Opfer

Nun hab ich mich gerade auf die Seite der Grünen Jugend gestellt, und als hätte ich damit eine Tür geöffnet, kommt gleich die nächste Gelegenheit für ein sonderbares Bündnis: Ich bin einer Meinung mit Renate Künast und Jakob Augstein.

Hm.

Na gut.

Nee, eigentlich nicht. Aber ich bin zumindest irgendwie vage bei ihnen in einer Streitfrage. Ihr werdet mitbekommen haben, dass da ein mutmaßlich verwirrter junger Mann in einem Zug Leute angegriffen hat und von Polizeibeamten erschossen wurde. Ihr werdet mutmaßlich auch mitbekommen haben, dass Renate Künast dazu was getwittert hat:

Nun habe ich mal gelernt, dass das schon rein von der Sache her gar keine besonders kluge Frage ist, weil (ungefähr, ich bin nun wirklich kein Experte) es einfach nicht realistisch ist für so ganz normal ausgebildete Polizistinnen, jemanden angriffsunfähig zu schießen. Erstens gibt es gar nicht so viele Stellen am menschlichen Körper, auf die man im Rahmen des realistisch Möglichen zielen kann, um jemanden zuverlässig nicht zu töten, und zweitens gibt es ja sogar bei gut geschulten Leuten wie SEK-Beamten (die hier anscheinend diejenigen welchen waren, wenn ich das richtig verstehe) eine erhebliche Unsicherheit, wo man einen sich in Bewegung befindenden Angreifer in einer Stresssituation trifft. Aber ich mag mich da dann doch wieder täuschen, und muss zumindest sagen, dass ich auch nach Lektüre der ursprünglichen Meldung darüber nachdachte, warum eigentlich unsere Polizei nicht besser darauf vorbereitet ist, eine doch eher konventionell bewaffnete Person außer Gefecht zu setzen, ohne sie gleich zu töten, und ob das wirklich nicht möglich gewesen wäre. Andererseits hätte ich als Polizist sicher auch eine Grenze dafür, wie viel ich zu riskieren bereit bin, um jemanden zu retten, der mich gerade mit einer Axt angreift, aber jedenfalls soll es darum hier gar nicht gehen, sondern vielmehr um die Reaktionen, zum Beispiel von dem Generalsekretär der CSU (natürlich…) Andreas Scheuer:

oder Bayerns Justizminister Bausback, der offenbar Künast zum Rücktritt aufgefordert hat.

Und da finde ich, ohne mich jetzt von der Krawalligkeit der beiden anstecken lassen zu wollen, dass es unabhängig von der Sinnhaftigkeit von Künasts ursprünglicher Frage andersherum ist. Wer so verantwortungsvolle Positionen im Staat besetzt wie Scheuer und Bausback und es per se schon ganz grundsätzlich unanständig findet, auch die Rechte von Straftätern zu beachten und vielleicht ein bisschen darauf zu achten, dass wir sie nicht unnötig töten, der sitzt falsch und ist eine Schande für das System, das er repräsentiert. Jakob Augstein hat dazu – unglücklicherweise nebst dummem Gelaber von „Netzmeute“ – halbwegs treffend geschrieben:

Nach jedem tödlichen Waffeneinsatz muss die Frage gestellt werden, ob Ausbildung und Ausrüstung der Polizei ausreichen, um möglicherweise gefährlichen Verdächtigen mit nicht tödlicher Gewalt zu begegnen.

Auch ein mutmaßlicher Täter, der noch die Waffe in der Hand hält, ist nur ein mutmaßlicher Täter, ein Tatverdächtiger. Er ist noch nicht verurteilt, nicht einmal angeklagt.

Halbwegs, weil es ja gar nicht so besonders darauf ankommt, ob Täter oder Tatverdächtiger. Wir erschießen nun mal nicht Leute, wenn es sich noch irgendwie vermeiden lässt, das sollte in unserer Gesellschaft doch nun wirklich unverhandelbarer Konsens sein, oder wie?

Und nachdem wir das geklärt hätten, noch eine sehr schöne kleine Bemerkung zu einer Sache, die mich auch immer ein bisschen irritiert:

Ich denke, damit wäre dann wirklich alles Nötige zur Sache gesagt. Oder?

