Zum Schrein

18. März 2016

Wir bei überschaubare Relevanz sind manchmal ein bisschen langsam, aber wir geben nicht auf. Niemals. Wir geben nicht auf. Egal was passiert. Wir geben nicht auf. Also, was ich eigentlich sagen wollte: Die Reiseberichte kommen, auch wenns dauert. Und dies ist der zweite.

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weil er mehr Luxus will

16. März 2016

Ich lege gar keinen Wert drauf, das melodramatischste Blog mit überschaubarer Relevanz und Keksen zu sein (Wer die Anspielung erkennt, ist Premium-Fan und liegt mir besonders am Herzen.), und ich will gar nicht immer so tun, als ginge es immer gleich um nichts weniger als die Würde des Menschen an sich und die Zivilisation, wie wir sie kennen (Und ihr wisst, was jetzt natürlich kommen muss:), aber …

Es ist doch aus meiner Sicht ehrlich erschütternd, wie unsere großen Zeitungen, nicht mal nur die besonders konservativen, manchmal mit dem Konzept von Menschenrechten umgehen. Erschütternd nicht deshalb, weil ich von den Zeitungen viel erwarten würde, oder so, sondern weil es meines Erachtens zeigt, wie wenig dieses Konzept und insbesondere seine völlige Unabhängigkeit davon, ob wir jemanden als Menschen toll finden, wirklich in unserer Gesellschaft angekommen und verinnerlicht ist.

Was eigentlich los ist? Ach ja. Berechtigte Frage. Folgendes:

[Anders Breivik] sitzt im Hochsicherheitstrakt von Skien, hat keinen Kontakt zu anderen Häftlingen. Ihm stehen drei Zellen zur Verfügung, eine zum Leben, eine zum Studieren, eine zum Trainieren, so beschreibt es Regierungsanwalt Emberland in seiner Erklärung vor Prozessbeginn.

Breivik könne selbst kochen und seine Wäsche waschen. Er habe einen Fernseher, eine Playstation und Zugang zu einem Computer ohne Internet. Jeden Tag darf er auf den Hof an die Luft. Er habe Kontakt zum Gefängnispersonal und einem Priester sowie Telefon- und Briefkontakt zur Außenwelt.

[…]

Breiviks Anwalt Øystein Storrvik argumentiert, dass es die Briefzensur unmöglich mache, persönliche Beziehungen aufzubauen. Dies sei auch mit dem Gefängnispersonal nicht möglich. In den ersten beiden Jahren sei seine Mutter der einzige private Besuch gewesen, kurz bevor sie 2013 starb.

Auch er als sein Anwalt könne nur durch eine Glaswand mit dem Gefangenen sprechen. Breivik zeige „deutliche Isolationsschäden“, so Storrvik.

Soweit der Sachverhalt. Ich persönlich finde jetzt in Ermangelung jeglicher Sachkenntnis beide Positionen einigermaßen plausibel. Einerseits scheint der Mann ja wirklich gefährlich zu sein, er hat immerhin wohl 77 Menschen getötet und liegt damit klar über dem Durchschnitt der norwegischen Bevölkerung, wenn ich das richtig überblicke. Da scheinen gewisse Maßnahmen gerechtfertigt, um ihn davon abzuhalten, den alten Highscore zu brechen.

Wiederum andererseits kann ich mir auch gut vorstellen, dass es für einen Menschen nicht gut ist, wenn die einzigen Menschen, zu denen er persönlichen Kontakt hat, Vollzugsbeamte und ein Priester sind, sogar wenn dieser Mensch sich wohl als Christ sieht, wie das bei Herrn Breivik der Fall zu sein scheint. Die Überwachung seiner Fernkommunikation leuchtet mir durchaus ein, und ich finde das im Ergebnis wohl sogar verhältnismäßig, falls euch meine Einschätzung interessiert.

Aber darum geht es nicht. Mir geht es darum, wie die SZ mit der Sache umgeht. Wie sie Breiviks Anliegen darstellt. Und welche Einstellung dabei nicht nur durchscheint, sondern ziemlich klar die Haltung der Verfasserin Silke Bigalke prägt, weshalb sie sie direkt in die Überschrift gepackt hat:

Drei Zellen sind Breivik zu wenig

Der Massenmörder Anders Behring Breivik hat den norwegischen Staat verklagt, weil er mehr Luxus will.

Lisbeth Kristine Røyneland leitet die Unterstützungsgruppe für Angehörige und Opfer der Anschläge. Der Fall sei „absurd“, sagt sie, „wenn man bedenkt, was er getan hat“.

