Restebloggen am Wochenende (107)

30. Juli 2016
  1. Jens Spahn von der CDU will in diesem Land keiner Burka begegnen müssen und sie deshalb verbieten. Nun ja, Herr Spahn. Ich will in diesem Land keinen CDU-Politikern bornierten, unerfreulichen Menschen wie Ihnen begegnen müssen, aber ich denke, wir sollten beide akzeptieren, dass der Rechtsstaat nicht das Instrument zur gewaltsamen Durchsetzung solcher persönlichen Präferenzen ist.
  2. Annett Meiritz, findet, Hilary Clinton hätte mehr Begeisterung verdient, und hat deshalb einen Text geschrieben, in dem … Naja … auch keine so rechte Begeisterung aufkommen mag. „Sie war Rechtsanwältin, Senatorin und Außenministerin, ist Mutter und Großmutter. Für dieses Leben und diese Karriere verdient sie Respekt. […] Clinton fehlt das „Change“-Moment und Obamas Charisma. […] Wie oft wurde Angela Merkel vorgeworfen, sie könne Menschen nicht mitreißen? Jetzt ist sie eine der angesehensten Spitzenpolitikerinnen der Welt. Hillary Clinton kann das auch werden. Sie könnte Trump verhindern und ihr Amt fähig gestalten.“ Ich denke, wenn ich deutscher Politiker wäre, würde ich ab jetzt jeden Tag beten, dass Frau Meiritz nicht irgendwann ihre Begeisterung für mich entdeckt, auf dass meine Anhänger nicht aus Verzweiflung ins Wasser gehen.
  3. Und wenn wir mal wieder in Versuchung geraten, zu glauben, in einer aufgeklärten, vernünftigen Gesellschaft und mit unserem Rechtsstaat doch eigentlich ganz zufrieden sein zu können, können wir uns daran erinnern, dass wir Leute wegen geschmackloser Fotos einsperren.
  4. Ich hab ja in letzter Zeit in bisschen auf Twitter rumgekaspert und nun für die unter euch, die das nicht wussten, aber eigentlich wissen wollten, ein paar Beispiele meines Schaffens rausgesucht, auch wenn ich als Fazit nach wie vor daran festhalte, Twitter als eher ärgerliches Phänomen zu empfinden.

     

  5.  

  6. Na gut, eigentlich ist das Schaffen anderer viel beeindruckender. Guckt euch doch zum Beispiel das mal an:

     

Advertisements

Quis aggravat ipsos aggravantes?

28. Juli 2016

Man kann die folgende Geschichte mit guten Gründen egal finden. Aber ich finde sie zumindest ein bisschen ulkig und außerdem auch vage enttäuschend, deshalb möchte ich sie mit euch teilen. Die Geschichte geht so:

Vor ein paar Monaten kündigte Stefan Niggemeiner an, in Kooperation mit Boris Rosenkranz eine neue Seite aufzuschlagen, und diese Seite sollte übermedien heißen und kritisch, unterhaltend und unabhängig über Medien berichten. Wie man das halt kennt von Stefan Niggemeier. Ich war auch von Anfang an als Fan und mit kurzen Unterbrechungen als Abonnent dabei. Wie die Unterbrechungen schon ahnen lassen, gefiels mir nicht immer. Das lag nie an den beiden Gründern, sondern daran, dass mir einige der Beiträge von anderen Autor(inn)en so missfielen, dass ich mich zeitweise wohler damit fühlte, ihre Arbeit nicht mehr finanziell zu unterstützen. Jetzt gerade bin ich aber wieder Abonnent und durchaus regelmäßig begeistert von den Texten, die mir dort kredenzt werden.

Aber manchmal ist übermedien auch komisch. Zum Beispiel: Am 6. April 2016 erschien ein wie üblich sehr gelungener Beitrag vom Meister selbst, in dem es darum ging, wie schade es ist, dass die Süddeutsche Zeitung nach ihren Panama-Pampers-Berichten die daraufhin erschollene Kritik weitgehend ignorierte.