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13 Responses to Opfer

  1. Andi sagt:

    Ich hab da heute tatsächlich auch länger drüber nachgedacht. Also jetzt nicht permanent und so, aber irgendwie war ich mir auch unschlüssig, ob ich Künast jetzt doof finden soll oder ob ich verstehen will, was sie vermutlich meinte und ob ich in diesem Fall so freundlich sein soll anzunehmen, dass sie es gut und richtig meinte und sich nur nicht so gut ausdrücken konnte. Puh. Verschachtelter Satz ist verschachtelt.
    Jedenfalls: ich glaube, dass es erstmal erlaubt sein muss, Fragen zu stellen. Das hat Frau Künast getan, sie hat es halt in eine unglückliche Form gebracht. Ich glaube aber nicht, dass sie da Täterschutz betreibt oder eine schreckliche Gewalttat verharmlosen will. Ich halte diesen Vorwurf auch für relativ absurd, weil ich mir kaum vorstellen kann, dass die Renate mit potentiellen Axtmördern sympathisiert. Aber gut, was weiß ich schon.

    Beim Augstein bin ich etwas zwiegespaltener. Du hast da oben zwei Zitate bzw. Absätze rausgepickt. Beim ersten bin ich voll dabei. Beim zweiten bin ich raus. Sicher hat er in der Sache recht, wir sollen niemanden vorverurteilen und so weiter. Alles richtig und gut und klar. Aber wenn da einer mit Messer oder Axt oder sonstwas vor dir steht – ohne jetzt zu wissen, wie die Situation da gestern genau war -, was haben da Sicherheitskräfte für andere Möglchkeiten? Sollen die den Typen noch streicheln oder einen Sitzkreis machen und über die Lage diskutieren? Nein, in diesem Zitat seh ich einen Vorwurf an die Polizei, die dann eben geschossen hat. Und das wäre kein richtiger Vorwurf in meinen Augen.

    Ich denke übrigens, man hätte in die Kniescheibe zielen können. Weiß aber natürlich auch nicht, ob man für sowas ausgebildet ist und so. Aber Kniescheibe fänd ich gut. Glaub ich.

  2. Muriel sagt:

    @Andi: Weitgehend sehr richtig. Den zweiten Satz von Augstein habe ich anders verstanden als du, und ich finde die Frage mit dem Sitzkreis nicht sehr hilfreich in dem Kontext. Wenn Streicheln hilft, bin ich sehr dafür, und wenns nicht anders geht, dann darf man sicher auch auf jemanden schießen, um sich selbst zu verteidigen. Aber es bleibt doch jedenfalls trotzdem dabei, dass aus gutem Grund die Entscheidung, ob jemand eine Tat begangen hat, und welche Konsequenz daraus für diese Person folgen sollte, in dem hier vorherrschenden System nicht direkt vor Ort von den Vollstreckungsorganen getroffen wird.
    Das mit der Kniescheibe kann ich halt nicht einschätzen. Im Bein ist auch diese große Hauptschlagader, und ich habe vor einer Weile gelesen, dass es eher keine gute Idee ist, ins Bein zu schießen, wenn man jemanden nicht töten will. Ich selbst denke bei sowas immer mehr in Richtung besserer Ausrüstung (und natürlich entsprechender Ausbildung). Eine Pistole ist nun mal kein besonders gutes Werkzeug, um jemanden aufzuhalten, ohne dabei unnötigen Schaden anzurichten. Es gibt ja auch Taser und CS-Gas und so Zeug. Aber das ist jetzt wirklich nur Spekulation. Da kenn ich mich halt nicht aus, und die Details dieses speziellen Falles kennen wir alle nicht, deswegen hab ich das auch nicht ins Zentrum des Beitrags stellen wollen.

  3. Andi sagt:

    Ich gebe zu, dass das mit dem Sitzkreis und so eher meiner Albernheit entsprang und natürlich nicht ernstgemeint war. Wir sind uns ja eh einig darin, was eine Unschuldsvermutung etc. angeht. Sehr sogar. Und auch wenn ich im vorliegenden Fall nicht dabei war, glücklicherwerise, glaub ich doch sagen zu können, dass die Polizisten da aus einer Notwehr heraus agierten bzw. aus ihrer Jobbeschreibung heraus, unschuldige Passanten beschützen zu müssen. Glaube, es ist hier tatsächlich zu rechtfertigen, dass man da geschossen hat und ihn letztlich erschossen hat.

    Das mit der Kniescheibe war natürlich auch eher weniger ernstgemeint. Weil man so genau vermutlich auch nicht zielen kann. So groß ist die Kniescheibe ja für gewöhnlich auch nicht.

