findest. Wir versuchen, herauszufinden, was ist, und wir versuchen, weiter diese Gesellschaft kritisch zu begleiten. Aber nicht so zu tun, als wüssten wir alles besser.

Und jetzt ganz unabhängig davon, wie Frau Reschke selbst bisher gedacht hat: Ist es nicht eigenartig, dass jemand das bei einer Preisverleihung für die Journalistin des Jahres für sagenswert hält, als Fazit eines langen eigenen Lernprozesses: Dass Journalistinnen versuchen sollten, die Wahrheit heraus zu finden, ehrlich zu berichten, aufrichtig ihre Position zu erklären?

Und ist das nicht auch in seiner Nebulosität zweifelhaft? „Du sagst jetzt, was ist, und zwar, wie du es empfindest.“ Sicher, im Licht der Sätze drumrum kann man das für okay halten, aber trotzdem ist es doch nicht ganz geglückt, finde ich. Denn Journalisten sollten nicht einfach nur berichten, was sie empfinden. Sie sollen, ganz richtig, „versuchen, herauszufinden, was ist“. Und zwar nicht so, wie Frau Reschke es in dem anderen Zitat oben zum Beispiel vorgemacht hat: Einer sagt das, einer sagt was anderes, und der Dritte sagt schon wieder was anderes, puh, oah, wer soll sich denn da noch auskennen? Sondern wirklich herausfinden, was ist. Nicht nur tratschen, sondern berichten, informieren, einordnen. Nicht jammern, dass die Welt so kompliziert ist und die Leute ja eh nicht zuhören, sondern eigene Fehler eingestehen, darum kämpfen, es besser zu machen, sich und die eigene Rolle wirklich ernsthaft infrage stellen. Wenn ich davon irgendwo Anzeichen sähe, wäre ich sofort als Kunde gewonnen, und als treuer Leser/Zuschauer/Zuhörer. Aber bisher seh ich keine.

Was denkt ihr? Mich würde diesmal ganz besonders aufrichtig interessieren, ob ich unangemessen bissig bin und eigene Vorurteile in Frau Reschkes Worte lese, oder ob ihr auch erkennt, was meinen Kommentar ausgelöst hat. Bitte lasst es mich wissen!

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3 Responses to Journalistin des Jahres

  1. Maike sagt:

    nö, ich finde dich für deine Verhältnisse eher unbissig und tatsächlich sehr vorsichtig. (und würde vermuten, dass es daran liegt, dass du die arme anja reschke nicht so bashen willst, weil sie da ja anscheinend sehr drunter gelitten hat und sie ist ja immerhin gegen Rassismus.) das erste zitat ist tatsächlich von ärgerlicher großer dümmlichkeit und legt die frage nahe, ist sie so dümmlich oder möchte sie wirklich etwas vermitteln? vielleicht ist es eine Mischung aus beidem. mit allzu differenzierten wirklichkeitsbeschreibungen kann man doch wirklich kaum noch jemandem kommen, also wird versucht, zu vereinfachen und das eigene denken vielleicht auch einfacher.
    das klingt natürlich jetzt arrogant. aber so kommt es mir alles vor.

  2. Muriel sagt:

    Deine Vermutung trifft nicht ganz zu. Ich wollte Anja Reschke sehr bashen, habe aber diesen Post vor der Öffentlichung noch drei Mal abgemildert, weil ich einfach fand, dass ihre Rede objektiv gar nicht so viel Ursache für Zorn bietet, weil sie mehrere Deutungen zulässt, darunter die, dass sie selbst das alles schon lange weiß und es vorrangig ihrem Publikum vermitteln will, sowie die, dass sie es wichtig findet, es sich regelmäßig bewusst zu machen, und ich fand außerdem, dass sie immerhin durchaus richtige Schlüsse zieht, falls ich ihren nicht ganz eindeutigen Schluss richtig verstehe.
    Was mich an deinem Kommentar ein bisschen irritiert, ist das „noch“. Ich habe das Gefühl, dass bei dir öfter mal durchscheint, du würdest meinen, es hätte früher mal eine Zeit gegeben, in der Leute differenziert dachten, kluge Argumente austauschten, und sich wirklich mehr für die Realität interessierten als für die eigenen Vorurteile.
    Wann war die deiner Meinung nach?

  3. onkelmaike sagt:

    jajaja, dieses „noch“ gabs vermutlich nie. ich glaube aber, dass erinnerungsoptimismus in der Natur des menschen liegt.

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