Man kann es ja beklagen, dass sich nichts mehr enthüllen lässt, das die Machthaber in Russland in einem schlechten Licht dastehen lässt, ohne dass gleich gefühlt das halbe Internet „Lügenpresse“ brüllt und: Klar, der Putin, und was ist mit Amerika? Aber man kann es auch als Tatsache hinnehmen und damit umgehen. Es nicht ignorieren, sondern auf die berechtigte Kritik eingehen und erklären, warum die unberechtigte Kritik unberechtigt ist. Es ist fahrlässig, darauf zu verzichten.

Und ich dachte, ja, genau, bloß gut, dass es im Internet so Formate mit Kommentaren gibt, in denen man dann wirklich über Sachen diskutieren… Moment. Und ich schrieb:

Hm.
Gehört nicht so richtig hierher, aber ich finds gerade ulkig genug, ums zu schreiben: Über den Umgang mit Kritik hab ich auch zufällig kürzlich nachgedacht. Gibt es da für übermedien-Autor(inn)en irgendwelche Richtlinien?

Mein Kommentar verlinkte als Beispiel auf diesen Beitrag von Marie Meimberg (Offenlegung: deren Beiträge der Grund waren, aus dem ich zeitweise mein Abonnement gekündigt hatte), unter dem sich einige nicht offensichtlich abwegige Kritik fand, aber keinerlei Reaktion von Seiten der Autorin oder eines anderen übermedien-Repräsentanten. Ich hätte sicher auch andere Beispiele wählen können, aber ich hab nun diesen genommen (Offenlegung: sicher auch, weil mir Marie Meimbergs Beiträge einfach massiv auf den Geist gingen). Als Antwort auf meine Frage erhielt ich: keinerlei Reaktion von Seiten des Autors oder eines anderen übermedien-Repräsentanten. Na gut. Ich fand das zwar ganz lustig, dass ausgerechnet unter so einem Artikel so eine Frage so ein Schweigen erntet, vergaß die Sache dann aber irgendwann weitgehend (Offenlegung: möglicherweise auch aus Erleichterung darüber, dass die Beiträge von Marie Meimberg wenig später aufhörten).

Bis vor Kurzem dieses Interview hier meine Neugier weckte, dem zur Überschrift ein Zitat aus dem Interview dient, das allerdings im Interview etwas anders lautet als in der Überschrift. Nicht sinnentstellend oder sonstwie irreführend, einfach nur eine etwas andere Reihenfolge der Wörter. Und ich schrob:

Jetzt interessiert mich brennend, warum dieser Satz für die Überschrift nicht so lauten durfte, wie er im Interview lautet, sondern so lauten musste, wie er in der Überschrift lautet.

Und erhielt keine Antwort. Das erinnerte mich an meine andere, mutmaßlich etwas interessantere Frage, und ich nutzte die Gelegenheit, sie zu wiederholen:

Ich will ja nicht nerven, ehrlich, aber ich wüsste es halt so gerne: Habt ihr irgendwelche Kriterien für den Umgang mit Kommentaren, insbesondere potentiell kritischen Fragen? Wollt ihr die prinzipiell gerne alle beantworten, kommt aber nicht dazu, oder ist das von vornherein nicht euer Anspruch, oder nehmt ihr nur die, die ihr interessant findet, oder…?

Spätestens hier wäre mir wichtig zu erwähnen, dass ich es gar nicht weiter schlimm finde, wenn jemand manche Kommentare unter seinem Blog ignoriert. Ich mach das sogar auch. Aber ich finde erstens, dass eine Medienkritik-Seite, die Medien dafür kritisiert, dass sie Kritik ignorieren, vielleicht ein System haben sollte, wie sie mit Kritik umgeht, und das auch irgendwie offenlegen. „Hey tut uns leid, wir müssen alle auch von irgendwas leben und haben einfach keine Zeit“ würde ich sogar akzeptieren. Aber, ihr ahnt es vielleicht…

*räusper, unsicher umguck* Hallo?
Soll ich dann das Licht ausmachen, wenn ich gehe…?

