Ein feuchter Händedruck

ist doch nun wirklich nicht zu viel verlangt, findet die Baselbieter Bildungs-, Kultur- und Sportdirektion (BKSD) und hat deshalb entschieden, dass muslimische Schüler auch weiblichen Lehrpersonen die Hand geben müssen, ob das nun mit ihrer Auffassung ihrer Religion vereinbar ist oder nicht. Wenn sie es verweigern, kann ein Bußgeld gegen ihre Eltern verhängt werden.

Dazu kann man nun einiges schreiben und abwägen, beispielsweise zum Thema Religionsfreiheit und dem öffentlichen Interesse an der Gleichbehandlung von Männern und Frauen und so weiter. Die BKSD hat das auch versucht.

Muss man aber meines Erachtens nicht, denn die Sache ist doch eigentlich ganz einfach: Menschen dürfen selbst entscheiden, welche anderen Menschen sie berühren, und wie. Wenn ich keinen Bock habe, einen anderen Menschen zu berühren, und nicht gerade ein extrem zwingender Grund dazu besteht, dann sollte mich niemand dazu zwingen dürfen, ganz gleich, ob ich gute Argumente dafür habe (Es ist hygienisch-präventionsmäßig einfach evident ein schwachsinniger Brauch, der niemandem was bringt und potentiell durchaus erheblichen Schaden anrichtet.), oder schlechte (Der unsichtbare Zauberer will, dass ich Leute ohne Penis nur berühre, nachdem ich ihnen geschworen habe, mein Leben mit ihnen zu teilen und keine andere Person ohne Penis mehr zu berühren, oder so.), oder einfach welche, die in meinem persönlichen Wohlbefinden liegen (Ich mag es nicht, andere Leute anzufassen.).

Ganz im Ernst. Ich finde, das ist alles, was man für diese Entscheidung braucht: Es sollte eine Selbstverständlichkeit sein, dass Menschen – und dazu zählen auch junge Menschen – selbst entscheiden dürfen, ob sie von anderen berührt werden wollen oder nicht. Bestraft werden sollten, wenn überhaupt, Leute, die Berührungen zwangsweise durchsetzen; auch und gerade, wenn sie das aus einer staatlich verliehenen Machtposition heraus tun.

Und was denkt ihr?

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16 Responses to Ein feuchter Händedruck

  1. madove sagt:

    Grundsätzlich volle Zustimmung, aber ich fände wichtig, dass so ein Beitrag wie Deiner nicht genutzt wird als Argumentation für „Na gut, stimmt,dann zwingen wir die muslimischen Schüler besser nicht… – und lassen sonst alles beim alten.“.
    Sondern in dem Moment, wo das auf diese Weise (Diversität macht halt schon alles interessanter….) überhaupt in die Diskussion kommt, müsste eine Einrichtung wie diese BKSD tatsächlich einen expliziten Beschluss ähnlich Deiner genannten Position fassen, andernfalls haben wir eben doch die Integrations- und Sexismusprobleme.

  2. DerNamenlose sagt:

    Ich finde z. B. es sollte eine Selbstverständlichkeit sein, dass man auch einer Frau die Hand gibt. So, wer hat jetzt bitte recht?

    Selbstverständlichkeiten in diesem Zusammenhang bedeuten nichts anderes, als dass man sich an diese Dinge einfach irgendwie gewöhnt hat. Für andere Leute müssen diese nicht gelten.
    Will man also mit solchen „Selbstverständlichkeiten“ argumentieren, tritt man auf der Stelle und kommt keinen Schritt weiter.

    Das Problem ist ja auch nicht, ob man Frau Lehrerin die Händchen gibt oder nicht; viele weibliche Lehrkräfte, das war schon zu meiner Zeit so, bemängeln, dass ihnen nicht mehr der nötige Respekt entgegengebracht wird. Das heißt, dass ein Schüler gegenüber einen männlichen Lehrer gleich viel höflicher ist und sich eher etwas sagen lässt als von einer Frau. Und das ist ein Problem.

  3. Muriel sagt:

    @madove: Sehr richtig, darauf wollte ich hinaus.
    @DerNamenlose:

    Ich finde z. B. es sollte eine Selbstverständlichkeit sein, dass man auch einer Frau die Hand gibt. So, wer hat jetzt bitte recht?

    Ich.

    Selbstverständlichkeiten in diesem Zusammenhang bedeuten nichts anderes, als dass man sich an diese Dinge einfach irgendwie gewöhnt hat.

    Äh, nee. Deswegen schreibe ich ja, dass es sollte, nicht, dass es ist. Ist deine Position denn im Ernst, dass es okay ist, Leute zu bestrafen, weil sie sich weigern, andere Leute anzufassen?

