Quis aggravat ipsos aggravantes?

Man kann die folgende Geschichte mit guten Gründen egal finden. Aber ich finde sie zumindest ein bisschen ulkig und außerdem auch vage enttäuschend, deshalb möchte ich sie mit euch teilen. Die Geschichte geht so:

Vor ein paar Monaten kündigte Stefan Niggemeiner an, in Kooperation mit Boris Rosenkranz eine neue Seite aufzuschlagen, und diese Seite sollte übermedien heißen und kritisch, unterhaltend und unabhängig über Medien berichten. Wie man das halt kennt von Stefan Niggemeier. Ich war auch von Anfang an als Fan und mit kurzen Unterbrechungen als Abonnent dabei. Wie die Unterbrechungen schon ahnen lassen, gefiels mir nicht immer. Das lag nie an den beiden Gründern, sondern daran, dass mir einige der Beiträge von anderen Autor(inn)en so missfielen, dass ich mich zeitweise wohler damit fühlte, ihre Arbeit nicht mehr finanziell zu unterstützen. Jetzt gerade bin ich aber wieder Abonnent und durchaus regelmäßig begeistert von den Texten, die mir dort kredenzt werden.

Aber manchmal ist übermedien auch komisch. Zum Beispiel: Am 6. April 2016 erschien ein wie üblich sehr gelungener Beitrag vom Meister selbst, in dem es darum ging, wie schade es ist, dass die Süddeutsche Zeitung nach ihren Panama-Pampers-Berichten die daraufhin erschollene Kritik weitgehend ignorierte.

Man kann es ja beklagen, dass sich nichts mehr enthüllen lässt, das die Machthaber in Russland in einem schlechten Licht dastehen lässt, ohne dass gleich gefühlt das halbe Internet „Lügenpresse“ brüllt und: Klar, der Putin, und was ist mit Amerika? Aber man kann es auch als Tatsache hinnehmen und damit umgehen. Es nicht ignorieren, sondern auf die berechtigte Kritik eingehen und erklären, warum die unberechtigte Kritik unberechtigt ist. Es ist fahrlässig, darauf zu verzichten.

Und ich dachte, ja, genau, bloß gut, dass es im Internet so Formate mit Kommentaren gibt, in denen man dann wirklich über Sachen diskutieren… Moment. Und ich schrieb:

Hm.
Gehört nicht so richtig hierher, aber ich finds gerade ulkig genug, ums zu schreiben: Über den Umgang mit Kritik hab ich auch zufällig kürzlich nachgedacht. Gibt es da für übermedien-Autor(inn)en irgendwelche Richtlinien?

Mein Kommentar verlinkte als Beispiel auf diesen Beitrag von Marie Meimberg (Offenlegung: deren Beiträge der Grund waren, aus dem ich zeitweise mein Abonnement gekündigt hatte), unter dem sich einige nicht offensichtlich abwegige Kritik fand, aber keinerlei Reaktion von Seiten der Autorin oder eines anderen übermedien-Repräsentanten. Ich hätte sicher auch andere Beispiele wählen können, aber ich hab nun diesen genommen (Offenlegung: sicher auch, weil mir Marie Meimbergs Beiträge einfach massiv auf den Geist gingen). Als Antwort auf meine Frage erhielt ich: keinerlei Reaktion von Seiten des Autors oder eines anderen übermedien-Repräsentanten. Na gut. Ich fand das zwar ganz lustig, dass ausgerechnet unter so einem Artikel so eine Frage so ein Schweigen erntet, vergaß die Sache dann aber irgendwann weitgehend (Offenlegung: möglicherweise auch aus Erleichterung darüber, dass die Beiträge von Marie Meimberg wenig später aufhörten).

Bis vor Kurzem dieses Interview hier meine Neugier weckte, dem zur Überschrift ein Zitat aus dem Interview dient, das allerdings im Interview etwas anders lautet als in der Überschrift. Nicht sinnentstellend oder sonstwie irreführend, einfach nur eine etwas andere Reihenfolge der Wörter. Und ich schrob:

Jetzt interessiert mich brennend, warum dieser Satz für die Überschrift nicht so lauten durfte, wie er im Interview lautet, sondern so lauten musste, wie er in der Überschrift lautet.