Nun ist das ja verständlich, irgendwie. Wer keine Zeit hat, hat nun mal keine Zeit, vielleicht nicht mal, um zu schreiben, dass er keine Zeit hat. Ist okay. Aber da war noch was, was ich weniger verständlich finde. Dieses Interview ist nämlich nicht nur auf übermedien erschienen, sondern auch bei spiegel.de. Gegen Geld. Im Rahmen einer Kooperation. Was jemanden bei Twitter zu der Frage führte:

@paulk3mp erhielt sogar eine Antwort auf diese Frage, nämlich:

Und das fand ich dann doch sehr eigenartig. Klarstellung: Mich stört die Kooperation nicht. Ich traue Stefan Niggemeier eigentlich bedenkenlos zu, sich davon nicht beeinflussen zu lassen. Ich sehe ein, dass man ehrenwerte Projekte halt irgendwie finanzieren muss. Aber mich stört, wie das alles gelaufen ist. Die Kooperation wurde auf übermedien selbst nirgends erwähnt oder thematisiert, und Stefan Niggemeier schreibt als Antwort auf eine gezielte Nachfrage ganz ernsthaft, dass er keinerlei Zusammenhang zwischen der Unabhängigkeit einer medienkritischen Website und der (zumindest unter anderem) monetär motivierten Kooperation mit einem wichtigen Medium sieht. Er findet, man ist gegenüber zahlenden Kunden „ganz unabhängig“, zumindest, wenn man übermedien ist. Keine Ahnung, ob er das verallgemeinern würde. Ich habe mich deshalb dazu durchgerungen, weiter den nervigen Streber zu machen – ja gut, dafür muss ich mich nicht besonders anstrengen, zugegeben – und habe nachgehakt, woraufhin er antwortete:

Der Link führt zu einem Interview, in dem Boris Rosenkranz erklärt, dass sie nicht genug Abonnenten haben, das Projekt sich noch nicht trägt, und solche Kooperationen oder auch Werbung sich deshalb als sinnvolle Möglichkeiten zur ergänzenden Finanzierung anbieten. Auf gezielte Nachfrage antwortet er:

Es ändert sich ja nichts. Wir bleiben weiter unabhängig und produzieren unsere Inhalte.

Und jetzt kommt halt der Punkt, an dem ich finde, dass die beiden in Anbetracht ihrer selbst gewählten Aufgabe entweder einen bemerkenswerten Mangel an Problembewusstsein demonstrieren oder sogar ihr Publikum verschaukeln. Ein ausgesprochen kluger, dabei aber auch sympathischer und auffällig gutaussehender Kommentator schrieb dazu auf Twitter:

 

Ihr dürft jetzt raten, was die Antwort war.

 


Darum lass sie Deine Stimme hören, weil jede Stimme zählt

23. Juli 2016

Hey, Moment, habt ihr wahrscheinlich gerade gedacht, ist nicht in Hannover jetzt bald Kommunalwahl? Da habt ihr recht, und wer könnte darüber zuverlässiger und besser informiert berichten als euer persönlicher Hannover-Korrespondent Muriel Silberstreif? So ziemlich jeder andere, wieder richtig. Aber jetzt seid ihr schon mal hier, da könnt ihr doch auch ein bisschen weiter lesen, oder?