    Das Problem ist ja auch nicht, ob man Frau Lehrerin die Händchen gibt

    Doch. Oder genauer: Das Problem ist, dass die Schulbehörde im Kanton Basel-Landschaft entschieden hat, Leute zu bestrafen, wenn Schüler die Lehrer nicht anfassen wollen. Es gibt noch andere Probleme, aber um welches davon es in meinem Beitrag geht, musst du schon mir überlassen.

  4. So ist es. Schön formuliert. Der Grundgedanke ist übrigens die Grundlage des Libertarismus: dein Körper gehört dir, mein Körper gehört mir, und solange ich diese Grenze nicht ohne deine Zustimmung überschreite, darf mir niemand vorschreiben, wie und wozu ich meinen Körper benutze.

  5. Muriel sagt:

    @Gunnar Kaiser: Danke für die Zustimmung! Nun ist es einerseits nicht ungewöhnlich, so einen Gedanken in einem libertären Blog zu finden. Ich wäre andererseits allerdings vorsichtig mit der These, es gäbe einen Libertarismus, der eine Grundlage hat. So funktionieren Ideologien nach meiner Erfahrung nicht.

  6. golda sagt:

    Das tönt natürlich toll: Niemand soll jemanden anderen dafür bestrafen, dass er andere nicht anfassen will. Dem werden mit hoher Wahrscheinlichkeit deutlich mehr als die vier Kommentatoren hier zustimmen.

    Wenn es denn nicht eine wohlfeile Verkürzung des Sachverhalts wäre: Es geht hier um Minderjährige, denen ausser dem feuchten Händedruck mit Blick in die Augen des Gegenübers vorgeschrieben wird, beim Essen nicht zu rülpsen, in Gegenwart anderer nicht zu furzen und die evtl Mittags sogar gezwungen werden ihre Zähne mittels einer Bürste aus komplexen Kohlenstoffverbindungen unter Zuhilfenahme von Wasser und fluorhaltigen Pasten zu putzen (ist in der Schweiz je nach Altersstufe und Institution tatsächlich so).

    Unabhängig davon: Ist Religion nicht Privatsache und eben nicht etwas, was im öffentlichen Raum – zu dem die staatlich getragene Schule gehört – ausgefochten wird? Gerade um religiöse Gründe ging es ja in diesem Fall angeblich.

    Ganz im Ernst. Ich finde es sollte eine Selbstverständlichkeit sein, dass man es vermeidet, auf diese oder ähnliche Weise mit seinen religiösen Überzeugungen andere zu belästigen (das verletzt meine areligiösen Gefühle ganz empfindlich). Und es sollte eine Selbstverständlichkeit sein, solche Konflikte nicht mit Bussgeldern lösen zu wollen (beim Rülpsen, Furzen und Zähneputzen geht es ja auch ohne).

  7. Muriel sagt:

    @Golda Meir: Wir scheinen uns im Ergebnis ja fast einig zu sein. Aber ob ein Mensch seine Überzeugungen öffentlich äußert, wie du und ich gerade, oder für sich behält, wie du es offenbar von den beiden Schülern erwartest, das sollte er meines Erachtens selbst entscheiden dürfen.

  8. Muriel sagt:

    Nachtrag: Ach ja, und dann ist es natürlich noch mal was Anderes, eine Überzeugung für sich zu behalten, wenn man öffentlich dazu verpflichtet wird, gegen sie zu handeln. Ich gehe zum Beispiel normalerweise nicht damit hausieren, dass ich keine Fanta mag, aber wenn ich in meiner Schule jeden Morgen einen Liter davon hätte trinken müssen, hätte ich eventuell trotzdem was gesagt …

  9. Earonn sagt:

    Ich stimme mit Muriel überein.
    Es ist eine Sache, den Grund für die Ablehnung zu thematisieren und klar zu machen, dass dieser allein nicht akzeptiert wird. Das ist jedoch nicht ausreichend, komplett das Selbstbestimmungsrecht über den eigenen Körper auszuhebeln.

    Überspitzt ausgedrückt: wir könnten ja sonst bestimmen, dass es gegen das Gesetz verstößt, nicht mit einem anderen Menschen zu schlafen, nur weil der eine andere Hautfarbe (Geschlecht, Lieblingsfußballmannschaft, Whiskysorte) als man selbst hat – und daraus die Verpflichtung ableiten, mit anderen zu schlafen.
    (Überspitzt! Hat das jeder mit bekommen?)

    Religion ist nicht mein Ding, und andere als minderwertig zu behandeln weil Tüddelü das vorschreibt geht gar nicht. Das darf trotzdem nicht dazu führen, dass wir nun unsererseits Recht brechen.

    Es wird doch wohl eine intelligentere Lösung geben.

