Wir machen das so lange, bis es alle verstanden haben

Ich weiß, ich hab schon öfter über das Verbot der Verschleierung geschrieben. Aber solange die Süddeutsche Zeitung noch an prominenter Stelle bizarr dumme Artikel zu dem Thema veröffentlicht, ist meine Aufgabe offensichtlich nicht getan. Ans Werk also.

Gleich zu Anfang wartet Tomas Avenarius, der Verfasser des Beitrags, mit einer steilen These auf. Wie in solchen Beiträgen üblich, ist die These offensichtlich völliger Blödsinn und außerdem auch völlig irrelevant, aber das hält ihn nicht davon ab, sie ein paar Mal zu wiederholen und sogar … naja, zu versuchen sie zu begründen. Seine These lautet:

Anders als das Kopftuch hat der Vollschleier nichts mit Religion zu tun.

Das hält ihn nicht davon ab, der Meinung zu sein, dass ein Verbot der Verschleierung verfassungswidrig wäre, weil es gegen die Religionsfreiheit verstieße – ihr merkt schon, die Wege des Autors sind unergründlich, aber was der SZ-Redaktion recht ist, soll mir nur billig sein -, wiederum andererseits ist das für ihn aber kein so gewichtiges Argument wie die … ähm… von ihm wahrgenommenen praktischen Probleme, die das Verbot mit sich brächte:

Der Beamte, der die Schleierfrau auf der Straße aufhielte, hätte wenig in der Hand. Was könnte er tun – der Verschleierten das Tuch vom Kopf reißen? Und wenn sie den Vollschleier gar nicht freiwillig trägt, der Ehemann sie dazu gezwungen hat?

Den Begriff „Schleierfrau“ schenke ich Herrn Avenarius. Wer mag, darf sich mit Recht drüber aufregen oder zumindest eigene Schlüsse über die Geisteshaltung ziehen, die daraus spricht, ich mag mich daran aber nicht aufhalten, weil ich dieses Wochenende noch andere Sachen vorhabe, als hier jede unschöne Formulierung zu beckmessern. Aber ihr seht, dass er sich schon ein bisschen Gedanken gemacht hat, und dabei erkannt, dass deutsche Polizistinnen natürlich vor völlig ungelösten Problemen stehen, wenn jemand verbotene Kleidungsstücke trägt, oder wenn jemand etwas Verbotenes unfreiwillig tut.

Kaum einer kennt solche rechtlichen Vorbehalte in der Schleier-Frage besser als Bundesinnenminister Thomas de Maizière, er ist Jurist.

Ich würde behaupten, dass es eine ganze Menge Leute gibt, die sie besser kennen, wünsche mir aber inständig, dass Herr de Maizière sie zumindest ein bisschen besser kennt als Herr Avenarius, weil … Naja, um Himmels Willen, ich mag mir wirklich nicht gerne ausmalen, dass er als zuständiger Entscheidungsträger der Exekutive noch weniger Ahnung davon hat.

Ja gut, kann man jetzt sagen, ist zwar schade, dass Herr Avenarius solchen Unsinn schreibt, aber er kommt doch immerhin zu einem brauchbaren Ergebnis: Das Verbot wäre verfassungswidrig und schlecht handhabbar, deshalb … Aber leider nicht. Denn er hat ja noch das besagte Ass im Ärmel, das ihn aus seinen vorher tapfer eingestandenen Argumentationsnöten rettet:

Eine einzige Frage klärt den Streit um das Burkaverbot:

Eine einzige. Nur die. Alle anderen Fragen sind völlig unerheblich. Also so Fragen wie die nach der Vereinbarkeit mit unserer Verfassung und so. Also alle Fragen, die er am Anfang selbst aufgeworfen hat. Denn nur eine Frage klärt den Streit. Ihr werdet nie erraten, welche es ist, deshalb verrate ich es euch einfach ohne großes Brimborium:

Warum trägt in den meisten islamischen Staaten nur eine kleine Minderheit der Frauen den Vollschleier? Sind all die anderen keine guten Muslimas?

Ja, genau. Und jetzt seid ihr sicher alle echt froh, dass der Streit jetzt mit dieser einen einzigen Frage geklärt ist und wir alle nach Hause gehen können. Wir müssen keine weiteren Fragen stellen, insbesondere auch keine zweite, denn diese eine einzige Frage reicht völlig, um den Streit zu klären. Nur eine Frage. Eine einzige. Genau eine.

Ruhe! Es ist eine Frage und Schluss. Und mit dieser Frage wissen wir jetzt, dass der Vollschleier nämlich wie gesagt NICHTS mit Religion zu tun hat, sondern mit Politik, und deshalb gilt:

Der Vollschleier ist also kein tagespolitisches, kein juristisches Problem.

Öh. Na gut. Politik und Tagespolitik muss ja nicht dasselbe sein. Aber jedenfalls gibt es KEINERLEI Zusammenhang mit Religion, denn der Vollschleier

ist die Negation eines zeitgemäßen Islam

Ähh… Also, Herr Avenarius, ich versuche hier gerade, uns allen viel Arbeit zu ersparen, könnten Sie vielleicht ein kleines bisschen mitmachen dabei? Sie hatten doch schon die eine Frage gestellt, mit der der Streit geklärt wird, die eine einzige

EINE EINZIGE FRAGE nämlich, und… Wie lautete die doch gleich?

Ist die Frau dem Mann gleichwertig und ebenbürtig?