Kurze Startbemerkung: Ist euch schon mal aufgefallen, wie blödsinnig schwer es ist, Werbeplakate insgesamt und Wahlplakate speziell übers Internet zu finden? Ich versteh das gar nicht. Wenn ich mir schon die Mühe mache, eine tolle Werbebotschaft für meine Zielgruppe zu gestalten, dann will ich die doch auch möglichst gut und umfassend zugänglich machen. Und ja, wenn man sich die Suchergebnisse anschaut, dann scheint es, als hinge ein Teil dieses Effekts an der recht gelungenen Suchmaschinenoptimierung eines bestimmten systemkritischen Mitbewerbers der etablierten Parteien um die Aufmerksamkeit ihrer Wählerinnen, aber der größere doch sicherlich daran, dass erstere ihre Plakatmotive halt nicht hochladen. Was soll denn das?

An den Straßen, die ich so befahre, sind eigentlich nur CDU, SPD, Grüne und Linke präsent. Von allen anderen Parteien habe ich noch nichts gesehen. Die HAZ hat aber dankenswerterweise ein paar Beispiele dafür online gestellt, und … gütiger Himmel, die FDP ist wild entschlossen, ihren Abstieg jetzt auch im Design zu zeigen, oder? Jessas. Schnell weiter.

Die CDU macht halt, was die CDU so macht. Lasst uns mehr Leute einsperren, dann wird bestimmt alles besser.

Die Linke bleibt erwartbar bei ihren klassischen Kern-Claims:

20160722_193247

Ja gut, ne. Ihr wisst ja, was ich von sowas halte. Zustimmungsfähiger ist dieses Plakat:

20160722_193619

Ich gebe allerdings zu bedenken, dass der durchschnittliche Bezirksrat möglicherweise etwas zu hoch greift, wenn er sich gleich Weltfrieden zum Ziel setzt. Aber ehrenwert natürlich trotzdem, oder sogar gerade deshalb.

Die Grünen haben sich von jeglichen politischen Inhalten verabschiedet und beschränken sich darauf, dass möglichst alles gut sein soll.

20160722_193505

„Weltuntergang: Nicht mit uns!“ „Schönes Wetter: Bitte gern!“ „Gute Laune: Immer doch!“ „Zerstörung der Zivilisation, wie wir sie kennen: Hätten wir eigentlich lieber nicht!“

Und so ungern ich das zugebe: Die SPD hat nach meiner Wahrnehmung eigentlich die … wie will ich sagen? Vielleicht so: anständigsten Plakate. Man erkennt nämlich tatsächlich, was sie machen wollen. Nur so grob natürlich, aber für Wahlplakate echt okay.

Am lustigsten finde ich allerdings dieses hier:

Unbenannt

Hab verpennt, das eigentlich Plakat zu fotografieren, deswegen gibts einen Screenshot von der CDU-Homepage.

Äh. Hm. Das ist jetzt ein bisschen schwierig zu erklären. Also. Erstens muss ich natürlich betonen, dass Herr Kuscher möglicherweise nicht nur ein sehr netter Typ ist, sondern auch ein spitzenmäßiger Politiker und rundum genau der richtige Mann für den Job. Ich weiß gar nichts über ihn. Zweitens muss ich natürlich betonen, dass Namenswitze komplett unter meinem Niveau sind, und unter eurem natürlich erst recht. Drittens muss ich allerdings auch betonen, dass ich jedes Mal, wenn ich ein Plakat von ihm sehe, einen Wahlwerbespot höre, der ungefähr so geht:

