weil er mehr Luxus will

Ich lege gar keinen Wert drauf, das melodramatischste Blog mit überschaubarer Relevanz und Keksen zu sein (Wer die Anspielung erkennt, ist Premium-Fan und liegt mir besonders am Herzen.), und ich will gar nicht immer so tun, als ginge es immer gleich um nichts weniger als die Würde des Menschen an sich und die Zivilisation, wie wir sie kennen (Und ihr wisst, was jetzt natürlich kommen muss:), aber …

Es ist doch aus meiner Sicht ehrlich erschütternd, wie unsere großen Zeitungen, nicht mal nur die besonders konservativen, manchmal mit dem Konzept von Menschenrechten umgehen. Erschütternd nicht deshalb, weil ich von den Zeitungen viel erwarten würde, oder so, sondern weil es meines Erachtens zeigt, wie wenig dieses Konzept und insbesondere seine völlige Unabhängigkeit davon, ob wir jemanden als Menschen toll finden, wirklich in unserer Gesellschaft angekommen und verinnerlicht ist.

Was eigentlich los ist? Ach ja. Berechtigte Frage. Folgendes:

[Anders Breivik] sitzt im Hochsicherheitstrakt von Skien, hat keinen Kontakt zu anderen Häftlingen. Ihm stehen drei Zellen zur Verfügung, eine zum Leben, eine zum Studieren, eine zum Trainieren, so beschreibt es Regierungsanwalt Emberland in seiner Erklärung vor Prozessbeginn.

Breivik könne selbst kochen und seine Wäsche waschen. Er habe einen Fernseher, eine Playstation und Zugang zu einem Computer ohne Internet. Jeden Tag darf er auf den Hof an die Luft. Er habe Kontakt zum Gefängnispersonal und einem Priester sowie Telefon- und Briefkontakt zur Außenwelt.

[…]

Breiviks Anwalt Øystein Storrvik argumentiert, dass es die Briefzensur unmöglich mache, persönliche Beziehungen aufzubauen. Dies sei auch mit dem Gefängnispersonal nicht möglich. In den ersten beiden Jahren sei seine Mutter der einzige private Besuch gewesen, kurz bevor sie 2013 starb.

Auch er als sein Anwalt könne nur durch eine Glaswand mit dem Gefangenen sprechen. Breivik zeige „deutliche Isolationsschäden“, so Storrvik.

Soweit der Sachverhalt. Ich persönlich finde jetzt in Ermangelung jeglicher Sachkenntnis beide Positionen einigermaßen plausibel. Einerseits scheint der Mann ja wirklich gefährlich zu sein, er hat immerhin wohl 77 Menschen getötet und liegt damit klar über dem Durchschnitt der norwegischen Bevölkerung, wenn ich das richtig überblicke. Da scheinen gewisse Maßnahmen gerechtfertigt, um ihn davon abzuhalten, den alten Highscore zu brechen.

Wiederum andererseits kann ich mir auch gut vorstellen, dass es für einen Menschen nicht gut ist, wenn die einzigen Menschen, zu denen er persönlichen Kontakt hat, Vollzugsbeamte und ein Priester sind, sogar wenn dieser Mensch sich wohl als Christ sieht, wie das bei Herrn Breivik der Fall zu sein scheint. Die Überwachung seiner Fernkommunikation leuchtet mir durchaus ein, und ich finde das im Ergebnis wohl sogar verhältnismäßig, falls euch meine Einschätzung interessiert.

Aber darum geht es nicht. Mir geht es darum, wie die SZ mit der Sache umgeht. Wie sie Breiviks Anliegen darstellt. Und welche Einstellung dabei nicht nur durchscheint, sondern ziemlich klar die Haltung der Verfasserin Silke Bigalke prägt, weshalb sie sie direkt in die Überschrift gepackt hat:

Drei Zellen sind Breivik zu wenig

Der Massenmörder Anders Behring Breivik hat den norwegischen Staat verklagt, weil er mehr Luxus will.

Lisbeth Kristine Røyneland leitet die Unterstützungsgruppe für Angehörige und Opfer der Anschläge. Der Fall sei „absurd“, sagt sie, „wenn man bedenkt, was er getan hat“.

Seht ihr, was ich meine? Das ist nicht mehr nur grenzwertig, das ist widerlich. Das ist nicht mehr nur tendenziös, das ist unwahr und unaufrichtig, und es ist Hetze.