Und erhielt keine Antwort. Das erinnerte mich an meine andere, mutmaßlich etwas interessantere Frage, und ich nutzte die Gelegenheit, sie zu wiederholen:

Ich will ja nicht nerven, ehrlich, aber ich wüsste es halt so gerne: Habt ihr irgendwelche Kriterien für den Umgang mit Kommentaren, insbesondere potentiell kritischen Fragen? Wollt ihr die prinzipiell gerne alle beantworten, kommt aber nicht dazu, oder ist das von vornherein nicht euer Anspruch, oder nehmt ihr nur die, die ihr interessant findet, oder…?

Spätestens hier wäre mir wichtig zu erwähnen, dass ich es gar nicht weiter schlimm finde, wenn jemand manche Kommentare unter seinem Blog ignoriert. Ich mach das sogar auch. Aber ich finde erstens, dass eine Medienkritik-Seite, die Medien dafür kritisiert, dass sie Kritik ignorieren, vielleicht ein System haben sollte, wie sie mit Kritik umgeht, und das auch irgendwie offenlegen. „Hey tut uns leid, wir müssen alle auch von irgendwas leben und haben einfach keine Zeit“ würde ich sogar akzeptieren. Aber, ihr ahnt es vielleicht…

*räusper, unsicher umguck* Hallo?
Soll ich dann das Licht ausmachen, wenn ich gehe…?

Nun ist das ja verständlich, irgendwie. Wer keine Zeit hat, hat nun mal keine Zeit, vielleicht nicht mal, um zu schreiben, dass er keine Zeit hat. Ist okay. Aber da war noch was, was ich weniger verständlich finde. Dieses Interview ist nämlich nicht nur auf übermedien erschienen, sondern auch bei spiegel.de. Gegen Geld. Im Rahmen einer Kooperation. Was jemanden bei Twitter zu der Frage führte:

@paulk3mp erhielt sogar eine Antwort auf diese Frage, nämlich:

Und das fand ich dann doch sehr eigenartig. Klarstellung: Mich stört die Kooperation nicht. Ich traue Stefan Niggemeier eigentlich bedenkenlos zu, sich davon nicht beeinflussen zu lassen. Ich sehe ein, dass man ehrenwerte Projekte halt irgendwie finanzieren muss. Aber mich stört, wie das alles gelaufen ist. Die Kooperation wurde auf übermedien selbst nirgends erwähnt oder thematisiert, und Stefan Niggemeier schreibt als Antwort auf eine gezielte Nachfrage ganz ernsthaft, dass er keinerlei Zusammenhang zwischen der Unabhängigkeit einer medienkritischen Website und der (zumindest unter anderem) monetär motivierten Kooperation mit einem wichtigen Medium sieht. Er findet, man ist gegenüber zahlenden Kunden „ganz unabhängig“, zumindest, wenn man übermedien ist. Keine Ahnung, ob er das verallgemeinern würde. Ich habe mich deshalb dazu durchgerungen, weiter den nervigen Streber zu machen – ja gut, dafür muss ich mich nicht besonders anstrengen, zugegeben – und habe nachgehakt, woraufhin er antwortete:

Der Link führt zu einem Interview, in dem Boris Rosenkranz erklärt, dass sie nicht genug Abonnenten haben, das Projekt sich noch nicht trägt, und solche Kooperationen oder auch Werbung sich deshalb als sinnvolle Möglichkeiten zur ergänzenden Finanzierung anbieten. Auf gezielte Nachfrage antwortet er:

Es ändert sich ja nichts. Wir bleiben weiter unabhängig und produzieren unsere Inhalte.

Und jetzt kommt halt der Punkt, an dem ich finde, dass die beiden in Anbetracht ihrer selbst gewählten Aufgabe entweder einen bemerkenswerten Mangel an Problembewusstsein demonstrieren oder sogar ihr Publikum verschaukeln. Ein ausgesprochen kluger, dabei aber auch sympathischer und auffällig gutaussehender Kommentator schrieb dazu auf Twitter:

 

Ihr dürft jetzt raten, was die Antwort war.