„Chefs, Freunde, Partner, Kunden… Sind Sie es leid, vor anderen zu kuschen? Dann wählen Sie Dr. Gerd Kuscher! Dr. Kuscher kuscht für Sie vor Arbeitgebern, Gewerkschaften, Bürgerinitiativen, Behörden, Rassisten, Sozialisten, Wirtschaftsverbänden und Interessenvertretungen aller Art! Wählen Sie Dr. Kuscher! Dr. Kuscher vertritt Ihre Interessen im Bezirksrat. Also, natürlich nur, so gut es eben geht, wenn es keine Umstände macht. Solange es niemanden stört. Dr. Kuscher will ja auch niemandem Arbeit machen. Aber er kann sich schon vorstellen, was für Sie zu tun. Deshalb wählen Sie Dr. Gerd Kuscher!
Wenn Sie wollen. Klar. Also, Sie müssen jetzt auch nicht. Und Sie können natürlich auch gerne die anderen wählen. Dr. Kuscher findet die anderen Kandidatinnen auch alle völlig in Ordnung, und alle anderen Parteien überhaupt. Die sind alle gut. Dr. Kuscher kommt auch ohne Ihre Stimme ganz gut klar. Alles okay. Wirklich. Bloß keinen Ärger bitte.“


Opfer

19. Juli 2016

Nun hab ich mich gerade auf die Seite der Grünen Jugend gestellt, und als hätte ich damit eine Tür geöffnet, kommt gleich die nächste Gelegenheit für ein sonderbares Bündnis: Ich bin einer Meinung mit Renate Künast und Jakob Augstein.

Hm.

Na gut.

Nee, eigentlich nicht. Aber ich bin zumindest irgendwie vage bei ihnen in einer Streitfrage. Ihr werdet mitbekommen haben, dass da ein mutmaßlich verwirrter junger Mann in einem Zug Leute angegriffen hat und von Polizeibeamten erschossen wurde. Ihr werdet mutmaßlich auch mitbekommen haben, dass Renate Künast dazu was getwittert hat:

Nun habe ich mal gelernt, dass das schon rein von der Sache her gar keine besonders kluge Frage ist, weil (ungefähr, ich bin nun wirklich kein Experte) es einfach nicht realistisch ist für so ganz normal ausgebildete Polizistinnen, jemanden angriffsunfähig zu schießen. Erstens gibt es gar nicht so viele Stellen am menschlichen Körper, auf die man im Rahmen des realistisch Möglichen zielen kann, um jemanden zuverlässig nicht zu töten, und zweitens gibt es ja sogar bei gut geschulten Leuten wie SEK-Beamten (die hier anscheinend diejenigen welchen waren, wenn ich das richtig verstehe) eine erhebliche Unsicherheit, wo man einen sich in Bewegung befindenden Angreifer in einer Stresssituation trifft. Aber ich mag mich da dann doch wieder täuschen, und muss zumindest sagen, dass ich auch nach Lektüre der ursprünglichen Meldung darüber nachdachte, warum eigentlich unsere Polizei nicht besser darauf vorbereitet ist, eine doch eher konventionell bewaffnete Person außer Gefecht zu setzen, ohne sie gleich zu töten, und ob das wirklich nicht möglich gewesen wäre. Andererseits hätte ich als Polizist sicher auch eine Grenze dafür, wie viel ich zu riskieren bereit bin, um jemanden zu retten, der mich gerade mit einer Axt angreift, aber jedenfalls soll es darum hier gar nicht gehen, sondern vielmehr um die Reaktionen, zum Beispiel von dem Generalsekretär der CSU (natürlich…) Andreas Scheuer:

oder Bayerns Justizminister Bausback, der offenbar Künast zum Rücktritt aufgefordert hat.

Und da finde ich, ohne mich jetzt von der Krawalligkeit der beiden anstecken lassen zu wollen, dass es unabhängig von der Sinnhaftigkeit von Künasts ursprünglicher Frage andersherum ist. Wer so verantwortungsvolle Positionen im Staat besetzt wie Scheuer und Bausback und es per se schon ganz grundsätzlich unanständig findet, auch die Rechte von Straftätern zu beachten und vielleicht ein bisschen darauf zu achten, dass wir sie nicht unnötig töten, der sitzt falsch und ist eine Schande für das System, das er repräsentiert. Jakob Augstein hat dazu – unglücklicherweise nebst dummem Gelaber von „Netzmeute“ – halbwegs treffend geschrieben:

Nach jedem tödlichen Waffeneinsatz muss die Frage gestellt werden, ob Ausbildung und Ausrüstung der Polizei ausreichen, um möglicherweise gefährlichen Verdächtigen mit nicht tödlicher Gewalt zu begegnen.