    Vielleicht noch ein kleiner Aspekt: der, der da geschossen hat, gings sicher auch nicht gut dabei. Und dem gehts auch heut und morgen und übermorgen nicht gut damit, kann ich mir vorstellen.

  4. Well – Schußwaffengebrauch … da hat die Renate halt keine Ahnung von, muß aber trotzdem Kommentare dazu ablassen. Entsprechend bekommt sie Gegenwind, den ich teilweise als berechtigt sehe.

    Ad 1) Arme und Beine sind mit die schwierigsten Ziele am menschlichen Körper. Klein und ständig in Bewegung. Kommen dann noch ungünstige Lichtverhältnisse dazu, gefährden Schüsse auf die Extremitäten eher Unbeteiligte, da Arme und Beine meist durchschlagen werden – wenn man überhaupt trifft – und die Projektile dann unkontrolliert durch die Gegend fliegen.

    Ein 9mm Projektil kann auf bis zu 2000 Meter tödlich sein und auch nach dem Durchschlagen z.B. eines Arms, noch auf etliche hundert Meter unbeteiligte Opfer verletzen oder gar töten.

    Ad 2) Schüsse in Arme und Beine können einen angreifenden Täter nicht zuverlässig stoppen. Sogar bei einem direkten Treffer ins Herz kann es bis zu 20 Sekunden dauern bis der Angreifer zusammenbricht. Die Person kann bis dahin voll handlungsfähig sein. Erfahrungsgemäß werden von verletzten Personen häufig auch mehrere Treffer nicht registriert, da das Adrenalin Schmerzen betäubt und die Körper-Wahrnehmung stark eingeschränkt ist.

    Es gibt mehr als genug Berichte von Personen, die förmlich mit Blei vollgepumpt waren, die aber noch Minutenlang angriffen, verletzten und töteten. Teils waren Drogen und Alkohol im Spiel. Oft aber nur das körpereigene Adrenalin.

    Ad 3) Ein Projektil ist sehr klein und hat wenig Masse. Um eine sofortige Mannstopp-Wirkung zu erzielen muß dieses kleine Stück Metall exakt auf einen neuralgischen Punkt treffen. Bei einem sich bewegenden Angreifer extrem schwierig. Ist der Angreifer auch noch sehr nahe, hat man oft nur einen Schuß, der dann perfekt treffen muß, bevor der Angreifer den Verteidiger erreicht und zuschlagen oder zustechen kann.

    Ad 4) Die meisten Leute unterschätzen, wie schnell ein Angreifer auf jemanden zu kommen kann. Wer zu lange zögert, wird selbst zum Opfer. Auch Polizisten sind Menschen und sie sind nicht verpflichtet sich über Gebühr selbst in Gefahr zu bringen. Verteidigung gegen Hieb- und Stichwaffen mit bloßen Händen vermeiden sogar Kampfsportmeister die das täglich trainieren. Jemand, der das von Polizisten fordert, den lade ich zu einem kleinen Sparring ein.

    Ergo: Jemanden „angriffsunfähig schießen“ geht im Kino, aber so gut wie nie in der Realität. Die Polizei schießt auf den Rumpf des Angreifers – und zwar so lange, bis eine sichtbare Wirkung eintritt. So steht es in der Dienstvorschrift zum Waffengebrauch und zwar weltweit. Sondereinheiten schießen häufiger auf den Kopf, um eine akute Gefahr sofort zu beenden.

    Einen Flüchtenden kann man zwar ins Bein zu schießen versuchen, in der Hoffnung ihn stoppen zu können. Bei einem Angriff (wie im Würzburger Fall) ist so etwas aber selbstgefährdend.

    Lesetipp: „Wundballistik“ von Sellier und Kneubuehl. Die Bibel für Terminalballistik und das beste Fachbuch im deutschsprachigen Raum das die vielen unterschiedlichen Aspekte des Themas erschöpfend darstellt. Kostet halt eine Kleinigkeit …

    Ad 5) Frau Künast ist Juristin (angeblich sogar mit Berufserfahrung) und sollte sich mit dem Prozedere nach einem Schußwaffeneinsatz auskennen, genau so wie sie eigentlich wenigstens grob wissen sollte, was Bestandteil der Polizeiausbildung ist. Ihre Aussagen sind daher angreifbar und die Kritik, z.B. von Wendt (GdP) ist verständlich und nachvollziehbar.