Der Bericht der SZ selbst gibt NICHTS von dem her, was in der Überschrift und dem Teaser steht. Breivik bzw. sein Anwalt fordert nicht mehr Zellen oder mehr „Luxus“. Es geht hier nicht darum, dass er statt einer PlayStation einen AlienWare-PC möchte, oder eine KitchenAid statt eines Moulinex-Rührstabs. Herr Storrwik trägt vor, dass sein Mandant durch seine unbestrittene Isolation psychische Schäden davonträgt, und fordert, dass der Staat Herrn Breivik ermöglicht, persönliche Beziehungen zu anderen Menschen aufzubauen. Man kann dazu geteilter Meinung sein. Wir alle können nicht beurteilen, ob das mit den psychischen Schäden stimmt. Man könnte möglicherweise sogar vertreten, dass er die halt hinnehmen muss, wenn anders als durch die Isolation die Sicherheit nicht gewährleistet werden kann. Andererseits muss man sich natürlich fragen, wie wir von einem Straftäter nach 21 Jahr (plus eventuelle Sicherungsverwahrung) Isolation erwarten wollen, sich jemals wieder in die Gesellschaft anderer Menschen einzuordnen. Ich verstehe ja nicht viel von sowas.

Aber wer jedenfalls diese Forderung in der Überschrift eines Zeitungsartikels so wiedergibt, wie die SZ es tut; wer so tut, als wären Kontakt zu anderen Menschen und psychische Gesundheit ein „Luxus“, der einem Massenmörder nicht zusteht; wer sich nicht mal den Anschein gibt, als würde es sie interessieren, ob die Haftbedingungen tatsächlich Breiviks Gesundheit schaden; wer das ergänzt mit der unkommentiert zitierten Bemerkung einer Opfervertreterin, schon die Forderung nach menschenwürdigen Haftbedingungen sei  wegen der begangenen Tat „absurd“, als hätte das eine irgendwas mit dem anderen zu tun; wer so handelt, zeigt damit, dass sie den Sinn des Rechtsstaats und den Wesensgehalt von Menschenrechten nicht verstanden hat; die zeigt damit eine Haltung, die das Gegenteil von dem ist, was ein Überlebender der Attentate der New York Times (deren Beitrag zur Sache übrigens auch ansonsten erheblich besser gelungen ist) sehr treffend sagte:

“I think it’s important that we give him this trial,” Mr. Ihler said. “It is a victory in itself for us, as a society, not for him. Even terrorists have human rights. We have to keep in mind, though, that even though he is just one man, he represents an idea that we need to combat.”

 

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9 Responses to weil er mehr Luxus will

  1. Andi Ell sagt:

    Ich stimme dir in allen Punkten zu und möchte ergänzen, dass Isolation auf keinen Fall gut ist in puncto Rehabilitation und so. Ich weiß nicht, inwieweit Herr Breivik überhaupt mal wieder auf die Gesellschaft losgelassen werden kann und ob er das will, weil ich nicht weiß, ob er in irgendeiner Weise Reue zeigt. Udn ich wills auch nicht wissen. Weil seine Tat einfach vollkommen unvorstellbar ist. Aber brechen wir das doch mal runter auf andere Strafgefangene, die nicht gleich Dutzenden das Leben nahmen, religiös irgendwie durchgeknallt sind, sondern einfach nur mal auf ihrem Weg falsch abgebogen sind. (Deutsche) Knäste sind voll von solchen Menschen. Isolation hilft nicht. Niemandem. Abgesehen davon, dass jeder Mensch immer seine Würde behalten muss und dass auch Strafgefangene Rechte haben – und eben natürlich auch ein Recht auf Menschenwürde. Aber ich bin fest davon überzeugt, dass es keinem Menschen gerecht wird, ihn quasi abzuschotten. Und nichts anderes passiert ja auch bei „normalen“ Strafgefangenen, wenn sie, was die Regel ist, 23 Stunden am Tag in ihrer Zelle eingesperrt sind. Sie werden nach verbüßter Haft den Knast nicht als bessere Menschen verlassen, auf gar keinen Fall geläutert.Darum ist es wichtig, dass man Strafgefangene nicht isoliert. Ich muss übrigens immer schmunzeln, wenn ich lese oder höre „Wieso haben die im Knast denn Fernseher oder sonst irgendeinen Luxus, die werden ja gar nicht richtig bestraft.“ Die schlimmste Strafe ist der Freiheitsentzug. Und die, die dann laut nach härteren Unterbringungen schreien, würde ich gerne mal für 2,3 Tage in den Knast stecken. Das würde reichen. Dann würden sie sowas nicht mehr sagen. Weil es nämlich eine Strafe ist, unfrei zu sein in seinen Entscheidungen, nicht rausgehen zu können, wann man will, nicht noch schnell im Späti was einkaufen gehen zu können, Freunde nicht treffen zu können, Mutti nicht anrufen zu können, wann man will oder gar wenn Mutti Hilfe braucht. Es ist eine Strafe, nicht mit den Menschen reden zu können, mit denen man reden will. Oder eben überhaupt kaum sich mit anderen austauschen zu dürfen. Insofern hat auch Herr Breivik einen Strafvollzug verdient, der ihm zumindest ermöglicht, normal kommunizieren zu können. Dass seine Post etc. kontrolliert wird, ist ja normal. Strafe muss ja auch sein. Ich bin ja nicht dafür, Strafen abzuschaffen. Aber der Vollzug muss so funktionieren, dass die Inhaftierten auch tatsächlich eine Chance auf Rehabilitation haben. Ich weiß nicht, ob das überall gewährleistet ist oder werden könnte. Aber ansetzen muss man da. Und ich möchte auch noch kurz betonen, wie widerlich der SZ-Artikel ist. Langer Kommentar ist lang. Schönen Gruß. 🙂

  2. Tante Emma sagt:

    Langer Kommentar ist gut, alles gesagt. Beitrag auch gut und fasst sehr gut meine Ambivalenz dem Thema gegenüber zusammen.

    Danke für beides.

  3. mike sagt:

    Ich bin da ganz dabei, auch bei den Kommentaren.
    Die Idee, „die Bürger“ mal 2-3 Tage (eher länger) in den Schnupper-Knast zu stecken kann ich auch voll unterschreiben. Das ist eigentlich das einzige Problem an der ganzen Geschichte, dass nämlich niemand von denen die das Maul aufreissen irgendeine Idee haben, wie „geil“ das ist, 23h mit ner Glotze eingesperrt zu sein und 1h im Kreis zu laufen.

    Disclaimer:
    1. ich bin da etwas privilegiert, ich hatte die Ehre in der Zone und ohne Glotze.
    2. Ich hege keinerlei Sympathien für den Breivik.

  4. Andi Ell sagt:

    Wenn die überhaupt ’ne Glotze haben… 23h pro Tag eingesperrt auf 8 Komme Irgendwas Quadratmetern, manchmal sogar ohne Glotze – da musste ja auf dumme Ideen kommen.

  5. Muriel sagt:

    @Andi Ell: Vielen Dank für den Kommentar! Ich freue mich sowohl inhaltlich, als auch grundsätzlich darüber, mal wieder von dir zu hören.
    @Tante Emma: Willkommen bei überschaubare Relevanz. Schön, dass dir dieser Post schon mal gefällt. Ich glaube, der nächst wird auch ganz gut, wenn auch weniger … politisch.
    @mike: So Schnupper-JVA gibts ja sogar prinzipiell, auch wenn ich gerade zu faul bin, Details zu googlen.

  6. DerNamenlose sagt:

    Auch hierzu mein unwillkommener und unqulifizierter Kommentar:

    „Es ist doch aus meiner Sicht ehrlich erschütternd, wie unsere großen Zeitungen, nicht mal nur die besonders konservativen, manchmal mit dem Konzept von Menschenrechten umgehen.“

    Was man von Konservativen halt so alles erwartet…

    „Einerseits scheint der Mann ja wirklich gefährlich zu sein, er hat immerhin wohl 77 Menschen getötet und liegt damit klar über dem Durchschnitt der norwegischen Bevölkerung, wenn ich das richtig überblicke. Da scheinen gewisse Maßnahmen gerechtfertigt, um ihn davon abzuhalten, den alten Highscore zu brechen.“

    Das ist natürlich absolut richtig und deshalb sollte größere Sicherheitsvorkehrungen unternommen werden.
    Die Frage ist nur, wieviel zwischenmenschlicher Kontakt noch notwendig und wieviel schon „Sicherheitsrisiko“ ist. Was kann Kontakt zu Mithäftlichen z. B. für ein Sicherheitsrisiko auslösen?
    Dass Gefangene im Kontakt mit der Außenwelt schaden anrichten können, scheint mir sachlich richtig. Wer hätte nicht einen Krimi gesehen, in dem ein verurteilter Mafiosi die Organisation noch vom Gefängnis aus leitet? Sowas soll es ja auch in Real durchaus geben.

    „Seht ihr, was ich meine? Das ist nicht mehr nur grenzwertig, das ist widerlich.“

    FULL ACK.

    Es ist aber sehr fraglich, ob die Überschrift + Einleitung von der Verfasserin selbst stammt oder von einem Redakeur, der damit mehr Klicks wünscht. Ja, es fühlt sich irgendwie schmutzig an, wenn man über Journalismus wie über jedes gewöhnliche Gewerbe spricht.
    Dennoch ist es eins.

    „Wir alle können nicht beurteilen, ob das mit den psychischen Schäden stimmt.“

    … Gibt es keine Studien zu diesem Thema? Hat nie ein Psychologe sich dazu geäußert? Kann ich mir kaum vorstellen.

  7. Muriel sagt:

    @DerNamenlose: Joa, stimmt wohl so ungefähr.

  8. […] Breivik eines der schlimmsten Verbrechen innerhalb Europas in den letzten 10 Jahren begangen hat, stehen ihm im Gefängnis dieselben Grundrechte zu, die jedem anderen zustehen. Er wird nicht zum Unmenschen, indem er verurteilt wird, er darf im […]

  9. […] küren muss, um die Terroranschläge auf die Redaktion des Magazins zu kritisieren. Wie bereits auf “Überschaubarer Relevanz” mit einem sehr einprägsamen Beispiel beschrieben, haben selbst Massenmörder (die Rede ist von […]

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