Auch ein mutmaßlicher Täter, der noch die Waffe in der Hand hält, ist nur ein mutmaßlicher Täter, ein Tatverdächtiger. Er ist noch nicht verurteilt, nicht einmal angeklagt.

Halbwegs, weil es ja gar nicht so besonders darauf ankommt, ob Täter oder Tatverdächtiger. Wir erschießen nun mal nicht Leute, wenn es sich noch irgendwie vermeiden lässt, das sollte in unserer Gesellschaft doch nun wirklich unverhandelbarer Konsens sein, oder wie?

Und nachdem wir das geklärt hätten, noch eine sehr schöne kleine Bemerkung zu einer Sache, die mich auch immer ein bisschen irritiert:

Ich denke, damit wäre dann wirklich alles Nötige zur Sache gesagt. Oder?


Da ist man mal ein paar Wochen weg

10. Juli 2016

Heieiei, Leute. Ich dachte ja, es ist nicht so schlimm, wenn ich eine Weile nicht so viel schreibe, und die wirklich treuen Leserinnen und Leser werden wissen, dass ich irgendwann schon zurück komme und sie erlöse. Aber jetzt muss ich doch sagen, dass ohne meinen leitenden und ordnenden Einfluss die öffentliche Meinung ziemlich aus dem Ruder gelaufen zu sein scheint. Ich kann mich deshalb nicht länger meiner Verantwortung entziehen und habe entschieden, mal wieder ein paar Worte fallen zu lassen, um die Dinge zurück in geordnete Bahnen … äh, was? Wie bitte? Zweistellig? Naja, aber wenn die dann ihren Freunden und ihrer Familie …? Nee? Na gut, also… Ach, jetzt hab ich mir aber schon was überlegt, jetzt schreib ichs auch, oder? Kann ja nicht schaden.

  1. Ausstieg Großbritanniens aus der EU. Ihr habt das schon richtig gelesen, ich meine das, worüber alle gesprochen haben. Ich weigere mich nur halsstarrig, es so zu nennen. Ich schreib ja auch nicht BrAngelina. Wer bin ich denn? Zur Sache: Ja gut, das war natürlich schade, aber ich fands andererseits nicht verblüffend, und war von den Reaktionen der anderen Seite eigentlich viel enttäuschter. Weil ich denke, sicher, es ist wahrscheinlich für Großbritannien nicht so richtig schlau, die EU zu verlassen, weil die Mitgliedschaft da natürlich verschiedene nicht zuletzt wirtschaftlich sehr relevante Vorteile hat, aber … Also man kanns halt auch übertreiben, oder? Es gibt ja nach meinem Informationsstand erwiesenermaßen Länder außerhalb der EU, in denen die Bevölkerung nicht darauf angewiesen ist, die eigenen Nachkommen zu verspeisen, um zumindest die ärgste Not zu lindern, und die schon eine ganze Weile keine Angriffskriege gegen Deutschland mehr geführt haben. Etwas ernsthafter: Ja, ich sehe natürlich auch, dass es einfach ein mieses Signal ist, dass jetzt so ein eigentlich ganz zivilisiertes Land aus so blödsinnigen Gründen, zu denen offenbar ganz maßgeblich auch schlichte Xenophobie gehört, dieses vielversprechende Projekt verlässt, aber erstens muss man doch auch sagen, dass an der EU wirklich ein paar Sachen nicht so gut geregelt sind, und dass es deshalb zweitens ein ganz interessantes Experiment ist, mal zu sehen, was passiert, wenn jemand rausgeht, weil das ja auch für die anderen Mitglieder anschaulich demonstrieren könnte, wie wertvoll das Ganze entweder ist, oder dass sie sich vielleicht doch noch mal überlegen sollten, wie sie es organisieren. Drittens finde ich so ganz prinzipiell, dass es jedem Club ganz gut tut, wenn ihm bewusst ist, dass seine Mitglieder ihn verlassen können. Und viertens … Ja, viertens:

Zum ersten Mal begrenzt eine Generation die Chancen der Nachfahren, statt sie zu erweitern.

Before the end of this year, the Brexit will be seen as the worst decision in the history of the UK.

I don’t think I’ve ever wanted magic more.

Den Vogel abgeschossen hat in meiner Wahrnehmung dieser Kommentar von Martin Walker, zu dem ihr meine Meinung praktischerweise auch gleich drüben bei Facebook lesen könnt, wenn ihr mögt. Aber der Wettstreit darum, wer die Protagonisten des Ausstiegs am nachdrücklichsten zu den schlimmsten Menschen der Welt erklären kann, ist auch spannend anzusehen.

Und ganz egal, wie schlimm es jetzt wird, ganz egal, ob wir die EU für eine tolle Sache oder eher ein Ärgernis halten, ganz egal, ob wir demokratische Entscheidungen respektieren wollen oder nicht, einfach insgesamt ganz egal: So geht’s nicht. Das ist einfach schauderhafter Bullshit. Das ist einfach indiskutabel und ärgerlich. Wir reden über ein Land, das Sklaven gehandelt, ein weltumspannendes Imperium mit Gewalt und ihrer Androhung beherrscht hat, ein Land, das Kriege geführt und Hitler gegenüber eine Appeasement-Politik für eine gute Idee hielt, in einer Welt, in der jeden Tag Kinder verhungern, Millionen auf der Flucht vor Krieg und Verfolgung sind, und … Ich muss nicht weiter schreiben, oder? Der Ausstieg aus der EU ist weder das Schlimmste, was Großbritannien je gemacht hat, noch ist er in der allgemeinen Verhältnismäßigkeit eine enorme Katastrophe. Und wer so was schreibt wie da oben, den kann ich nicht mehr ernst nehmen, und will ich auch gar nicht, weil ich meine Zeit gerne anders verschwende als mit dem Durchsteigen durch schwachsinnige Hyperbeln und Superlative und Panikmache.