    Und letztenendes – wie viele Menschen tun etwas in dieser Art, nur ohne den Grund offen zu nennen? Wie viele grüßen den Kollegen X nicht mit Umarmung, nicht weil sie was gegen Umarmungen haben, sondern weil X Mundgeruch hat?
    Wie viele umarmen ihren Kumpel Y nicht, nur weil sie nicht „schwul erscheinen“ wollen?
    Etc.pp.
    Zwingen wir die auch?

    Nee, die Gründe mögen dumm sein und sollten auch besprochen werden. Aber Zwang ist keine Lösung.

  10. 1. Ich habe in meiner ganzen Schulzeit kaum mal einer Lehrerin oder einem Lehrer die Hand geschüttelt, das einzige Mal, das mir in Erinnerung ist, war die Abi-Übergabe. Dass ich meine Lehrkörper deshalb irgendwie nicht respektiert hätte, halte ich mal für ein Gerücht.
    2. Ob es jemanden wegen seiner Erziehung, einer Bazillenphobie, aus Autismus oder sonstigen Gründen unangenehm ist, andere Menschen zu berühren, ist eigentlich egal. Respekt kann man auch anders kommunizieren.
    3. Eigentlich sollte Händeschütteln ein Zeichen der Gleichwertigkeit sein. Wenn das jetzt per Ordnungsgeld durchgesetzt wird, ist es ein Machtsymbol. Ergo wird der Sinn des Händeschüttelns über Bord geworfen, und dann könnte man es auch gleich bleiben lassen.
    4. Die Lösung, dass die Jungen den Lehrern auch nicht die Hand schütteln und ansonsten höflich grüßen, ist für mich völlig ok.
    5. Respekt verordnen durch Order by Mufti funktioniert generell nicht, weil Leute, die sich ihren Respekt nicht selbst verdienen, ihn erst recht nicht kriegen, wenn sie sich unter dem Rockzipfel von Vater Staat verstecken. Das ist das Gesetz des Schulhofes. Lehrkörper sollten das kennen.

  11. golda sagt:

    du meine güte, welch wilde vergleichsorgie – da wird mir ganz orthopädisch ob der hinkerei.

    klar kann man alles relativieren, das bettet so behaglich und bequem. aber ob der wunsch, durch religiöse überzeugungen im öffentlichen raum möglichst wenig belästigt zu werden mit dem herausposaunen eben dieser vergleichbar ist, bestreite ich natürlich vehement.

    und dann dieses ganz grosse geschützt des „aushebelns des selbstbestimmungsrechtes über den eigenen körper“, lieber earonn: das selbstbestimmungsrechts von minderjährigen wird ganz bewusst ständig „ausgehebelt“ – bis hin zum entscheid der eltern über die körperliche unversehrtheit.

  12. Muriel sagt:

    @golda: Sicher. Das Herausposaunen der eigenen Meinung ist natürlich schwer vergleichbar mit dem Herausposaunen von anderen. Da sind orthopädische Gefühle nicht ganz ausgeschlossen. Orthese?

  13. golda sagt:

    @muriel: mmmh, wenn der unterschied zwischen freier Meinung und missionieren auch noch relativiert und verrührt werden soll, falte ich demütig die hände, senke fromm mein haupt und gehe ehrlich gesagt lieber schlafen. amen.

  14. Muriel sagt:

    @golda: Ich würde erstens gerne daran erinnern, dass wir hier über zwei junge Männer reden, die nicht an einem Ritual teilnehmen wollten, das andere ihnen aufzwingen wollen.
    Und zweitens wüsste ich gerne, was eigentlich deine Position ist. Was genau stört dich jetzt? Wenn Leute über ihre Überzeugungen sprechen? Nach ihnen leben? Andere zu überzeugen versuchen? Ich habe das Gefühl, dass wir nicht über das gleiche reden.

  15. Earonn sagt:

    Wenn also ich oder Muriel oder apokolokynthose (toller Post!) unsere Meinung zum Thema kundtun und begründen, warum wir dieser Meinungen sind, ist das „Missionieren“.
    Wenn golda das alles einfach nur nicht gefällt, dann ist das „freie Meinungsäußerung“.
    Jö, schon klar.

    Übrigens golda: ja, die Rechte von Kindern und Jugendlichen werden laufend eingeschränkt. Heißt aber noch lange nicht, dass alles okay sein muss, nur weil einiges okay ist. Die Welt ist nicht nur schwarz-weiß.

    @all
    Andererseits, als böse Tante, die gerne ihren Teenager-Neffen ärgerte indem sie ihn mit „gib der Tante einen Kuss“ begrüßte, sollte ich natürlich der Bosheit halber den Antrag unterstützen. Händeschütteln! Tantenküssen! Onkelumarmen! 😉

  16. Muriel sagt:

    @Earonn: Meine Stimme hast du.

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