Seht ihr, was ich meine? Das ist nicht mehr nur grenzwertig, das ist widerlich. Das ist nicht mehr nur tendenziös, das ist unwahr und unaufrichtig, und es ist Hetze.

Der Bericht der SZ selbst gibt NICHTS von dem her, was in der Überschrift und dem Teaser steht. Breivik bzw. sein Anwalt fordert nicht mehr Zellen oder mehr „Luxus“. Es geht hier nicht darum, dass er statt einer PlayStation einen AlienWare-PC möchte, oder eine KitchenAid statt eines Moulinex-Rührstabs. Herr Storrwik trägt vor, dass sein Mandant durch seine unbestrittene Isolation psychische Schäden davonträgt, und fordert, dass der Staat Herrn Breivik ermöglicht, persönliche Beziehungen zu anderen Menschen aufzubauen. Man kann dazu geteilter Meinung sein. Wir alle können nicht beurteilen, ob das mit den psychischen Schäden stimmt. Man könnte möglicherweise sogar vertreten, dass er die halt hinnehmen muss, wenn anders als durch die Isolation die Sicherheit nicht gewährleistet werden kann. Andererseits muss man sich natürlich fragen, wie wir von einem Straftäter nach 21 Jahr (plus eventuelle Sicherungsverwahrung) Isolation erwarten wollen, sich jemals wieder in die Gesellschaft anderer Menschen einzuordnen. Ich verstehe ja nicht viel von sowas.

Aber wer jedenfalls diese Forderung in der Überschrift eines Zeitungsartikels so wiedergibt, wie die SZ es tut; wer so tut, als wären Kontakt zu anderen Menschen und psychische Gesundheit ein „Luxus“, der einem Massenmörder nicht zusteht; wer sich nicht mal den Anschein gibt, als würde es sie interessieren, ob die Haftbedingungen tatsächlich Breiviks Gesundheit schaden; wer das ergänzt mit der unkommentiert zitierten Bemerkung einer Opfervertreterin, schon die Forderung nach menschenwürdigen Haftbedingungen sei  wegen der begangenen Tat „absurd“, als hätte das eine irgendwas mit dem anderen zu tun; wer so handelt, zeigt damit, dass sie den Sinn des Rechtsstaats und den Wesensgehalt von Menschenrechten nicht verstanden hat; die zeigt damit eine Haltung, die das Gegenteil von dem ist, was ein Überlebender der Attentate der New York Times (deren Beitrag zur Sache übrigens auch ansonsten erheblich besser gelungen ist) sehr treffend sagte:

“I think it’s important that we give him this trial,” Mr. Ihler said. “It is a victory in itself for us, as a society, not for him. Even terrorists have human rights. We have to keep in mind, though, that even though he is just one man, he represents an idea that we need to combat.”

 


Tut mir leid, Herr Fleischhauer.

12. März 2016

Uiuiui. Ich habe mein Erstaunen über die Existenz von Jan Fleischhauers Kolumne bei Spiegel.de ja schon mal hier ausgedrückt, aber als ich die aktuelle Ausgabe las, war ich dann noch mal aufs Neue enttäuscht davon, was sogar ein recht selbstachtungsarmes Portal wie das besagte Spiegel.de sich offenbar nicht zu sehr schämt zu veröffentlichen.

Ich habe meinen Ressortleiter bei SPIEGEL ONLINE angerufen und ihn gefragt, wo ich mich melden kann, um dem Hass entgegenzutreten. […] Leider konnte mir mein Ressortleiter nicht weiterhelfen, obwohl er immer wieder Texte auf die Seite stellt, in denen steht, dass man sich nun engagieren müsse.

Ihr ahnt, worauf es hinausläuft, und ich will von diesem Schmutz nicht mehr als nötig veröffentlichen, aber vielleicht noch ein paar Sätze, um das Prinzip zu verdeutlichen:

Auch auf der Straße begegne ich vor allem Menschen, bei denen ich mir beim besten Willen nicht vorstellen kann, dass sie Asylbewerberheime anstecken oder Busse mit Flüchtlingen terrorisieren. […] Das beste Mittel gegen Fremdenhass ist aus meiner Sicht immer noch ein starker Staat, da bin ich ganz altmodisch. Wo Leute sich zusammenrotten, um anderen Angst einzujagen, hilft nur die eiserne Faust der Ordnungsmacht. Leider kommt die Polizei mit der Arbeit kaum noch nach. […]. Auf der „Achse des Guten“ hat neulich jemand einen Auszug aus dem „Jahres-Geschäftsbericht“ der Antifa in Leipzig gepostet: Brandanschläge auf Bahnanlagen, Überfälle auf Polizeiposten, Anschläge auf Firmen und Parteibüros, Überfälle auf Geschäfte in der Innenstadt – es gab kaum einen Monat, in dem es 2015 nicht irgendwo brannte oder knallte.

Vielleicht sollte man die Polizei von links ein wenig entlasten, dann müssten alle gegen rechts weniger Haltung zeigen.

Keine Sorge, ich erklärs gleich auch noch mal sachlich, aber einmal vorweg, um ein bisschen was gegen den üblen Geschmack in meinem Mund zu machen: Ich hab das oben in der Einleitung nicht leichtfertig geschrieben. Ich finde, spiegel.de sollte sich schämen, dass dieser Mist bei ihnen zu lesen ist. Natürlich darf man auch mal kontroverse Meinungen veröffentlichen, und natürlich soll man als Medium sogar nicht nur Meinungen repräsentieren, die man selbst gutheißt. Aber kein Medium wird dadurch verpflichtet, den verantwortungslos hingerotzten Stuss von Leuten zu veröffentlichen, die absolut nichts begriffen haben und darauf so stolz sind, dass sie es am liebsten ganz oft und laut allen sagen wollen. Und gerade in der Situation, in der ja nun mal tatsächlich Asylunterkünfte angezündet werden, macht sich in meinen Augen mitschuldig, wer diesen Leuten Raum bietet, sich öffentlich auf unser aller Schuhe zu erbrechen.

Okay, das reicht. Zum sachlichen Teil. In meinen Augen ist Herr Fleischhauers Artikel vorrangig aus den folgenden Gründen schädlich:

  1. Er sagt ungefähr, dass die einzige sinnvolle Möglichkeit, sich gegen Rassismus zu engagieren, darin besteht, Leuten den Brandbeschleuniger aus der Hand zu schlagen, wenn sie schon das Streichholz in der anderen halten, und dass deshalb wir alle keinerlei Chance und damit auch keinerlei Verantwortung haben, irgendwas dagegen zu tun, weil dafür ja die Polizei da ist.
  2. Er sagt damit auch, dass das Problem des Rassismus nur in diesen krassen Straftaten besteht und impliziert, dass es den nicht strafbaren Alltagsrassismus gar nicht gäbe, der sich zum Beispiel in der Benachteiligung bei Bewerbungen äußert, oder auch einfach im Umgang miteinander, in dummen Witzen und „Na, man weiß doch, wie die sind“-Sprüchen.
  3. Er sagt damit weiterhin, dass all die Leute, die gerade keine Asylunterkunft anzuzünden versuchen, frei von Rassismus sind, und dass da keinerlei Ansatzpunkt für Kritik oder Verbesserung mehr erkennbar ist.
  4. Er hat am Ende sogar noch die Dreistigkeit, das Problem mit rechtsradikaler Gewalt darauf zurückzuführen, dass die Polizei mit linksradikaler Gewalt überlastet sei und deshalb nicht effektiv dagegen vorgehen könne. Das ist auf so vielen Ebenen und so offensichtlich falsch, niederträchtig und rundum widerlich, dass ich keine Lust habe, es zu erklären. Aber
  5. einen Punkt will ich doch noch ansprechen: Er setzt implizit Engagement gegen Rassismus mit linksradikaler Gewalt gleich, indem er schreibt: „Ein Grund für die Überlastung der Polizei ist, dass sie ständig auch noch auf Leute aufpassen muss, deren Lebensinhalt darin besteht, gegen rechts zu sein.“ Entweder weiß er eigentlich, dass “gegen rechts zu sein“ was völlig Anderes ist als linksradikale Gewalt, und verschleiert gezielt den Unterschied, oder er weiß es nicht, oder er kann es nicht so formulieren, dass es rüberkommt. Jede dieser Alternativen sollte ihn als Kolumnisten für jedes Medium disqualifizieren, das noch ein kleines bisschen Respekt vor sich und seinen Leserinnen hat.

Ich muss leider mit meiner Zeit ein bisschen haushalten, aber ihr dürft natürlich in den Kommentaren gerne noch weitere Gründe sammeln. Mit ein bisschen Arbeit schafft mans mindestens in den mittleren zweistelligen Bereich, schätze ich.

Ich jedenfalls kann Herrn Fleischhauer leider, wie sein Ressortleiter, auch nicht weiterhelfen bei seiner Suche nach Möglichkeiten, dem Hass entgegenzutreten und Haltung zu zeigen. Dafür müsste ich nämlich Dieter Nuhr zitieren, und das kann ja nun wirklich niemand wollen.