Ähh…

Picard-wtf

Na gut, egal. Nehmen wir eben die. Und die entscheidet dann. Wir hatten ja schon festgestellt, dass das Verbot der Vollverschleierung nicht mit dem Grundgesetz vereinbar wäre, und dass Herr Avenarius auch keine Ahnung hat, wie man es sinnvoll umsetzen könnte, und wenn ihr bis hierher mitgelesen habt, dann ahnt ihr, was daraus folgt:

Also „Nein“ zu Burka oder Niqab. [was für ihn offenkundig das gleiche ist wie „“Ja“ zum strafbewehrten Verbot“]

Und falls ihr jetzt fragt, wie das gehen soll, wo doch nun mal das Bundesverfassungsgericht ein solches Gesetz nicht anerkennen dürfte, weil es, wie selbst Herr Avenarius selbst ganz klar anerkannt hat, gegen die hier in Deutschland geltenden Grundrechte verstieße, hat er natürlich eine gut durchdachte Antwort für euch:

das Bundesverfassungsgericht wird sich wohl nicht an den Maßstäben der Dorfältesten von Kandahar orientieren?

Und eigentlich wäre es wahrscheinlich stilistisch schöner, damit einfach aufzuhören und diesen argumentationsethischen Offenbarungseid einfach für sich sprechen zu lassen, aber ich finde diesen Ansatz so perfide, dass ich zum Schluss doch lieber noch einmal die Clownsmaske absetzen und kurz im Ernst erläutern will, was ich von diesem Text halte, den die Süddeutsche da veröffentlicht hat.

Erstens ist es natürlich so, dass das alles völlig egal ist. Hab ich ja schon in den anderen Beiträgen erklärt: Ob eine Frau oder ein Mann ein Kleidungsstück nun tragen, um sich vor dem Wetter zu schützen, um hübscher auszusehen, um einer realen oder nicht so realen Person zu gefallen, all das geht uns nichts an. Andere Leute dürfen anziehen, was immer sie wollen. Der Körper eines Menschen ist der Körper dieses Menschen, und er darf ihn behängen und verhüllen, wenn er das möchte, solange nicht ganz zwingende Gründe dagegen sprechen. Trotzdem will ich aber auch kurz auf die Argumentation zu der eigentlich ganz irrelevanten Frage nach der religiösen Natur der Verschleierug eingehen, weil ich sie so bezeichnend finde:

Warum trägt in den meisten islamischen Staaten nur eine kleine Minderheit der Frauen den Vollschleier? Sind all die anderen keine guten Muslimas?

Herr Avenarius macht hier genau den Fehler, den wir auch bei PEGIDA und ihren Anhängern finden: Er denkt, es gäbe einen Islam, oder habe einen Islam zu geben. Einen Satz von Regeln. Er versteht nicht, dass es in jeder Religion zahllose verschiedene Strömungen gibt und zieht daraus den Schluss, dass alles, was nicht der mehrheitlichen (oder seiner) Version des Islam entspricht, offensichtlich nichts mit dem Islam zu tun hat, und daraus folgert er ganz zwanglos, es habe auch nichts mit Religion zu tun, und – schau mal an – dann kann mans ja auch verbieten, weil es dann ja weniger geschützt ist, juchhu. Und als wäre das noch nicht peinlich genug, muss er dann zum Schluss noch diesen Spruch bringen, und der klaren Implikation: Ja, gut, streng genommen schützt die Verfassung dann wohl halt das Recht auf Verschleierung, aber jetzt mal ehrlich, wenn diese ekligen primitiven fremden Ausländer da sowas machen, dann müssen wir als aufrechte Deutsche doch wohl trotzdem dagegen sein, und da wird das Bundesverfassungsgericht sich ja wohl nicht dem gesunden Volkempfinden in den Weg stellen!

Ich habe das bewusst recht scharf formuliert, und vielleicht ein bisschen polemisch. Ich finde aber, diese Linie ist klar erkennbar, von den „Schleierfrauen“ – Ja, gut, ich weiß, die wollte ich ihm schenken, aber ich finde gerade nicht mehr so viel Großmut in mir. – bis hin zu den Dorfältesten von Kandahar, diese Linie, die an die Xenophobie und das kulturelle Überlegenheitsgefühl der Lesenden appelliert, und mit Ressentiments spielt, die nicht auf die Gleichberechtigung von Frauen zielen. Und, das muss ich dann doch noch mal schreiben: Gleichberechtigung von Frauen könnte ja unter Umständen auch mal heißen, sie verdammt noch mal anziehen zu lassen, was sie selbst für richtig halten, auch wenn uns die Gründe dafür nicht gefallen.

Hach. Na gut. Nun ist es doch nicht so kurz geworden. Aber es war mir ein Anliegen, noch mal ganz im Ernst deutlich zu machen, wie eklig ich diesen Text finde, und wie beschämend, dass eine oft ja ganz anständige Zeitung wie die Süddeutsche ihn übernommen hat.

Und was denkt ihr?

Advertisements

One Response to Wir machen das so lange, bis es alle verstanden haben

  1. […] Neinnein, keine Sorge, es geht nicht schon wieder um Epistemologie. Es geht um was ganz Anderes, nämlich um die Thesen des Bundesinnenministers zur Leitkultur. Und ja, ich bin das Thema auch leid (Pun not intended.), aber wie ich schon mal schrieb: Wir machen das, bis es alle verstanden haben. […]

Gib's mir!

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: