Zwei Beiträge zum Preis von einem oder das kleinste Restebloggen der Welt, oder wie ihr halt gerne wollt.

  1. Football

Donald Trump sagt ja nun eine Menge schlechtes Zeug. Gerade deshalb sind die verzweifelten Versuche der Medien, ihn um jeden Preis schlecht dastehen zu lassen, manchmal ein bisschen beschämend mitanzusehen. Irgendwer hat kürzlich auf Twitter sehr treffend gesagt, dass unser ganzes System des politischen Diskurses nur auf Skandale und Lapsus ausgerichtet ist, statt auf Inhalte, aber ich finde den Tweet nicht wieder, weil Twitter halt. Aber darum soll es hier sowieso eigentlich gar nicht gehen, sondern um einen anderen Aspekt der ganzen Sache, den ich schon lange faszinierend finde, aber diesmal ganz besonders.

In den Wahlkämpfen um die US-amerikanische Präsidentschaft geht es ja des Öfteren mal explizit darum, wer wohl das Format hat, mit der enormen Verantwortung umzugehen, über den Einsatz nuklearer Waffen entscheiden zu dürfen. Der berühmte Anruf mitten in der Nacht, ihr kennt das. Diesmal war es Hilary Clinton, die meinte, damit etwas erreichen zu können:

„Stellt ihn euch im Oval Office vor, konfrontiert mit einer echten Krise“, rief Hillary Clinton vorige Woche bei ihrer Parteitagsrede. „Wir können einem Mann, den man mit einem Tweet provozieren kann, nicht unsere Nuklearwaffen anvertrauen.“

Sie hat damit unzweifelhaft recht. Aber andererseits hat sie nur einen Ausschnitt davon, denn ganz umfassend richtig müsste man doch unzweifelhaft sagen: Wir können überhaupt keiner einzelnen Person eine solche Entscheidungsbefugnis anvertrauen. Der Spiegel schildert in dem zitierten Artikel den Ablauf so:

Man kann sich das etwa so vorstellen: Der Präsident erfährt von einem Angriff […]In einem solchen Fall bleiben ihm für einen präventiven Gegenschlag mit einem oder mehreren der 925 nuklearen Sprengköpfe der USA höchstenfalls zwölf Minuten: So lange würden z.B. russische U-Boot-Atomwaffen brauchen, um amerikanisches Festland zu erreichen, heißt es. Aus Zeitgründen wurde die Entscheidungskette also dramatisch verkürzt: Der US-Kongress, der eine Kriegserklärung sonst absegnen muss, wird nicht mehr eingeschaltet.Der Präsident wird sofort mit dem Generalstab verbunden, der seine Befehle weitergibt an die Einsatzkräfte. Er berät sich mit den Militärs, allen voran dem Verteidigungsminister, doch alle sind ihm unterstellt: „Sobald der Präsident einen Angriff befohlen hat, gibt es kein Veto mehr“, sagte der Nuklearexperte Franklin Miller, der 31 Jahre lang für die US-Regierung gearbeitet hat, der „New York Times“. „Nur der Präsident hat die Autorität.“

Und eine kurze oberflächliche Recherche vermittelt mir den Eindruck, dass das ungefähr so stimmt. (Und, das tut hier nicht so viel zur Sache, aber findet noch jemand, dass „präventiver Gegenschlag“ ein merkwürdiges Konzept ist?)

Und jetzt mal ganz unabhängig davon, ob diese Person nun George Bush, Barack Obama, Hilary Clinton, Donald Trump oder Muriel Silberstreif heißt: Das ist doch eine evident unvernünftige Regelung. Das gehört doch dringend überarbeitet. Ich würde behaupten, dass es auch früher schon ein blödsinniges System war, als der Kalte Krieg noch der Kalte Krieg war, aber heute geht das doch nun wirklich eindeutig nicht so.

Menschen sind generell sehr fehleranfällig, und natürlich gibt es kein System, das uns zuverlässig davor schützt. Aber einer einzelnen Person, die wie wir alle jederzeit aus den verschiedensten Gründen zeitweise mal nicht in der Lage sein kann, klar zu denken, eine so gewaltige Verantwortung zuzutrauen, ist einfach schwachsinnig. Man kann sicherlich darauf hoffen, dass die ausführenden Personen von der Trägerin des Koffers über den Verteidigungsminister zu den Soldaten eventuell die Befehle eines erkennbar geistig beeinträchtigten Präsidenten verweigern würden, aber gerade wenn das unsere Hoffnung sein soll, wäre es doch fein, dafür ein System einzurichten, das diesen Leuten Richtlinien an die Hand gibt, oder Wasweißich, sowas wie einen Richtervorbehalt? Womöglich gibt es sogar eins, das aber auch irgendwie geheim ist, aber das ist dann ja aus offensichtlichen Gründen auch keine Antwort. Man müsste mehr über die (streng geheimen) Einzelheiten wissen, um einen sinnvollen konkreten Vorschlag zu machen, aber „Diese eine Person hat die Entscheidung in der Hand, ob die Welt untergeht, und niemand darf ihr da reinreden“ hielte ich nicht mal für eine gute Idee, wenn ich selbst diese Person wäre. Oder was meint ihr?

2. Homöopathie

Die FAZ hat sich mal wieder gedacht, dass Berichterstattung nicht ausgewogen sein kann, wenn man nicht beide Seiten gezeigt hat:

„Eine zusammenfassende Betrachtung klinischer Forschungsdaten belegt hinreichend einen therapeutischen Nutzen (effectiveness) der homöopathischen Behandlung. Die Ergebnisse zahlreicher placebokontrollierter Studien sowie Experimente aus der Grundlagenforschung sprechen darüber hinaus für eine spezifische Wirkung (efficacy) potenzierter Arzneimittel.“ Laut WissHom gebe es eine Vielzahl von positiven randomisierten klinischen Studien, die eine Überlegenheit der Homöopathie gegenüber Placebos zeigten, „auch wenn nur die methodisch hochwertigen placebokontrollierten Studien zur individualisierten Homöopathie herausgegriffen werden, zeigt sich ein positives Ergebnis“.

Und ich will sogleich zugeben, dass ich mich zeitlich damit überfordert fühle, im Einzelnen darzulegen, wo jeweils die Probleme dieser zahlreichen Studien im Einzelnen liegen und warum sie in ihrer Gesamtheit diesen Schluss nicht zulassen. Knapp zusammengefasst findet ihr dazu hier zum Beispiel ein bisschen was, und hier ein bisschen was mehr. Aber ich finde, es reicht schon, zu wissen, was Homöopathie ist. Und ich erlebe immer wieder erstaunlich oft Leute, die das nicht wissen. Die glauben, dass homöopathische Mittel sich dadurch auszeichnen, dass sie halt sanft sind, oder natürlich, oder sowas.

Homöopathie ist aber was Anderes. Sie basiert knapp zusammengefasst auf zwei Ideen:

a) Was bei Gesunden eine Krankheit auslöst, heilt ebendiese bei Kranken.

b) Je mehr ein Wirkstoff verdünnt wird, desto wirksamer wird er.

Und beide Prinzipien verstoßen gegen so ziemlich alles, was Medizin, Chemie und Physik über das Funktionieren unserer Welt wissen. Auch Homöopathen haben kein tragfähiges Modell zu bieten, das erklärt, wie das sein könnte. Sie glauben es einfach. Ohne guten Grund. Und wenn man sie fragt, dann antworten sie sowas wie Frau Bajic auf ihrer Homepage:

Man kann sich die Wirkung von homöopathischen Heilmitteln vorstellen, als käme der Person eine Nachricht zu, die sie befähigt ihre Selbstheilungskräfte optimal einzusetzen.

Und so funktioniert Wissenschaft nun mal nicht. Ich kann mir nicht einfach irgendeinen Kokolores frei ausdenken und dann fröhlich loslaufen und Experimente an kranken Menschen ausführen. Ich brauche zunächst mal eine Grundlage, eine Basis für die Annahme, dass da sowas wie eine medizinische Wirkung sein könnte. Solange das fehlt, sind Studien Zeitverschwendung. Trotzdem haben wir sie im Fall von Homöopathie in großer Zahl durchgeführt, und wenn man die Datenlage betrachtet, zeigt sie wenig überraschend keinen Beleg für eine über den Placebo-Effekt hinausgehende Wirkung. Wenn nun die FAZ trotzdem jemanden unkommentiert etwas anderes behaupten lässt, und zwar eine Person, auf deren Homepage wir den atemberaubend dreisten Hinweis finden:

Homöopathie hilft bei allen Krankheiten, die keiner chirurgischen oder intensivmedizinischen Behandlung bedürfen. Ein sorgfältig ausgewähltes homöopathisches Arzneimittel heilt schnell, sanft, sicher, nebenwirkungsfrei und dauerhaft auch schwere, akute und chronische Erkrankungen, wie Migräne, Neurodermitis, Asthma bronchiale, Colitis, Rheumatismus u.v.a., für die sonst nur Linderung, aber keine Heilung möglich ist. Dies gilt auch für akute Krankheiten bakterieller oder viraler Natur. Solange der Organismus zu einer Reaktion auf die Arznei fähig ist, kann ein homöopathisches Mittel heilen.

dann ist das in meinen Augen verantwortungslos, weil diese Sätze schon zeigen, dass Frau Bajic offenbar entweder nicht in der Lage oder nicht bereit ist, den Stand der Forschung in dieser Sache aufrichtig darzustellen. Sie ist damit eher keine geeignete Repräsentantin einer satisfaktionsfähigen Position in einer öffentlichen Debatte. Es gibt Fragen, bei denen nicht zwei Seiten mehr oder weniger gleichauf um die Wahrheit streiten, und wenn ein Medium dann aber suggeriert, es wäre doch so, dann täuscht es seine Kundinnen und Kunden. Ich stelle doch auch nicht gleichberechtigt einen Gastbeitrag von einem Staatsanwalt, der erklärt, dass Ladendiebstahl strafbar ist, neben den von einem Ladendieb, der erfreut berichtet, dass er jetzt schon fünfmal nicht erwischt wurde und die Praxis deshalb echt empfehlen kann. Oder wie seht ihr das?

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9 Responses to Zwei Beiträge zum Preis von einem oder das kleinste Restebloggen der Welt, oder wie ihr halt gerne wollt.

  1. Joan sagt:

    Beim Thema Homöopathie könnte ich ja zur Querulantin werden angesichts der Tatsache, dass manche Krankenkassen inzwischen die Kosten einiger Medikamente nicht oder nur widerwillig oder nur manchmal übernehmen, einem aber dafür aktiv homöopathische Beratungen für das Problem andienen.

    Und dass gerade dieser Artikel im Wissenschaftsteil der FAZ erschienen ist, finde ich frech. Da fehlt alles: Keine Auseinandersetzung mit den Studien und ihren Methoden, einseitiges Zitieren, wenig Eingehen auf die eigentliche Kritik, und keine ansatzweise Erklärung des Wirkprinzips der „Hochpotenz“. Von mir aus hätten sie den ins Feuilleton packen können, dann entsteht wenigstens nicht der von dir beschriebene Eindruck, es handele sich um zwei gleichermaßen begründbare wissenschaftliche Positionen.

  2. Muriel sagt:

    @Joan: Ich finde es bei Zeitungen ja schon nicht okay, aber was ich streng genommen eigentlich schon als Straftat empfinde, und als Verstoß gegen ihr Berufsrecht sowieso, ist das Verhalten von Ärztinnen und Apothekern, die (Ich weiß nicht, wie oft, aber ich kenne es aus eigener Erfahrung regelmäßig und ausschließlich so.) ihren meistens ja ahnungslosen Patienten irgendwas Homöopathisches empfehlen, ohne drauf hinzuweisen, was das bedeutet, und auf Nachfrage sogar versichern, das sei natürlich total seriös und wissenschaftlich so gut fundiert, dass es nur so qualmt.

  3. Zaungast sagt:

    In der Sache kein Widerspruch, aber: Ich finde es bisweilen etwas unglücklich, wenn die Argumentation kontra Homöopathie zu sehr darauf abhebt, dass die behauptete Wirkungsweise widersinnig und/oder in sich inkonsistent ist. Weil es darauf gar nicht ankommt und es den Homöo-Anhängern nur das Schlupfloch „ja WIE genau es wirkt muss noch genauer erforscht werden, aber nur weil die Schulmedizin es noch nicht erklären kann, heißt das ja nicht…“ öffnet.

    Denn das Schlupfloch ist ja erstmal richtig: WENN Homöopathie wirken würde, dann wäre es egal, ob das Wirkprinzip dahinter uns unverständlich erscheint oder unbekannt ist. „Wer heilt, hat recht“ lautet das zugehörige Mantra – nur heilt Homöopathie eben nicht. DAS ist der Punkt.

    Leider ist das natürlich weniger elegant oder offenkundig, weil man für diesen Schluss im Zweifel doch selber Studien wälzen muss, oder sich auf Bewertungen/Metastudien verlassen, deren Urhebern man vertraut. Klar ist es unmittelbarer sich zu überlegen „wie soll das denn funktionieren, kann das überhaupt sein?“ – aber ob man selber sich vorstellen kann ob das sein kann oder nicht, ist eigentlich nicht relevant und jedenfalls nicht der Kernpunkt.

    Klar ist aber auch: Je abenteuerlicher eine These ist, die jemand aufstellt, umso größer ist die Beweislast, die damit einhergeht, und umso überzeugender müssen die Beweise sein.

    Und auch ich habe die Erfahrung gemacht, dass (durchaus intelligente, kritisch denkende) Bekannte schlicht nicht wussten, dass Homöopathie nicht „halt mit natürlich-pflanzlichen Wirkstoffen“ ist.

  4. Muriel sagt:

    @Zaungast: Ja. Aber nicht ganz. Weil du natürlich einerseits recht hast, aber mein methodologisches Argument auch zutrifft. Gerade im medizinischen Bereich ist es nicht nur ineffizient, sondern massiv unethisch, experimentell zu erkunden, ob ein Stoff wirkt, von dem man vorher schon mit Sicherheit weiß, dass er nicht wirken KANN.

  5. Zaungast sagt:

    Und ehe man sich versieht, muss man sich von der Gegenseite Vorwürfe über eine angeblich dogmatische Sichtweise anhören. 😉

    Ja, es ist unschön und bedenklich, dass so offenkundiger Unsinn in unserer angeblich aufgeklärten Zeit so weit verbreitet werden konnte, dass eine Diskussion darüber überhaupt erst aufkommt. Aber zumal wenn Vertreterinnen wie Fr. Bajic ohne rot zu werden von Heilung bei allem möglichen fabulieren, halte ich es für wichtig, dass das zentrale(!) Gegenargument nicht lautet „Kann gar nicht sein!“, sondern „Nein, über den Placeboeffekt hinaus ist da erwiesenermaßen nix mit Heilung!“

    Wenn ich der Homöopathie gegenüber wohlwollend eingestellt bin, dann wird mich allein der Hinweis, dass Simile-Prinzip und Potenzierung doch völliger Kappes sind, nicht unbedingt überzeugen, denn: „Ja gut, das sollte man vielleicht auch nicht für bare Münze nehmen – aber wenn’s hilft..?“

    Außer natürlich, ich wusste gar nicht dass es dabei um Simile und Potenzierung (und nicht um irgendwelche Pflanzenextrakte) geht. Dann sollte das in der Tat das erste, weil unmittelbar nachvollziehbare Argument sein, und vielleicht fällt der Groschen dann schon. Aber bei Leuten, die diese Kröte schon geschluckt haben (oder zumindest darüber hinwegzusehen bereit sind), zieht das mE nicht mehr so gut.

  6. Muriel sagt:

    @Zaungast: Und deshalb halte ich die Kombination beider Ansätze für sinnvoll.

  7. Zaungast sagt:

    Ich auch, nur ggf. mit anderer Default-Gewichtung. 😉 Oder vielleicht nicht mal das.

    Simmer uns wieder einig, laaaangweilig!

  8. Muriel sagt:

    @Zaungast: Ja, die Harmonie ist schwer zu ertragen. Ich werd mal sehen, ob ich da was tun kann. Aber um das vielleicht noch mal zu erwähnen, wegen Gewichtung und so: Ich finde ganz nachdrücklich, dass man das nicht unter den Tisch fallen lassen darf, dass Experimente im medizinischen Bereich immer auf Kosten der Gesundheit von Menschen gehen. Wann immer ich irgendwelchen wirkungslosen Quatsch teste, gebe ich einer Gruppe kranker Menschen wirkungslosen Quatsch statt echter Medizin. (Gut, mach ich bei allen sinnvollen Medikamententest, aber bei wirkungslosem Quatsch bei noch mehr…) Das kann in ganz plausiblen Szenarios auch zu einer deutlichen Lebensverkürzung der Teilnehmenden führen. Insofern lege ich auf die angemessene Gewichtung der a-priori-Plausibilität (oder wie wirs nennen wollen) doch großen Wert.

  9. Zaungast sagt:

    Auch hier wieder: Kein Widerspruch, aber welchem Argument ich die größere Schlagkraft beimesse, ist ja zunächst unabhängig davon, wie teuer (im monetären wie auch ethischen Sinne) die Menschheit sich die Erlangung dieses Arguments erkauft hat.

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