 

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3 Responses to Quis aggravat ipsos aggravantes?

  1. Hm. Also auch ich fand Marie Meimbergs Texte sehr schwach (obwohl ich ihre kreative Arbeit bei dem Youtube Original Channel „TriggerTV“ wirklich sehr schätzte – aber Kreativität und sachliche Analysen sind nun einmal zwei Paar Stiefel) und würde das Portal ausschließlich auf solchen Texten bestehen, wäre ich kein Abonnent. Ein anderer Kommentator hat das aber mal schön zusammengefasst, indem er sinngemäß sagte, daß er die Übermedien-Zahlungen jetzt eher als eine Art Rückvergütung für die jahrelangen kostenlosen Artikel von Stefans Blog sieht und damit könnte ich auch ganz gut leben (Funfact am Rande: Es war seinerzeit fast ein Ding der Unmöglichkeit, Stefan Niggemeier Spenden zukommen zu lassen – man mußte einen Flattr-Account registrieren, diesen mit einer Einmalzahlung aufladen, dann auf den Flattr-Button bei ihm klicken und einen Monat lang auf keine Artikel bei anderen. Ich habe bislang noch nie jemanden gefunden, der es einem zahlungswilligen Leser so schwer machte, sein Geld loszuwerden.).

    Die in Deinem Text angesprochenen Punkte finde ich zuweilen etwas kleinlich. Der Unterschied zwischen den beiden Vergewaltiger-Verteiler-Sätzen ist (vor dem Hintergrund daß es sich wohl um ein sprachlich geführtes Interview handelt, das in der Schriftform ja immer eine Bereinigung erfährt) eigentlich nicht vorhanden.

    Auch verstehe ich die Kritik an der Partnerschaft bzgl. Aufgabe der Unabhängigkeit nicht. Wenn Übermedien einzelne – bereits geschriebene – Artikel an andere Medien verkauft, wo siehst Du da das Problem? Der Artikel ist ja bereits für Übermedien geschrieben worden, er erfährt nur eine Zweitverwertung – wie die Fernsehserie, die man auch auf DVD herausbringt. Die Artikel werden – so verstehe ich es zumindest – ja nicht extra für andere geschrieben.

    Interessant finde ich aber Deine Frage nach den Richtlinien zum Umgang mit Kritik/Fragen in den Kommentaren und die ausbleibende Antwort sehr schade. Aber: Hast Du diese Frage bzw. Deine Fragen insgesamt auch einfach mal per Mail an Übermedien geschickt? Ich hatte mir irgendwann auch mal die Frage gestellt, ob Übermedien eigentlich Geld für die Blendle-Empfehlungen in ihren Newslettern bekommt – schrieb eine Mail und keine 24 Stunden später kam die Antwort von Boris Rosenkranz, der mir schrieb, daß sie daran nichts verdienen sondern dies ein partnerschaftlicher Tausch ist (Blendle verlinkt Übermedien in ihren Newslettern und Übermedien im Gegenzug Blendle).

    Falls Du diesen Weg noch nicht gegangen bist: Versuch es doch einfach mal mit einer persönlichen Mail statt einem offenen Kommentar.

    Mit den besten Grüßen,

    Raoul

    (Sollte der Kommentar doppelt und dreifach ankommen, sorry. Ich verzweifle gerade an diesem WordPress-Anmeldesystem. Das ist aber auch ein riesen unnötiger Scheiß!)

  2. Muriel sagt:

    @Raoul Duke: Danke für deinen Kommentar! Ich finde meine Bemerkungen teilweise auch sehr kleinlich, deshalb der launige Titel. Insbesondere die Frage nach den Titelsätzen ist, wie ich ja auch im Text schreibe, eigentlich gar keine Kritik, sondern wirklich nur das: eine Frage.
    Widersprechen muss ich dir bei der Unabhängigkeit. Ich schreibe ja oben, dass ich da kein großes Problem sehe, weil ich keinen Anlass zu der Annahme habe, dass übermedien davon besonders beeinflusst wird, aber es ist doch trotzdem so, dass ich von Leuten, die mir Geld geben, nicht völlig unabhängig bin. Und wenn ich mit der Aufgabe antrete, eine bestimmte Gruppe von Unternehmen zu kritisieren, und dabei auch regelmäßig den Begriff der Unabhängigkeit führe, dann muss ich meinen Unterstützerinnen und Unterstützern meines Erachtens schon ein bisschen erläutern, warum ich der Meinung bin, meine Unabhängigkeit kein bisschen zu verlieren, indem ich mich zum Auftragnehmrer von solchen Unternehmen mache. Dann so zu tun, als wäre da überhaupt kein Konflikt, ist in meinen Augen daneben.
    Per Mail habe ich den beiden bisher nicht geschrieben. Das wäre natürlich eine Idee, aber ich glaube, ich werds nicht machen, und ich erkläre auch gerne, warum: Erstens geht es in diesem Beitrag hier vorrangig darum, wie faszinierend schlecht übermedien mit Kommentaren und Feedback und kritischen Fragen (bzw, überhaupt jeder Art Fragen) umgeht, und wie ulkig es ist, dass sie das am deutlichsten unter einem Beitrag demonstrieren, in dem sie anderen vorwerfen, faszinierend schlecht mit Kommentaren und Feedback und kritischen Fragen umzugehen. Man könnte ihn in dieser Hinsicht auch noch um viele weitere Beobachtungen ergänzen, zum Beispiel auch in Bezug auf die Moderation, und und und. Das ist der Kern. Wenn ich jetzt eine Mail schriebe und darauf plötzlich eine total nützliche und freundliche Antwort erhielte, wäre das schön, würde aber an der hier geäußerten Kritik nichts ändern. Zweitens liegt der Fehler doch nun ziemlich sicher nicht daran, dass die Fragen nicht gesehen wurden. Auf Twitter habe ich ja sogar eine Antwort bekommen, und auch in den Kommentaren habe ich wohl genug genervt, um nicht einfach untergegangen zu sein. Wenn sie dann keine vernünftige Antwort geben wollen, sehe ich es nicht als meine Aufgabe, jetzt noch eine Mail zu schreiben, ein Fax zu schicken, anzurufen oder eventuell mal persönlich vorbeizuschauen, in der Hoffnung, dass ich dann vielleicht was rauskriege. Drittens halte ich offene Kommentare für genau das richtige Medium für dieses Gespräch. Es sollen ja alle, die es interessiert, mitlesen und -schreiben können. Das ist ja gerade die Stoßrichtung meiner Kritik.
    Was mich dann auch zum Schluss führt: Ich persönlich habe inzwischen mit übermedien weitgehend abgeschlossen. Ich mag die Texte und Videos dort. Ich finde, die sind gut gemacht. Ich mag den Stil und den Humor, und ich finde, sie haben fast immer recht und erfüllen eine sinnvolle Aufgabe. Aber wenn sie von ihren zahlenden Leserinnen erwarten, dass die einfach nur konsumieren und die Klappe halten, und eigentlich keinen Bock auf eine echte Auseinandersetzung mit ihnen haben, dann sind sie für mich nicht unterstützenswert, und auch nicht interessant. (Und außerdem bin ich da ja auch nicht mehr erwünscht. Ich will nicht so tun, als wäre damit alleine für mich schon alles klar, aber es ist natürlich auch ein Faktor.)
    Ich freu mich, wenn du das anders siehst und da weiterhin Spaß hast, und wünsche dir, dass es lange so bleibt.
    Aber ich freu mich auch, wenn ich dir zumindest weitgehend meine Perspektive auf das Thema Interaktivität nahebringen konnte und du siehst, warum ich da die Grenze überschritten sehe, ab der ich mich verschaukelt fühle und keinen Bock mehr habe.
    Und wenn du magst, schau doch auch hier mal hin und wieder vorbei. Ich freu mich über interessante Kommentare wie deinen, Medienkritik mach ich auch ab und zu, und man kann sogar alles kostenlos lesen. *breites Marketinggrinsen*

  3. Danke für die ausführliche Antwort, die mir Deinen Standpunkt auch sehr verständlich macht.

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