  1. Roboter, ganz gleich ob von Tesla oder von der Polizei: Es ist halt einfach gerade eine Zeit, in der ich mich noch schwerer tue als sonst, meinen Respekt vorm Journalismus nicht insgesamt zu verlieren. Weil hier auch wieder so viel rumkrakeelt und clickgebaitet und mit Superlativen um sich geworfen wird, dass ich mich frage, ob unsere großen Veröffentlichungen vielleicht sogar bewusst nur noch kurzfristig Geld verdienen wollen und die Idee, ein langfristiges Geschäftsmodell auf dem Vertrauen ihrer Kundschaft aufzubauen, schon weitgehend aufgegeben haben. Weil doch letzten Endes die Fragen, die hier aufgeworfen werden, im Detail interessant sein mögen, insbesondere für die betroffenen Personen natürlich, aber doch weder fundamental noch neu sind. Eine Maschine übernimmt Aufgaben von Menschen, und manchmal verhält sie sich dabei so, wie die Menschen es sich gedacht haben, und manchmal nicht. Wer da ganz fundamental neue philosophische und juristische Probleme sieht, hat in meinen Augen ein sonderbares Verständnis von Philosophie und Jura. Aber abgesehen von der oberflächlichen Clickbait-Seite, die alles natürlich nicht besser macht, habe ich hier den Verdacht, dass es noch einen anderen Grund für die unangemessene Lautstärke der Äußerungen gibt: Den Kult, den unsere Gesellschaft meines Erachtens unvernünftigerweise um das Konzept von Schuld veranstaltet, ohne dieses überhaupt vernünftig zu Ende entwickelt zu haben. Denn ohne sie jetzt alle systematisch ausgewertet aufzählen zu wollen, habe ich den Eindruck, dass diese Frage die Schreibenden und Redenden an dem Thema besonders verwirrt. Wenn der Fahrer selbst gar nicht mehr fährt, wer ist denn dann schuld? Jemand muss doch Schuld haben? Wie soll das denn alles weiter gehen, wenn jetzt bald Dinge passieren, an denen wir niemandem die Schuld geben können? Und ich finde, dass das auf zwei Ebenen Blödsinn ist. Erstens, weil es wie gesagt nicht neu ist. Es passieren dauernd Sachen, an denen niemand in dem Sinne schuld ist. Tiere sind ein naheliegendes Beispiel, das nach meinem Eindruck sogar ganz gut übertragbar ist auf den aktuellen Stand von KI. Wenn jemandes Pferd einen Unfall verursacht, fragt ja auch niemand, ob jetzt das Pferd Schuld ist. Man guckt, ob jemand auf das Pferd hätte aufpassen müssen und ob der wiederum seine Pflichten schuldhaft verletzt hat, und so weiter. Zweitens ist das mit der Schuld in meinen Augen sowieso ein blödsinniges Konzept, von dem wir uns zumindest im metaphysischen Sinne dringend verabschieden sollten. Verantwortung kann und sollte man irgendwie zuordnen, und Pflichten muss man in einem funktionierenden Rechtssystem auch irgendwie statuieren, aber Schuld ist doch nur dafür da, dass Feuilleton-Autorinnen und -Autoren sich bedeutungsschwanger mit Anspielungen auf olle Philosophen was über Gehirnforschung und freien Willen zuraunen können. Pah. Und was ist denn eigentlich mit dieser Juraprofessorin los, die für den Guardian sagen darf: „we typically examine deadly force by the police in terms of an immediate threat to the officer or others. It’s not clear how we should apply that if the threat is to a robot„? Öh. Hm? Was ? Es ist für diese Rechtsexpertin unklar, ob tödliche Gewalt angemessen ist, wenn jemand eine Maschine bedroht? Sagt das nicht vor allem was Bedenkliches über ihren Status als Expertin aus?
  2. EM und Flaggen: Ich hab selten Gelegenheit, mit der Grünen Jugend einer Meinung zu sein, deswegen will ich diese weidlich nutzen, und weil Beate drüben in ihrem Blog meinen Kommentar nicht freischalten mochte, übernehme ich ihn einfach hier und finde, damit ist zum Thema Fußball und Nationalismus und so das Wesentliche gesagt.
    „Ja, aber nee. Anderen vorzuwerfen, sie würden die Welt ohne Komplexität sehen, und dann selber Fahnen für unproblematisch erklären und einfach behaupten, Fußball wäre ja nur die guten Dinge, und die schlechten wären halt keiner, das ist … in meinen Augen extrem unterkomplex.Natürlich sind Nationalfahnen problematisch, weil sie für Nationen stehen, und weil sie damit zwangsläufig mit Nationalismus assoziiert sind. Man kann sicher trotzdem entscheiden, dass man es manchmal lustig findet, eine zu schwenken. Ich persönlich finde das komisch, weil das Ding für so viel Scheußliches steht, aber meine Güte, Symbole sind ja nur welche, weil wir sie als solche sehen, und jedem sein Ding.Aber so wie hier gehts in meinen Augen echt nicht. Kritik an Fahnen und dem Nationalismus, der Turnieren wie der EM zwangsläufig inne wohnt, ist was sehr Berechtigtes, und gerade in der heutigen Zeit auch etwas Nötiges. Man muss sich deshalb nicht von allem abhalten lassen, was einem Spaß macht, aber die Kritiker so runterputzen muss und sollte man auch nicht.Find ich.“ Oder?