    Ad 6) Ausrüstung und Ausbildung der Polizei kann man immer diskutieren. Da Augstein aber derzeit auch keine detaillierten Informationen zu den Umständen hat, plappert er nur oberflächliches Zeug und impliziert damit eine Menge. Kopfkino für die Leser. (Mit Verlaub, der Mann ist so arrogant, ignorant, inkompetent und so ideologisch verkorkst – ich habe große Probleme den ernst zu nehmen, selbst wenn er ab und zu mal was vernünftig klingendes von sich gibt).

    Erst nach der gründlichen Untersuchung durch die Staatsanwaltschaft werden wir mehr wissen. Bis dahin ist ein Großteil der Spekulationen und Anwürfe – egal von welcher Seite – nur heiße Luft. Den Untersuchungsbericht werden wir uns allerdings selbst suchen müssen, denn bis dahin treiben Politiker und Medien längst wieder eine andere Sau durch’s Dorf.

    Außerdem ärgert mich, daß die allermeisten Leute ihre „Bildung“ über Polizeieinsätze, Schußwaffen und Waffenwirkung aus Action-Filmen beziehen, die mit der Realität absolut nichts zu tun haben.

  5. Muriel sagt:

    @Andi: Sicher. Aber ich finde, gerade die Reaktionen aus der CSU- und weiter rechts-Ecke zeigen, dass die DIskussion Stimmen braucht, die fragen, ob das nötig war, und warum, und wie wir so etwas in Zukunft vermeiden können. Und keine Sorge, ich hab deinen Kommentar richtig verstanden und freu mich drüber, aber gerade die „Sollen Polizisten denn in Zukunft nur noch kuscheln dürfen“-Kommentare geben meines Erachtens wirklich der falschen Seite Unterstützung.
    @lawgunsandfreedom: Danke für die ergänzenden Ausführungen! Feut mich, dass ich mir das alles offenbar einigermaßen richtig gemerkt hatte.
    Ich sehe aus den genannten Gründen Frau Künasts Tweet trotzdem viel weniger kritisch als du. Gerade SEKs haben als eine ihrer Hauptaufgaben die Festnahme bewaffneter Gewalttäterinnen und trainieren Techniken und Taktiken, um das zu erreichen, ohne jemanden erschießen zu müssen. Wenn Polizistinnen jemanden töten, dann ist das erst mal ein Zeichen dafür, dass ihr Einsatz schlecht gelaufen ist, und ein Grund, sich zu fragen, wie sowas in Zukunft vermieden werden kann.
    Dass Frau Künast das hier nicht klug angesetzt hat, ist klar, und dass Twitter nicht der Raum für fundierte Diskussionen ist, auch. Aber von der Sache her finde ich es extrem wichtig, der „Ich habe volles Vertrauen darin, dass unsere Polizei immer alles richtig macht und außerdem dürfen wir nicht vergessen, dass Typ immerhin ein Täter war, und mir so perversen Ideen wie Rechten für Täter soll man sich doch bitte zurückhalten, wenn man seine politische Position behalten will“-Fraktion etwas entgegenzusetzen. Die haben nämlich auch dann Unrecht, wenn sich rausstellt, dass es in diesem Fall wirklich nicht anders ging.

  6. Muriel sagt:

    @lawgunsandfreedom: Oh. Anscheinend liegen wir dann doch nicht so ganz richtig.
    „Dann würden wir auf die Extremitäten schießen, Arme oder Beine. Das ist natürlich situationsabhängig. Wenn der Angreifer bewaffnet ist, würden wir versuchen, ihn durch die Schüsse zu entwaffnen.“
    Der Expertise des Herren würde ich mich unterordnen, und sogar wenn diese Aussage nicht ganz so verallgemeinerbar ist, wie sie klingt (Sie wäre nicht die einzige in diesem Interview…), würde sie zumindest belegen, dass die Sache wohl nicht eindeutig steht.

  7. Was Tschirner schreibt ist größtenteils richtig, bezieht sich aber auf Idealbedingungen, die in der Realität so meist nicht gegeben sind. Von der Theorie her stimme ich seinen Aussagen völlig zu. Wer sich aber mal die Fallbeispiele in der Realität ansieht merkt schnell, daß da viel vom „grünen Tisch“ kommt. Man hätte es gerne so …

    Allerdings treffen die nötigen Faktoren für die beschriebenen Idealbedingung eher selten zusammen.

    • Wenn der Täter weit genug weg ist
    • Wenn keine Fremdgefährdung durch Durchschüsse oder Querschläger besteht
    • Wenn die Lichtverhältnisse optimal sind
    • usw.

    Werde mir mal seine Forschungsarbeiten besorgen. Klingt interessant.

  8. Muriel sagt:

    @lawgunsandfreedom: Ich finde aus meiner völlig fehlenden Sachkunde heraus ja die These, man würde versuchen, jemanden durch Schüsse zu entwaffnen, so unglaubhaft, und die Bemerkung „Kein Polizist hat Interesse daran, jemanden umzubringen“, die es ja immerhin zum Titel des Interviews gebracht hat, so dreist, dass ich geneigt bin, ihn doch nicht besonders ernst zu nehmen, nachdem ich noch mal drüber nachgedacht habe.
    Bin auf jeden Fall immer interessiert an deinen Ergebnissen.

  9. Hm – ich stand vor 20 Jahren mal kurz davor, von der Waffe Gebrauch machen zu müssen. Bin immer noch heilfroh, daß der Angreifer beim Anblick der Waffe das Hasenpanier ergriffen hat. Das war so ein prägendes Erlebnis, daß mir das heute noch nachgeht. Ich weiß heute noch nicht, ob ich wirklich die Kraft gehabt hätte abzudrücken und ich will diese Erfahrung ganz sicher nicht machen müssen.

    Der Mensch hat eine natürliche „Beißhemmung“ was das verletzen oder töten Anderer angeht. Das gilt für so ziemlich jeden. Selbst Leute, die sich als „trigger happy“ bezeichen, haben zugeben müssen, daß sie im Ernstfall nicht schießen konnten. Und die, die es schafften, weil sie es mussten, hatten hinterher oft massive psychische Probleme.

    Deshalb glaube ich denjenigen, die sagen, daß sie niemanden umbringen wollen. Wer mit Waffen umgeht, entwickelt ein anderes Mind-Set, weil man genau weiß, was man anrichten kann und was daraus folgt. Ich bin seit über 35 Jahren mit Waffen zugange und seit ein paar Jahren auch Schießausbilder. Ich habe dutzende Male erlebt, wie sich das Verhalten und das Denkmuster verändern, wenn Schießanfänger im Laufe des Pflichttrainings nach einem Jahr die erste eigene Waffe genehmigt bekommen. Eric S. Raymond hat dazu einen schönen Artikel geschrieben, den ich ins Deutsche übersetzt habe:

    https://lawgunsandfreedom.wordpress.com/2013/05/30/ethics-from-the-barrel-of-a-gun/

    Allerdings halte auch ich den Ausspruch von Tschirner: „Schießen um jemanden zu entwaffnen“ für Humbug. Ich habe zu viele Fall-Studien gelesen um das ernst nehmen zu können. Einige solcher Versuche haben damit geendet, daß unbeteiligte Passanten angeschossen oder sogar getötet wurden.

    Jede Situation, in dem dienstlicher Waffengebrauch vorgekommen ist, war anders. Es gibt kein Patentrezept im Einsatz – nur Richtlinien, die je nach Situation angepasst werden müssen/können. Und da immer Menschen beteiligt sind, können Situationen richtig oder falsch eingeschätzt werden – kann eine Handlung richtig oder falsch sein.

    Es mag sein, daß es vereinzelt Polizisten in Deutschland gibt, denen man eigentlich keine Waffe in die Hand geben sollte. Aber das Gros der Beamten kennt seine Verantwortung und Verpflichtung.

  10. Zaungast sagt:

    Mit etwas Verzögerung mein Senf:

    Selbstverständlich ist die Frage, ob lethaler Waffeneinsatz in dieser Situation erforderlich war, berechtigt – nicht nur in diesem speziellen Fall, sondern ganz grundsätzlich. Ob man diese Frage aber wie Künast so kurz nach dem Ereignis stellen muss, wo sich quasi noch nicht mal der Qualm verzogen hat und die genauen Umstände dementsprechend sehr unklar sind, kann man schon kritisch sehen. Grade weil mit dem Stellen der Frage, zumal in der twittergerechten Formulierung von Künast (4 Fragezeichen, Alter!), sofort der implizierte Verdacht mitschwingt, die Polizei hätte da wohl über die Stränge geschlagen. Ich kann es bei Boulevard und den (dann typischerweise konservativen) Schnellkommentatoren auch nicht leiden, wenn die gefühlt sieben Minuten nach einem aufsehenerregenden Gewaltereignis schon was von mutmaßlichen Hintergründen und Tatmotiven samt zugehöriger (natürlich besorgniserregender!) Konsequenzen zusammenfabulieren – da kann ich es auch nicht gut finden, wenn aus dem eher linken Lager genauso schnell gequakt wird „Die Polizei hat den ERSCHOSSEN??? Wie konnte das passieren?? Hätte man das nicht auch anders lösen können? Fragen!“

    Also Künast hat ein berechtigtes Anliegen mit einem mE zu vorschnellen Timing etwas tendenziös vorgetragen – die Herren Scheuer und Bausback haben sich im Gegenzug dafür mal so richtig vollumfänglich zum Brot gemacht. Brauchen wir nicht weiter zu vertiefen, denke ich.

    Wenn man das Thema „lethaler polizeilicher Dienstwaffengebrauch“ allgemeiner betrachtet, dann weiß lawgunsandfreedom mit Sicherheit erheblich besser über die Praxis bescheid als ich, aber was er schreibt deckt sich mit dem, was ich selber als plausibel erachtet hätte. Wenn es also tatsächlich so schwierig ist, eine Person mit Schusswaffen einerseits zuverlässig „unschädlich“ zu machen, sie aber andererseits auch zuverlässig nicht zu töten, dann drängt sich die Frage auf, ob Schusswaffen überhaupt sonderlich geeignet für den Job sind. Ich vermute aber stark, dass Leute die sich besser auskennen sich darüber schon reichlich Gedanken gemacht haben und so naheliegende Alternativen wie Pfefferspray oder Tazer aus Gründen wie effektive Reichweite o.ä. als „Primärwaffe“ ausscheiden.

  11. Earonn sagt:

    Naja, Äxte haben wir bei uns auch nicht so oft, aber unsere Polizei (UK) ist grundsätzlich erst mal unbewaffnet. Und schafft es dennoch, bewaffnete Täter zu entwaffnen. Klar gibt’s bewaffnete Sondereinsatzkommandos, doch die werden jetzt nicht für ein Messer gerufen.

    Daraus schließe ich: es geht auch ohne.

    Die Frage von Frau Kühnast, da stimme ich Muriel zu, mag unglücklich formuliert sein, aber wenn die Polizei nicht mehr kritisch hinterfragt werden darf, haben wir bald ganz andere Probleme als Bewaffnete mit Äxten – nämlich Bewaffnete mit Schusswaffen und einem kompletten Apparat inkl. „Corpsgeist“ dahinter, denen keiner was darf. Da sind mir sogar axtschwingende Irre lieber.

  12. Muriel sagt:

    @Zaungast: Danke für den Kommentar. Ich bin da weitgehend bei dir; allerdings spricht meine Erfahrung nicht unbedingt dafür, dass der Status Quo in der Regel darauf beruht, dass Leute, die sich auskennen, sich schon reichlich Gedanken gemacht haben, sondern eher darauf, dass es halt schon immer so war. Aber wie das hier ist, kann ich auch nicht beurteilen.
    @Earonn: Ja, richtig, danke. Und das sind so Sachen, bei denen ich mich immer frage, warum man davon als Entscheider nicht mehr profitiert. Es gibt ja die Daten von anderen Ansätzen. Man könnte ja schauen, wie funktioniert es in einem Land, in dem Polizisten so bewaffnet sind, und wie in einem, in dem so, und wo sind die Vor- und Nachteile. Mir kommt es erst mal ein bisschen komisch vor, dass Polizisten so gar keine anständigen Waffen tragen, aber andererseits fallen mir natürlich auch Vorteile ein. Man müsste mal Statistiken vergleichen, und so. Hach. Wenn ich mal wieder Zeit habe. Aber das wär doch mal eine Aufgabe für Qualitätsmed… Na gut, ich will nicht auch noch davon anfangen.

  13. Die Bobbys sind traditionell unbewaffnet (nachts übrigens oft nicht mehr – zumindest gibt es für jeden Bezirk Squad-Cars mit voll aufgerödelten Beamten). Früher™ hatte ein Bobby einen Schlagstock und eine Pfeife. Die Pfeife wurde geblasen, um die rechtschaffenen Bürger mit ihren privaten Waffen auf die Straße zu rufen, damit sie das Gesetz unterstützten.

    Funktioniert so heute nicht mehr. Und die Bobbys haben sich auch gegen eine notwendige und sachlich begründete Bewaffnung gewehrt, weil das ihrem Selbstverständnis und der Tradition widersprach. London gilt trotz der enormen Kameradichte als Verbrechenshauptstadt in Europa und nicht wenige Verbrecher sind mit illegalen Waffen und Messern unterwegs. Ich habe mich bisher wenig mit den UK-Statistiken befasst. Aber das wäre mal interessant.

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